Der Hochleistungssommer 2021 überrascht uns mit einem Sonntag, den man in Anbetracht der Umstände nahezu fast schon als Sommertag bezeichnen kann. Es schüttet nicht wie aus Eimern, es hagelt nicht und nirgends treten Flüsse über die Ufer. Zeitweise sah ich mich sogar genötigt meinen leichten Sommerschal auszuziehen, den ich eigentlich aus erotischen Gründen trage – verleiht er mir doch diesen unnachahmlichen geheimnisvoll-intellektuellen Anstrich.
Ähnlich geheimnisvoll und nicht minder intellektuell empfängt uns Glessen, das trotz seiner geographischen Lage zur Kreisstadt Bergheim gehört und nicht etwa zum nahegelegenen Pulheim oder gar Frechen. Von echten Insidern wird Glessen auch mit dem Zusatz „Der Quellenort“ in einem Atemzug genannt. Wer nun auf sprudelndes Mineralwasser à la „Gerolsteiner“ oder „Aegidius“ denkt, der muss eines Besseren belehrt werden. Unweit Glessens entspringt der Pulheimer Bach, der hier vor Ort aber Glessener Bach genannt wird und einst zwei Mühlen antrieb.

Was dem geneigten Lustwandler in Glessen schnell auffällt und uns unangenehm berührt hat: Glessen scheint das Rom des Nordens zu sein und auf mindestens sieben Hügeln gebaut. Selten haben wir in den vergangenen Monaten so viele Höhenmeter zurücklegen müssen. Und tatsächlich: In Glessen befindet sich die höchste Erhebung des Rhein-Erft-Kreises, die „Glessener Höhe“ misst über 200 Meter Höhe. Nicht allerdings, weil sich die Pulheimer Platte unter die Bergheimer Platte geschoben und tektonische Verwerfungen erschaffen hat, sondern weil irgendwohin der Abraum (Erde, Kies, Gemölsch) der nahegelegenen Braunkohlegruben abgeladen werden musste. Uns wären da ja noch weitaus geeignetere Orte eingefallen, die man besser unter einer dicken Schicht aus Abraum hätte bedecken müssen, aber uns fragt ja niemand.

Schadhafte Stadtmöblierung
Dass Glessen einer der schöneren Orte unserer bisherigen Wanderungen durch den Rhein-Erft-Kreis ist, liegt vorrangig am Engagement der Einwohnerinnen und Einwohner und weniger am grünen Daumen der Stadt Bergheim. Alles andere wäre aber auch überraschend gewesen. Wer es allerdings urig und naturbelassen mag, der kommt hier auf seine Kosten. Und wer vielleicht ein Schäufelchen und ein, zwei Düngestäbchen hat, der sei hier auch sehr willkommen.


Generell besticht Glessen sowohl durch seinen Ortsnamen, den nur des Rheinischen Mächtige perfekt aussprechen können (Bitte ausprobieren: „E Jlas Kölsch in Jlessen“) als auch durch teils liebevoll dekorierte Außenanlagen der örtlichen Bevölkerung. Gleichzeitig finden wir natürlich dennoch die obligaten Orchideenkonstruktionen in den Wohnzimmerfenstern. Schönes bleibt!

Gefüllte Kottüten – hier fehlt kein „z“
Was dem geneigten Tagesphilosophen beim aufmerksamen Gang durch die hügeligen Landschaften aufgeschütteter Haldenarrangements auffällt, ist die Abwesenheit von Hundekot auf den Trottoirs. Auch darüber muss einmal in der Öffentlichkeit gesprochen werden. Während in anderen Städten der Gang durch eben jene einem Hindernisparcours gleicht, muss man in Glessen kaum Sorge haben, seine neuen Manolos zu verschmutzen. Eifrige Glessener mit Hang zur Hygiene haben den Ort mit Kottütenspendern und den entsprechenden Hinweisschildern versehen. Besonders schön ist der Hinweis, die Tüten anschließend mitsamt dem dampfenden Inhalt NICHT in die Landschaft zu werfen.


Die Gallier, so ist überliefert, verspeisen nicht nur gerne völlig grundlos ganze Wildschweinkohorten und verkaufen ranzigen Fisch, sie haben auch Angst davor, dass ihnen der Himmel auf den Kopf falle. Glessen, so könnte man meinen, wäre einmal ein guter Gallieraußenposten gewesen. Auch hier können trotz größter Sorgfalt gemäß den gesetzlichen Vorschriften, jederzeit Zweige, Äste, Bäume auf einen herabstürzen. Vornehmlich auf dem Friedhof. Kann man gleich liegen bleiben.

An Fachgeschäften für den Dekorationsbedarf mangelt es auch in Glessen nicht. Während „Butlers“ oder „Depot“ teils schnelllebigen Fernost-Ramsch feilbieten, wartet man hier vor Ort mit bleibenden Sujets auf, die man später auch noch einmal vererben kann. Beispielsweise nach einem Friedhofsbesuch im stürmischen November.

Bliebe zum Schluss noch der Blick auf ein infrastrukturelles Juwel, das in wenigen Orten so schmuck aufbereitet wurde, wie in Glessen. Der örtliche Bücherschrank lädt zum Lesen, Tauschen, Plauschen ein. Motto: Wenn abends schon kein Bus mehr fährt, lese ich halt was von fernen Ländern.
Kollege Witton hatte mit seiner Wette, dass auch im Glessener Schrank garantiert Werke von Konsalik und Simmel (nie war ein „s“ wichtiger) zu finden seien, ins Schwarze getroffen. Schnell hatte er die unlizenzierte Biographie über Alfred Jodocus Kwak gefunden – geschrieben von einer Ikone der Weltliteratur.

Die Themen der Woche
Wir sprachen über:
- anstrengende Bergbesteigungen wie den Nanga Parbat, den K2 oder die Glessener Höhe
- Dans minder ausgeprägte Zuneigung zu Fahrzeugen der Marke „Smart“ und deren Besitzerinnen und Besitzer. Auch mit einem Smart will das richtige Parken gelernt sein, aber das haben viele der Fahrer nicht nötig…
Die Lieder der Woche
Wir sangen:
- „Absolut Bella“ bescherte uns diesmal bereits auf der Hinfahrt ein musikalisches Highlight des längst vergessenen 1. DSDS-Siegers, Alexander Klaws. „Morgen explodiert die Welt“ setzt sich allerdings nicht mit dem heraufziehenden Klimawandel und den daraus resultierenden Folgen auseinander, sondern es geht anscheinend um eine rauschende Nacht im Bann der Gefühle des kleinen Alex mit seiner Heißersehnten.
- Es gibt so Lieder, die man auch nach Jahrzehnten des Nicht-Hörens noch mitsingen kann. „Skandal im Sperrbezirk“ der „Spider Murphy Gang“ ist einer davon. Wie ist noch gleich Rosis Telefonnummer?
- Wo wir gerade bei alten Zauseln sind: Der sympathischste Grieche seit Panaiotis Sarikakis aus der „Lindenstraße“ („Beate! Mein Sohn bleibt Grieche!!!) ist zweifelsfrei Demis Roussos gewesen. „Absolut Bella“ verwöhnt unsere Ohren mit seinem Klassiker „Goodbye my love, goodbye„. Sang er immer bevor er den letzten Ouzo kippte.
32 16 8
LikeLike