Lieber nich‘ nach Fischenich

So eine sonntägliche Wanderung ist ja immer auch ein wenig wie eine Tombola. Vorausgesetzt, dass es bei dieser Tombola erschreckend viele Nieten und dementsprechend wenige Gewinne gibt. In der Liste der „Leider verloren“-Lose rangiert seit unserer letzten Wanderung der Hürther Stadtteil Fischenich ziemlich weit oben.

Gedenke der Hässlichkeit

„Memento mori“, so hallt es einem immer wieder entgegen. „Gedenke der Sterblichkeit“. Ein wichtiger Satz, ein kluges Mantra. Viel wichtiger und leider komplett ignoriert ist aber vielleicht die Mahnung „Memento deformitatis“. Auf vielen Ortschildern des Rhein-Erft-Kreises sollte es in dicken Lettern zu lesen sein, am größten geschrieben vielleicht am Ortseingang von Fischenich. Wer also in seinem Leben zu viel Schönes gesehen hat und mal wieder eine Erinnerung an die Hässlichkeit dieser Welt braucht, dem sei ein Spaziergang durch diesen Randbezirk des Kreises und des Geschmacks wärmstens ans Herz gelegt.

Irgendwann musste Dieter sich zwischen 825 Sendern und Kontakt zu den Nachbarn entscheiden.

Die örtliche Aldi-Filiale verfügt über eine Ladesäule für E-Autos. Zack, schon hätten wir den größten Vorteil des Ortes erwähnt. Natürlich können wir das noch nicht wissen, als wir an diesem Sonntag-Vormittag unseren schnittigen aber definitiv rückenunfreundlichen Hybrid-Hengst an das Stromnetz anschließen, um im Anschluss durch die Straßen, Gassen und Wiesen von Fischenich zu lustwandeln.

Zunächst spazieren wir durch die Bonnstraße, die ein bisschen so wirkt, als hätte man eine Art Freilichtmuseum mit den fragwürdigsten Bauten der vergangenen einhundert Jahre errichtet. Hier reiht sich eine optische Beleidigung an die nächste und das Auge des Wanderers, das Schönes erblicken möchte, rotiert hilflos in seiner Höhle umher. Von Weitem kann man auf den Kölnberg blicken und fast möchte man sagen: „Die Leute dort haben’s gut.“ Hier in Fischenich herrscht, zumindest auf der Bonnstraße, Tristesse und in Mörtel gegossene Verzweiflung.

Die Idee des Arbeiter- und Bauernstaates wird stellenweise noch sehr hochgehalten.

Die guten, alten Zeiten

Fischenich liegt direkt am Villerand und bietet dem anspruchsvollen Wandersmensch durchaus die ein oder andere anspruchsvolle Steigung. Nachdem wir uns sattgesehen haben an steingewordener Depression, begeben wir uns in Richtung Oberstadt und gelangen schon bald zum Rosellenplatz, der nach dem ehemaligen Pfarrer und Historiker Robert Wilhelm Rosellen benannt wurde. Man kommt nicht umhin, den gigantischen und martialischen Obelisken wahrzunehmen, der dem Himmel entgegenstrebt und an die Zeiten erinnert, in denen man hier feierlich die Fahnenweihe und wahrscheinlich auch noch so manch anderes fröhliche Ereignis beging. Man kann die Marschmusik förmlich in den Knochen spüren.

Wenn die Bäume Blüten tragen, ist es hier richtig malerisch.

„Fischenichs kleine, kurvenreiche Straßen, die oftmals mit sogenannten Kotten bestanden waren, zogen sich in der Folge immer weiter am Hang des Ortes hinauf.“ So poetisch kann man umschreiben, dass in dieser verfluchten Quetsche jeder Weg hinauf führt und man hochmotiviert sein muss, um weiterzulaufen. Wir dachten ja noch, dass es oben vielleicht besser wird, aber dort angelangt, mussten wir feststellen, dass der höchste Punkt des Ortes die Brücke über dem Friedhof ist. Kurz überlegen wir, in der „Gasttätte Braunsfeld“, die von den Einwohnern liebevoll „Zur letzten Träne“ genannt wird, einen kleinen Metthappen zu uns zu nehmen, aber leider ist die Restauration noch geschlossen. Ein Jammer.

