Dröges Dirmerzheim, karges Konradsheim

Eine überdurchschnitllich heiße Woche neigt sich dem Ende zu. In der Nacht von Samstag auf Sonntag haben zahlreiche Gewitterparzellen starke Unwetter über die Region gebracht und ganze Landschaften verwüstet. Wir entschließen uns, eine Gegend aufzusuchen, die wir für unverwüstlich halten, und fahren also nach Dirmerzheim, einem Ort, der sich seit seiner Gründung erfolgreich gegen Ästhetik, Schönheit und ortsfremdes Genmaterial gewehrt hat.

Wo das Leben tobt.

Das Auto parken wir im Ortszentrum, das seinen Namen nur der Tatsache verdankt, dass hier die Volks- und Raiffeisenbank, das einladende – aber leider geschlossene- Hotel Barion und ein paar öffentliche Parkplätze ein mehr oder weniger beschauliches Ensemble bilden. Die Kreissparkasse fährt den Platz zumindest einmal wöchentlich an, so dass eigentlich keine Wünsche offen bleiben.

Seitdem Jürgen sich als Parplatzwächter selbstständig gemacht hatte, hatte sein Leben endlich wieder einen Sinn.

Wir stellen sofort fest, dass die Ansprüche an Fassadenfarben in Dirmerzheim andere sind als im Rest des Rhein-Erft-Kreises , des Rheinlandes , Nordrheinwestfalens, Deutschlands. Uns bieten sich Farbtöne dar, die wir bislang nur von Abbildungen aus dem Lexikon der Hauterkrankungen kannten und wir staunen nicht schlecht über den Mut mancher Hausbesitzer*innen. Sofort denken wir auch an Ödipussi und die vielen Varianten der Farbe Grau.

Hiermit bewerben wir uns als Fahrer der Linie 974.

Über die Brückenstraße, die früher mal Bachstraße hieß, weil hier ein Bach ist, über den man dann aber eine Brücke gebaut hat, stoßen wir weiter ins Ortsinnere vor. Skeptisch macht uns dabei die vollständige Abwesenheit von Orchideen in den Fenstern. Sollte es in Dirmerzheim ein Dekret geben, das das Zurschaustellen bedecktsamiger Blütenpflanzen verbietet? Auch am Dorfgemeinschaftsplatz können wir darauf keine Antworten finden. Allerdings erfahren wir hier, dass das Wappentier von Dirmerzheim ein Hase ist. Wir fragen uns, ob es sich hier um eine metaphorische Darstellung der männlichen Bevölkerung und deren Eifer in Sachen Begattung handelt oder ob es für die Auswahl von Meister Lampe als spirit animal andere Gründe gibt. Später erfahren wir, dass die Dirmerzheimer früher zum Teil Abgaben an die auf Burg Konradsheim lebende Adelsfamilie Haes (Hase) leisten musste. Langweilig!

DAS soll ein Hase sein?! Der hat ja gar keine Ohren! Nochmal!

Erdbeerernte und Erntelieder

Wir passieren den ehemaligen Mühlenhof, der wohl denkmalgeschützt ist, ansonsten aber eher unspektakulär ist. Also ziehen wir weiter. Die Brückenstraße wird zur Großstraße und diese ist erstaunlich klein. Nach ca. 150 Metern sind wir an ihrem Ende angekommen und entscheiden uns, die Hauptverkehrsader von Dirmerzheim, die den poetischen und auch ein wenig sibyllinischen Namen „Landstraße“ trägt, zu überqueren.

Irgendwo in diesem Suchbild haben wir Jürgen Drews versteckt. Finden Sie ihn?

Schon bald gelangen wir an ein Feld, auf dem zahlreiche Menschen in kurzfristigen Arbeitsverhältnissen Erdbeeren ernten. Von weitem ertönen Gesänge in einer uns nicht geläufigen Sprache. Alles wirkt wie aus einer anderen Zeit. Verstärkt wird der Eindruck wenige Zeit später durch das Hinweisschild „Erdbeeplantage“. Vor unserem geistigen Auge sehen wir ein großes Herrenhaus mit schaukelbestuhlter Veranda, auf der unser Erdbeerplantagenbesiter (oder ist es gar eine Besitzerin?) Pfeife raucht und über die Bediensteten wacht. Sofort geht es mit uns durch und wir singen mit Innbrunst all die Gospels, die uns einfallen. Die Erdbeerpflücker*innen schreien uns an und obwohl wir die Worte nicht verstehen, glauben wir doch, dass wir nicht gerne gesehen sind.

Als Regina ihre Unschuld irgendwo im Feld verloren hatte, halfen alle Dorfbewohner bei der Suche.

Also ziehen wir weiter, passieren weitere Erdbeerfelder, die sorgsam geschützt durch eine blickdichte Baumreihe, die geneigten Selbstpflücker*innen zur Eigenernte einlädt. Überwacht wird das Ganze von einem ergrauten Teutonen in neongelber Warnweste und einer Art Kelle als Waffe. Dieser nutzt er als Abstandskontrolliergerät, mit dem er sicherstellt, dass sich innerhalb der einzelnen Erdbeerreihen auch niemand zu nahe kommt. Er scheint ganz in seiner Aufgabe aufzugehen und kommt flotten Schrittes aus uns zu. Wir vermuten, dass er im nächsten Moment mit der Kelle nach uns schlagen und laut „Abstand halten“ brüllen wird und beschleunigen unseren Schritt. Der Kellenmann bleibt stehen, murmelt etwas in seinen gezwirbelten Schnäuzer und stürzt sich dann kellenschwingend auf ahnungslose Erdbeerpflücker in Reihe 3.

Auf dem weiteren Weg entdecken wir den Golfplatz, der leider nicht zum Verweilen einlädt. Wir wären sowieso nicht passend gekleidet und gehen unbekümmert weiter. Schließlich sind wir in Konradsheim angekommen, das in Sachen Schönheit seinem Nachbarort in nichts nachsteht. MIt der ortseigenen Burg verbinden wir beide Erinnerungen an eine rauschende Hochzeitsfeier. Wobei, man kann es nicht wirklich „Erinnerungen“ nennen. Es gab sehr viel Wodka und von der Zeit nach 19:00 Uhr sind uns nur ein paar Standbilder im Gedächtnis geblieben. Es muss also schön gewesen sein.

Konradsheims Antwort auf alle Geschehnisse, Erfindungen, Anordnungen und Pandemien der letzten 60 Jahre.

Über die Frenzenstraße, die gesäumt wird vom Geflügel-Mastbetrieb, gelangen wir wieder zurück nach Dirmerzheim und schlendern noch ein wenig durch die Gassen und Straßen. Je weiter wir in die das historische Zentrum vordringen, desto mehr treffen wir auf alte Bekannte. Steinfiguren, „Rentnerbänke“ , lustige Gartenschilder und endlich auch Orchideen im Fenster. Danke, Dirmerzheim. So können wir in Frieden fahren.

„Der Flötenschlumpf fängt an.“ -„Wie denn, Du Penner?“

Fazit: Wenn Du glaubst, Du hast schon alles gesehen, lass Dich eines besseren belehren und fahr nach Dirmerzheim.

Wir sprachen über:

  • Das eine Mal, als Dan sich im Sommer die Augenbrauen abrasiert hat. Wie so oft im Leben galt auch hier: Man merkt erst, was man an manchen Dingen hat, wenn sie nicht mehr da sind.
  • Durchgeknallte Hotelarchitekten, die glauben, Nasszellen könne man als Glasblock ins Zimmer integrieren. Noch schlimmer ist es nur, wenn die Toilette lediglich durch eine Saloontür vom Schlafbereich getrennt wird. So sehr kann man sich gar nicht lieben.
  • Kurze Hosen an Männerbeinen. Wir haben uns dieses Mal getraut, sind aber nach wie vor skeptisch, was das Zurschaustellen der eigenen Waden anbelangt.

Ohrwurm des Tages:
Zuerst Xanadu von Olivia Newton John, dann Babicka von Karel Gott. Schließlich dann Cotton needs a picking, Go down, Moses und Joshua fit the battle of Jericho.

Ratlos in Rath – Kunstblumenparadies für Hartgesottene

Wir haben ja im Laufe der vergangenen Wanderungen erfahren und hinnehmen müssen, dass Deutschland das Land der „Orchideen-im-Fester“-Freunde ist. Was uns aber diesmal in Bedburg-Rath erwartete, kann man getrost als floralen Coitus bezeichnen. Doch der Reihe nach.

Das Wetter lässt im frühen Hochleistungssommer 2021 einmal mehr zu wünschen übrig und so beschließen wir in eine Gegend zu fahren, in der es sowieso meist eher etwas wolkenverhangen ist. Die in Sichtweite donnernden Kraftwerke leisten dort 24/7 gute Arbeit. Noch! Denn auch das soll ja in näherer Zukunft vorbei sein. „Vorbei“ ist uns ein gutes Stichwort, denn auch in unserem heutigen Ziel ist einiges vorbei. Der gute Geschmack beispielsweise oder ortsnahe Einkaufsmöglichkeiten.

1. Maifeierlichkeiten

Direkt bei Erreichen des Ortseingangs umgibt uns ein Gefühl des herzlichen Willkommens. Während wir tatsächlich nach einem Parkplatz suchen, sehen wir, wie Autos auch aussehen können. Ist es Zufall? Ist es Abschreckung des ortsfremden Besuchers? Nahe des architektonischen Juwels Sankt Lucia-Kirche finden wir zwar leider keine kerzenbesetzten Haarreifen, aber zumindest einen halbwegs sicher erscheinenden Parkplatz an der Friedensstraße. So ein schöner Straßenname. Schönheit liegt aber ja auch im Auge des Betrachters

Heute noch Kirche, morgen schon ein neuer Rewe?

Das Kirchenareal samt Schiff und Exerzierplatz fällt uns schnell ins Auge. Es erinnert einen von uns an seine Zeit in einem toskanischen Kloster. Der andere fühlt sich an die letzten Minuten von Oberst Graf von Stauffenberg erinnert.

Aussicht ist alle(s)

Schönheit liegt ja oft im Verborgenen oder im Auge des Betrachters. Bei näherer Betrachtung der ersten Pension am Platze muss der Schönheitsbegriff dann schon arg ausgereizt werden. Ob Hilde auch einen Fahrradverleih anbietet wissen wir nicht, wollen es auch irgendwie gar nicht so genau wissen, sondern gehen schnell weiter Richtung Ortsausgang.

Hannelore Kohl fühlte sich wohl

Was auffällt ist, dass wir innerhalb der ersten zehn Minuten noch keine orchideeberankten Fenster sehen mussten, wie sie sonst in deutschen Ein- und Mehrfamilienhäusern nahezu zum guten Ton gehören. In Rath haben die Menschen wahrscheinlich lange überlegt, welche dekorativen Sujets ihren Ort einzigartig (unique) machen. Und weil guter Rat(h) teuer ist (ja, der musste sein) hat man sich für Eulen entschieden. Uns lachen alleine auf der Friedenssraße sehr viele steinerne Eulen (manche auch aus Steinimitat) an und wir beschließen den Ort noch einmal des abends aufzusuchen, denn die meisten der gefiederten Freunde haben als Augen neckische Halogenlampen eingebaut bekommen. Abends ist das sicher herrlich und gar nicht verstörend anzusehen.

