Spazieren im Speckgürtel – Efferen und Hermülheim

Solange die Sonne noch scheint und die Sonntage noch nicht allzu trist sind, möchten wir noch ein paar schöne Orte im Rhein-Erft-Kreis erleben. Schließlich haben wir im zur Neige gehenden Jahr (und auch im Jahr davor) so einiges gesehen, was sich nur durch eine Delfin-Therapie verarbeiten lässt. So beschließen wir also, zwei Hürther Stadteile zu besuchen, von denen einer dem Besserverdiener unter uns wohlbekannt ist. Auf der Hinfahrt reden wir über all die Orte, die wir bis jetzt besucht haben. Seit knapp zwei Jahren sind wir nun unterwegs und haben noch immer nicht den Rhein-Erft-Kreis verlassen. So, wie es aussieht kann das auch noch lange dauern, bis es soweit ist.

In diesem Bild hat sich irgendwo eine Karotte versteckt. Finden Sie sie?

Jetzt aber erstmal Richtung Hürth. Anscheinend sind wir nicht die einzigen Menschen, die dort ihren Sonntagvormittag zu verbringen gedenken. Zahlreiche Familienkutschen haben das gleiche Ziel wie wir mit unserem Hybrid-Liegewagen. Unser Plan, das Auto am „Gertrudenhof“ zu parken, geht so gerade noch auf. Schon wenige Minuten später sind alle Parkplätze besetzt von Vans in allen erdenklichen Nuancen von schwarz und versehen mit kleinen Namensaufklebern, die in kecker Schrift verkünden, wie die Brut heißt, die zumeist mitfährt oder eben an diesem Tag das Gelände des Bauernhofes stürmt, um Tiere zu tyrannisieren, Karussells zu kapern und alles in sich hineinzupfeifen, was der Waffelstand hergibt. Ähnliches nehmen wir uns für den Abschluss der Tour vor.

Kindertagesstätten müssen sich auch immer mehr einfallen lassen

Wir durchwandern die Lortzingstraße und machen uns erstmal auf in Richtung Efferen. Ein bisschen klingt der Ortsteil immer, als habe ihn sich Frau Wutz aus „Urmel aus dem Eis“ einfallen lassen. Tatsächlich streiten sich bis heute die gelehrten Menschen, was der wohklingende – zumal, wenn er mit rheinischem Intonation ausgesprochen wird – Name zu bedeuten hat. Infrage kommen vor allem Übersetzungen wie „Friedhof“ und „Klärbecken“. Beide nicht sonderlich schmeichelhaft. So vielen anderen Orte, die wir besucht haben, würde diese Auszeichnung besser stehen.

Efferen wird von der Luxemburger Straße durchschnitten. Der westliche Teil ist nicht nur der ältere und größere, sondern auch der eindeutig schönere. Das Zentrum bildet die Burg Efferen, deren Geschichte bis in das 14. Jahrhundert zurückreicht. Manche der Alteingesessenen erinner sich noch an die Grundsteinlegung. Rund um das alte Gebäude schlägt auch das Herz des Ortes. Hier findet sich eigentlich alles, was man zum Überleben braucht: Blumenladen, Burgschenke, Friseur- und Fliesenfachgeschäft. Der Burgpark lädt zum Lustwandeln und zum Bestaunen des Gefallenendenkmals ein.

Jeden Sonntag im Park: Muttis eingemachte Kippen. So lecker.

Über die Ritter- und Kaulardstraße gelangen wir zur Luxemburgerstraße, die wir wagemutig überqueren. Wir gehen durch den Hönninger Weg und finden uns schon bald in Småland wieder, so zumindest muten die Bauten hier an.

Die Pläne der Ortsgemeinschaft Efferen, eine eigene Freiheitsstaue zu errichten, scheiterten an den unterschiedlichen Vorstellungen.

Tatsächlich befinden wir uns im Studierendendorf Efferen, das mit seinen sehr skandinavisch anmutenden Bauten ein wenig Lindgren-Gefühl verbreitet. Wir singen „Zwei mal drei macht vier, widdewiddewitt und drei macht neune. Ich mach‘ mir die Welt widdewidde wie sie mir gefällt“ und gehen beschwingt weiter. Dann fällt uns Andrea Nahles ein und schlagartig ist die gute Laune dahin. Also beschließen wir noch, einen kurzen Abstecher nach Kalscheuren zu machen, was eine gewisse Zeit lang so etwas wie unser zweites Wohnzimmer gewesen ist. In den Fernsehstudios dort sahen wir die April-Hailer-Show, die Dirk-Bach-Show, machten Markus Lanz darauf aufmerksam, dass er noch Spinat zwischen den Zähnen hat und schauten diversen Menschen beim Tanzmarathon zu. Es waren gute Zeiten. Darüber hinaus ist Kalscheuren so spektakulär wie eine Packung Frischkäse. Wir landen beim Weitergehen in einer Sackgasse, die vorher nicht als solche ausgewiesen war, verfluchen den Bauhof und das Straßenverkehrsamt und trotten weiter. Irgendwann überqueren wir wieder die Luxemburger Straße und sind zurück im alten Teil von Effe (so nennen es die hippen Menschen).

Ort des Glücks, Ort der Qualen. Das Fernsehstudio, in dem sowohl „Lukas“ als auch die April Hailer Show aufgezeichnet wurde.

Es gibt ja Ortsteile, die fließend ineinander übergehen. Efferen und Hermülheim hingegen trennt eine Höchstspannungsleitung. Hier wird man sehr eindeutig darauf aufmerksam gemacht, dass man nun die Grenze überschreitet und die Heimat der Elite verlässt. Hermülheim ist eher, sagen wir mal bodenständig.

Wintergarten für eine Person, die ungern sitzt.

Über die Krankenhausstraße gelangen wir zur Kirche St. Severin und biegen von dort in die Severinusstraße ein. 38 Schritte später stehen wir im Deutschordenweg und befürchten erst, dass jede Sekunde Menschen in Harnischen oder zumindest hoch zu Ross unsere Wege kreuzen, aber es bleibt relativ unspektakulär. Die Häuser, die hier stehen, erinnern an eine Mischung aus Schrebergarten und „Roompot Park“. Wer eine heimliche Liebe für Flachdacharchitektur hegt oder die Vielfalt der Vorgartengestaltung genießen will, wird hier fündig. Am Ende des Weges treffen wir dann doch auf Ritter, zumindest auf Menschen, die Werte wie Heimat und Tradition pflegen. Die St. Hubertus Schützenbruderschaft steht mit einer kleinen Abordnung vor einem Kriegerdenkmal und bläst zum Gedenken. Vor Rührung steigen uns die Tränen in die Augen und wir verharren kurz andächtig. Als die Gewehre angelegt werden, ziehen wir dann aber doch weiter und betreten den Burgpark, durch den sich herrlich flanieren lässt. Es gibt einen aufschlussreichen Baumlehrpfad und viele Stellen, die zum Verweilen einladen.

Nicht im Bild: Das Bläserkorps der Schützen.

Als wir an den Abenteuerspielplatz gelangen, dämmert es einem von uns, dass er den Ort kennt. Irgendwann in den 90er Jahren ist er hier mit einer Gruppe nordirischer und deutscher Jugendlichen gewesen und erinnert sich heute noch lebhaft daran, wie er von der Betreuerin Ilona eine schallende Ohrfeige verpasst bekommen hat. Und das nur, weil er Sand auf eine Lauf-Drehscheibe geworfen hat und die Menschen, die sich darauf befanden dann ins Trudeln gekommen sind. Ilona, das war ziemlich übetrieben.

Nun bricht sich eine posttraumatische Belastungsstörung Bahn und die Stimmung sinkt kurzzeitig in den Keller. Ein wenig besser wird sie als wir den Burgpark verlassen und durch den Komturring gehen. Im Prinzip handelt es sich hier -nicht nur namentlich- um die Verlängerung des Deutschordenweges. Solche Häuser werden ja heutzutage gar nicht mehr gebaut. Das ist schade, aber auch ein bisschen schön. So muss man schon wohnen wollen.

Ewig fragten wir uns, was wohl „Buxustuben“ sind. Es hat gedauert.

Wir landen auf der Sudetenstraße und gehen von dort aus zum Gertrudenhof. Mittlerweile ist das Gelände voller als jedes All-inclusive-Hotel in Alcudia zur Sommerzeit. Es riecht nach Bratwurst, Glühwein und vollen Windeln, aber wir lassen uns nicht beirren. Hofmärkte haben eine magische Wirkung auf einen von uns und so nennt er nach kurzer Zeit drei Kürbisse, zwei Kohlrabi, einen Laib Brot und ein paar Kekse sein eigen und das alles zum lachhaften Gegenwert eines viertägigen Wellness-Urlaubes. An der Kasse singen wir noch kurz mit der freundlichen Dame „Hey Kölle“ und kämpfen uns dann durch die Menge zurück zu unserem Auto.

Wir sprachen über:

  • Botox und Filler. Wir wollen an dieser Stelle nicht urteilen, aber durchaus eine Bitte äußern: Sollten wir jemals unsere schlaffe Haut straffen und die entstandenen Hohlräume auffüllen wollen, erwarten wir von unserer Leserschaft ein entschiedenes Eingreifen in dem Moment, in dem unsere Gesichter an Delfine erinnern. Ein kurzes Keckern oder das Codewort „Flipper“ reichen da vollkommen aus.
  • Dirk Bach. Was hat er uns die Jugend versüßt mit seiner Komik. Noch heute lachen wir über Schlonz.

Ohrwurm des Tages:

  • Auf Absolut Bella schreit uns Rainhard Fendrich „Soy tu vida“ entgegen. Wir möchten das nicht, können uns aber auch irgendwie nicht wehren. Sofort fallen uns andere Meisterwerke des Austropop-Künstlers ein, die wir abwechselnd singen. Immer wieder erklingt an diesem Tag „Es lebe der Sport“ , „Weus´d A Herz Hast Wie A Bergwerk“ und „Macho, Macho“.

Mit allen Sinnen: Sinnersdorf

Was macht man an einem typisch-deutschen Herbsttag, dessen Ödnis aus jeder Pore langsam emporquellt? Man sucht sich eine passende Ausflugsdestination, die einen emotional nicht zu sehr ins Wanken bringt. Kurz: Der perfekte Tag, endlich nach Pulheim-Sinnersdorf zu fahren. Ein Ort, dessen bloße Existenz einem von uns bislang völlig verborgen blieb. Was sollte uns dort erwarten? Ein Quell menschlicher Freude, architektonisch alles in den Schatten stellende Bauwerke, Kunst, Kultur und Tschingderassassa? Leider all das nicht. Wer aber schnell zufriedenzustellen ist, nicht weiß, dass der Rest der Menschheit schon aufrecht geht und Dr. Mabuse für einen seriösen Arzt hält, der sei hier herzlich willkommen.

Rush hour. Unerträglich

Knapp 6.000 Menschen nennen Sinnersdorf ihre Heimat und die sind (auch) politisch scheinbar auf Konstanten gesinnt. der Ortsvorsteher ist seit 1994 im Amt – keine lange Zeit, wenn man allerdings die Ortsgeschichte betrachtet. Im Jahre 1230 fand Sinnersdorf zum ersten Mal urkundliche Erwähnung als „Sunrisdorp“. Der Sohn eines angelsächsischen Eiflers wachte dort in einem Spargelfeld aus seinem abendlichen Suff auf als die Sonne seinen Nasenwipfel streichelte – so ward der Name geboren.

