Glanzvolles Gleuel, beschauliches Berrenrath

Eigentlich war die Idee, dass wir es uns am vergangenen Sonntag so richtig geben wollten. Nach dem doch relativ anschaulichen Paffendorf sollte es mal wieder ein Cocktail aus Bausünden, Verzweiflung und menschlichen Abgründen sein. Da wir ja bereits in Niederaußem waren, mussten wir uns nach einem vergleichbaren Ort umschauen und so keimte in einem von uns die Idee auf, eine andere kraftwerksnahe Gegend aufzusuchen. Wie bitter sollten seine Erwartungen bezüglich Tristesse enttäuscht werden. Es ist schwer in Worte zu fassen, aber für Berrenrath gilt das Gleiche wie für den bereits erwanderten Frechener Stadtteil Bachem: Man kann sich vorstellen, hier eine menschliche Existenz in Würde zu führen.

Unser Auto parken wir im – so wollen wir es mal wohlwollend nennen – Stadtzentrum. Wikipedia weiß zu berichten, dass das Gebiet des Ortsteils Berrenrath bereits in der Antike besiedelt war und uns deucht beim Aussteigen, dass wir das große Glück haben, auf den ein oder anderen Erstbesiedler zu treffen. An dem steinernen Schachtisch auf dem Wendelinusplatz sitzt ein Mann, der an seiner westlich gelegenen Flanke bereits ein wenig Moos angesetzt zu haben scheint. Kurz überlegen wir, ihn anzustupsen, aber da wir sehen, dass er atmet, reicht uns das als Lebensbeweis vollkommen aus.

Der Wendelinusbrunnen beeindruckt mit seiner Darstellung der Ortsgeschichte und des vielfältigen Vereinslebens. Hier gibt es für jedes Hobby die passende Gemeinschaft. Die Berrenrather waren ursprünglich ein Volk von Reisigsammlern, die dann von Tür zu Tür gingen, um das gesammelte Kleinholz zu verhökern. Daher stammt auch die leicht abschätzige und für Zugereiste schwer auszusprechende Bezeichnung Schänzjeskriemer. Sowieso gilt: Wer in Hürth sprachlich bestehen möchte, braucht einen flexiblen Mund-Rachenraum.

Wenn Sie in diesem Bild etwas anderes sehen, als volkstümliche Kunst, sind Sie ein altes Schwein.

Wir passieren das Berli, kurz für Berrenrather Lichtspiele, einem Kino im Stil der 50er Jahre. Hier finden neben ausgewählten Filmvorführungen auch viele weitere Kulturevents statt und ein Besuch lohnt sich immer. Neben dem Capitol in Kerpen und dem Linden-Theater in Frechen gehört das Berli zu den schönsten und atmospärischsten Kinos im Rhein-Erft-Kreis. Schräg gegenüber gibt es einen Nahkauf, der immerhin wochentags bis 19:00 Uhr geöffnet hat. Herz, was begehrst Du mehr?

Über die Bruchstraße und Brüggener Straße gelangen wir ins Paradies der Präpositionen. Hier kann man Deutschlernende innerhalb von kürzester Zeit die ganze Pracht unserer Grammatik zeigen. Wer dann noch nicht den Verstand verloren hat, dem stehen alle Türen und Tore offen.

Können Sie mir Ihre 3-Wort-Adresse verraten?

Über „In der Henn“ (so muss man es ja dann wohl sagen, oder? Vielleicht könnte man alternativ auch die Formulierung „Wir gehen durch die Henn“ nutzen, aber das könnte falsche Assoziationen hervorrufen.) gelangen wir in ein nun auch schon älteres Neubaugebiet, dass zumindest mit ein paar Orchideen, Steinfiguren und Plastik-Trallafitti aufwartet. Wir sind ein wenig versöhnt und können hiermit auch Berrenrath ein Mindestmaß an Hässlichkeit attestieren.

Wirklich?

Was auffällt, sind die allerorts zu entdeckenden Kisten und Kästen, die mit „Zu verschenken“- Schildern verziert und mit allerlei Haushalts- und Dekorationsgegenständen gefüllt sind. Anscheind gibt es einen regen Küchengerät-Tourismus. Nebenbei fragen wir uns, wann wir zum letzten Mal eine Wärmplatte jenseits eines chinesischen Restaurants gesehen haben.