From a distance

Wie sang bereits der großartige Ausnahme-Entertainer Peter Alexander? „Aus der Ferne…“ Ja, aus der Ferne wird vieles schöner. Vieles. Nicht alles! Wir verlassen Rath kurzzeitig und werfen nach dem obsoleten Besuch der örtlichen Ruhestätte einen Blick zurück. Oft hat so ein Ortseingang mitsam Panoramasicht ja etwas magisches. Oft. Nicht immer.

Rush hour in Rath

Eine Zeit lang gehen wir nun quasi außen an Rath vorbei und sind irritiert fortwährend Schussgeräusche zu hören. Wird dort das Mittagessen noch gejagt? Hat sich unser Besuch bereits herumgesprochen? Diese Geräusche werden auch nicht weniger. Da wir auch keinen Menschen begegnen, stellen wir uns alsbald die Frage, ob wir den Ruf zum großen Halali verpasst haben. Dan ist der Meinung, die Schussgeräusche stammen sicher aus einem der Kraftwerke und sind technischen Ursprungs. Kai dagegen ist froh bald in den Mohnweg und damit zurück in den Ort einbiegen zu können. Schließlich bieten Hecke, Häuser, Garagen und Eulen ja auch Schutz.

Kunstblumenparadies deluxe

Alles geht, nichts muss

Waren es in der Friedensstraße noch die kunstvoll gepressten Eulen aus Hartwachs, so sind es nun im Viertel „Mohnweg/Margeritenweg/Fliederweg“ nicht minder kunstvoll arrangierte Kunstblumenbouquets, die einige Vorgärten schmücken und uns den Atem rauben.

Der gute Geschmack ist die Fähigkeit, fortwirkend der Übertreibung entgegenzuwirken

Hugo von Hofmannsthal

Wir merken also: In Rath sind gute Ratschläge längst vergessener Schriftsteller nichts wert, sondern es zählt vielmehr das Motto „Dezenz ist Schwäche!“ Hier kann sich jedes Sonnenstudio noch Anregung für die Inneneinrichtung holen.

Hier, wo der Frühling nie zu Ende geht

Später sollten wir erfahren, dass dies noch lange nicht alles an Kunstblumenarrangements gewesen sein soll und dass ein „Mehr“ immer noch möglich ist.

Mal abgesehen von einem Friseurstudio (m/w/d) haben wir keine Ladenlokale des täglichen Bedarfs ausgemacht. Und auch ein Friseurstudio muss nicht täglich aufgesucht werden (außer natürlich bei Vollmond). Dafür bietet der Ort aber eine Restauration, die neben einer umfassenden Speisekarte mit einem heiteren Wortspiel aufwarten kann:

Der Bürgermeister hat den besten Parkplatz

Auch jenseits kauzverliebter Ornithologen und Freunde floraler Festtagsblumen bietet Rath Ablenkung vom Alltag und födert das Erinnern an längst vergessene Zeiten. So öffnet dort zumindest in der Sommersaison das „Rosengart-Museum“ seine Pforten und bietet neben allerlei technischen Errungenschaften von einst auch einen schmucken Biergarten, der – so erzählt man es sich – auch bei Bikern sehr beliebt sei. Auf dem Weg dorthin erleben wir dann das nächste Kunstblumen-Armageddon. Es ist manchmal mühsam…

Sport meets culture
Peter Lustig hatte sich aufgegeben

Die Themen der Woche

Wir sprachen über:

  • Angela Lansbury und ihren Welterfolg „Beauty and the beast“. Muss man gesehen haben. Am besten ihren Auftritt im Rahmen der Eröffnungsfeierlichkeiten von „Euro Disney Paris“. Damals moderiert von Thomas Gottschalk. Als Gäste waren neben Angela Lansbury noch Gina Lollobrigida, Tina Turner, José Carreras und Peter Maffay (!!) mit dabei. Gibt’s hier zum Nachgenießen.
  • Juliane Werding und ihr neues Wirken als Heilpraktikerin und Lichtheilerin. Ob sie dabei auch singt? „Wenn Du denkst, das hilft, dann denkst Du nur, das hilft….“
  • Lange nicht gehörte Wörter wie bspw. „Soot“! Kölsche wissen sofort, was damit gemeint ist und durch Teile Raths führt auch eine solche. Passt zum Ort! (Bevor wer nun nachgoogelt: Die Übersetzung lautet: Gosse)

Die Lieder der Woche

Wir sangen:

  • Kornblumenblau“ von Willy Schneider
  • Kornblumen“ von Altbarde Jürgen Drews. Genauer gesagt, sang nur Kai den Song, das Oeuvre ist bislang an Dan vorübergegangen. Unverständlich! Das Video sei hier sehr ans Herz gelegt. Es lässt einen verwundert zurück…
  • Unser favorisierter Powersender „Absolut Bella“ entdeckt mehr und mehr kölsches Liedgut und überraschte uns auf der Hinfahrt nach Rath mit einem Klassiker der „Räuber“: „Kölsche Junge bütze jot
  • Ebenfalls in der Playlist der unerschrockenen Musikredakteure von „Absolut Bella“ stand dann auch einmal mehr „Michelle“. Eines muss man der ehemaligen Hundefriseurin aus Frechen lassen: Ihr Timbre ist so speziell, das es unverwechselbar ist und sich unangenehm im Trommelfell festsetzt. „Wer Liebe lebt“ (wäre besser Hundecoiffeurin geblieben – die hören diese Töne vielleicht auch gar nicht…)

Felle, Fohlen, Fäkalgeruch – Heppendorf & Widdendorf

Die Sonne scheint, die Vögel singen, wir sind beide bester Laune. Die besten Voraussetzungen also, durch die eher tristen Gegenden des Kreises zu spazieren. So dachten wir, als wir uns auf den Weg nach Heppendorf machten. Wie sollten wir uns jedoch irren. Auf unserer Wanderung sind wir Dingen begegnet, die nie ein Mensch zuvor gesehen, gerochen oder gespürt hat. Aber der Reihe nach.

Wir parken unser Gefährt am Friedhof von Heppendorf, der momentan eher einer Wildkräuterwiese ähnelt. Weil wir Angst haben, uns am hüfthohen Gras die Beine zu verwunden, betreten wir das Gräberfeld nicht und spazieren über die Hansaremsgasse in Richtung Zentrum – ein Euphemismus. Manch eine*r wird sich vielleicht fragen, woher der Name „Hansarem“ kommt. Hier kommen wir mit unserem Bildungsauftrag ins Spiel: Der Hans Arem (oder auch Hans Adam) ist quasi der direkte Bruder vom Nubbel. Im Gegensatz zu diesem wurde der Hansarem allerdings nicht zu Karneval gebaut, aufgestellt und hingerichtet, sondern bei jeder stattfindenden Kirmes. Inszenatorisch ist man allerdings bei diesem Kameraden noch einen Schritt weitergegangen. Während der Nubbel lediglich verbrannt wird, hat man den Hansarem regelrecht abgeschlachtet. Das Innere der Puppe wurde mit einer mit Blut gefüllten Schweinsblase versehen, so dass diese bei einem Stoß mit dem Messer riss und sich die scharlachrote Flüssigkeit über den Boden verteilte. Man kann sich vorstellen, was für ein heiteres Fest das für alle Beteiligten gewesen sein muss. Dies erklärt auch das ein oder andere eigenartige Ding, das uns auf unserer Wanderung noch begegnen wird.

Duftgewaltige Erinnerungen

An der Kreuzung zur Widdendorfer Straße halten wir aprupt an, weil uns ein Geruch in die Nase steigt, den wir seit Abiturzeiten nicht mehr gerochen haben. Wobei das nicht ganz stimmt. Richtigerweise muss man sagen, dass wir diesen Geruch seit Abiturzeiten nicht mehr von einer Pflanze gerochen haben. Es fällt schwer, dieses besondere Odeur in Worte zu fassen. Als Mann denkt man automatisch an verklebte Taschentücher und Hugh Hefners Publikationen. Damals haben wir diesen Hecken einen Namen gegeben, den wir an dieser Stelle nicht wiederholen möchten, aber er unterscheidet sich nur durch einen Buchstaben vom „Wachsstrauch“. Es bleibt die Frage, wer diesen Geruch als angenehm empfindet und sich gleich mehrere solcher Hecken in den Garten dübelt.

Tamara dachte gerne an ihre Zeiten im Pascha zurück. Von den Kolleginnen erhielt sie zum Abschied diesen Weißdorn.

Weiter geht es in Richtung katholischen Kirche. Kai erinnert sich an seine Zeit als Lokalreporter und die Besuche der örtlichen Karnevalssitzungen. Wer ein Fan von geschmackvollen Auftritten, lieblichen Gesangsdarbietungen und dezent-zurückhaltenden Tänzen ist, sollte Heppendorf an Karneval großzügig umfahren. Wer es eher rustikal mag, wird hier seine Heimat finden.

Wir ziehen vorbei an der evangelischen Kirche mit ihrem interessanten Glockenturm und biegen dann in Richtung Feld ab. Hier werden wir Zeugen von Volkskunst. Aus unterschiedlich großen Rohren hat man hier etwas geschaffen, das berührt und betroffen macht. Wir haben dem Ouvre den Titel „Wanderer, hinterlasse einen Gruß“ gegeben.

Wenn Ästhetik auf Pragmatismus trifft.

Dann passieren wir eine Szenerie, die wir nicht zu 100 Prozent richtig einordnen können. Wohnt hier ein Hobby-Kürschner? Arbeitet Frankenstein an einem neuen Projekt? Heppendorf, wir haben Fragen.

In Heppendorf möchte man wohl doch tot über dem Zaun hängen.

Stolpern durch Stammeln

Weiter geht es in Richtung Stammeln. Hier ist das namensgebende Gestüt beheimatet, von dem wir einigermaßen beeindruckt sind, zumal es in der angrenzenden Restauration Zunft-Kölsch gibt. Wir hatten schon befürchtet, es sei augestorben, aber wenn man mal über die örtlichen Karnevalsfeiern und Kirmes-Rituale nachdenkt, passt dieses Kölsch genau hierhin.

Einen Ausflug hierhin können wir allen ans Herz legen, die Pferde, Landschaft und schöne Gebäude zu schätzen wissen. Schwierig wird es allerdings, was die Anschlüsse ans hiesige Abwassersystem anbelangt. Zwischendurch schlägt den fröhlichen Wandernden der Geruch des Verderbens entgegen. Die charekteristische Mischung aus Methan und Ammoniak greift die Schleimhäute an und treibt jedem die Tränen in die Augen. Irgendwann aber spürt man gar nichts mehr.

Kleiner Onkel genoss nach den anstrengenden Jahren im Film-Geschäft seinen Ruhestand.

In Heppendorf schauen wir uns dann noch kurz das vollkommen überdimensionierte „Forum“ und ein Gebäude an, dessen Funktion sich wahrscheinlich hinter den verspiegelten Türen verbirgt. Vielleicht wird hier der nächste Hansarem gebalstelt…

Die NIederlassung der Scientology-Vereinigung hat heute leider geschlossen.