Die purpurnen Flüsse (Abbildung ähnlich)

Im Westen der Gemeinde bietet der Kölner Randkanal bis heute ein nahezu natürliches Bollwerk gegen anrückende marodierende Pulheimer, östlich der Ortsgrenzen frisst sich die A57 ihren Weg durch die rheinische Tiefebene. Kann ein Ort schöner liegen? Ja! dennoch versuchen die Sinnersdorfer das Beste aus der Situation zu machen und sind so ihrer Zeit weit voraus:

Irgendwo ist immer Sommer

Auch an uns Ortsfremde hat man im Pulheimer-Ortsteil gedacht. Wie oft ist man als Tourist in fremden Gefilden unterwegs, hat seinen „lonely planet Pulheim“ nicht zur Hand und irrt orientierungslos durch die Gegend?! Wir alle kennen das. Damit man sich in Sinnersdorf nicht in die dunklen Ecken verirrt und von brandschatzenden Vasallen heimgesucht wird, hat man einen herrlichen Stadtrundgangsvorschlag erarbeitet und vor vielen Dekaden veröffentlicht. Doch: Schönes bleibt:

Tourismus 2.0

Während Gastronomen, Einzelhändler und Gesundheitsdienstleistungen vielerorts auf dem Rückzug sind und leere Ladenlokale das Stadtbild bestimmen, kennt man in Sinnersdorf zumindest dieses Problem nicht. Wo sonst auf der Welt sind Hygiene-Coaching-Angebote und Bundeskegelbahnerlebnisse so nah beieinander? Progressiv, dieses Sinnersdorf:

Alfred kegelte gerne

Was Sinnersdorf auszeichnet: Hier wird gerne das Zeitliche gesegnet – bietet der kleine Ort doch gleich zwei Friedhöfe. Einmal den „Alten Friedhof“ und einmal (Kreativität bei der Namensauswahl) den „Neuen Friedhof“. Laut Google-Rezensionen scheint der alte Friedhof nicht so gut abzuschneiden, ist er doch bislang mit nur einem von fünf Sternen bewertet worden. Anders die Situation am neuen Friedhof. Der vereint ganze 3,5 Sterne auf seinem Konto, kann laut Google- und Friedhof-Nutzer Umberto E. jedoch nicht mit seinen sanitären Anlagen überzeugen („Schlimme Toiletten, sonst nett“). den meisten dort, wird dies aber wahrscheinlich egal und/oder nicht mehr wichtig sein. Doch: Neben scheinbar katastrophalen Keramikabteilungen sorgen auch finstere Gesellen für Unmut in Friedhofsnähe:

Deswegen auch nur sehr, sehr wenig Autos

Wer die Eurocheques also seit 1985 im Handschuhfach seines Nissan Micra transportiert sollte in Sinnersdorf Vorsicht walten lassen. Dafür herrscht hier keine Parkplatznot – es hat einfach alles Vor- und Nachteile. Am besten aber flü…ist man hier zu Fuß unterwegs. Am besten in Richtung Colonius.

„Wir machen den Weg frei“ – Volksbanken, Raiffeisenbanken

Ohrwurm des Tages:

Was wären unsere sonntäglichen Touren ohne das feindefinierte Musikgefühl des „Absolut Bella“-Playlistautomaten, der absolut gewissenlos die Songs aneinanderreiht wie Homer Simpson seine Nachtische. Frei nach dem Motto: „Schmeckt nicht, gibt’s nicht.“ Und so freuten wir uns über Musikgut aus unserem fantastischen Nachbarland Frankreich. Gérard Christian Eric Lenorman schmalzte irgendwas weltfremdes über fröhliche Menschen…

Die musikalische Weltreise endete aber nicht in La France, sondern führte uns auf dem Rückweg noch in das Land der tiefen Schluchten und hohen Berge. Der „süßeste Export seit Toblerone“ (frei nach Charlie Wagners Anmods bei WDR4) verunsicherte uns siebenmal mit einem Popschlager aus der Zwischenwelt:

Und tatsächlich: So multikulturell wie diesmal war „Absolut Bella“ selten. Nur Minuten später überraschte der Playlistapparat mit Musik aus Israel – zum einfacheren Verständnis aber filigran auf Deutsch übersetzt. Schlager-Ikone Daliah Lavi entführte uns nach „Jerusalem“. Passt, denn an der Klagemauer fühlen wir uns wohlig.

Rohrglühe in Pulheim

Neue Woche – neues Glück (Ka Ching! 50 Cent ins Phrasenschwein). An einem wirklich herrlichen Herbsttag wollen wir uns unser sonniges Gemüt nicht durch wolkenverhangene dunkle Kraftwerkswolken im nördlichen Rhein-Erft-Kreis belastet sehen und fahren gen Pulheim. Diesmal kein Vorort, kein Randbezirk, diesmal geht’s direkt Richtung Downtown, direkt ins Herz der Stadt nahe der Kölner Stadtgrenze.

Daniel Düsentrieb war noch mal schnell Schrauben holen

Unseren dieselbetriebenen Reisebus parken wir am „Walzwerk“ an der Rommerskirchener Straße. Wo einst schwere Maschinen von kräftig-gestählten verschwitzten Männern in weißen Rippshirts bedient wurden, der Stahl ächzte und Dampf aus alles Rohren entwich, hat sich der Strukturwandel schon lange vollzogen. Heute finden sich auf dem Gelände eine pittoreske Weinbar, special interest-Geschäfte des gehobenen Bedarfs (wer Golfoutfits jenseits der Willy Bogner-Kollektion sucht, ist hier gut beraten) und eine Art Kirche. Menschen ohne Schuhe singen fröhliche Lieder und tänzeln durch das Atrium – erinnert ein wenig an den Tag der offenen Tür auf der „Insel der Träume“ im ZDF einst, scheint aber durchaus ein ernstgemeintes Spektakel.

Bei Urologen gefürchtet

Mit gut 56.000 Einwohnern jeglicher Couleur ist Pulheim eine der größeren Städte des Rhein-Erft-Kreises, fast die Hälfte lebt direkt in der Stadt Pulheim. Ganze neun Menschen leben dabei im Ortsteil Orr, er ist damit einer der kleinsten Ortsteile der Republik. Da kann ein potenter Jüngling quasi in einer Mainacht die Bevölkerungszahl verdoppeln.

Pendlerparadies Pulheim

Nirgends sind Biergartenauflagen gemütlicher, nirgends das Ambiente heimeliger als bei Graf Vlad

Pulheim wird oft als Schlafstadt verrissen, hier würden vorrangig Menschen wohnen, denen die Mieten und Grundstückspreise im direkt benachbarten Köln zu hoch sind, doch damit tut man der Stadt Unrecht. Tatsächlich haben sich die Einwohnerzahlen in den vergangenen 70 Jahren kaum verändert, allerdings ist in Pulheim auch weniger Industrie entstanden als in vielen anderen Gemeinden des Kreises. Das hat natürlich auch Vorteile, denn es lebt sich gut in der Stadt und das Stadtbild ist nicht geprägt von Schloten, Kraftwerken oder Bauruinen.

Moderne Architektur schmiegt sich nahtlos-schön in das Stadtbild

In der Innenstadt findet man noch Geschäfte des täglichen Bedarfs (ein Glücksfall für jeden Makler, der mit Aufnahme dieses Satzes in die Portfolien seiner Liegenschaften spontan den Preis noch mal um fünf Prozentpunkte anheben kann).

Jetzt alle mal buchstabieren und staunen

Die Stadt blickt auf eine lange Geschichte zurück, wurde bereits von den Römern genutzt, die hier viele Gutshöfe und Landsitze errichteten. Wer in Colonia etwas Zerstreuung suchte und mit einem Trupp pensionierter Centurios einen Gespannwagenausflug machte, fand sich nicht selten in einer Marktbeschickerfestivität in einem abgelegenen Landgasthof in Pulheim wieder, in dem ihm wärmende Decken, nietenbeschlagene Lederslips und Rinderhälften angedient wurden (Teilnahme freigestellt).

Pfiffige Pulheimer erfanden einst den sich selbst abwaschenden Tisch

Auch wer gerne „gutbürgerlich“ zu speisen pflegt, der findet hier allerlei Möglichkeiten Gerichte wie „Forelle Müllerin Art“ oder „Rindernierchen deftig“ – wer es lieber exotisch mag, der bestellt sich die „Puszta Platte“ oder einen „serbischen Feuertopf“.

Wer will hier nicht gejagt werden

Zusammenfassend kann man sagen, dass uns die zweieinhalb Stunden des Lustwandelns durch Pulheim nicht unangenehm berührt haben, dass es mitunter tatsächlich sehr angenehm war und sogar der ein oder andere Passant freundlich grüßte. Absolut ungewöhnlich in vielen Gemarkungen des „Rhein-Erft-Kreises“.

Bauen neu gedacht: Erst das Gartentor, dann das Haus

Helle, freundliche Gotteshäuser laden zum Verweilen ein

Wir sprachen über:

  • Wochenendtrips an die Grenzen des Verstandes. Einen von uns führten diese jüngst ins Sauerland, den anderen in die Bretagne. Da kann man sich nun streiten, wer bei der Reiseauswahl nicht unter Fortunas Füllhorn stand.
  • Freikirchliche Gemeinden und ihr Bestreben unschuldige Seelen zu köchern. Solange die Stimmung gut ist und man „Hevenu schalom alejchem“ im Kanon singen kann, geht das unserer Meinung in Ordnung.

Ohrwurm des Tages:

Zwei alte Zirkuspferde wie wir nutzen natürlich jede Treppe wie eine Showtreppe – so auch am Bahnhof in Pulheim. Hier sind die Treppen besonders lang, steil und für Gehbehinderte eine Herausforderung – und auch für uns, die wir sie tänzelnd hinunterschweben, mit folgendem Liedlein auf den Lippen:

Welcher Sender in der deutschsprachigen Medienlandschaft kann so galant auch noch so abstruse Genrewechsel in der Musikauswahl arrangieren, dass es einem die Falten aus den Testikeln zieht? „Absolut Bella“ bleibt einfach der Garant für einen progressiven Playliststil. Erst schaute Schlagerbaronesse Claudia Jung in die Scheinwerfer des entgegenkommenden Wagens….

… bevor dann „Schlag auf Schlag“ der sympathischste Kotzbrocken Italiens für gute Stimmung in unserem Großraumtaxi nach Hause sorgte.

Hart, härter, Kirchherten.

An diesem Sonntag spüren wir das erste Mal den Herbst nahen. Zarte Nebelschwaden ziehen über die Felder, die Landschaft ist in dumpfes Grau getaucht und die Sonne will sich kaum zeigen. An solchen Tagen hat man die Wahl zwischen einer erquicklichen Wanderung in einem farbenfrohen und lebendigen Ort oder diversen Bedburger Stadtteilen. Wir entscheiden uns für letzteres und fahren nach Kirchherten.

