Dröges Dirmerzheim, karges Konradsheim

Eine überdurchschnitllich heiße Woche neigt sich dem Ende zu. In der Nacht von Samstag auf Sonntag haben zahlreiche Gewitterparzellen starke Unwetter über die Region gebracht und ganze Landschaften verwüstet. Wir entschließen uns, eine Gegend aufzusuchen, die wir für unverwüstlich halten, und fahren also nach Dirmerzheim, einem Ort, der sich seit seiner Gründung erfolgreich gegen Ästhetik, Schönheit und ortsfremdes Genmaterial gewehrt hat.

Wo das Leben tobt.

Das Auto parken wir im Ortszentrum, das seinen Namen nur der Tatsache verdankt, dass hier die Volks- und Raiffeisenbank, das einladende – aber leider geschlossene- Hotel Barion und ein paar öffentliche Parkplätze ein mehr oder weniger beschauliches Ensemble bilden. Die Kreissparkasse fährt den Platz zumindest einmal wöchentlich an, so dass eigentlich keine Wünsche offen bleiben.

Seitdem Jürgen sich als Parplatzwächter selbstständig gemacht hatte, hatte sein Leben endlich wieder einen Sinn.

Wir stellen sofort fest, dass die Ansprüche an Fassadenfarben in Dirmerzheim andere sind als im Rest des Rhein-Erft-Kreises , des Rheinlandes , Nordrheinwestfalens, Deutschlands. Uns bieten sich Farbtöne dar, die wir bislang nur von Abbildungen aus dem Lexikon der Hauterkrankungen kannten und wir staunen nicht schlecht über den Mut mancher Hausbesitzer*innen. Sofort denken wir auch an Ödipussi und die vielen Varianten der Farbe Grau.

Hiermit bewerben wir uns als Fahrer der Linie 974.

Über die Brückenstraße, die früher mal Bachstraße hieß, weil hier ein Bach ist, über den man dann aber eine Brücke gebaut hat, stoßen wir weiter ins Ortsinnere vor. Skeptisch macht uns dabei die vollständige Abwesenheit von Orchideen in den Fenstern. Sollte es in Dirmerzheim ein Dekret geben, das das Zurschaustellen bedecktsamiger Blütenpflanzen verbietet? Auch am Dorfgemeinschaftsplatz können wir darauf keine Antworten finden. Allerdings erfahren wir hier, dass das Wappentier von Dirmerzheim ein Hase ist. Wir fragen uns, ob es sich hier um eine metaphorische Darstellung der männlichen Bevölkerung und deren Eifer in Sachen Begattung handelt oder ob es für die Auswahl von Meister Lampe als spirit animal andere Gründe gibt. Später erfahren wir, dass die Dirmerzheimer früher zum Teil Abgaben an die auf Burg Konradsheim lebende Adelsfamilie Haes (Hase) leisten musste. Langweilig!

DAS soll ein Hase sein?! Der hat ja gar keine Ohren! Nochmal!

Erdbeerernte und Erntelieder

Wir passieren den ehemaligen Mühlenhof, der wohl denkmalgeschützt ist, ansonsten aber eher unspektakulär ist. Also ziehen wir weiter. Die Brückenstraße wird zur Großstraße und diese ist erstaunlich klein. Nach ca. 150 Metern sind wir an ihrem Ende angekommen und entscheiden uns, die Hauptverkehrsader von Dirmerzheim, die den poetischen und auch ein wenig sibyllinischen Namen „Landstraße“ trägt, zu überqueren.

Irgendwo in diesem Suchbild haben wir Jürgen Drews versteckt. Finden Sie ihn?

Schon bald gelangen wir an ein Feld, auf dem zahlreiche Menschen in kurzfristigen Arbeitsverhältnissen Erdbeeren ernten. Von weitem ertönen Gesänge in einer uns nicht geläufigen Sprache. Alles wirkt wie aus einer anderen Zeit. Verstärkt wird der Eindruck wenige Zeit später durch das Hinweisschild „Erdbeeplantage“. Vor unserem geistigen Auge sehen wir ein großes Herrenhaus mit schaukelbestuhlter Veranda, auf der unser Erdbeerplantagenbesiter (oder ist es gar eine Besitzerin?) Pfeife raucht und über die Bediensteten wacht. Sofort geht es mit uns durch und wir singen mit Innbrunst all die Gospels, die uns einfallen. Die Erdbeerpflücker*innen schreien uns an und obwohl wir die Worte nicht verstehen, glauben wir doch, dass wir nicht gerne gesehen sind.