Walken durch Widdendorf

Von Stammeln aus brechen wir auf in Richtung Widdendorf, einem Ort mit mehr Pferden als Einwohnern. Wir sprechen viel über die Zeiten, in denen wir unsere Freundin Anemone hier besucht haben. Sowieso, mit Mone hatten wir gute Zeiten beim gemeinsamen Filmeschauen, Feiern und allem anderen.

Huhu Mone!

Über diverse Feldwege kehren wir zum Ausgangspunkt zurück und passieren dabei ein Feld mit nicht geerntetem Spargel. Wir überschlagen nur grob, wieviel Geld hier im Acker steckt, aber wahrscheinlich würde es für eine zweiwöchige Kreuzfahrt reichen. Spargel, das Gold des kleinen Mannes.

So sieht das aus, wenn man sich nicht rechtzeitig um seinen Spargel kümmert.

Auf dem Rückweg überholt uns eine rüstige Seniorin auf ihrem E-Bike und ruft uns zu: „Wenn Sie hier weitergehen dauert es aber noch ganz schön lange, bis sie irgendwo ankommen! Viel Glück!“ Ihr Lachen lässt uns frieren und wir sind sehr dankbar, als wir wieder am Friedhof ankommen.

Fazit: Heppendorf, Stammeln und Widdendorf haben einiges zu bieten. Manches macht Angst, anderes bringt Dich zum Weinen. Immer wieder gibt es aber auch Schönes.

Wir sprechen über:

  • Murmelmania. Wenn Du denkst, „Domino-Day“ könnte an nervenaufreibender Spannung nicht überboten werden, hast Du wahrscheinlich Recht. Murmelmania ist so ziemlich das langweiligste, uninspirierteste an eine Sendung erinnernde Etwas, das das Deutsche Fernsehen zu bieten hat.
  • Kais geplanten Außeneinsatz bei einer Gerberei. Hat er abgelehnt. Aus Gründen.
  • Homeoffice als Alternative zur Folter.
  • Neue Perspektiven
  • Den Raucherhof an unserer Schule. Sowas gab es damals noch. Heute gilt unser Gymnasium als drogenfrei, was zur Folge hat, dass man sich bei dort stattfindenden Veranstaltungen noch nicht mal ein kaltes Kölsch in den Hals schütten kann. So geht alles dahin.
  • Treppen an neu gebauten Häusern. Warum macht man seinen Eingang nicht ebenerdig? Noch schlimmer: Warum muss man eine Treppe zum Eingang emporsteigen, nur um dann vom Flur aus die Stufen hinab ins Wohnzimmer zu nehmen?

Ohrwurm des Tages:

Leider heute Phänomen von Helene Fischer. Zum Ausgleich aber sowohl Lass die Sonne in Dein Herz und Für alle von der Gruppe Wind. Ganz zum Schluss Wie ein Schasch ohne Lik von Mike Krüger und Millionen Frauen lieben mich von Karl Dall.

Bachem – Heiliger Geist zwischen Bundeskegelbahn und Backsteinplastik

Auch wenn der Rheinländer „pentekoste“ vielleicht als weltweit gültige Formulierung nach dem Preis einer Übernachtung betrachten möchte oder dies mitunter auch einer Dame an der Bar des „Bangkok Paradise Clubs“ entgegen lallt, so bedeutet dies aus dem Griechischen übersetzt doch „der 50. Tag.“ Und 50 Tage nach Ostern feiern Christen auf der Welt Pfingsten. Das ist das Fest, an dem das – von Jesus Christus angekündigte – Kommen des Heiligen Geistes gefeiert wird. Die Jünger bekamen an diesem Tag die Aufgabe das Evangelium zu verkünden. Ja, man möchte die Welt auch ein wenig an seinem Wissen teilhaben lassen und ordentlich „Klugscheißer-Punkte“ sammeln.

Wir zwei Beide nutzten also das Pfingstfest und besuchten nach alter Väter Sitte einen Ort, den man mit Pfingsten verbinden kann – die „Heilig Geist“-Kirche in Frechen-Bachem. In die Kirche selbst kamen wir nicht, dort fand zum Zeitpunkt unseres Besuches eine Art „Maskenball“ statt. Menschen in Talaren und Masken umtanzten mit viel Rauch steinerne Tische… Gottlob (!) gibt es aber auch in direkter Kirchennähe vieles zu sehen und bestaunen.

Mein Freund der Baum ist kahl

Kunst im Karree

Was einen beispielsweise fragend zurücklässt ist ein germauerter Block, der von weitem an ein örtliches Pissoir erinnert, aber doch etwas ganz anderes ist. Nur was? Vier Öffnungen und durch jede passt man nur, wenn man ungefähr des Gewicht des „Vollstreckers“ aus „Donnerlippchen“ (die Älteren werden sich erinnern) hat. Ein nahegelegenes Infoschild brachte Aufklärung. Es ist die „Plastik, ohne Titel. Backstein, 1992“ des weltbekannten (!) dänischen Künstlers Per Kirkeby. Muss man gesehen haben. Da hat sich jede Mark gelohnt… Ein Land, das die „Olsen Brothers@ auf die Bühnen dieser Welt geschickt hat, das kann halt einfach Kunst!

Center Parc Bachem, Rezeption

Unweit des Bachemer Backsteinblocks, nahe der Hubert-Prott-Straße wartet der alte Ortsteil mit weiteren Kunstobjekten auf, die ins Auge stechen. Denkmäler für die Gefallenen der beiden knapp verlorenen Weltkriege gibt es wohl nahezu in jedem Ort, meist sind sie grau und unscheinbar – nicht in Bachem. Hier hat man eine bemerkenswert hohe Stele errichten lassen – und das aus original echter Ooms-Keramik. Kannte ich viele Jahre nicht, ist aber unter Kennerinnen und Kennern der Frechener Keramikkunstszene heißbegehrt („nicer Shice“) und bitte nicht hämisch mit Werken aus der Capodimonte-Manufaktur zu verwechseln.

Stelen, Pflöcke, Obelisken – das kann der Rhein-Erft-Kreis

Schlendert man anschließend geschickt die Fürstenbergstraße hinauf, so fallen einem zwei Tatsachen auf: 1. Bachem ist tatsächlich wesentlich pittoresquer als man es beim Rasen über die Dürener Straße vermuten möchte. 2. Es wäre noch schöner, wenn nicht der typisch deutsche Fensterschmuck „Orchideenarrangements“ die Ansicht in Mitleidenschaft ziehen würde. Darüber schreiben wir vielleicht mal ein eigenes Kapitel. Fensterschmuck! Es ist wirklich meist eine Vision der unästhetischen Groteske, die einem in diesem Land von bestrumpften Sandalettenträgern in den Fenstern geboten wird. Nach all diesen optischen Grausamkeiten belohnt dann aber der Blick auf die St. Mauritiuskirche in Bachem aus dem 18. Jahrhundert. Ins Augenmerk fallen dabei besonders auch die Fahrradständer direkt oben nebem dem Eingangsportal – am Ende einer größeren Treppe mit vielen Stufen. Wer sein Rad liebt, der trägt. Kennt man ja.

Le Waldsterben (frz)

Hinter der Sankt Mauritiuskirche erblicken wir die Schloßstraße. Ausgefuchste Wanderer wie wir, mit der Kombinationsgabe einer Galapagos-Schildkröte vermuten natürlich richtig und erblicken alsbald die „Burg Bachem“. In Privatbesitz und fein abgeschirmt und leider nicht am Ende einer „Burgstraße“. Oder ist jede Burg auch ein Schloss bzw. umgekehrt. Dieser Vormittag beschert einem viele offene Fragen.

Lord Fauntleroy hatte frisch gefegt

Dan ist immer noch beeindruckt und verwundert, dass Bachem weitaus netter anzusehen ist als beispielsweise Niederaußem, Manheim (alt) oder Auheim – alles Ortschaften, die wir bei unseren Wanderungen in den vergangenen Monaten sehen und erleben durften/mussten. Die Mauritiusstraße ist übrigens eine der längsten und ältesten Straßen in diesem Frechener Ortsteil und die wandern wir entlang. Vorbei am alten Pfarrhaus aus dem Jahr 1783, das nun ein Museum mit bemerkenswerten Öffnungszeiten beherbergt und Häusern, die Kulissenbauer im Phantasialand nicht besser „auf alt“ hätten trimmen können.

Das Erbe der Guldenburgs – B-Location
Im Penthouse braucht man keinen Rideau

Chaos im Schaltjahr

Da wir unserer morbiden Ader nicht gänzlich entsagen können, einer von uns hat sie bereits zum Nebenerwerb gemacht, statten wir natürlich auch dem Bachemer Friedhof einen Kurzbesuch ab. Wie man sich auf deutschen Friedhöfen zu verhalten hat, das kann man wissbegierig freilich direkt am Eingang auswendig lernen. Nur alle vier Jahre sind die Besucher des abends auf sich alleine gestellt und hoffen auf ein Fernbleiben des Ordnungsamtes…

Jedes Schaltjahr sorgt für Anarchie in Bachem

Mister 100.000 Volt unter der Erde

Apropos „Friedhof“: Kluge Stimmen ließen uns im Vorfeld des Ausfluges wissen, dass auch der Frechener „St. Audomar“-Friedhof einen Besuch lohnt und so verlassen wir Bachem und begeben uns über die Dürener Straße hin in eine so ganz andere Welt. Bachem war ja wirklich schön…
Auf städtebauliche Minderleistungen wollen wir diesmal aber nicht näher eingehen, erfahren, dass es zwischen Braun und Ocker noch viele Nuancen gibt, die sich alle nicht als Fassadenfarbe eignen und stehen dann plötzlich auf einem Friedhof, der infrastrukturell extrem gut ausgestattet ist. Damit sei nicht der „Grablicht-Automat“ gemeint, sondern die Tatsache, dass quer über den wirklich sehr ansehnlichen Friedhof eine Bahntrasse führt, inkl. Brücke. Sollte das die KVB-Linie 7 sein, die fluchtversuchswillige Benzelrather nach Zündorf bringt? Nein, es ist die Strecke der Nord-Süd-Kohlebahn. Kohle ist ja heute noch wichtig zur Stromerzeugung und da schließt sich der Kreis – denn: Mitten auf dem Friedhof steht dann auch der stattliche Mast einer Hochspannungsleitung. Toll, wie alles wieder zurückkehrt, ein ewiger Kreis….

Wir sind alle Teil dieses Universums und das Leben ein ewiger Kreis

SKH Mufasa
Wo sich Ruhe und Infrastruktur begegnen

Wir wären aber nicht wir, wenn wir nicht auch auf einem Friedhof nicht noch erheiterndes finden würden. Ich frage mich, ob dieser Gag nun nur pietätslos oder gar rassistisch ist, aber diese Vorwürfe muss man für einen guten Scherz zu zahlen bereit sein:

Letzte Worte eines Kölschen beim Arzt

Der Rückweg gestaltet sich dann aber doch ein wenig kompliziert, denn die Dürener Straße schützt Bachem vor Frechen wie einst der antikapitalistische Schutzwall die SBZ und ein Wechseln der Straßenseite ist nahezu unmöglich. Da wir weder Moses sind, noch einen Trabant zur Hand haben, suchen wir eine Brücke, um zurück zum Ausgangspunkt zu gelangen und das schmucke Gewerbegebiet jenseits eines Covid-Testzentrums zu verlassen.