Gänsehaut

Auf der Hinfahrt beglückt uns unser Lieblingssender „Absolut Bella“ mit etwas Liedähnlichem, das vom neuen Stern am Schlagerhimmel, Ramon Roselli, intoniert wird. Musik, die sonst nur um drei Uhr morgens im „Venuskeller“ läuft. Schlagartig stellt sich bei uns Gänsehaut ein. Es soll nicht die letzte des Tages sein.

Kirchherten liest sich auf dem Blatt ganz nett. Es gibt ein ehemaliges Kloster, eine neugotische Kirche mit spätgotischem Turm, eine evangelische Hauskirche aus dem 17. Jahrhundert und zahlreiche Wegkreuze. Dass es aber auch viel Brutalismus, fragwürdige Bauten, trostlose Fassaden und wahrhaft beängstigende Anlagen gibt, verrät einem natürlich mal wieder keiner. Danke für nichts.

Grauen

Unseren Flitzer mit Tiefeinstieg parken wir direkt an der Klosterresidenz Maria Hilf. Das Einizige, was an dieser Bezeichnug stimmt ist „Hilf“. Das ist nämlich der Ausdruck, der einem unweigerlich über die Lippen kommt, wenn man das Gebäudeensemble samt seiner Außenanlage betrachtet. An dieser Stelle zitieren wir mal die Homepage der sogenannten Residenz: „Unsere Residenz bietet mit ihrer hellen, großzügigen Architektur viel Platz und ein echtes Wohlfühlambiente. Bei schönem Wetter laden teilweise überdachte Terrassen mit bequemen Sitzgelegenheiten und ein großer Garten zum Wohlfühlen im Freien ein.“ Über das Innere können wir nichs sagen (und wohlgemerkt auch nicht über die Leistung des Pflegepersonals, vor der wir grundsätzlich den Hut ziehen). Über das Äußere möchten wir kein Wort verlieren. Stattdessen lassen wir hier doch einfach mal Bilder sprechen:

Der Klimawandel fordert uns alle. Mehr Urwald in Deutschland!

Naja, wenigstens fügt sich die Anlage sehr geschmeidig in die unmittelbare Umgebung ein. Es mag sein, dass die Tristesse, die über diesem Tag liegt, ein wenig negativ auf unsere Wahrnehmung abfärbt und dass es bei Sonnenschein hier wirklich wunderschön ist, aber dieses leichte Grauen, das uns auf unserem gesamten Weg begleitet, kann auch von zehn Sonnen nicht schöngeschienen werden. Wir durchpflügen die Marienstraße, beten vier Ave-Maria und hoffen auf himmlischen Beistand. Die Hausbesitzer in dieser Straße haben auf jeden Fall ein untrügliches Gespür für originelle Gestaltung und überraschende Kulissen.

Geben Sie Einbrechern keine Chance. Schließn Sie stets alle Türen ab.

Gartengestaltung

Wir sind seit gut zwei Jahren im Rhein-Erft-Kreis unterwegs und haben wahrhaft Verstörendes gesehen. Jedes Mal denken wir uns, dass es nicht mehr schlimmer kommen kann. Jedes Mal müssen wir feststellen, dass wir uns geirrt haben. Niemand hätte uns darauf vorbereiten können, was uns am Ende der Marienstraße als Vorgartenverschönerungsmaßnahme erwarten würde. Noch heute fehlen uns die Worte, um all die Gefühle zu beschreiben, die unser Herz im Anblick dieses Fiebertraums durchfuhren.

Medusa hat ihr Talent im Laufe der Jahrhunderte verfeinert.

Nach ungefähr sieben Minuten der Fassungslosigkeit gehen wir weiter und schreiten durch die Straße Mollsend, die schon bald auf ihre Schwester Lamersend trifft. Alles hat ein Ende, nur Kirchherten hat mehrere und keins davon könnte ein Anfang sein. Wir gehen weiter, laufen durch Pulverturm und Karl-Gatzen-Straße. Letzterer war 13 Jahre Bürgermeister von Kirchherten und gehört somit zu den großen Söhnen des Ortes. Leider hat die Handwerksbäckerei Boveleth schon geschlossen. Es ist ja auch bereits 11:30 Uhr. Da sind alle Kirchhertener:innen bereits mit dem Frühstück durch. Dass vielleicht zwei dürstende und hungernde Wandersmänner des Weges kommen könnten, scheint hier überhaupt nicht in Betracht zu kommen.

Nur eine Woche später und wir hätten das kulturelle Highlight miterleben können. Es ist eine Schande.

Gottesacker

Über Am Gottesacker, Ringelgasse und Am Gringel gelangen wir schließlich zum Friedhof von Kirchherten. Hier liegen weniger Leute als auf der Lustwiese in Heikes FKK-Club in Worringen. Anscheinend sterben gar nicht mal so viele Kirchhertener:innen oder sie stehen danach ausgestopft im Vorgarten. Wahrscheinlich werden sie silbern angesprüht.

Auf der Suche nach einem Platz für ein eigenes Mausoleum? Hier werden Sie fündig.

Über die Breite Straße gelangen wir schließlich zur evangelischen Kirche, die wie ein Juwel im Asphalt erstrahlt. Es tut gut, ein wenig Schönheit zu erblicken und wir laben uns kurz an der Aussicht, bevor wir weiterziehen. Die nächsten beiden Straßen unterwältigen uns ein bisschen, aber zumindest nehmen unsere Seelen keinen weiteren Schaden. Über die Zaunstraße gelangen wir schließlich nach Grottenherten, das seiner großen Schwester in Sachen Unwirtlichkeit in nichts nachsteht, durch seinen Namen aber bereits eine Art Vorwarnung abgibt. Bei der Fenstergestaltung erblickt man hier, neben den obligatorischen Orchideen, die ein oder andere ansprechende Überraschung.

House of wax 2 – Gemetzel in Grottenherten

Das Schönste an Grottenherten ist, dass man schnell durch ist. Wir gehen bis zum Ortsausgang, passieren die Ortskapelle und wundern uns ein wenig über deren Begriff von „Barrierefreiheit“, aber da gibt es natürlich ein wenig Interpretationsspielraum.

Und unsere Tür steht jederzeit offen.

Was bleibt einem da noch zu sagen? Wir treten den Rückweg an, nicht ohne vorher noch durch das pittoreske Stadtzentrum von Kirchherten zu lustwandeln. Das Herz des Ortes schlägt irgendwo zwischen Volksbank, Apotheke und der geschlossenen Metzgerei. Wir passieren noch die Restauration „Man trifft sich bei Manni“, in die wir gerne noch auf einen FaKo eingekehrt wären, aber die Tür, über der das vielversprechende Schild „Promilleweg“ prangt, bleibt leider verschlossen. So müssen wir mit einem unstillbaren Durst den Heimweg antreten.

Die Kirchhertener Poke-Bowl wird sich wohl auf dem Markt nicht durchsetzen können.

Wir sprachen über:

  • Den ZDF-Fernsehgarten. Ach, war das schön, als uns noch Ilona Christen (Gott hab sie selig) und Ramona Leiß auf dem Lerchenberg willkommen geheißen haben. Heutzutage kann man sich, einmal aus Versehen eingeschaltet, nicht entscheiden, ob man sein Marmeladenbrioche direkt wieder hochwürgen möchte oder lieber einen langen Brief an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte schreibt. Besonders schlimm wird das Ganze, wenn auch noch Trödelmarkt ist.
  • Die anstehenden televisionären Highlights des Herbstes. Einer von uns freut sich besonders auf „Hocus Pocus 2“, der ab dem 30.09. auf Disney+ läuft. Beide freuen sich gleichermaßen auf „Club las Piranja – die Serie“ (RTL+) – obwohl mit dieser Vorfreude auch ein wenig Sorge verbunden ist. Was ist, wenn es peinlich wird?

Ohrwurm des Tages:

Herrliches Herrig – erlebbares Erp

Wie sang einst schon Udo Jürgens: „Und immer, immer wieder geht die Sonne auf…“ – Ja, und sie brennt mit voller Wucht auf uns herab. So auch an jenem Sonntag als wir uns auf den Weg in Erftstädter Gebiet machen. Der Sommer 2022 geht einem hart auf die Murmel, um es mal diplomatisch auszudrücken. Vor allem, weil es gesellschaftlich immer noch verpönt ist, einen im südpazifischen Raum durchaus üblichen Sonnenschirm aus weißem Rüschenstoff mitzuführen. Dabei haben wir uns in den harten Wintermonaten derart Mühe mit der Handarbeit gegeben. Wir erleben als ersten Ort heute das herrliche Herrig, das uns mit einem Überangebot an Infrastruktur willkommen heißt.

Infrastruktur at its best

Herrig ist der zweitkleinste Ortsteil der „Kunststadt“ Erftstadt. Und man könnte sagen, dass er nicht gerade die Massen anzieht. Im Jahre 1801 lebten etwa 110 Menschen hier, jetzt sind es etwas mehr als 500 – und es fühlt sich an, als sei diese Menge nicht durch Zuzug von Außen entstanden…

Aus der Römerzeit ins Jetzt

Wie viele Menschen hier vor langer, langer Zeit einst lebten, das ist leider nicht überliefert. Fakt ist nur, dass es auf dem Gebiet des heutigen Herrig eine Römersiedlung gegeben haben muss. Emsige Hände haben eine Urnenbestattungsstelle sowie zwei Steinsarkophage aus der Zeit um 500 vor Christus Geburt ausgebuddelt. Demnach haben hier entweder mal Römer jedweden Geschlechts gelebt oder aber sie sind nur zum Sterben hierhin gekommen – beide Theorien scheinen heute durchaus nachvollziehbar.

Denkmal mit Adler….woran erinnert das noch mal? Verdammt…woran nur?

Herrig überrascht uns aber in dem Sinne, dass es fast zwei Straßenzüge dauert bis wir die ersten Orchideen hinter gardinenbehangenen Einfachfenstern erblicken. Das ist durchaus ungewöhnlich. Sollte die extreme Sonnenstrahlintensität der vergangenen Wochen doch auch ihr gutes haben? Findige Geologiestudenten mit Hang zu überschätztem Smalltalk können in Herrig aber nach diesem Sommer auch ihre Kenntnisse zum Themengebiet „Erosion“ loswerden, denn wenn es hier von etwas viel gibt, dann ist es doch das.

Mehr Windräder würden die pittoreske Landschaft verschandeln

Herrig ist dabei städtebaulich gewagt konzipiert, besteht es doch eigentlich aus einem größeren Ortskern (ohne jedwede Nahversorgungsmöglichkeiten) und einem Apendix am Rande, verbunden durch einen lange Jahre brach liegenden Fußballplatz. Jener erfährt seit einiger Zeit aber wieder mehr Leben und Besucher, ist er doch nun Heimat eines Footballvereins, der auch in schottischen Hochebenen zu finden sein könnte. Aber in Herrig ist es freilich schöner. Und sonniger.