Wir verlassen Berrenrath und gelangen nach Gleuel, dass der Einheimische natürlich „Jleuel“ ausspricht. Nicht jedem gelingt die saubere und gleichzeitig seriöse Betonung auf Anfang. Wir empfehlen daher die folgende Sprechübung : „Jlanz und Jloria jitt et ,jläuve ich, in Jleuel bei nem Jlas Kölsch.“ Sendet uns gerne Sprachnachrichten mit Euren Versuchen. Unter den richtigen Einsendungen verlosen wir einen getöpferten Aschenbecher oder wahlweise ein Halbjahresabo der Astrowoche.

Wir laufen durch Gleuel, das in Sachen „Ansehnlichkeit“ Berrenrath in nichts nachsteht. Gott sei Dank entdecken wir hier und da immer mal wieder ein paar zumindestens fragliche Kunstwerke vor Haustüren und in Gärten.

Heimat der Häkelfreunde Hürth e.V.

Die letzten 30 Minuten unserer Tour laufen wir entlang des Otto-Maigler-Sees. Hier wird man nur gestört von MAMIL’s – Mittelalten Männern in Lycra und Jogger*innen in eigenwilliger Gewandung. Ansonsten kommt das Auge aber zur Ruhe.

Das Tagewerk ist heut vollbracht, Hei-Ho.

Schon bald erreichen wir wieder unser Auto, begegnen auf dem Weg dorthin aber doch noch der ein oder anderen bemerkenswerten Örtlichkeit und verlassen frohen Mutes und gut gelaunt das Hürther Stadtgebiet.

Gemeinsam schwelgen Sie in Erinnerungen an die Jahre der großen Auftritte. Wo sind die Tränen von gestern Abend, wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?

Fazit: Berrenrath und Gleuel – Hier kann man leben. Leise und unaufgeregt zwar, aber für Menschen mit Herzschwäche und Überempfindlichkeiten ist es hier bestens geeignet.

Wir reden über:

  • Natürlich die Hochwasser-Katastrophe in NRW und Rheinland Pfalz und ebenfalls über die Heimsuchung durch Armin-Wenn-Ich-Mal-Groß-Bin-Werde-Ich-Kanzler-Laschet. Dazu wurde alles gesagt und geschrieben. Wir hüllen uns an dieser Stelle in Schweigen.
  • Callcenter und Service-Dienstleister. Wir sind alle verloren.
  • Arbeiten beim RTL. Einer von uns ist ein wenig neidisch.
  • Die guten alten Zeiten. Haben wir eigentlich schon von unserem damaligen Kiosk erzählt? Müssen wir mal machen. Wir haben schon früh Freundschaft mit dem Kapitalismus geschlossen.

Ohrwurm des Tages:
Der Tag begann mit „Hallelujah“ von Milk and Honey und ging weiter mit „Ein Bett im Kornfeld“ von Jürgen Drews. Hätte man mit Leben können, aber irgendwann fiel uns dann „Hallo Alf, hier ist Rhonda“ ein und ließ uns für dreieinhalb Kilometer nicht mehr los. Wir konnten uns nur retten durch das kräftiger Intonieren von „Willkommen, Bienvenue, welcome.“ Dabei dachten wir an Marlen Charell , schwenkten unsere imaginäre Federboa und lieferten eine filmreife Darbietung.

4 Kommentare zu „Glanzvolles Gleuel, beschauliches Berrenrath

    1. Ein Fan im Odenwald! Jetzt haben wir alles erreicht und können uns zur Ruhe setzen. Vielen Dank für das nette Feedback, aber wieso neidisch?

      Like

      1. Weil ich auch gerne so über die Region hier schreiben würde, manchmal, es aber lieber bleiben lasse, aus diplomatischen und taktischen Gründen.

        Gefällt 1 Person

  1. Das ist nachvollziehbar. Auf der anderen Seite ist es einfach nur wichtig, die Aufmerksamkeiten gleichmäßig zu verteilen, damit sich keine’r ungerecht behandelt fühlt.

    Like

Hinterlasse eine Antwort zu danrwitton Antwort abbrechen