Seit 1990 war in Helmstedt nicht mehr so viel los

Die Lieder der Woche

Fast schon erschreckend finster wurde es auf den letzten Metern der kleinen Stadtwanderung als mir (Kai) urplötzlich der Mega-Hit der „Nielsen Brothers“ auf den Lippen lag und Dan beschwingt mit einstieg. Was ist nur schief gelaufen…?

Gymnich: Pferde, Pfähle, Pflastersteine

Mit unserer Wanderung durch Niederbolheim am vergangenen Sonntag haben wir die Kerpen-Reihe zum Abschluss gebracht. Inspiriert von dem Chanson der deutschen Band „Insterburg und Co.“ singen wir also „Doch dann wurde es uns in Kerpen zu klein, so zogen wir nach Gymnich ein.“

Wir parken den Wagen am Erftmuseum, dessen Areal wir direkt erkunden. Ein Besuch sei allen ans Herz gelegt, die etwas mehr über diesen Fluss mit seinen vielen Armen, Nebenflüssen und Flutkanälen wissen wollen. Neben dem Museum ist ein Wasserspielplatz, der unter Nicht-Pandemie-Bedingungen dazu einlädt, die Brut in Wasser, Schlamm und Morast spielen zu lassen während man selber damit beschäftigt ist, sich gegenseitig im Zehnminutentakt Autan aufzutragen.

Vom Museum und Spielplatz führt uns unser Weg zunächst über die A61 und wir denken unweigerlich an unsere letzten Holland-Besuc. Mit Tränen in den Augen winken wir Richtung Venlo und gehen dann weiter. Ziemlich schnell gelangen wir an ein Bauwerk, das von einem Makler wahrscheinlich mit den Worten „Rohdiamant mit Potential“ beschrieben werden würde. Hier können sich engagierte Heimwerker*innen mal richtig austoben.

Genießen Sie das lichtdurchflutete Foyer Ihres neuen Zuhauses.

Ehemalige Familienunterkunft wird Hotel

Wir biegen links ab auf die Balkhausener Straße und erblicken die unverwechselbare Skyline von Gymnich. Besonders der Zwiebelturm der katholischen St. Kunibert-Kirche sticht direkt ins Auge. Am Ende des Weges angelangt, biegen wir rechts ab und kommen damit zur ehemaligen Unterkunft einer irisch-spanischen Gastarbeiterfamilie, die sich durch Sangeskunst, Haarpracht und fragwürdige Kleidung ein Denkmal in den Herzen vieler deutschen Frauen der Jahrgänge 1960 bis 1990 gesetzt hat. Hier, auf Schloss Gymnich, hat die Kelly-Family vier Jahre lang gehaust und scharenweise – meist weibliche – Fans aus der gesamten Bundesrepublik angezogen. Das Schloss befindet sich derzeit im Umbau und soll bald als Hotel wiedereröffnet werden.

Graf Eddy empfängt seine Gäste mit dem traditionellen Veitstanz.

Nach dem Schloss kommen wir zum Rittplatz, der mitsamt dem Rittaltar für den bekannten „Gymnicher Ritt“ eine entscheidende Rolle spielt. Wer Pferde mag, wird Gymnich lieben.

Wir gehen weiter und kommen zur Sankt Kunibert-Kirche, die mit ihrem Schild am Treppenaufgang für viele Fragen bei uns sorgt. Trotzdem gehen wir unbeirrt weiter und wenden uns dem Friedhof zu, der für einen Ort dieser Größe erstaunlich viel zu bieten hat. Hier kann man Gymnichs ritterliche und erzbischöfliche Vergangenheit noch sehr gut erkennen. Über Haagstraße und Schützenstraße gelangen wir wieder auf die Gymnicher Hauptstraße, wo uns die Filiale der Bäckerei Schneider zum Eintreten einlädt. Kai schleppt nämlich seit ungefähr einer Stunde sein Kakao-Trinkpäckchen mit und braucht dringend eine geeignete Backware dazu. Die Auswahl ist nicht groß, aber dank der Mischung aus Hunger und Verzweiflung findet sich etwas. Wir verlassen die Backwarenaufbereitungsstelle und unsere Blicke fallen auf ein Werbeschild, das uns neugierig macht.

Gute Werbung weckt Begehrlichkeiten. Natalie macht es richtig. Über den Deppen-Apostroph reden wir einfach nicht.

Was mag dieses „mehr“ sein, das Natalie zu bieten hat. Neugierig folgen wir dem Wegweiser, nur um bald zu erkennen, dass das Angebot längst nicht so vielversprechend ist, wie wir uns das vorgestellt haben. Im Wesentlich gibt es bei Natalie wohl Ballons. Sei’s drum.

Über die Kohlstraße kommen wir zu „Am Fußfall“ und sehen hier, dass Geschmack nicht naturgegeben ist. Hier erblickt man einige architektonische Monstrositäten und denkt bei jeder optischen Beleidigung, dass es nun ja eigentlich nicht mehr schlimmer kommen kann.  Die Krönung der bauwerklichen Ohrfeigen erwartet uns aber erst am Straßenende. Wir haben wieder viele Frage, von denen wir an dieser Stelle nur zwei Stellen möchten: 1. Warum? Und 2. Was verbirgt sich in diesem Gebäude? In beiden Fällen haben wir Angst vor der Antwort.

Wenn Geschmack auf Dezenz trifft.

Bauwerke für die Ewigkeit

Hin und wieder begegnen uns auf unserem Weg Schilder, die an diversen Häuserwänden angebracht wurden. Wir wissen nun, wo Schützenkönig*in, Kinderprinzessin und weitere Honoratioren der örtlichen Schießgesellschaft wohnen. Mitunter wissen wir nicht, ob es sich bei manchen der gezeigten Paare um Lebenspartner oder Geschwister handelt, aber das spielt ja vielleicht gar nicht mal so eine große Rolle.

Unser Weg zurück führt uns noch an der evangelischen Emmaus-Kirche vorbei, die, wie die meisten ihrer Schwestern nicht durch Schönheit besticht. Kai äußert hier die Vermutung, dass, wer dreimal durch die Architekturprüfung fällt, fortan evangelische Kirchen entwerfen muss. Der Fassade würde ein kleiner Spiderman auf jeden Fall guttun.

Der Architekt verarbeitet in diesem Bauwerk seine Kindheit, die er in einem Getreidesilo verbringen musste.

Gegen das Vergessen.

Entlang der Erftaue gehen wir zurück und entdecken hier noch viele sonderbare Dinge. Dazu gehört der sogenannte „Wald der Erinnerung“, der nicht größer als ein Esstisch ist. Vielleicht hat man einfach vergessen, ihn weiter zugänglich zu machen.

Außerdem wundern wir uns über die gelegentlich aus den Wiesen ragenden Pfähle. Welche Bewandtnis mögen Sie haben? Finden hier rituelle Feiern statt? Werden abtrünnige Bürger*innen hier mit Sitzfolter zur Raison gebracht? Liegen darunter Hünen begraben, bei denen die Leichenstarre nicht aufgehört hat? Gymnich, wir haben Fragen.

Nach Jahrhunderten der Enttäuschung regte sich bei Rübezahl endlich wieder etwas.

Wir biegen links ab, kommen an der wirklich sehenswerten Falknerei von Piere Schmidt vorbei und gelangen dann wieder zum Auto.

Fazit: Gymnich hat auf jeden Fall mehr Schönes als Hässliches. Architektonisch gibt es hier einige Experimente, die nicht unbedingt gelungen sind. Das Volk ist freundlich und zutraulich.

Die Themen der Woche

  • Die unterschiedlichen Formen des Niesens. Kai niest extrem laut und droht dabei, fast einen Salto zu schlagen. Dan muss mindestens dreimal niesen, kommt aber meistens eher auf fünf bis sechs Schübe. Dies sorgt vor allem bei Fahrten auf der Autobahn bei 150 km/h für Nervenkitzel
  • Büttenreden und Karnevalslieder. Als wir an einer Kuhherde vorbeikommen, ist sich Kai nicht zu blöd dafür, den großen Karnevalisten „Et Botterblömche“ mit seinem legendären Satz „Eine Kuh macht Muh, viele Kühe machen Mühe“ zu zitieren. Dann fällt uns die Blaue Partei, der Weltenbummler und viele andere Größen ein.
  • Die neuen „Lockerungsmaßnahmen“ der nordrheinwestfälischen Landesregierung. Es fielen viele Schimpfwörter.
  • Das Hochzeitsfoto von Beatrix von Storch. Es sieht aus wie eine Werbeanzeige für Empfängnisverhütung.
  • Die grandiose Serie „Schitt’s Creek.“ Ein großer Spaß!
  • Restfeuchte bei Waschmaschinen. Heikles Thema.
  • Diese unsägliche Jacobs Krönung Reklame aus den 90ern, die von Oliver Kalkofe treffend parodiert wurde. Überhaupt Jacobs Krönung. Wer hat sich denn diese Clips einfallen lassen?

Die Lieder der Woche

Kai singt immer mal wieder „Un et Arnöldche fleut“. Als wir einem Fahrradfahrer mit weißem Haupthaar und Schnäuzer begegnen, ruft dieser bei uns die gleiche Assoziation hervor und wir singen zeitgleich „An der Nordseeküste“ . Auf dem Rückweg hören wir bei absolut bella Frank Duval mit „Give me your love“ und Peter Petrel mit „Oh man, ich bin viel zu bescheiden.“ Wir beschließen, für den Rest des Tages kein Radio mehr zu hören.

Morbide in Manheim (alt) – Zwischen Ruinen und schwarzem Block

Köln – einen Tag nach Rosenmontag

Kerpen-Manheim befindet sich (noch) in der Jülich-Zülpicher Börde. Bis vor wenigen Jahren verlief die A4 Aachen-Köln noch nah am Ort. Wie so viele Straßen hier, ist auch die Autobahn hier längst Geschichte. Eigentlich wollten wir Manheim an einem regnerischen und kalten Tag besuchen – passend zur Stimmungslage in diesem fast schon gänzlich verstorbenen Ort. Politik und RWE haben das Ende des Kerpener Stadtteils längst beschlossen, Meter für Meter fressen sich die riesigen Schaufelradbagger des Tagebaus Hambach in Richtung eines Ortes, der einst 1761 Einwohner hatte (1974). Heute leben dort nur noch knapp zwei Dutzend Menschen. Die Bushaltestellen sind zerstört, selbst Briefkästen haben wir nicht mehr erblickt. Die Infrastruktur scheint dort langsam zum Erliegen zu kommen, mehr noch als in Bautzen 1990. Ein Jahr haben die letzten verbliebenen Einwohner noch Zeit nach Manheim (neu) oder wohin auch immer umzuziehen (Bautzen?), dann soll der Ort endgültig abgerissen werden. Die Diskussion, ob das wirklich noch nötig ist, ob der Tagebau Manheim überhaupt noch erreichen wird, die lassen wir hier mal sein. Es ist auf jeden Fall traurig einen Ort so zu sehen, den wir noch anders kannten.