Mel Gibson fährt jetzt Kleinwagen

Wer in Herrig irgendetwas dringend benötigt (Dosenmais, Messersets, schwarze Planen, Kanister), der muss den Weg in das benachbarte Lechenich antreten. Vor Ort gibt es nahezu nichts zu erwerben. Auch Schülerinnen und Schüler lernen hier bereits früh die Vorzüge des öffentlichen Personennahverkehrs kennen und lieben – wer zur Schule möchte, muss dafür mindestens nach Lechenich. Wen es in die weite Ferne zieht, dem steht seit Mitte des 19. Jahrhunderts (1856) eine befestigte Straße nach Düren offen. Wer schlau ist, tritt die Reise nicht an.

Nur noch drei Räder und es ist ne Kutsche

Von Herrig nach Erp

„Willst Du Menschen sehen, musst nach Erp Du gehen“ – sagt man in Herrig gerne und tatsächlich ist der Weg in den benachbarten Ort der Erftstädter Banlieue nicht weiter. Erp überrascht uns sofort mit einem handverlesenen Angebot für Menschen mit Sinn für ausgebildete Körperpflege.

Wenn die Schlange sich häutet

2.600 Erper und Erperinnen und vielleicht ja sogar Erp*er*innen fühlen sich hier zu Hause oder haben einfach nicht die nötigen finanziellen Ressourcen dem Geschehen zu entfliehen und nach Lechenich zu siedeln. In Zeiten der sich ändernden Verfügbarkeiten natürlicher Ressourcen könnte letzteres aber vielleicht doch noch mal Realität werden. Denn unter Erper Gebiet schlummert ein großer Teil des riesigen sogenannten „Isweiler Felds“. Das heute größte Braunkohlevorkommen im Rheinischen Braunkohlerevier ist bislang noch nicht erschlossen. (Vielleicht ein kleiner Investment-Tipp: Jetzt schon großflächig Land in Erp aufkaufen und in einigen Jahren für einen etwas größeren Taler an RWE Power veräußern!)

„Die Mauer muss weg! Lasst Hilfe rufen.“

Auch Erp gibt es bereits seit der Römerzeit, ganz im Süden des Ortes kann man heute noch einen Teil der Agrippastraße sehen, die einst pfeilgerade Köln und Trier verband. Hätte es damals schon tiefergelegte 3er BMW gegeben, man wäre in ner Stunde in Trier gewesen. Das ist zumindest verlockender als ein Ausflug nach Düren…

Padre Pio ist in Urlaub, hat aber für Ersatz gesorgt

Wir sprachen über:

  • „Komm, hol das Lasso raus – wir spielen Cowboy und Indianer!“ – Ist Olaf Hennings größter (und einziger Hit) massiv von „cancel culture“ bedroht? So sehen es zumindest der „Künstler“ selbst und Erzeugnisse aus dem Hause „Axel Springer“. Was darf man noch sagen, was nicht und als was dürfen Kinder sich an Karneval verkleiden. Einer von uns war damals in der Grundschule abwechselnd als Indianer oder Cowboy zu Weiberfastnacht gekleidet. „Cowboy“ war immer etwas kostenintensiv, weil der selige Herr. Nübold in seiner „Barbara Drogerie“ damals Höchstpreise für Schießplättchen verlangte, die man aber dringend für den optimalen Revolverbetrieb benötigte. Die Drogerie gibt es nicht mehr, Herr Nübold ist lange vorausgegangen und wer weiß, wie lange es noch Cowboy-Kostüme zu erwerben gibt. Ein anderer von uns hatte noch gewagtere Kostüme auf Lager, eins davon kann man tatsächlich beim besten Willen nicht mehr auftragen. Die Diskussion darüber artet allerdings derzeit dermaßen aus, dass eine ernsthafte gesellschaftliche Auseinandersetzung kaum möglich ist. Wir sind gespannt, was die kommenden Monate bringen werden.
  • Das elendige, widerliche Kackwetter geht uns so dermaßen auf den (Verzeihung) Piss, dass es uns fast noch mehr aufregt. Andauernd schwitzen, Gärten gießen und Sonnenschutz auftragen – es nervt. Außerdem verwässert der Dom Pérignon des abends immer so, wenn man ihn mit Eiswürfeln bestücken muss.

Ohrwurm des Tages:

  • Was haben wir dank „Absolut Bella“ (best radiostation of the world) nicht schon alles an versunkenen Schätzen erleben dürfen…Echte Perlen, zu Recht vergessene Melodeien und unfassbare Texte. So auch an diesem Sonntag. Zu Beginn der Autofahrt lauschen wir Ludwig Hirsch, dem alten Ösi aus dem Land der schmalzigen Engtanzfans. Wie er sein Haargel besingt, es dann doch nicht in die Frise schmiert – das muss man mal gehört haben.

Den Marlène Charell-Lookalike-Wettbewerb hat sie 1987 knapp gegen Marlène Charell verloren, dafür chansoniert sie sich mit viel Effet in unseren Gehörgang. Auf wen oder was Dalida warten werden wird, das zu entschlüsseln geben unsere rudimentären Französischkenntnisse dann aber doch nicht her.

Auf dem Rückweg, bereits fast zu Hause angekommen dürfen wir dann noch dem zweitbesten Ost-Export seit Ute Freudenberg lauschen. Frank Schöbel besingt darin 1988 die D-Mark…oder so.

Einmal KaKö und zurück- Von Exkrementen und Einsamkeit.

Kinners, wie die Zeit vergeht. Da hat man einmal nicht aufgepasst und es ist schon wieder Sonntag. Die Sonne strahlt (so wie sie es in den vergangenen 14 Wochen an jedem verdammten Tag getan hat), die Vögel singen schon längst nicht mehr und wir sind startklar. Mit dem Hipster-Hybrid durchfahren wir karge Landschaften, hören dabei unseren Sonntags-Radiosender und freuen uns auf unser Ziel.

Heute geht es nach Kaster, so denken wir. In Wahrheit sollen wir an diesem brüllend heißen Sonntag ganze drei Orte durchwandern, ohne dass uns das so richtig bewusst gewesen wäre. Die Teil-Elektro-Seifenkiste parken wir zielsicher auf dem öffentlichen Parkplatz am Sportpark, weil es dort Ladesäulen geben soll. Gibt es auch. Allerdings erfordert die Inbetriebnahme mindestens ein Ingenieurstudium. Vielleicht liegt es auch an uns, aber es will uns beim besten Willen nicht gelingen, den Ladevorgang einzuleiten. Nach fünf Minuten voller Tränen, Flüche und Schreie geben wir auf und gehen los.

Lesen Sie sich vor Inbetriebnahme bitte unser vierzehnseitige Anleitung durch.

Zuerst gehen wir einfach dem Lärm und dem Geruch von Bratwurst hinterher und landen direkt auf dem Sportplatz von Kaster. Der SC Borussia Kaster Königshoven , oder auch SC Borussia KaKö, wie er hier liebevoll genannt wird feiert heuer sein 102jähriges Bestehen. Anscheinend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Es befinden sich wesentlich mehr Leute auf dem Platz als drumherum. Auf dem Ascheplatz steht trotzig eine kleine Hüpfburg, die darauf wartet, bestiegen zu werden. Alles wirkt ein bisschen wie in einem Stanley Kubrick Film. Wir haben Mitleid, müssen aber weiterziehen.

Ein paar Schilder hätten dem Areal durchaus gutgetan.

Wir passieren die Epprather Kapelle, deren Namensgeber der Ort Epprath ist, von dessen Existenz wir bis dato überhaupt nichts wussten. Ist mal wieder so eine Tagebau-Geschichte. Epprath lag ursprünglich nördlich von Kaster, wurde aber im Zuge des Braunkohleabbaus umgesiedelt. Die meisten Häuser in Neu-Epprath wurden schlüsselfertig übergeben, so dass hier im Prinzip einheitliche Langeweile herrscht. Die Kapelle hingegen ist schön anzuschauen, ist sie doch nach dem Vorbild der Banneux Kapelle erbaut worden.

Wir ziehen weiter in Richtung Kasterer Mühlenerft und laufen dann in Richtung Alt-Kaster. An dieser Stelle müssen wir ganz ohne Zynismus und Sarkasmus einmal feststellen, dass es hier wahrlich schön ist. Wir schreiten durch das Erfttor und sofort umfängt uns die Atmosphäre des Mittelalters. Erfreulicherweise leert hier nur niemand den Nachttopf-Inhalt am Straßenrand , oder wie wir hier zu sagen pflegen: „In der Soot“ , aus, so dass sich erstmal nicht über olfaktorische Belästigung klagen lässt. Ich schreibe „erstmal“, weil sich das schlagartig ändert, als wir den historischen (und -ich wiederhole mich gerne- wirklich sehenswerten) Ortskern durch das Agathator verlassen und rechts abbiegen.

Während woanders noch getrommelt wird, hat in Kaster schon die Zukunft Einzug erhalten,

Wir finden uns auf einem großzügig angelegten Spielplatz wieder und möchten vor Freude jubeln, wenn da nicht dieses Beißen in der Nase wäre. Die Quelle dafür ist schnell gefunden: Nur zehn Meter weiter befindet sich die Kläranlage und entsendet ihre Düfte in die Umgebung. Nun mag es sein, dass wir beiden etwas zart besaitet sind, aber wird sind eben Männer des dritten Jahrtausends. Den weiteren Weg schaffen wir nur unter Würgen und beständigem Durch-den-Mund-atmen.

Irgendwann legen sich die Dämpfe wieder und wir betreten den örtlichen Friedhof. Freundlich ausgedrückt erweist sich dieser als sehr naturbelassen. Hier wird nicht unnötig in den Kreislauf des Lebens eingegriffen, so dass man als Besucher sehr gut dem Wechselspiel von Werden und Vergehen folgen kann. Viele Grabsteine tragen die Aufschrift „St. Georg Grabgemeinschaft“. Darunter sind zahlreiche Namen von Verstorbenen aufgelistet. Wie sich herausstellt, hat die St. Georg Grabgemeinschaft es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen ohne Familie würdevoll beizusetzen. Damit wollen die Mitglieder anonymen Bestattungen und verwahrlosten Gräbern entgegenwirken. Ersteres funktioniert, zweiteres ist ausbaufähig. Trotzdem ein guter Gedanke. Wir kämpfen uns durch das dichte Geäst des Geländes und finden schließlich wieder einen Weg nach draußen.

Muss ein Wiedergänger sein.

Schließlich landen wir auf der Hauptstraße, wo unser Blick auf den örtlichen Bücherschrank fällt. Wir treffen alte Bekannte, erfreuen uns aber auch an Überraschungen.

Ach Willy, wat mäht Kölle ohne dich?

Ein paar Schritte weiter fällt unser Blick auf ein Ankündigungsplakat für das Schützenfest in Morken-Harff. Bis dato dachten wir immer, Morken Harff sei der Sänger der schwedischen Erfolgsband A-ha, aber wir haben uns wohl getäuscht. Morken und Harff sind ebenfalls Orte, die der Bagger abgegraben hat. Die Bewohner wurden in den 1960er Jahren umgesiedelt und wer noch übrig ist, pflegt die Traditionen von einst. Dazu gehört eben selbiges Schützenfest samt des liebgewordenen Klompenumzugs. Wahrscheinlich muss man in derlei Rituale hineingeboren sein. Unsereins kann sich schwer vorstellen, in Holzpantinen durch die Gassen zu laufen, dabei „Hundertfuffzich Mann un en Fahn vürrendran“ zu singen und auch noch Spaß zu haben. Andere Länder….

