
Den Auftakt hat einst der zweite Weihnachtstag des Jahres 2019 beschert. Wir begegneten uns auf der Straße, was durchaus im Bereich des Alltäglichen liegt, da wir nur ca. 500 Meter voneinander entfernt wohnen. Trotzdem war es etwas Besonderes. Wir beide gehörten niemals zu den sportlich aktiven Menschen, die an einem Feier-, geschweige denn sonst irgendeinem Tag, durch die Wälder und Wiesen zu ziehen gewillt waren. Im Laufe unserer über dreißigjährigen Freundschaft waren es viele Momente, die uns gemeinsam geprägt haben. Keiner von ihnen hatte etwas mit Sport oder Bewegung zu tun.
Sportvermeidung deluxe

Wobei, das stimmt nicht ganz. Wir waren schon immer besonders engagiert, wenn es darum ging, Strategien zur Vermeidung sportlicher Aktivitäten zu entwickeln. Wir haben beide sehr ausgeprägte und nützliche Talente, die sich in solchen Situationen als überaus praktisch erweisen können. Dan kann sich auf Kommando übergeben und Kai hat eine außergewöhnliche Begabung im Ohnmächtig werden und im Entwickeln eines sturzbachgleichen Nasenblutens. Darüber hinaus waren wir beide immer beseelt von einer nahezu erschreckenden Kreativität. An unserem Gymnasium fanden jährlich die Bundesjugendspiele im Frühjahr und der Herbstlauf in der namensgebenden Jahreszeit statt. Keiner von uns beiden kann sich erinnern, mehr als maximal zweimal an diesen für alle Schüler*innen verpflichtenden Aktivitäten teilgenommen zu haben. Einmal sind wir beim Herbstlauf losgelaufen, haben uns nach 300 Metern in die Büsche geschlagen und dort solange gewartet, bis die Stampede wieder an uns vorbeikam, so dass wir uns wieder einreihen konnten und die letzten 200 Meter entspannt zu ende laufen konnten, was wirklich schon anstrengend genug war. Bei den Bundesjugendspielen gab es für uns beide immer nur Teilnehmer-Urkunden, bis auf ein einziges glorreiches Mal. Unsere Sportlehrerin war gleichzeitig auch unsere Kunstlehrerin und hatte Blanko-Exemplare von Sieger- und Ehrenurkunden in der Ledertasche, die auf ihrem Tisch im Unterricht lag. Wir saßen genau davor, der Reißverschluss der Tasche war zu Dreivierteln geöffnet und die Urkunden lächelten uns an. Den Tathergang wollen wir an dieser Stelle nicht weiter ausführen, aber an diesem Tag war jeder von uns stolzer Besitzer einer Ehrenurkunde. Natürlich haben wir diese gerahmt und in unseren Zimmern aufgehängt, weil wir um die Einmaligkeit dieser Situation wussten.

The final countdown
Ansonsten gab es noch eine legendäre Ball Kür, bei der wir eine Choreographie zu „the final countdown“ entwickeln sollten, in der wir mit zwei dieser Bälle, die man aus der Rhythmischen Sportgymnastik kennt, hantieren sollten. Da wir schon immer ein Faible für gute Inszenierung, Dramaturgie und Spannungsbögen hatten, entwickelten wir in stundenlangem Training eine Choreographie, die ihresgleichen suchen sollten. Das Highlight war „der Flieger“. Der Plan sah vor, dass Dan mit seinen Händen jeweils eine Hand und ein Bein von Kai greifen sollte während Kai die beiden Bälle auf der verbleibenden Hand balancieren sollte und Dan sich wie ein Brummkreisel um die eigene Achse drehen sollte. In unseren Köpfen funktionierte das alles wunderbar und die Probe im Garten von Kais Eltern hat es auch funktioniert. Wir hatten unterschätzt, wie sehr unsere Körper in der Mehrzweckhalle zu Horrem, in der unser Sportunterricht stattfand, aufheizen und demzufolge schwitzen würden. Während Dan sich also wie ein Derwisch drehte und Kai den Flieger gab, ließ bei beiden die Griffkraft nach und nach der siebten Umdrehung entglitt Kai Dan’s Fingern und rutschte mit atemberaubendem Tempo den ganzen Hallenboden entlang bis die gegenüberliegende Wand ihn stoppte und er besinnungslos (sic!) liegenblieb. Sofort stürmten alle los, aber Dan hielt alle fern, in dem er rief : „Das gehört alles zur Inszenierung! Macht es nicht kaputt“ Schon nach dreißig Sekunden, „The final countdown“ lief noch immer, kam Kai wieder zu sich, schnappte sich die beiden Bälle, warf einen davon Dan zu und zum Schlussakkord verneigten wir uns. Es war ein feierlicher Tag, der mit einer 2 für „schauspielerische Leistung“ gekrönt wurde.

Aber genug von unseren sportlichen Erinnerungen – wobei es da noch einiges zu erzählen gäbe. An jenem zweiten Weihnachtstag begegneten wir uns also draußen vor der Tür. Der eine, weil er seit zwei Tagen Nichtraucher war und eine Ersatzbeschäftigung suchte, der andere, weil er sich mittlerweile erfolgreich fortgepflanzt hatte und der Nachwuchs durch den Wald geschoben werden wollte. So gingen wir also gemeinsam durch den Forst und in diesen zweieinhalb Stunden haben wir über Gott und die Welt geredet. Auseinander gegangen sind wir mit den Worten. “Das sollten wir öfter machen.“ Haben wir natürlich erstmal nicht.
Dann kam Corona und wir haben an unsere erste Wanderung angeknüpft und sind seitdem an jedem Sonntag unterwegs gewesen. Außer an denen, als Kai Corona hatte und der andere, als Dans Blutdruck auf einmal so hoch war. Dazu später.