Lasst Bäume in den Himmel wachsen

„Liebhaberstück für eifrige Handwerksfreunde“ – typische Immoscoutanzeige

Kai beispielsweise erinnerte sich an einen Pressetermin, der Ende der 1990er Jahre gewesen sein muss. Die damalige Ortsvorsteherin (par la grâce de Dieu) lud einst zur Baumpflanzaktion in „ihren“ Ort. Kai, damals Reporter bei der „WerbePost“ war immer schon ein harter Hund, ganz auf Konfro und harte Nachfragen gebürstet und stellte die (damals schon berechtigte Frage), ob es sich denn noch lohne hier neue Bäume zu pflanzen. Das mag vielleicht ein wenig unsensibel gewesen sein, doch nun schlägt auch für diese Bäume das letzte Stündlein. Die Reaktion der Ortsvorsteherin könnte man übrigens auch als unsensibel bezeichnen, aber das ist lange her.

Rush hour

Merkwürdigerweise war am Tag unseres Besuches relativ viel los, es gab kaum noch einen freien Parkplatz. Was war los? Bereiteten alle ihre Flucht vor? Drohte die Zombie-Apokalypse? Gab es noch mal einen heiteren Garagenflohmarkt? Mitnichten. Viele Menschen nutzten den Aufruf zu einer „Anti-Braunkohle-Demo“ zu erscheinen. Barg dies doch die Möglichkeit aus der Lethargie des monatelangen Lockdowns auszubrechen und endlich noch mal die roten Blüschen überzustreifen. Rot scheint die Farbe der Braunkohlegegner zu sein. Wir trugen leider wieder nur rote Unterwäsche und darüber warme Brauntöne (sanftes Ocker), hatte uns doch die typspezifische Farbberaterung im heimischen Schönheitssalon attestiert Erdfarbentyen zu sein.

St. Albanus und St. Leonhardus haben abgeschlossen

Die Kirche ist bereits vernagelt, damit kennen sich Katholiken ja aus. Aber zumindest steht sie noch – was man von vielen Häusern nicht mehr sagen kann. Vieles ist bereits abgerissen und verwahrlost, Bilder die man sonst nur vom Aschermittwoch aus der Kölner Südstadt kennt. Forsthausstraße und Sonnenblumenweg klingen idyllisch – die Realität dort schaut weniger idyllisch aus. Wir fragen uns, ob nicht längst Location-Scouts großer Hollywoodstudios vor Ort waren. Als Endzeitkulisse für Filme mit Vin Diesel, Tom Cruise, Linda Hamilton oder Chevy Chase wäre es hier perfekt. Zur Not kann aber auch Erdogan Atalay mit seinem „Cobra11“-Team hier den Rest erledigen.

Was vom Orte übrig blieb

Heute kein König

Unweit des Ortes befindet sich die Steinheide, Heimat des „Erftlandrings“. Auf dieser Kart-Strecke haben die Schumacher-Brüder den Grundstein ihrer Karriere gelegt. Im Manheimer Gemeindehaus (außer Betrieb) fand dann ja auch 1995 die Trauung von Michael Schumacher und seiner Corinna statt. Daran können sich aber hier nicht mehr viele erinnern – einfach weil es nicht mehr viele gibt.

Kai W. war auch bereits Gast auf dem Erftlandring. Wegen seiner Schuhauswahl damals nur „The Slipper“ genannt

Wir folgten den aufrechten Recken der Antikohlebewegung und wollten einfach mal sehen, wohin es die Demonstranten so trieb. Was uns dabei umtrieb war derweil eine semi-professionelle soziologische Schnellstudie, die uns zu folgenden Ergebnissen brachte:

  • Antikohlekraftdemonstranten fahren mit ihrem Verbrennermotor gerne so nah wie möglich an den Demo-Startpunkt
  • Antikohlekraftdemonstranten sind anscheinend Zielgruppe der Linkspartei (zumindest war der Ortsverband sehr präsent
  • Antikohlekraftdemonstranten haben als Typus-Vorbilder entweder Willi Tanner oder Hans Beimer

Wie dem auch sei: Als einige Nachwuchsprotestler vom Typ „Kaukasische Knochenbrecher“ plötzlich die schwarzen Masken aufzogen, war es Zeit für uns zu gehen.

Wenn Vergänglichkeit vergangen ist

Die Lieder der Woche

Wir sangen:

Abschied ist ein scharfes Schwert – Roger Whitaker

Burning down the house – The Cardigans feat. Tom Jones

Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei – Stephan Remmler

Keine Falschparker

Horror zwischen Horrem und Habbelrath

Meistens ist es ja die eigene Heimat, in der man sich am wenigsten auskennt. Zumindest ist das bei uns der Fall. Unsere Kindheit und Jugend haben wir in Horrem verbracht, die meiste Zeit davon aber in privaten Gärten, leerstehenden Häusern, Partykellern (gab es damals noch) , Kiesgruben (gab es damals auch noch) und im Tagebau (ihr wisst schon). Die einzelnen Straßen und Wege haben uns dabei wenig interessiert.

Hauptsache Haus

Winter trifft Sommer


Nach der Schule haben wir dann das Nest verlassen, was nicht zuletzt für die Inzestrate gut ist, sind aber beide irgendwann zurückgekehrt. Unsere ersten etwa zwanzig Wanderungen führten uns alle durch unseren Heimatort und wir haben Dinge entdeckt, die wir nicht für möglich gehalten hätten. Vielleicht machen wir in den nächsten Wochen mal ein Best-of Horrem. Was uns vor allem aufgefallen ist: Horrem und Neubottenbroich sind die Orte des Zweite-Reihe-Wohnens. Es ist nicht zu fassen, auf wie vielen Grundstücken im Laufe der letzten Jahre noch ein weiteres Haus gebaut wurde. Erstaunlich ist darüber hinaus, was sich überhaupt „Haus“ nennen darf. Anscheinend reichen eine Tür, ein Fenster und eine Regenrinne, um diese Bezeichnung zu rechtfertigen. Es gäbe so viel Bildmaterial, das wir hier gerne posten würden, wenn es denn erlaubt wäre. So können wir nur eine Wanderung durch die Horremer Straßen empfehlen. Es lohnt sich.

Enklave Habbelrath

Heute brechen wir also auf in Richtung Nachbarort. Genauer gesagt wollen wir die Gemarkungen zwischen Horrem und Habbelrath erkunden und gehen dafür erstmal die Straße „Schiefbahn“ hinauf, die, nachdem sie die A4 überquert hat, zur „Dürener Straße“ wird. Kurz nach der Autobahnunterführung biegen wir links ab und umzirkeln somit Habbelrath. Von hier aus lässt sich ganz gut festellen, dass rund um den Ort ein Wall aufgeschüttet wurde, der von einem doch ahnsehnlichen Graben ergänzt wird. Da stellt sich natürlich für uns sofort die Frage, ob man verhindern wollte, dass Menschen einbrechen oder dass Bewohner ausbrechen.

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts. Dahinter kommt Habbelrath.

Unweigerlich denken wir hier an einen unserer Lieblingsfilme, „Club las Piranjas“ mit Hape Kerkeling, Angelika Milster und Judy Winter. Wer den Film kennt, wird wissen, warum. Wer den Film nicht kennt, braucht dringend Hilfe. Die nächsten zwanzig Minuten zitieren wir Zeile um Zeile und enden mit einer leidenschaftlichen Interpretation von „Akropolis adieu“.

Das Verschwinden der Tamara S.

Unser Weg führt uns über Felder, wir unterqueren die Gleise der Braunkohlebahn, passieren den Kölner Randkanal und sind unschlüssig, in welche Richtung wir nun weitergehen wollen. Also zücken wir unsere Smartphones und schauen auf unserer Wander-App „Komoot“ nach, wo wir uns wohl befinden. Dabei entdecken wir etwas, was nach einer Art Siedlung im Wald aussieht und direkt neben der A4 zu sein scheint. Somit steht also der Entschluss fest, welche Richtung wir einschlagen. Wir durchstreifen eine Wiese mit Obstbäumen und stehen dann vor einem Jägerzaun. Dahinter erspähen wir Wohnwagen, kleine Häuschen, Verschläge und Bretterbuden. Dan sieht vor seinem geistigen Auge schon die nächste Folge von „Aktenzeichen XY ungelöst“ und schreibt schon am Prolog. „Es war ein Donnerstag Abend, als Tamara S. das letzte Mal gesehen wurde.“ spricht er, während wir weiter den Zaun entlang gehen. Dann entdecken wir eine Art Gartentor, das mit einem Kettenschloss zusätzlich gesichert wird. Dass das zugehörige Schloss nach innen zeigt, ist nur ein weiterer Baustein für unseren Beitrag bei „Aktenzeichen XY ungelöst“.

Julian, Dick, Anne und George hatten mal wieder frei und so musste die B-Mannschaft ran.

Irgendwann geht unsere Phantasie vollends mit uns durch und wir reden über Menschenhandel, Zwangsprostitution und Q-Anon. Wir sollten einfach andere Bücher lesen und auch über unsere Filmwahl nachdenken.

Schließlich entdecken wir den Haupteingang zu diesem Areal. Dieser besteht aus einem großen, gusseisernen Tor,, zahlreichen Kameras, einer Klingelanlage mit Monitor und weiteren Utensilien, die auf uns nur wenig vertrauenserweckend wirken. Am Tor finden wir ein verwittertes Schild, auf dem „Sport- und Naturfreunde“ zu lesen ist. Wir glauben, wir verstehen die Botschaft und gehen ganz schnell weiter.

Der weitere Weg führt uns wieder über die und dann parallel zur A4. Ein wenig wundern wir uns, dass hier noch so viel ungenutztes Bauland ist. Außerdem wäre hier noch sehr viel Platz für ein weiteres Dorf für Sport- und Naturfreunde. Wir beschließen, dieses Idee weiterzuverfolgen und verabreden uns für den kommenden Mittwoch, um gemeinsam „Aktenzeichen XY ungelöst“ zu schauen.

Fazit:
In der nahen Umgebung gibt es einiges zu entdecken. Manches davon verwirrt, anderes erschreckt. Der Weg von Habbelrath nach Königsdorf sei aber jedem ans Herz gelegt.

Die Themen der Woche

Worüber wir sprachen:

  • Inspiriert von der Umbauung Habbelraths über Strafgefangenenkolonien.
  • Den Namen Tamara und sein Verschwinden.
  • Die unterschiedliche Arten von Spielplätzen und ihre Eignung. Mitunter fragt man sich, wer gewissen Gerüste baut, genehmigt und abnimmt.
  • Hape Kerkeling und seine Abwesenheit.
  • Angelika Milster und ihre merkwürdige Wandlung.
  • Naturfreunde.

Die Lieder der Woche

Wir sangen:

Wandern am Horst – Naturnahes Niederbolheim

Das hat der Gesellenvater nicht gewollt

Wir Beide leben ja nun auch schon ein paar Jahre im Kerpener Stadtgebiet und wir haben auch beruflich und privat durchaus viele Menschen aus der Region kennen und wenige davon schätzen gelernt. Aber den Satz: „Hallo, ich komme aus Niederbolheim“, den haben wir tatsächlich noch nie gehört. Gelegen an der äußersten südwestlichsten Ecke des Kerpener Stadtgebiets und damit auch kurz vor der Grenze zu Mordor (Kreis Düren) liegt dieser beschauliche Stadtteil jenseits der B477.