Wenn der Nachwuchs mal wieder den Slimey gegen die Hauswand gewemmst hat.

Wir laufen noch ein wenig durch das Kaster der Neuzeit, finden Steingärten, verschlimmbesserte Fassaden und fragwürdige Garagengestaltungen. Alles so wie immer. Irgendwann kommen wir wieder am Parkplatz an, beschließen aber, noch einmal auf den Sportplatz zu gehen, in der Hoffnung, ein wenig Kuchen in der Cafeteria des Sportlerheims erstehen zu können. Allein, es gibt keinen Kuchen. Es riecht wieder ein wenig nach menschlichen Exkrementen, der Schiedsrichter pfeift Abseits, neben der Hüpfburg liegt ein weinendes Kind. Wir fahren nach Hause.

Wir sprachen über:

  • Deutsches Liedgut. Was heute als unsingbar gilt, hat Roland Kaiser seine Karriere beschert. Macht es auch nicht besser, ist aber bemerkenswert.
  • Kulinarische Vorlieben des Nachwuchses. Suppentage sind gute Tage. Ist irgendwie nachvollziehbar.
  • MBT Schuhe. Einer von uns beiden trägt sie und muss nun bei jedem Schritt aufpassen, sich nicht in de Soot zu legen.

Ohrwurm des Tages

  • Passend zu unserem Gesprächsthema singt Peter Maffay „Es war Sommer“. Ein schönes Beispiel dafür, wie sich Pimpern am Meer vielfältig umschreiben lässt.
  • ABBA trällert „Move on“ und natürlich denkt man direkt an Haarpflegeprodukte. Nichtsdestotrotz ein schönes Lied, wenn nur dieses elendige Gebrabbel am Anfang nicht wäre.

Glückliches Geyen – Rückkehr gelungen

Nach einer kurzen Sommerpause, die uns – getrennt voneinander – in gar güldene Gegenden Europas zog, sind wir zurück im vertrauten Rhein-Erft-Kreis, der pulsierenden Ader des rheinischen Braunkohlereviers und seinen rauchenden Schloten. Jene jedoch vermögen wir heute nicht wahrzunehmen, denn uns zieht es nach Geyen. Jenem herrlich-versteckten Ortsteil Pulheims, der sich zwischen Manstedten und Sinthern in die weitläufigen Furchen des Pulheimer Bachs schmiegt.

Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“

Rund 2.500 Menschen haben sich Geyen als Heimstatt ausgesucht oder hatten einfach nicht die Kraft den Ort zu verlassen, nachdem sich die Stammbäume ihrer Familien über Jahrhunderte bis zu denen rückverfolgen lassen, die noch drauf saßen. Wir parken unseren Liegendtransport unweit der St. Cornelius-Kirche, bewundern natürlich fachgerecht den neugotischen Stil, wie ihn nur die Kölner Kirchenbauinstanz Theodor (genannt: Tünn) Roß verwirklichen konnte. Was den „Päädse Tünn“ heute noch freuen dürfte, ist das gesellige Vereinsleben rund um die Kirche. Fleißige Helfer jeglicher Couleur beseitigten vor unseren Augen die Reste eines scheinbar ausschweifenden Festes vom Vorabend.

Die vielen Austritte setzten der Kirche zu (Symbolbild)

Was wurde hier zelebriert? Unser erster Gedanke war eine öffentliche Hinrichtung, später wurden wir allerdings der Tatsache gewahr, dass es sich um das jährliche Dorffest handelte. Neben einer bemerkenswerten Zahl an Piccolöchen („für den Kreislauf“) wurden auch noch verbliebene Kölschfässer verräumt. Durst ist morgens am schlimmsten. Die wenige Stunden vor unserer Ankunft stattgefundene Festivität erklärt aber auch die sehr geringe Menschendichte (Obacht: Wortwitz) vor Ort. Abgesehen von den fleißigen Abbau-Helfern erblicken wir keine Menschen. Das ist selbst für einen Ort in der Pulheimer Banlieue ungewöhnlich und erinnert uns an unseren unvergessenen Besuch in Bedburg-Rath nach der vermeintlichen Zombieapokalypse. Ein Ort entfaltet ohne Menschen eine ganz besondere Stimmung. Das weiß man nicht zuletzt in Manheim oder Etzweiler.

Wo sich Bit und Gaffel „Gute Nacht“ zulallen

Das Schöne an Geyen ist, dass es recht viele schattige Ecken gibt. Das ist nicht nur ein vortrefflicher Treff für von der Natur nachteilig bedachte Gesichter, sondern insbesondere angesichts der sommerlichen Temperaturen eine echte Wohltat. Nachteil ist natürlich, dass man gar niemanden nach dem rechten Weg fragen kann oder ob es hier überhaupt den richtigen Weg gibt. Da sich die Handynetzabdeckung auch ähnlich oft im Hintergrund hält, haben sich die Geyenerinnen und Geyener auf alte, längst vergessene Hilfsmittel besonnen:

Alle Sehenswürdigkeiten in einem Bild

Was man den scheinbar hier lebenden Menschen (gesehen haben wir jenseits des Hinrichtungsfestabbaus ja niemanden) lassen muss: Sie haben trotz allem ihren Humor nicht verloren. Während in Orten wie Glessen oder Blessem gerne Sinnsprüche in Vorgärten oder noch lieber an Küchenwände („Carpe diem“) geklebt werden, geht man in Geyen einen Schritt weiter. Zum Schreien:

Beißender lokaler Humor – anklagend, aber subtil

Besonders einer von uns zwei lustigen Beiden ist begeisterter Fan der nahezu überall sprießenden Bücherschränke. Jene umfunktionierten ehemaligen Telefonzellen, Schaukästen oder einfach nur Holzverschläge, in denen längst vergessene Buchreste entsor….aufgestellt werden können – immer in der Hoffnung, ein Nachbar, eine Spätgeborene verspürt den dringenden Wunsch Weltliteratur des Schlage „Konsalik“, „Utta Danella“ oder „Simmel“ zu besitzen. In Geyen ist der örtliche Bücherschrank eher reduziert ausgefallen.

Lieber John C. Lennox. In Deinem Falle sowohl über als auch unter Dir…

Auf der Suche nach unserem Laster lustwandeln wir in Richtung Ortsausgang, erblicken dabei die Junkerburg, Jean-Claude ist aber nicht zu Hause und so geht es flott zurück in die Heimat – bei bester Musik (siehe unten).

Rapunzel liebte die Abgeschiedenheit

Wir sprachen über:

  • Unsere kürzlich zurückliegenden Urlaube, in denen wir die Schönheiten nordisch-kühler Länder oder pittoresker deutscher Klischee-Kulissenorte kennen lernten. Wer schon mal in Rothenburg ob der Tauber war, der weiß, dass man dort wie in einer Disneyanimation lebt und keinesfalls die lokale Back-Spezialität verkosten sollte.
  • Abschiede, emotionale Momente und allerlei Ärgerlichkeiten.

Ohrwurm des Tages:

  • Unser favorisierter Power-Sender „Absolut Bella“ beglückte uns bereits bei der Hinfahrt nach Geyen mit subtil zweideutigen Schlagern wie dem Partykracher „Wenn die Wunderkerzen brennen“, in dem Schlagerikone Jürgen Drews einen schmerzhaften Geschlechtskrankheitsverlauf beträllert.
  • Richtig fantastisch wurde es aber erst danach: Die untoten Asphalt-Rochen von „Truck Stop“ haben ja erfolgreich jahrzehntelang dafür Sorge getragen, dass die Musikrichtung „Country“ in Deutschland nie so richtig Fuß fassen konnte (Johnny Hill mal ausgenommen). Eines ihrer musikalischen Oeuvres ist so auch bislang an uns vorbei gegangen. Bis jetzt. Danke „Absolut Bella“. Ein Song für Freunde derber Herrengespräche!
  • Auch auf der Rückfahrt hatte „Absolut Bella“ die passende Musik für einen entspannten Tag in den Nachmittag parat. Wir bekamen sofort Hunger auf Pizza, Pasta und Salat mit Fertig-Aioli. Mino Reitano ist (war?) ein Sänger, der italienische Schmalzfummelsongs lange vor Eros Ramazottl intonierte. Er sieht ein bisschen aus, wie der junge Bernd Clüver, Jahrzehnte vor Haarausfall, Treppensturz und „Edle Tropfen“-Passion. Lohnt sich zu klicken:

Kunst und Krempel in Kirchtroisdorf und Kleintroisdorf

Nicht weiter hinter Kirchtroisdorf und Kleintroisdorf liegt ein Broich, der bis nach Froitzheim reicht.

Was ist typisch deutsch? Darauf gibt es viele Antworten. Für einige sind es solche Tugenden wie Pünktlichkeit und Disziplin, andere wiederum denken dabei an kulinarische Genüsse wie Sauerkraut und Kartoffelklöße und manch eine:r assoziert damit weiße Socken in Sandalen und pfiffige Kurzhaarschnitte. Was jedoch nur selten erwähnt wird, ist das Dehnungszeichen. Für uns im Rheinland geht es dabei häufig um den Vokal „I“. Weder Neubottenbroich noch Buisdorf werden so ausgesprochen, wie sie geschrieben werden. Genauso verhält es sich mit den beiden Orten, die wir heute erwandern. Kirchtroisdorf und Kleintroisdorf tragen das i nur schriftlich im Namen, ausgesprochen werden sie mit langem O. Gern geschehen.

Auf geht’s ins Abenteuer

Wir suchen unsere Ziele ja immer im Wechsel aus, so dass die Destination für einen von uns immer eine Überraschung ist. Heute sucht der mit dem Hybridwagen aus. In Kirchtroisdorf gibt es nämlich Parkplätze mit Ladestationen. Mit dieser kleinen Information hätten wir auch schon die Highlights der Gegend aufgezählt. Ansonsten sind die beiden Orte im Nordwesten der Stadt Bedburg ziemlich unspektakulär. Sie sind noch nicht mal hässlich, was im Rhein-Erft-Kreis eine absolute Ausnahme darstellt und deswegen unsere absolute Hochachtung verdient. Ja, hier lässt sich gut leben, wenn man geringe Ansprüche hat, abends generell am liebsten Zuhause bleibt, das Leben als Selbstversorger:in das Ideal und Entschleunigung ein erstrebenswertes Ziel ist.

Hier arbietet die Stadtverwaltung persönlich für Sie. Kontaktieren Sie uns gerne per Fax.