Als Regina ihre Unschuld irgendwo im Feld verloren hatte, halfen alle Dorfbewohner bei der Suche.

Also ziehen wir weiter, passieren weitere Erdbeerfelder, die sorgsam geschützt durch eine blickdichte Baumreihe, die geneigten Selbstpflücker*innen zur Eigenernte einlädt. Überwacht wird das Ganze von einem ergrauten Teutonen in neongelber Warnweste und einer Art Kelle als Waffe. Dieser nutzt er als Abstandskontrolliergerät, mit dem er sicherstellt, dass sich innerhalb der einzelnen Erdbeerreihen auch niemand zu nahe kommt. Er scheint ganz in seiner Aufgabe aufzugehen und kommt flotten Schrittes aus uns zu. Wir vermuten, dass er im nächsten Moment mit der Kelle nach uns schlagen und laut „Abstand halten“ brüllen wird und beschleunigen unseren Schritt. Der Kellenmann bleibt stehen, murmelt etwas in seinen gezwirbelten Schnäuzer und stürzt sich dann kellenschwingend auf ahnungslose Erdbeerpflücker in Reihe 3.

Auf dem weiteren Weg entdecken wir den Golfplatz, der leider nicht zum Verweilen einlädt. Wir wären sowieso nicht passend gekleidet und gehen unbekümmert weiter. Schließlich sind wir in Konradsheim angekommen, das in Sachen Schönheit seinem Nachbarort in nichts nachsteht. MIt der ortseigenen Burg verbinden wir beide Erinnerungen an eine rauschende Hochzeitsfeier. Wobei, man kann es nicht wirklich „Erinnerungen“ nennen. Es gab sehr viel Wodka und von der Zeit nach 19:00 Uhr sind uns nur ein paar Standbilder im Gedächtnis geblieben. Es muss also schön gewesen sein.

Konradsheims Antwort auf alle Geschehnisse, Erfindungen, Anordnungen und Pandemien der letzten 60 Jahre.

Über die Frenzenstraße, die gesäumt wird vom Geflügel-Mastbetrieb, gelangen wir wieder zurück nach Dirmerzheim und schlendern noch ein wenig durch die Gassen und Straßen. Je weiter wir in die das historische Zentrum vordringen, desto mehr treffen wir auf alte Bekannte. Steinfiguren, „Rentnerbänke“ , lustige Gartenschilder und endlich auch Orchideen im Fenster. Danke, Dirmerzheim. So können wir in Frieden fahren.

„Der Flötenschlumpf fängt an.“ -„Wie denn, Du Penner?“

Fazit: Wenn Du glaubst, Du hast schon alles gesehen, lass Dich eines besseren belehren und fahr nach Dirmerzheim.

Wir sprachen über:

  • Das eine Mal, als Dan sich im Sommer die Augenbrauen abrasiert hat. Wie so oft im Leben galt auch hier: Man merkt erst, was man an manchen Dingen hat, wenn sie nicht mehr da sind.
  • Durchgeknallte Hotelarchitekten, die glauben, Nasszellen könne man als Glasblock ins Zimmer integrieren. Noch schlimmer ist es nur, wenn die Toilette lediglich durch eine Saloontür vom Schlafbereich getrennt wird. So sehr kann man sich gar nicht lieben.
  • Kurze Hosen an Männerbeinen. Wir haben uns dieses Mal getraut, sind aber nach wie vor skeptisch, was das Zurschaustellen der eigenen Waden anbelangt.

Ohrwurm des Tages:
Zuerst Xanadu von Olivia Newton John, dann Babicka von Karel Gott. Schließlich dann Cotton needs a picking, Go down, Moses und Joshua fit the battle of Jericho.

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