Als die Römer mit der Bundesbahn kamen

Wer also einmal von Tempo 140 runterbremst und scharf links abbiegt, befindet sich schnell im zugigen Zentrum des Ortes, das – zugegeben – von jeder Ecke des Ortes schnell erreicht ist. Einst führte eine alte römische Heerstraße von Neuss an Niederbolheim vorbei über Zülpich bis in die Eifel bzw. bis nach Trier. Man kann sich vorstellen, wie der durstige Römer einst Zuflucht in der Taverne „F104“ suchte. Manch Artefakt aus damaliger Zeit scheint dort bis heute konserviert.

Mit den Clowns kamen die Tränen

Kleiner Fun Fact: In besagter Gaststätte befindet sich angeblich immer noch der erste „Paul Panzer“-Fanclub des Landes. Und dafür gibt es einen trifftigen Grund. Hier hören:

„Im weißen Rössl“ – B-Location

Die Blütezeit scheint das Idyll aber zu Beginn bzw. bis in die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts erlebt zu haben. Denn kaum waren die Römer weg, konnte der gesellige Wanderfreund per Bahn nach Niederbolheim reisen. Von Frechen aus ging es über Kerpen bis nach Nörvenich – inkl. eines Bundesbahnhofs in Niederbolheim. Diese Blütejahre sind lange vorbei. Wer heute nach Niederbolheim möchte reist per Auto, Trecker, per Pedes oder per Flugzeug an – befindet sich doch der Fliegerhorst Nörvenich in unmittelbarer Nachbarschaft. Das sorgt zum einen dafür, dass man nicht allzu weit um den Ort herum wandern kann, ohne sich auf militärischem Sperrgebiet wiederzufinden und zum anderen sorgen die donnernden Tornados der Luftwaffe dafür, dass man sich bisweilen nicht allzusehr in tiefe, lange Gespräche verwickeln sollte, werden diese doch gerne mal unterbrochen.

Keine Kaltblüter

Wer nicht wie die im Stadtgebiet im Exil lebende britische Schlagerikone Graham Bonney über einen Flugschein nebst Flugzeug verfügt, dem nützt die Landebahn des Fliegerhorstes wenig, aber der- oder diejenige kann heiter hoch zu Ross anreisen – befindet sich in Niederbolheim doch auch ein schmuckes Gestüt. Reiten auf Pferden kann ja auch durchaus beruhigend sein.

Qual der Wahl mal andersrum

Eine Villa im Niemandsland

Unweit des Stadtkerns wandert man an Straßen mit sehr weitläufiger Bebauung durchs Grün und landet flugs an der Villa Sophienhöhe. Der ehemalige Landrat des Erftkreises betreibt namentliches Restaurant/Hotel. Einer von uns Beiden war hier vor langer Zeit bereits einmal Gast einer Hochzeit. Muss gut gewesen sein, hat er doch keinerlei Erinnerungen mehr an den Abend…

Disneys „Haunted mansion“ zog Besuchermassen an

Die Restauration ist derzeit wegen dieses kleinen pandemischen Vorfalls im Land geschlossen, deshalb führte uns der Weg stracks zurück durch gelbe Rapsfelder zu unserem Ausgangspunkt, unweit der Niederbolheimer Kapelle.

Die Themen der Woche

Worüber wir sprachen:

  • Wo ein Niederbolheim, da doch eigentlich auch ein Oberbolheim! Genau, wo ist eigentlich der Nachbarort – man sah ihn nirgends und doch gibt es ihn. Also…das Remake quasi. Oberbolheim wurde wegen des fürchterlichen Fluglärms umgesiedelt und befindet sich nun im Nörvenicher Stadtgebiet. Die alten Häuser wurden flugs nach Verlassen des Ortes platt gemacht. Der einzige Ort im Land, der wegen Fluglärms umgesiedelt werden musste.
  • Ungewöhhnliche Namen und ihre herausragende Stellung bei der Google-Suche. Wer Annegull heißt, der wird schnell gefunden.
  • Impftermine und den passendeen Impfstoff. Conclusio: Wir wollen beide den Zaubertrank, in den einst Obelix fiel.

Die Lieder der Woche

Wir sangen:

  • „Absolut Bella“ – der Sender für Menschen, die auch gerne auf Shellack gehört haben überraschte mit einer besonders unangenehmen Kooperation zwischen den stiefelettentragenden Recken von „Santiano“ und der minderklingenden „Faun“. „Tanz mit mir“ nennt sich das Machwerk.

„Wandern am Horst – Naturnahes Niederbolheim“ weiterlesen

Oberaußem und Niederaußem – Kohle, Kraftwerk und Kastanie.

Genießen Sie den Ausblick ins Grüne und den niemals wolkenlosen Himmel.

Für den heutigen Tag fällt unsere Wahl auf gleich mehrere Orte, die nah beieinander liegen und einiges miteinander teilen. Ohne, dass wir hier weiter recherchiert hätten, glauben wir doch fest, dass die Suizidraten in Oberaußem, Niederaußem und Auenheim kreisweit die höchsten sein könnten.

Oberaußem hat dabei noch Glück: Hier gibt es noch verzweifelte Versuche, sich gegen den industriell-romantischen Anblick des Kraftwerks, den damit verbundenen immer wolkenverhangenen Himmel und die überall präsente Lethargie zu stemmen. Aber der Reihe nach.

Grasse Kastanie

Wir fahren mit dem Auto nach Oberaußem, von dem Dan weiß, dass es sich dabei um einen der wenigen Orte des Rhein-Erft-Kreises handelt, die Eingang in die Weltliteratur gefunden haben. Hier steht nämlich die sagenumwobene „Grass-Kastanie“. Dan glaubt sich zu erinnern, dass diese auf dem Friedhof in Oberaußem zu finden ist und so steuert er diesen zielsicher an. Nach dreißigminütiger Suche und unter Zuhilfenahme von Google (was bei einem Netzempfang von Edge-Qualität viel von einem Glücksspiel hat) stellen wir fest, dass Oberaußem zwei Friedhöfe hat. Wir stehen auf dem sogenannten „Waldfriedhof“, was wir beide für einen Euphemismus halten. Die Grass-Kastanie befindet sich hingegen auf dem alten Friedhof, den wir sofort ansteuern. Auf dem Weg dorthin stellen wir fest, dass der Name „Oberaußem“ wahrscheinlich abgeleitet ist von der fast schon alpinen Lage des Ortes. Hier kann man ein paar Höhenmeter machen und nur Dank unserer mittlerweile hervorragenden Kondition schaffen wir es ohne längere Pause zum Friedhof.

Kaum haben wir das Tor zum Gottesacker durschritten, erblicken wir die Kastanie. Nun ja, wir erblicken das, was von ihr übriggeblieben ist. Die Kastanien-Miniermotte hat sich in den letzten Jahren schwer daran zu schaffen gemacht, und was von ihr verschont wurde, hat man durch einen entschlossenen Kahlschlag vernichtet. Trotzdem bleibt es ein majestätischer Anblick, der mit Sicherheit zum Schönsten gehört, was die Wanderung des heutigen Tages zu bieten hat. Hier hat als Günter Grass gesessen und die folgenden Zeilen geschrieben:

Was von der Kastanie übrig blieb.

„Welch eine Aussicht!
Zu unsren Füßen das Braunkohlenrevier des Erftlandes. Die acht gegen den Himmel dampfenden Kamine des Kraftwerkes Fortuna. Das neue, zischende, immer explodierende wollende Kraftwerk Fortuna Nord. Die Mittelgebirge der Schlackenhalden mit Drahtseilbahnen und Kipploren darüber.“

Man muss schon über einen sehr bodenständigen Geschmack verfügen, um das alles schön zu finden, aber sei’s drum. Neben Günter Grass hat hier auch der ehemalige Box-Weltmeister Max Schmeling gesessen, als er noch im Kraftwerksbau Fortuna gearbeitet hat. Dass er 100 Jahre alt geworden ist, schreiben wir der konservierenden Wirkung der Kraftwerkswolken zu.

Was uns sehr verwundert ist die Tatsache, dass trotz schönstem Wetter keine Menschen zu sehen sind. Natürlich kann das verschiedene Gründe haben:

  • Die Zombieapokalypse hat in Oberaußem begonnen und niemand hat darüber berichtet. Die einzigen Zeugen der ehemals menschlichen Bewohner sind die grausigen Fensterdekorationen. Woher kommt eigentlich die Sitte, Orchideen in all ihrer Hässlichkeit der Öffentlichkeit zu zeigen?
  • Die Bewohner Oberaußems sind nachtaktiv und scheuen das Tageslicht. Wahrscheinlich hat der jahrelange Blick auf Niederaußem für eine nachhaltige Schädigung des Sehnervs gesorgt.
  • Man hat uns als „frisches Blut“ identifiziert als wir dem Auto entstiegen sind und bereitet nun unser Ableben vor.
  • Es ist Mittagszeit und wie es sich gehört, sitzen alle im Esszimmer, das durch die stilvolle Kombination von Bauernmöbel, Häkeldecken und Neonbeleuchtung besticht. Die mannigfaltigen Gerüche, die uns von den einzelnen Häusern entgegenströmen lassen erahnen, dass hier so etwas ähnliches wie Essen zubereitet wird, Andernfalls kehren wir zurück zu Alternative 3.

Den Friedhof verlassen wir über die lange Treppe, die uns zur Kirche und von dort aus weiter aus dem Ort heraus führt. Ein kurzer Halt am Kreisverkehr, der dem Radsportverein „Freie-Bahn e.V.“ gewidmet ist. Kurz erwägen wir eine neue Serie ins Leben zu rufen, die wir „Kunst am Kreisel“ nennen, aber die zu erbringenden Opfer wären zu groß. Vom Kreisverkehr aus gehen wir ein Stück in Richtung Niederaußem, biegen dann aber erst nochmal Richtung „Zentrum Oberaußem“ ab.

Lehnen statt Sitzen

An der dortigen Bushaltestelle entdecken wir Vorrichtungen, die wir in unseren Jugendjahren gut hätten brauchen können. Man hat dort Stehhilfen installiert, die besonders den leicht angesäuselten Mitbürger*innen helfen sollen, ihren Standpunkt zu bewahren. Wie oft lag unsereins neben der Bank, weil er nicht mehr richtig zielen konnte?! Allgemein spricht einiges für solche Vorrichtungen. Wo ist die Petition, die wir unterzeichnen können?

In Oberaußem denkt man an Menschen, die nicht mehr alleine stehen können.

Wir haben es solange wie möglich herausgezögert, aber nun müssen wir den Übertritt wirklich wagen. Wir gehen nach Niederaußem. Über die Straße „Zum Bohnenbach“ (sonderbare Vorstellung) kommen wir in die „Brieystraße“. Von dieser geht die „Nancystraße“ ab und wir fragen uns, wie viele ihrer Bewohner den Namen englisch aussprechen. Das wäre vielleicht die Idee für künftige Neubaugebiete. „Kevinweg“, „Jaquelinegasse“, „Chantallallee“ macht schon was her.

Weiter geht es. Auf der Oberaußemer Straße angekommen fällt unser Blick auf den vielleicht hässlichsten Kirchturm, den wir jemals gesehen haben. Irgendwie erweckt das gesamte Kirchengebäude den Eindruck, als wolle man das nahe Kraftwerk in allem übertrumpfen. Architektonisch erinnert uns das alles mehr an eine Lagerhalle. Wie ein Mahnmal der Trostlosigkeit ragt dieser Beton-Prügel in den Himmel und verdeckt die Sonne. Naja, Hauptsache den Leuten hier gefällt es.