Ein anderes Wort für „aufgeben“

Wir parken das Auto an der Pfarrkirche Kirchtroisdorfs, die dem heiligen Matthias geweiht ist. Hier stehen auch besagte Ladesäulen und nachdem wir uns aus dem Wagen geschält haben, verbinden wir diesen direkt vermittels des Ladekabels mit der Energiespendersteele. Schon eine Viertelstunde, verschiedene Flüche und einen kurzen Schreianfall später ist es uns erfolgreich gelungen, den Ladeprozess zu starten, so dass wir nun endlich mit unserer Wanderung beginnen können. Unsere Freude steigt ins Unermessliche als wir feststellen, dass in Kirchtroisdorf heute Dorftrödel ist. Endlich mal wieder eine Möglichkeit, Dinge zu entdecken, die doch nie jemand haben wollte, die aber trotzdem in jedem zweiten Haushalt zu finden sind. Mittlerweile glauben wir ja, dass Dorftrödel einfach ein Euphemismus ist für „Ich setze mich den ganzen Tag in die Einfahrt, lasse mich vollaufen, höre dabei Helene Fischer und zünde abends den ganzen Kladeradatsch an.“ In Kirchtroisdorf, so scheint es uns während der Wanderung, stehen hinter den Tischen mehr Menschen als davor. Das kann nicht gewinnbringend sein, aber sei’s drum.

Wir lassen die Kirche rechts liegen, gehen über „Schwarzer Weg“ und gelangen dann zur Straße „An der Spring“. Diese markiert zugleich die nördliche Begrenzung des Ortes. Von hier hat man einen wunderschönen Ausblick auf gleich drei Kraftwerke. Niederaußem, Neurath und Frimmersdorf funkeln an diesem schönen Sommertag um die Wette und beglücken die Menschen mit den schönsten rein-weißen Wolken, die je einem Kühlturm entstiegen sind. An solchen Tagen ist das Leben ein Geschenk.

„Das Letzte, ich wusste daß Du das Letzte bist.“

I’m alive

Wir laufen ortseinwärts und kommen an einen Kreisverkehr. Oft sind diese ja geschmückt mit diversen farbenfrohen Gewächsen oder aber mit einem Orts-Wahrzeichen. Weshalb aber in Kirchtroisdorf der rote Stier aus „Das letzte Einhorn“ verewigt ist, erschließt sich uns nicht ganz. Dann kommt uns aber dieses eine Zitat aus dem Film in den Sinn: „Dreh dich nicht um, und lauf nicht weg. Lauf nie davon vor etwas Unsterblichen, das erregt seine Aufmerksamkeit…“. Also gehen wir weiter.

Wir passieren die Straße „An den Linden“, die ihrem Namen mehr als gerecht wird. Die hochgewachsenen Bäume spenden wohltuenden Schatten, in dem sich herrlich flanieren lässt. Das alles wirkt sehr beschaulich und fast möchte man sich länger hier niederlassen, aber wir haben ja eine Mission. Also laufen wir weiter, erleben wie aus „An den Linden“ „Am Anger“ wird und lassen Kirchtroisdorf hinter uns, um schon bald in Kleintroisdorf zu stehen. Der Ort besteht im Wesentlichen aus drei Straßen und zwanzigmal so vielen Häusern. Man fragt sich, warum man diese Ansiedlung nicht noch innerhalb von Kirchtroisdorf untergebracht hat. Vielleicht hat man hier in dunklen Zeiten die Aussätzigen und Aufsässigen untergebracht, vielleicht haben sich hier wohlhabende aber sehr reiseunfreudige Kirchtroisdorfer:innen ein Feriendomizil errichtet, damit sie am Wochenende schnell mal der Hektik des Alltags entfliehen konnten. Genrell gilt für Kleintroisdorf das gleiche wie für die 0,04 Liter Fläschchen Dornkaat: Klein aber gut.

Spoiler: Er ist nicht tot. Er arbeitet jetzt im Dienste der Maikönigin.

Endlich vernünftige Menschen

Über das Feld laufen wir zurück nach Kichtroisdorf. In der Ferne erblicken wir einen Absetzer, der wie ein einsamer Brontosaurier wirkt. Möge er bald erlöst werden. Wir wandern weiter (große Alliterationenliebe!) und entdecken bald den einzig sinnvollen Trödelmarktstand. Ein paar findige Bewohner:innen Kirchtroisdorfs haben sich zusammengetan und verkaufen nun zu akzeptablen Preisen Kaltgetränke an durstige Wandersleute. Wir schlagen zu.

Ach, wenn sie doch nur „Summsen“ hießen.

Unser weiterer Weg führt zur Zentrale der Löschgruppe Kirch-/Kleintroisdorf / Pütz. Dass das Haus fast komplett aus Holz zu bestehen scheint, beeindruckt uns schwer. Letzendlich vermuten wir, dass es sich hierbei um eine Art Arbeitsbeschaffungsmaßnahme handelt. Wenn nichts passiert, kann man immerhin die eigene Wache anzünden.

Shopping-Erlebnis

Im „Am Bildstock“ , „Am Vogsberg“ und der „Sankt-Matthias-Straße“ entdecken wir noch ein paar Flohmarktstände, aber leider niemanden, den das sonderlich zu interessieren scheint. Die Menschen hinter den Tischen sind trotzdem fröhlich. Auf der Elsdorfer Straße erblicken wir einen weiteren Dinosaurier. Bereits von Weitem lässt sich das zeitlos schöne Logo von „Nah & frisch“ erkennen und wir freuen uns für die Menschen hier, dass es einen Ort gibt, an dem man zumindest das ein oder andere Gemüse, ein paar Briefmarken und Haftcreme bekommt. Sonst würden wir die Umbenennung in Kirchtrostlos vorschlagen.

„Hast Du ein Bad genommen?“ „Wieso, fehlt eins?“

Von eben jenem Nahversorger ist es nur ein Katzensprung zu unserem voll aufgeladenen Auto. Das Abklemmen des Ladekabels geht bedeutend schneller als die Initiation des Ladeprozesses, so dass wir noch vor Sonnenaufgang wieder den Heimweg antreten können. Wer weiß, ob wir sonst nicht doch noch dem roten Stier begegnet wären.

Wir sprachen über:

  • Den Segen des 9,-€ Tickets. Nach einer quälenden Zeit, in der man kaum Sozialkontakte hatte, bringt einen diese Erfindung wieder mit zahllosen zahnlosen Menschen zusammen. Man steht eng beieinander und ist nur einen Dreivierteltakt vom Schunkeln entfernt. Herrlich.
  • Geburtstagsgeschenke aus der Hölle. Gibt es jemanden, der nicht in den 90er Jahren das Vergnügen hatte, ein Leonardo-Glas geschenkt zu bekommen?
  • Die am häufigsten gespielten Lieder auf Trauerfeiern.

Ohrwurm des Tages:

  • Als wir die Heinsberger Straße entlangwandern, fällt uns gleich der Klassiker der Gebrüder Blattschuss ein und wir singen „Kreuzberger Nächte sind lang“.
  • Absolut Bella verdanken wir wieder einmal eine Perle aus längst vergessenen Zeiten. Schon lange bevor Adel Tawil all die Lieder seines Lebens in einen Song packte, hatte der französische Barde Laurent Voulzy eine ähnliche Idee. Allerdings hat sich der der feine Herr nicht mit Zitaten begnügt, sondern einfach die Hits der Zeit collagenartig aneinandergeprengelt und das Ganze kurzerhand „Rockcollection“ genannt. Hier passt aber auch wirklich nichts zusammen. Die Laufzeit von über elf Minuten sorgt dafür, dass einem das aber irgendwann total egal ist.

Aus Alt wird Neu – Das doppelte Freimersdorf

Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Ein Satz, den Seemänner gerne kurz nach der Anlandung in Hamburg denken, der aber auch uns in den Sinn kam. Wir haben zwar bereits Frechen-Königsdorf besucht, bewundert und genossen, noch nicht aber den kleinen schmucken Nachbarort Neu-Freimersdorf. Diesen findet man am Ortsausgang Königsdorfs in Richtung Köln, wenn man rechtzeitig von der Aachener Straße in Fahrtrichtung links abbiegt.

Venezolanische Söldner bewachen Neu-Freimersdorf am Kölner Randkanal

Bereits bei „Einfahrt“ in den Ort stellt man fest, dass „Fremde“, Auswärtige und Autofahrer generell nicht allzu willkommen zu sein scheinen. Die Verkehrsführung sei geändert lesen wir auf einem Schild. „Geändert“ – ein herrlicher Euphemismus für „nicht vorhanden“. Es soll Menschen geben, die sich vor Monaten nach Neu-Freimersdorf gewagt haben und immer noch durch den Ort irren, auf der Suche nach der Ausfahrt. Oder zumindest nach Menschen, Nahrung, ein wenig Liebe. Diese Suche jedoch, sie ist vergebens.

Für mehr Spaß im Schlafzimmer

In dem wirren Konglomerat aus Straßen, Wegen, Gehwegen, Sackgassen, Einbahnstraßen, spontanen Sackgassen und Pollern ist es auch eine Herausforderung einen angemessenen Parkplatz zu finden, den man auch als solchen erkennen kann. Wir erhaschen tatsächlich einen an der Overbeckstraße. Ein Straßenname, der uns an eine signifikant unsympathische und unfähige Deutschlehrerin aus längst vergangenen Zeiten erinnert. Leider findet sich nirgends sonst eine Möglichkeit unseren Bus abzustellen. Unweit des Parkplatzes entdecken wir dann aber etwas, das wir bislang im Rhein-Erft-Kreis so nicht vorgefunden haben (mieses Clickbait – mehr unterhalb des nächsten Bildes).

Alea iacta est!

Einen Aufenthaltsort, der auch Jugendlichen viel Gelegenheit zur Zerstreuung bietet. Kletterwürfel, Basketballplatz, vernünftige Sitzgelegenheiten – da ext man die Dose „Faxe“ doch lieber als unter irgendwelchen Bahnbrücken, wo unsere Generation sich einst aufhalten musste (gefühlt als noch Dampfloks über eben jene Brücken fuhren). Uns beschleicht das Gefühl, in Neu-Freimersdorf scheint man finanziell etwas agiler aufgestellt als beispielsweise in der dazugehörigen Stadt Frechen selbst. Ist nur so eine Vermutung…

Wegen Corona: Deutsche Pfahlsitzmeisterschaften wieder abgesagt

Auch die hier entstandenen Eigenheime erinnern stellenweise an die benachbarte Musterhaussiedlung am Kreuz Köln-West. Vorteil in Neu-Freimersdorf: Hier muss kein Eintritt berappt werden. Dafür haben die Anwohner jedweden Geschlechts hier in weiten Teilen den ein oder anderen Taler für ihr Anwesen berappt. Die Straßennamen passen sich den finanziellen Möglichkeiten der Anwohner hier auch gerne an: In der Römerhofallee, der Brunnenallee oder auch dem Münzhof verbieten sich nahezu Doppelhaushälften oder gar Mehrfamilienhäuser. An der Straße „Zur Villa Rustica“ überkommt uns ein leichtes Hungergefühl auf eine „Wagner Steinofenpizza“ herb belegt und wir verlassen diesen Ort in Richtung freies Feld. Endlich durchatmen, endlich den Blick weiten. Vielleicht erspähen wir auch von hier wieder ein ortstypisches Kohlekraftwerk am Firmament.

Säulen sind ein must have piece in deutschen Vorstädten

Spontan und jugendlich-frisch wie wir sind, kommen wir auf die verrückte Idee einfach mal Neu-Freimersdorf hinter uns zu lassen und den Original-Ort zu besuchen. Während insbesondere im Rhein-Erft-Kreis viele Ortschaften das Wort „Neu“ schmückt nachdem der namensgebende Ort im Zuge einer exzessiven Braunkohlebewirtschaftung von der Landkarte verschwinden musste (Etzweiler-Neu, Manheim-Neu, Neu-Bottenbroich etc.) ist dies im Falle Freimersdorf ganz anders.