Wem Andrea Berg zu stilvoll und Nina Hagen zu wenig geschminkt ist, dem sei dieses Zauberwesen empfohlen.

Wir gehen bis zum Ortsrand, machen einen Links-Schwenk aufs Feld, verlaufen uns kurz und landen schließlich wieder bei der letzten Träne. Vielleicht haben wir ja jetzt die Chance auf zum Beispiel ein wenig Kesselsülze, aber nach wie vor ist die Tür versperrt. Wo gehen denn die Fischenicher:innen zum Frühschoppen hin? Wir wissen die Antwort und werden sie ein wenig später enthüllen. Erstmal geht es wieder über die Friedhofbrücke, nach deren Bezwingung wir uns südlich halten und in den Gefilden landen, denen Fischenich seinen Namen verdankt. Pesceniacum hieß der Ort schon bei den Römern und hier unten im Tal kann man sich vorstellen, wie sich hier Schleie und Karausche in den Weihern tummelten und den fröhlichen Menschen aus Fischenich einfach so auf den Teller hüpften. Heute erinnern noch zwei kleine Tümpel an die glorreichen Zeiten der Fischerei. So geht eben alles vor die Hunde. Auch die Fische.

Auf dem Rückweg passieren wir noch kurz das Gelände des Weilerhofs. Hier residiert seit 1961 die Kleinbrauerei Bischoff, die zu den Erstunterzeichnenden der Kölsch-Konvention von 1985 gehört. Bis zu diesem Tag haben wir von diesem Gerstensaft noch nie gehört, freuen uns aber über Meldungen aus der Leserschaft. Wie schmeckt „Bischoff-Kölsch“ und passt es zu einem Metthappen? Wir sind gespannt.

Auch von den Drohgebärden der Ureinwohner lassen wir uns nicht in die Flucht schlagen.

Über das Feld und die Bahngleise finden wir unseren Weg zurück zu unserem Gefährt und ein Blick über die Schulter verrät uns, wo die Menschen aus Fischenich den Sonntag Morgen, Vormittag und Nachmittag zu verbringen scheinen. Die örtliche Filiale der Bäckerei Klein ist bis auf den letzten Platz belegt, also „gerammelt voll“, wie man hier zu sagen pflegt. Das Brunchangebot lockt Groß und Klein aus den Häusern und bei Räucherlachs, Rührei und Röggelchen können Oma Luise und Onkel Manfred der bedrückenden Wehmut der eigenen vier Wände entfliehen. Das ist doch ganz schön. Erfreut euch daran, liebe Menschen, denn nur allzu früh heißt es wieder: „Memento deformitatis“.

Verwunschenes Märchenschloss mit Potential günstig an Liebhaber mit geschickten Händen abzugeben.

Worüber wir sprachen:

  • Das ohnehin schon grandiose Format „Wer stiehlt mir die Show“ hat ausgerechnet durch Sidos Opening nochmal sehr gewonnen. Endlich gab es ein Wiedersehen man Harald Juhnke.
  • Ja, auch wir schauen L.O.L., aber irgendwie will der Funke diesmal nicht so richtig überspringen. Wie gut, dass Anke Engelke und Bastian Pastewka zwischendurch mal vorbeikommen und zeigen, wie Comedy funktioniert.
  • Freizeitparks im Allgemeinen und de Efteling im Speziellen. Einem von uns reicht es, eine Runde auf dem ehemaligen „Monsieur Canibal“ zu drehen, um noch drei Tage an den Folgen zu laborieren.
  • Den Dalai Lama und seine Zunge. Wir möchten das hier nicht weiter ausführen, aber es ist schon ein wenig befremdlich, oder?!

Ohrwurm des Tages:

  • Obwohl uns „Absolut Bella“ mal wieder mit diversem Liedgut nahezu düngt, singen wir heute den ganzen Tag „Shoo shoo shoo“ von Jenny und Mel.

3 Kommentare zu „Lieber nich‘ nach Fischenich

  1. Eine Unverschämtheit. In jedem Ort gibt es unschöne Ecken. Aber die schönen sollte man dann auch zeigen.

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  2. Nicht ein Jeder wohnt in Lindenthal oder Marienburg…… Häme und
    Boshaftigkeit sind da nicht angebracht…..Peinlicher Text!! Ich komme immer wieder ,aus der Schweiz ,nach Fischenich. Und das gerne….

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