Bonjour tristesse!

Wir trauen uns und gehen geradewegs auf das Kraftwerk zu, haben aber das Gefühl, dass sich unsere Körper mit jedem Schritt weiter elektrisch aufladen und unser Puls ein bedrohliches Tempo annimmt.

Leben im Kraftwerk! Willkommen in Auenheim

So biegen wir ab in Richtung Auenheim, einem Ort, den man wirklich finden wollen muss. Zahlreiche Zäune machen ein simples Eintreten unmöglich. Wenn man heute Menschen unter 30 Jahren erklären will, was „Die Zone“ war, sollte man einen Ausflug hierhin machen.

Uns fällt auf, dass die wenigen Menschen, denen wir hier begegnen, Fremden gegenüber eher skeptisch sind. Wären wir vielleicht auch, wenn das einzige Geräusch, das uns umgibt das monotone Surren der Strommasten ist. Kai fällt die nette Anekdote von der Familie ein, die nur den Kühlschrank öffnen musste, um Radio zu hören.

Ein paar Straßen weiter begegnen uns spielende Kinder, die uns eine Zeitlang hinterherlaufen. Schließlich traut sich das Mädchen die entscheidende Frage zu stellen: „Was macht ihr hier?“ Noch bevor wir antworten können, stellt sie die Anschlussfrage und zeigt dabei auf Kais Schuhwerk „Und warum trägst Du Mädchenstiefel?“ Einer von uns beiden lacht. Wir entschließen uns, wieder zurück in Richtung Auto zu gehen. Besser kann es ja nicht mehr werden. Auf dem Rückweg passieren wir die eine der letzten beiden Videotheken des Rhein-Erft-Kreises und schwelgen in Erinnerungen. Wie heldenhaft haben wir uns damals gefühlt, als wir „Gesichter des Todes“ ausgeliehen und dann an einem späten Samstagabend geschaut haben. Über die anderen Filme sprechen wir an dieser Stelle nicht.

Fazit: Ein Besuch in Oberaußem, Niederaußem und Auenheim verändert Dich. Es macht Dich härter und weicher zugleich. Dich und Deine Gesichtshaut.

Die Themen der Woche

Worüber wir sprachen:

  • Die besten Bäckereien der Umgebung. Kai fährt jeden Morgen nach Habbelrath um bei der dortigen Bäckerei einzukaufen. Dan backt gerade selber Brot. Die Idee mit dem Spargelbrot war nur halb gut.
  • Fremdsprachen. Wir erinnern uns an eine unser Touren mit dem Wohnmobil. Damals sind wir zu fünft nach Dänemark gefahren. In einem kleinen Ort suchte wir nach dem Bahnhof und unser Silberrücken Viktor nahm all seine Englischkenntnisse zusammen, um eine  hübsche, junge Frau anzusprechen. Was er fragen wollte, wussten wir, was er fragte, verstanden wir nicht, aber die Antwort der Dame lautete:“ Yes. Half past two.“
  • Die Hüfte. Wir spüren sie zunehmend. Ist das normal? Müssen wir etwas unternehmen? Früher konnten wir nicht lange genug schlafen. Heute werden wir beide nach sechs Stunden wach, weil unser Körper schmerzt. Wobei das auch gelogen ist. Dan muss mindestens einmal in der Nacht raus, um die Blase zu leeren. Da hilft auch kein Granufink.

Die Lieder der Woche

Wir sangen:

  • Dan wachte auf mit „He’s my destiny“ im Kopf. Wo kommen diese Lieder eigentlich her? Auf unserer Wanderung singen wir also die größten Hits von Jennifer Rush. Dazu gehören in unserem Wertesystem neben dem genannten „Tears in the rain“, „Farbenspiel des Winds“ aus Pocahontas (Unser Playback dazu ist allererste Sahne.) , „Ring of ice“ und die Daewoo-Reklame.

Stommeln – Steile Straßen und sexy Superstars

Stommelner Windmühle (Abb. ähnlich)

Der Ort mit den sieben Hügeln

Den heutigen Ort hat Dan ausgesucht. Wir fahren nach Stommeln. Die frühen Jahre seiner Kindheit hat Dan hier verbracht und weiß so einiges zu berichten. Zum Beispiel, dass die neben Henning Krautmacher bekannteste Persönlichkeit des Ortes die selige Christina ist, die im 13. Jahrhundert hier gelebt hat. Die älteren Bewohner des Ortes können sich noch lebhaft an sie erinnern und beschreiben sie als besonderes Kind. Besonders auffällig waren wohl Ihre Anfälle, der ausgemergelte Körper und die Momente, in denen sie in fremden Zungen sprach. Heute wäre das ein Fall für einen Therapeuten, damals reichte das für eine Heiligsprechung.

Weltstars zu Gast in Stommeln

In Stommeln gingen aber vor allem in den 70er bis 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts viele Weltstars ein und aus, und zwar durch die Türen des Tonstudios „Dierks“. Wenn man sich in dieser Zeit auf die Lauer legte, konnte man mit etwas Glück, Berühmtheiten wie Harry Belafonte, Ella Fitzgerald, Lou Reed, Nana Mouskouri, Santana, Tina Turner und Michael Jackson begegnen.

Alle Dreiradplätze sind noch frei

Bevor wir den Wagen auf dem nahegelegenen Josef-Gladbach-Platz abstellen, spielt unser beider Lieblings-Radiosender „Absolut Bella“ einen Welthit des beliebten Gesangsdarsteller-Duos „Die Amigos“. „Weißt Du, was Du für mich bist?“ wird über den Äther geschickt. Wir fragen uns, ob diese „Band“ ihre „Musik“ auch hier in Stommeln aufgenommen hat, können aber trotz intensiver Recherche keine Informationen finden. Dafür erfahren wir, dass „Die Amigos“ einst eine mengenmäßig größere Kombo war, aber bereits einige tapfere Recken nun im Fegefeuer für ihr Werk büßen müssen.

Blick hinter die Fassade

Vom Parkplatz brechen wir auf und gehen von der Nettegasse auf den Kattenberg, der uns besonders durch seine Kargheit imponiert. Hier wurde nicht viel Platz für Grünendes vergeudet. Ein Haus schmiegt sich an das nächste und die wenigen Vorgärten wurden mit Basalt und Granit stilvoll zur vollendeten Tristesse gebracht. Da bekommt selbst der Klapperstorch suizidale Tendenzen und hängt sich gleich mitsamt der Babykleidung an die Leine.

Adebar mag nicht mehr

Windmühle – kastriert

Vom Kattenberg biegen wir zuerst auf die Straße „Zur Windmühle“ und dann auf den „Mühlenweg“, an dessen Ende uns -Überraschung- die Windmühle erwartet.

Zumindest das, was von ihr übrig ist. Anscheinend gibt es im Kreis die Tendenz, sämtliche Mühlen ihrer Flügel zu berauben. Was dann übrigbleibt, könnte genauso gut ein Getreidesilo sein. Edit: Die ersten wütenden Leser*innen-Briefe haben uns darauf hingewiesen, dass die Flügel in regelmäßigen Abständen zur Instandsetzung in die Niederlande geschickt werden. So sehr lieben die Menschen hier ihre Mühle. Wir freuen uns auf den Tag, an dem sie wieder ihre Runden drehen.

Wir gehen durch die Nagelschmiedstraße und passieren den alten jüdischen Friedhof, auf dem definitiv kein Platzmangel herrscht.

Stommelner Phallus

Stommeln ist ja auch bekannt für seine Synagoge, die das dritte Reich unbeschadet überstanden hat, weil ein findiger Bauer sie als seine Scheune getarnt hatte. Leider kann man sie (zumindest momentan) nicht besichtigen. Wir gehen die Weidtstraße hinauf und Kai fällt auf, dass Stommeln doch sehr viel hügeliger ist, als er gedacht hatte. Wir vermuten, dass der Ort wahrscheinlich auf insgesamt sieben Hügeln erbaut wurde und damit mit Fug und Recht als das Rom des Rheinlands gelten könnte. Über die Brunostraße gelangen wir zur weit über die Grenzen des Ortes hinaus bekannten „Hollandsiedlung“.

Tulpen aus Amsterdam

Auf insgesamt sechs Straßen hat sich hier damals ein fanatischer niederländischer Architekt ausgetobt und eine Gedenkstätte der Oranier errichtet. Jedes Haus erinnert an einen holländischen Ferienhaus-Park und in den Vorgärten blühen die Tulpen. Natürlich singen wir beim Wandern zweisprachig „Tulpen aus Amsterdam“.

Lädt zum Verweilen ein

Dann biegen wir in die Straße „Am Hagelkreuz“ ein und Kai muss zweimal auf das Straßenschild schauen, um sicherzugehen, was dort steht. Hier entdecken wir ein Relikt aus scheinbar vergangenen Zeiten: Einen Kaugummiautomaten. Da heute Sonntag ist und Dan Taschengeld bekommen hat, zieht er sich kurzerhand für 20 Cent etwas, das sich „Boulder“ nennt und am ehesten an die farbwechselnden Lutschbälle der 80er Jahre erinnert. Die nächsten 30 Minuten kann Dan nicht mehr viel sagen, weil er mit der Vernichtung des Boulders beschäftigt ist.

Mittagessen: 20 Cent

Über die Venloer Straße gehen wir zurück zur Nettegasse und gehen von dort Richtung Bahnhof. Wir freuen uns, dass die KIrchengemeinde St. Martin die Regenbogenflagge gehisst hat und reden kurz über unsere Zeit als Messdiener (Kai) und Kirchenchorsänger (Dan). Wir haben es beide unbeschadet überstanden. Wir lassen den Bahnhof hinter uns, und gehen an der PAPST-JOHANNES XXIII.-SCHULE vorbei, die der italienischen Gemeinde eher als SCUOLA PAPA GIOVANNI XXIII bekannt ist. Danach biegen wir wieder links Richtung Hauptstraße ab uns gehen langsam wieder zurück zum Auto.

Die Themen der Woche

Worüber wir sprachen:

  • Verflossene und ihren Wert für unsere seelische Reifung. Eines Tages werden wir das vielleicht auch ausführlicher auf dieser Plattform beschreiben.
  • Den Nachwuchs und seinen plötzlichen Unwillen, Mittagsschlaf zu halten.
  • Den Versuch mancher Orte, sich einen urbanen Anstrich zu verleihen. Die meisten scheitern kläglich.
  • Die lustigsten, skurrilsten und abstrusesten Trauerfeiern, die wir erlebt haben.
  • Ehemaliges Lehrpersonal, das sich an uns die Zähne ausgebissen hat.

Die Highlights der Woche

  • Der Kaugummiautomat
  • Die Heilpraktikerin, die anscheinend mit Perlwein arbeitet.
  • Der ansprechend gepflegte Parkbereich der Hollandsiedlung.