Kriminelle immer skrupelloser: Drogenplantage in der Tiefebene

Denn tatsächlich existiert auch noch ein Freimersdorf, unweit von Neu-Freimersdorf. Unsere Vermutung, dass die Altvorderen in Freimersdorf etwas gegen Zugezogene einzuwenden haben und einst der Meinung waren, ihr Ort sei groß genug, sie brauchen keine neuen Nachbarn, Auswärtige, womöglich noch aus Frechen, die ist dennoch aus der Luft gegriffen. Tatsächlich gehört Freimersdorf zur Stadt Pulheim, während Neu-Freimersdorf nebenan zur Stadt Frechen gehört. Der wahre Grund dafür ist das Gesetz zur Neugliederung der Gemeinden und Kreise des Neugliederungsraumes Köln (das sogenannte „Köln-Gesetz“) vom November 1974.

Wenn die Gemarkung älter als der Landkreis ist

Damals gab es eine große Gebietsreform, jede Menge Städte, die zum Kreis Köln gehörten wurden entweder eingemeindet oder neu geordnet, anderen Städten zugeschlagen, zusammengelegt etc. Aus Brauweiler, Pulheim und Stommeln entstand Pulheim. Neu-Freimersdorf und das benachbarte Widdersdorf wollte man aber nicht bei sich bei haben. Neu-Freimersdorf wurde zusammen mit Königsdorf, Grefrath und Habbelrath der Stadt Frechen zugeschanzt. Uns wundert nur, dass man in Freimersdorf nicht einfach einen Zaun gezogen, Grenztürme gebaut und gesagt hat; „Dieser Ort ist nun autark, willkommen im Fürstentum Freimersdorf!“. Aber damals gab es wahrscheinlich kaum Reichsbürger, die wirren Ideen nachgehen.

Verlotterte Vorstädte – Nadeln auf dem Trottoir

Der Ort ist überschaubar, eigentlich besteht er nur aus gut drei Straßen, einigen Gehöften und villenähnlichen Anlagen. Aber: In Freimersdorf schaut man auf eine lange Geschichte zurück. Im Jahr 1028 ist der Ort erstmals erwähnt worden, damals noch als „Vremerstrop“. Einige Ur-Einwohner berichten noch gerne aus dieser Zeit. Alles war besser als die Zeit ab 1794, als der Ort von französischen Truppen besetzt wurde und sich niemand mehr verständigen konnte.

Kurz: In Freimersdorf, egal ob alt oder neu, kann man wohnen. Man muss es sich halt leisten können.

Zu Fronleichnam bauten die Menschen schmucke Altare auf

Die Themen der Woche

  • Veränderte physiognomische Auswirkungen mit fortschreitendem Lebensalter nach Alkoholkonsum am Abend vorher. Fakt ist: Vier bis acht verschiedene und durchaus genossene Alkoholika binnen weniger Stunden können unter Umständen am folgenden Morgen zu kleineren Ausfallerscheinungen führen. Es kann nur am Alter liegen.

Die Lieder der Woche

  • Die Welt wäre ohne „Absolut Bella“ ein schlechterer Ort. Dessen sind wir uns sicher. Mit einem Hauch Restalkohol im Blut lässt er sich sogar ein wenig besser ertra…genießen. Besonders wenn die erstklassige Musikredaktion solch unvergessene Schätze wie folgendes Oeuvre vom diabolischen Duo der Finsternis aussucht:

Duette spielt „Absolut Bella“ auch immer wieder gerne. Auch wenn sie sich von der musikalischen Qualität eher auf dem Level einer Adriano-Celentano-B-Seite bewegen. Muss man mögen. Oder auch nicht!

Good morning Gleuel!

Manchem Ort wird man mit nur einer Durchquerung nicht gerecht und so hatten wir das Gefühl, wir müssten dringend nochmal nach Hürth-Gleuel. Eine gute Idee, wie sich herausstellen sollte. Gleuel ist das Paradies für Menschen mit kurzen Beinen, die alpenländischen Flair zu schätzen wissen. An diesem besonderen Tag durften wir nicht nur den Stadtteil, sondern auch dessen Ureinwohner:innen und deren Habseligkeiten besser kennenlernen. In Gleuel war nämlich Garagentrödel – meiner bescheidenen Meinung nach die Geissel des dritten Jahrtausends. Folgen Sie uns also zu den Abgründen des menschlichen Daseins.

Behagliche Isolation

Wir nähern uns Gleuel aus Richtung Bachem und unterwandern dafür einmal die A4. Die erste Straße in Gleuel ist der Grenzweg, dessen Namen sehr deutlich macht, wie wichtig es den Gleuelerinnen und Gleuelern ist, sich von den Nachbarn zu distanzieren. Hier pflegt man, unter sich zu bleiben. Zwischendurch muss mal frisches Blut rein, damit der Genpool ein wenig Abwechslung bekommt, aber ansonsten bleibt man Fremden gegenüber skeptisch. Die stadtbildprägende Architektur unterstreicht diese Einstellung an verschiedenen Stellen eindrücklich.

Rapunzels Mutter leitet jetzt eine Kindertagesstätte.

Von der Bachemer Straße biegen wir in die Pastor-Redecker-Straße ein (ein fehlendes „h“ kann manchmal einen großen Unterschied machen) und bewundern die vielen Waren, die die Ureinwohner:innen hier feilbieten. Es gibt Kleidung von fragwürdigem Stil und Alter, Küchengegenstände, von denen wir nicht die geringste Ahnung haben, wie man sie benutzt und immer wieder zahlreiche Perlen der Filmkunst, die man unbedingt gesehen haben muss. Dazu gehören „Schlock – Das Bananenmonster“, „Kannibalinnen im Avocadodschungel des Todes“ und „„Jesus Christus Vampirjäger“. Man kann sich gar nicht entscheiden. Aber zurück zu Gleuel: Man kann dort wohnen. Wichtig ist, dass man nicht allzu viel Wert auf Vorgartengrün legt. Die Zeiten, in denen ein Haushalt lediglich über ein Auto verfügte, sind auch hier lange vorbei und so muss die kleine Blumenwiese eben praktischem und pflegeleichten Beton weichen, damit alle Fahrzeuge untergebracht werden können. Mitunter finden sich vereinzelt noch kleine Gärten, die nicht nur zum Verweilen einladen, sondern gleichzeitig auch als kulturelle Informationsstätte dienen.

Lerne Schießen – Triff Freunde .

Vorsicht – heiße Nadel!

Wir biegen links auf „Im Klostergarten“ und gelangen danach auf die „Burgstraße“. In dieser befindet sich unter anderem „der Club der heißen Nadel“. Was nach einem Treffpunkt für geschlechtskranke Mitfünfziger klingt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Anlaufstelle für Liebhaber:innen des Kreuzstiches. Frei nach dem Motto „Alles kann, nichts muss“ treffen sich hier Nadel-Afficionados und -nadas zum gemeinsamen Sticken. Alles unter den momentan geltenden Hygienevorschriften, versteht sich. Weitere Informationen finden sich auf der Homepage des Clubs.

Die Burgstraße endet in nordwestlicher Richtung ziemlich schnell im Feld, so dass wir eine Kehrtwende machen und in Richtung Zentrum laufen. So gelangen wir auch zur Burg Gleuel, die leider nicht zugänglich ist. Das, was wir sehen, gefällt uns aber ganz gut, so dass wir uns durchaus einen Altersruhesitz jenseits des Burggrabens vorstellen können. Bis dahin haben wir aber noch rund vierzig Jahre Zeit.

Nicht blinzeln!

Über die Ernst-Reuter-Straße gelangen wir ins Zentrum, das im Wesentlichen aus einem Rewe und dem sogenannten „Märchenbrunnen“ besteht. Hier befinden sich die meisten Geschäfte des Ortes und diverse Cafés laden zum Verweilen ein. Allemal einen Besuch wert ist die örtliche Metzgerei, die sich mit ihrem Angebot vor allem an Gourmets und Connaisseure wendet.

Lieber mit Aufschnitt als mit Ausschnitt.

Wir treffen auf weitere Trödelstände und fragen uns, ob es in jedem Haushalt Deutschlands dieselben Ess-Services in rotem englischem Muster gibt. Auch die obligatorischen Senfgläser gibt es in Massen. Ein Hausbesitzer hat es sich leicht gemacht und einfach alle Fenster und Türen geöffnet, so dass man in die gute Stube hineinblicken und jedes Objekt in seiner natürlichen Umgebung beobachten kann. Da weiß man gar nicht, wie man sich entscheiden soll. Überhaupt gibt es so viele Schätze zu entdecken, dass uns zwischenzeitig ganz schwindlig wird.

„Kraftfahrzeughaftpflichtversicherung“ auch.
Einmal speisen wie der Bundespräsident.

Wandern macht durstig und so kehren wir in Gleuels Büdchen für alle Fälle ein. Bei Baba gibt es alles und wenn man ein bisschen Zeit mitbringt, kann man sich, während man sich ein Kaltgetränk aussucht, gleich die Hose kürzen und aufbügeln lassen.

Wenn der kleine Hunger kommt. Bab(a)-satt nach einem Bissen.

Wir biegen auf „An der Schallmauer“ ein und beginnen unsere Bergetappe. Der Anstieg ist beschwerlich, aber wir wären nicht wir, wenn wir aufgeben würden. Meter für Meter kämpfen wir uns nach vorne, spornen uns gegenseitig an, weinen zwischendurch vor Verzweiflung, gehen aber immer weiter geradeaus. Kurz überlegen wir, unsere Familien anzurufen, um ihnen ein letztes Mal zu sagen, dass wir sie lieben, aber die Luft ist zu dünn um zu sprechen. So ist es alleine der blanke Überlebenswillen der uns bis zum Gipfel antreibt. Zur Belohnung erwartet uns hier eine Bushaltestelle mit einer auf sehr sonderbarer Höhe angebrachten Bank. Aus zahlreichen Dokumentation weiß man ja, dass Bergvölker oftmals etwas kleiner geraten sind, aber wir sind trotzdem überrascht.

Treffpunkt der Tischkicker-Mannschaft.

Nach einer nur kurzen Rast, machen wir uns auf dem Weg zum Auto. Es war eine Wanderung, die alle Sinne beansprucht hat. Es wird Zeit brauchen, bis wir alles verarbeitet haben werden. Neben den Bildern, sind es vor allem einige Sätze, die uns noch lange begleiten werden. Ein kleines Best-of möchten wir hier noch präsentieren:

  • „Giacomo, du siehs doch, dat ich alle Hände voll han.“
  • „Wenn ich E-Auto will, gehe ich auf die Kirmes“
  • „Wohnen Sie schon immer hier?“ „Ja, schon ewig. Seit sechs Jahren.“

Danke Gleuel. All das werden wir für immer tief im Herzen bei uns tragen.