Die Lieder der Woche

Wir sangen:

Büsdorf – betonierte Plätze und Blockbuster

Idyll nicht für Jedermann

Einer der zumindest unter Cineasten bekanntesten Orte des Rhein-Erft-Kreises ist zweifelsohne Büsdorf. Zur Kreisstadt Bergheim gehörend liegt der malerische Ort auf den Ausläufern der Ville-Erhebung, unweit von Niederaußem und Oberaußen und damit auch des Kraftwerkes Niederdaußem, auf das man fast überall in dieser Region einen herrlichen Blick genießen kann.

Eben jenes malerische Kraftwerk war dann auch in Filmen wie „Knockin‘ on heaven’s door“ oder dem weitaus beliebteren Machwerk „Ballermann 6“ zu sehen, spielten sie doch (auch) in Büsdorf (bzw. Bergheim). Der Satz „Jeder Kriesch jejen Berschheim is e ne verlorenee Kriesch“ wird heute noch gerne in der Umgebung zitiert.

Charlies Schokoladenfabrik ohne Schokolade

Wer als „Hobby“ in Poesiealben gerne „Shoppen“ einträgt, sollte besser nicht nach Büsdorf reisen, wird er doch enttäuscht werden, auch wenn der örtliche Kiosk einige Schätze birgt. Ansonsten zählen noch ein Kindergarten und eine Gaststätte zu den infrastrukturaufwertenden Einrichtungen. Ein weiteres Highlight ist selbstverständlich der Bus der Linie 923 nach Pulheim.

Sichtschutz für Monk-Fans

Karneval in der Tropfsteinhöhle

Wer im nördlichen Rhein-Erft-Kreis, the kreis formarly known as Erftkreis, aufgewachsen ist, der ist wahrscheinlich vor vielen Jahren schon einmal in den Genuss gekommen die berüchtigte Karnevalsfreitagsparty im Festzelt zu Büsdorf erlebt zu haben. Gefühlt 2000 Menschen genossen damals den Tag nach Weiberfastnacht auf dem Dorfplatz, feierten ausgelassen zu Musik, die auch im Soundtrack zu „Ballermann 6“ hätte auftauchen können. Wichtig, das wussten aber nur echte Insider, war es, das Geschehen spätestens gegen Mitternacht zu verlassen. Ab diesem Zeitpunkt regnete langsam das sorgsam angesparte Kondenswasser von der Zeltinnenbeschichtung und sorgte für eine ungewohnte Erfrischung. Viele Menschen werden das damals sicher kaum noch wahrgenommen haben.

Die Themen der Woche

Worüber wir sprachen:

  • das diesjährige Osterfest unter Pandemiebedinggungen
  • die absolut übersichtlichen Bestimmungen von Land und Gemeinde zum Öffnungsverfahren lokaler Einzelhandelsgeschäfte
  • den viel zu frühen Tod eines lokalen Schuhmachermeisters

Die Highlights der Woche

  • Nostalgische Erinnerungen an längst vergessene Karnevalspartys

Die Lieder der Woche

Wir sangen:

Buir – zwischen Braunkohle und Bundesautobahn

Peter Lustig hatte sämtlichen Löwenzahn
mitgehen lassen

Mit Kais sportlichem Hybrid-Automobil fahren wir Richtung Tagebau Hambach. Unser Ziel ist der Kerpener Stadtteil Buir, den wir das letzte gemeinsam vor 25 Jahren besucht haben. Dort wohnte damals unser Mitschüler Sven, der uns und schätzungsweise 40 weitere Leute zu einer Party (wie nennt man das heute eigentlich?) eingeladen hatte. Ich erinnere mich nicht mehr an viel von diesem Abend. Wie so einige Treffen in dieser Zeit, liegt alles unter einer großen Nebelwolke verborgen, an deren Entstehen weder Kai noch ich beteiligt waren.

Tibet in Buir

Woran ich mich noch erinnern kann, ist allerdings die elterliche Bibliothek. Svens Mutter war anscheinend damals eine große Freund von Anthroposophie , Yoga, alternativen Heilmethoden und tibetanischer Tanzrituale. Ich habe mir über den Abend verteilt bestimmt fünf Bücher ausgiebigst angeschaut und war erstaunt, was es noch alles zu entdecken gab. Am meisten in Erinnerung geblieben ist mir das Buch über Atemtechniken zur Heilung verschiedener Krankheiten und Gebrechen. Bei Sodbrennen sollten man zum Beispiel seine Zunge rollen, und die Atemluft langsam über das so entstandene Rohr einsaugen. Der dadurch eintretende Kühlungseffekt sollte die Speiseröhre beruhigen. Ich bin kein Mediziner, aber noch heute denke ich, dass doch normalerweise die Atemluft es gar nicht bis in die Speiseröhre schaffen sollte, oder täusche ich mich da?

Wie auch immer. Buir. Was gibt es groß über einen Ort zu erzählen, dessen Wikipedia Eintrag mit den folgenden Worten des Lobpreises beginnt: „Buir liegt ganz im Westen des Stadtgebiets von Kerpen und direkt an der Bahnstrecke Köln-Aachen sowie der Bundesautobahn 4, die beide unmittelbar im Norden am Ort vorbeiführen“ ? Nicht viel, sollte man meinen. Aber wir wären nicht die zwei neugierigen, forschenden Recken, die wir sind, wenn wir nicht auch noch die letzten Geheimnisse dieses scheinbar harmlosen Ortes zu Tage befördern würde. 

So können wir also die folgenden wichtigen Informationen teilen:

  • Die Büsch-Bäckerei , die in der lokalen Edeka-Filiale untergebracht ist, schließt sonntags bereits um 11:00 Uhr. Selbst um 11:02 Uhr hat man keine Chance mehr, an Backwaren zu gelangen, weil die sehr abgekämpft wirkende Bäckereifachverkäuferin die Kasse bereits runtergefahren hat und nun wirklich nicht mehr, also, selbst, wenn sie wollte, also, das geht nun wirklich nicht.
  • Dafür hat die Niederlassung der Bäckerei Schneider bis 17:00 Uhr geöffnet. Die Auslage ist übersichtlich aber auch ansprechend. Man kann sogar etwas kaufen und erst später abholen. Die Menschen, die dort arbeiten sind sehr freundlich, bemüht und der örtliche Dialekt ist nicht so stark ausgeprägt.

Zum ersten, zum zweiten, zum letzten

Christian Grey fehlten 27 Cent

Es gibt eine sehr aktive Mai-Gesellschaft, die sich vor allem in der Bewerbung der jährlichen Frauenversteigerung durch Dezenz, Stil und geschmackvolle Subtilität auszeichnet. Hier bleiben wenig Fragen offen.

BH für Amazonen

In Buir wohnen Tierfreunde. Auch wenn man das ganze Grundstück schusssicher einzäunt, kann man doch ein kleines Guckloch für Struppi lassen. So bekommt der geliebte Vierbeiner noch genügend mit von der Welt dort draußen und neugierige Nachbarn haben wenigstens die Möglichkeit, sich zu knien und durch das Guckloch einen kleinen Blick auf Garten und Terrasse zu erhaschen.

St. Anton im Sommer

Die angrenzende Bahnstrecke und Autobahn laden zu einem vergnüglichen Spaziergang ein. Natürlich nicht auf ihnen, sondern zwischen ihnen. Ein kleiner Pfad, der von einer unsagbar langen Solarzellenstrecke gesäumt wird, verstärkt den Eindruck der Trostlosigkeit um ein Vielfaches und erscheint uns vor allem für Menschen, die nicht zu viel Natur in ihr Leben lassen wollen, interessant. In der nicht allzu weiten Ferne fällt der Blick auf den Tagebau Hambach, der vor allem mit seinen unterschiedlichen Braun- und Grautönen eine Beleidigung für das Auge ist. Die Bank, die an dieser Stelle zum Verweilen einlädt, erscheint wie das Machwerk eines menschenverachtenden Zynikers.

Leider war alle Landschaft schon mitgenommen

Darüber hinaus kann man aber feststellen, dass es in Buir durchaus einige schöne Ecken und Gebäude gibt. Besonders die Gründerzeitvillen, der alte Bahnhof und das ehemalige Rathaus sind sehr ansehnlich und lohnen den Spaziergang. In Richtung Merzenich laden die Feldwege zum Flanieren ein. Keckerweise hat man diese mit Tiernamen versehen, so dass wir entlang des Hasenweges bis zur Kreuzung Schmetterlingsweg gelaufen sind. Dort steht auch ein Insektenhotel von einer Größe, die manchen Eigenheimbesitzer in neuzeitlichen Neubaugebieten neidisch werden lässt.

Fazit: Buir ist bestens geeignet für Menschen, die es eher still mögen und gleichzeitig die Vorteile einer regen Vereinslandschaft zu schätzen wissen. Hier werden Traditionen noch gepflegt. Das Schönste ist wahrscheinlich die Anbindung an die S-Bahn Linie zwischen Köln und Aachen. Ein kurzer Besuch am Sonntag ist aber allemal zu empfehlen und wenn man es vor 11:00 Uhr schafft, kann man sich bei der Bäckerei Büsch auch noch etwas holen.

Die Themen der Woche


Worüber wir sprachen:

  • Den viel zu frühen und tragischen Tod von Willy Herren. Dementsprechend auch über TV-Formate, die an Menschenverachtung nicht zu übertreffen sind und über ehemalige Lindenstraßenbewohner, die nun endlich nochmal ihr Gesicht in die Kamera halten können, um solch weise Worte wie:“ Der Willy wollte immer höher hinaus. Jetzt hat er es in den Himmel geschafft.“ zu sagen.
  • Die Aktion #allesdichtmachen , die von größtenteils bekannten Schauspieler*innen ins Leben gerufen wurde. Wie kann man allen Ernstes behaupten, dass die Medien unkritisch berichten würden und keiner mehr irgendetwas kritisch hinterfragen würde? Alleine Markus Lanz fragt so viel kritisch nach, dass für Studiogäste, die nicht zur Regierung gehören eigentlich nur noch aus Dekorationszwecken dort sitzen. Es wird alles hinterfragt und das ist auch in Ordnung so. Die Aktion dieser Schauspieler*innen ist an Dämlichkeit und Stümperhaftigkeit nicht zu überbieten. Das macht die handelnden Personen aber nicht zu Nazis oder Corona Leugnern, sondern einfach nur zu geistigen Blindschleichen.
  • Wegen Willy Herren auch über diverse Drogen. In unserer Jugendclique wurde viel gekifft und mitunter auch andere Dinge genommen. Ein paar der damaligen Freunde sind klebengeblieben. Wir beide konnten nie etwas mit dem Zeug anfangen und sind da mittlerweile sehr dankbar für.
  • Die Bundes-Notbremse und die Unfähigkeit der nordrheinwestfälischen Landesregierung, diese zu übernehmen. Das wirklich Tragische an der Sache ist, dass anscheinend bei den Entscheidungsträgern niemand mehr weiß, was nun gilt. Die Aussage der Ordnungsamt-Mitarbeiterin „Ich sollte vielleicht mal die 27 Seiten Verordnungstext lesen“ muss an dieser Stelle nicht weiter kommentiert werden.

Die Lieder der Woche

Wir sangen:

Die Flippers mit „Lotusblume

Auf „Absolut Bella“ lief „Japanese boy“ von Aneka und wir sind in Stimmung gekommen. Mit viel Effet sangen wir also während der ganzen Wanderung ungefähr alle fünf Minuten: „WohoWoho Woho Woho Woho“ . Ein tragisches Schicksal.