Wir sprachen über:

  • Die kuriosesten Arten, aus dem Leben zu scheiden. An Pommes zu ersticken gehört auf jeden Fall dazu.
  • Die Auswirkungen von Alkohol auf unsere mittlerweile doch ein wenig in die Jahre gekommenen Körper. Die Erholungsphasen werden deutlich länger.
  • Sehenswerte Serien. Dan bingte sich gerade durch „The boys“ und ist hellauf begeistert.

Ohrwurm des Tages:

  • Absolut Bella schafft es immer wieder, uns zu verzaubern. Ganz zu Beginn hören wir die vollkommen zu Recht weithin ignorierte Ballade „Monja“ von dem ebenfalls absolut berechtigt unbekannten Ted Power. Wem bei „Je t’aime“ noch zu viel gesprochen wurde, der wird „Monja“ lieben. Außerdem kommen Fans der Hammondorgel voll auf ihre Kosten.
  • Gekrönt wird das aber noch von Claudia Jungs verzweifeltem Versuch, den Roxette-Klassiker „It must have been love“ in ein geschmeidiges deutsches Korsett zu zwängen. Muss man mal gehört haben.

Von Lipp(en) und Millendorf

Nach einer kreativen sechswöchigen Recreationsphase zieht es uns erneut auf Bedburger Stadtgebiet. Zu lange ist es her, dass wir die saftigen Felde, grünen Wiesen und sorglosen Menschen jenseits der Tagebaukante besuchen durften. Das Schöne an Bedburg: Die Stadt beginnt quasi direkt hinter der Abfahrt von der Bundesautobahn. Wir parken unser busähnliches Gefährt auf einem ebenso verlassenen wie trostlosen und unheimlichen Parkplatz am Ortseingang Millendorfs. Im ersten Augenschein ein typischer deutscher Gemeindeparkplatz: Verwuchert, ungepflegt, vermüllt. Müll ist dann auch das Stichwort: Weshalb liegen hier so viele, viele Taschentücher herum? Haben hier heuschnupfengeplagte Zeitgenossen geparkt und sich nach langer verrotzter Fahrt entleert? Mitnichten, wobei „entleert“ nicht gänzlich falsch ist, finden wir doch alsbald die Gründe für die vielen Eigenbeschusstücher. Welcome to Millendorf und Lipp.

Lipp hieß uns irgendwie passend willkommen

Wir beschließen diesen Ort, der soviel Freude und gleichzeitig auch traurige Momente in sich hat schnell zu verlassen und machen uns über die Erkelenzer Straße in Richtung Ortszentrum auf, wobei der Begriff Zentrum hier schon arg geweitet werden muss. Vorbei an einer Reitschule, die ihre Wegesrandfläche optimal zur Bewerbung des gestütähnlichen Komplexes nutzt.

Jolly Jumper jumpt nicht mehr

Typisch für Millendorf, das einst Middelendorp genannt wurde, sind die herrlichen Backsteinbauten aus dem 19. Jahrhundert. Die Architektur der neueren Zeit dagegen besticht vor allem durch den exzessiven Einsatz von Beton. Praktisch, schnell, einprägsam. Städtebauliches Highlight ist die gepflegte Bushaltestelle im Ortsinneren, die mit dem örtlichen Briefkasten der deutschen Post das urbane Zentrum bildet. Durch den gewitzten Einsatz diverser, schnell wuchernder Bodenbepflanzung hat der Stadtplaner das Grau des Fließbetons pfiffig gebrochen und so das Erscheinungsbild des Ortes gewitzt aufgewertet. Das könnte Schule machen.

Schöner wohnen – Beton-Edition

Menschen ohne Orientierungssinn sind in Millendorf gut aufgehoben und lernen sich schnell zurecht zu finden, denn die anfangs erwähnte Erkelenzer Straße ist zugleich (eigentlich) der einzige befestigte Weg – wenn man den Autobahnzubringer zur A61 mal nicht mitrechnet. Wo es am schönsten ist, da soll man gehen und so beschließen wir den fordernden Weg ins benachbarte Lipp zu beschreiten. Fordernd weniger des minimalen Höhenunterschieds wegen, als vielmehr der teils gewagten Plakate zur NRW-Landtagswahl wegen, die äußerst geschickt im hohen Gras platziert wurden. Besser könnten sich Pokémon dort auch nicht verstecken.

Mein Ziel: Gestutzte Grünanlagen

Das wirklich Schöne im Rhein-Erft-Kreis ist ja, dass man hier aus quasi nahezu jedem Blickwinkel sehen kann, wie wir dem russischen Despoten im Kreml ein Schnippchen schlagen und statt billigem Erdgas hochsubventionierte Kohle zur Stromerzeugung verfeuern. Die Schlote rauchen (ist aber freilich nur Wasserdampf) und irgendwie beruhigt einen das momentan dann doch ein wenig. Nicht auszudenken, wenn der Strom ausfiele und damit auch der Eiswürfelbereiter für unsere „Cocktails to go“.

Rushhour im Kraftwerkland

Wie alt der Ort bzw. Teile (und Bewohner) schon sind, zeigt traditionell ein Blick auf das Altertümchen eines jeden Ortes. In den allermeisten Fällen ist dies die Pfarrkirche (außer, Inge Meysel oder Jopie Heesters wohnten dort). In unserem Fall ist es diesmal die katholische Pfarrkirche St. Ursula, die einst als romanische Pfeilerbasilika im 12. Jahrhundert erbaut wurde. Ganz schön alt, die Uschi.

Was auch wir bislang noch nicht wussten, das ist die durchaus interessante Tatsache, dass Lipp wahrscheinlich keltischen Ursprungs ist. Findige Forscher behaupten gar, die Gemarkung hieß einst „Luppa“ und wurde bereits 1131 kirchlich erwähnt. Damals traten dort die beiden Minnen „Dua Luppa“ auf und starteten ihre Kreuzzugstour „

Endlich wieder auf Lese-Tour: Dr. Mark Benecke

Im Ort erleben wir dann ein Wiedersehen mit unserem alten Feldfreund, dessen Antlitz wir bereits auf dem Weg in den Ort wahrnehmen mussten. Man stelle sich eine dunkle, neblige Nacht vor. Der fahle Lichtschein des abklingenden Vollmonds schafft es nur partiell durch die wabernden Nebelschwaden und beleuchten plötzlich obiges Plakat! Wirre, bibbernde Schreie erhellen daraufhin die Nacht. Wann läuft eigentlich noch mal Nosferatu das nächste Mal im Fernshen?.

Es ist fünf nach Nesquick – Zeit zum Umrühren

Auf dem Weg am örtlichen Schulzentrum entlang erblicken wir eine Weisheit, die uns zum Nachdenken anregt und uns ob ihrer Mehrdeutigkeit in Angst und Schrecken versetzt. Haben uns die Einheimischen gar erwartet? Ist dies der Ort für metaphorische Küchenbildsprüche? Scheinbar ja. Schnell gehen wir voran. Es ist fünf vor Nesquick – Zeit zum Umrühren.

Ruft mal bitte im Vatikan an, ob die da was vermissen

Dann jedoch werden wir für all die optischen Enttäuschungen der vergangenen Stunden entlohnt. Endlich beweist jemand Stil und ein glückliches Händchen bei der Gartengestaltung. Das „Eure Armut kotzt mich an“ – Messingschild scheint leider abhanden gekommen zu sein. Aber nicht immer muss man alles lesen, um zu verstehen. Danke für diesen herrlichen Brunnen. Wir haben alsbald unsere Geldbörsen gezückt und jeweils 50 Cent über die Schulter in das Wasserreservoir geworfen – auf dass das Schicksal uns an diesen Ort zurückbringt.

Haus 8a darf keine weiteren Nachbarn bekommen

Lipp – Venedig der Steppe

Hier bin ich Mensch, hier kehr ich ein

Die Themen der Woche

  • Als alte ESC-Fans hat uns freilich der ABSOLUT überraschende Ausgang des diesjährigen europäischen (bienvenue Israel, bienvenue Australie) Musikwettbewerb. Dass die Ukraine gewinnen mag, das haben wir erwartet, dass Deutschland aufgrund diverser Unstimmigkeiten bezüglich eines Karriereknicks in den 1940er Jahren nicht der beliebteste Punkteaspirant in Europa ist, das wissen wir auch. Dass aber der Schweizer Berg mit seiner Mimik irgendwo zwischen Gilbert Bécaud und Joe Cocker derart missgünstig missachtet wird, das hat einen von uns entsetzt. Dan fand das gerechtfertigt… Egal! Hauptsache Frankreich hat mies abgeloost.
  • Außerdem sprachen wir über diverse Urlaube, religiös bedingte Familienfeste, freudespendende Nebenjobs und güldene Jugendjahre im Klischee. Zeiten, die gut waren, hatten aber auch ihre Zeit und lassen sich nicht mehr ins Hier und Heute übertragen. Eine Erkenntnis, die langsam reift und die man akzeptieren muss.

Die Lieder der Woche

  • Schon zur Abfahrt bescherte uns Deutschlands meist unterschätzter Sender einen echten Kracher für vergangenheitsliebende Mütter jenseits der Menopause und wahrhafte Trucker im Herzen. Bennys jüngerer Bruder Johnny beweist, weshalb es „Country“ als Musikrichtung in Deutschland nie so wirklich geschafft hat:
  • „Absolut Bella“ ist ein Sender, der zugleich auch die mutigsten und….sagen wir mal….überraschendsten Übergänge in seiner Musikauswahl wagt. Wo sonst folgt auf Edith Piafs „Non, je ne regrette rien“ ohne Unterbrechung sofort dieses Kunstwerk:

High Noon in Hüchelhoven

Hüchelhoven hatte noch exakt einen Meter Zaun übrig.

Ein wolkiger Tag ward uns erneut vorhergesagt, die Regenwahrscheinlichkeit größer als die Chance mit diesem Blog einen Preis abzuräumen und so beschlossen wir einen Ort zu besuchen, dessen Visitation bei Wolken oder Sonnenschein gleich ist: Hüchelhoven. Unweit des Kraftwerks Niederaußem mit seinem riesigen BoA-Block und den noch imposanteren Kühltürmen gelegen, ist es gleich, ob im Rest der Region zarte Sonnenstrahlen die Frühlingswiesen streicheln. Aber wir wollen nicht gleich wieder unken und die hässliche Fratze des fleischgewordenen Zynismus zeigen, sondern dem sicher schmucken Ort an der äußersten nördlichen Grenze des Rhein-Erft-Kreises eine Chance zu glänzen geben. Trotz der menschgemachten Wolken.

Fluss, Geländer, Hundekotentsorgungsstation. Deutschland.

Der Gillbach plätschert leise an Hüchelhoven vorbei, nicht tief genug, dass man in ihm den Freitod zu finden vermag, das ist schon mal ein Pluspunkt. Auf den Quadratkilometer kommen hier rund 62 Menschen – wäre auch betrüblich, sänke diese Zahl noch weiter. Auch wenn Hüchelhoven geografisch fast schon im Rhein-Kreis-Neuss zu finden ist, gehört es doch noch zur Kreisstadt Bergheim. Wer Bergheim kennt, der weiß, dass man dort nicht allzu viel Wert auf ansprechende Stadtbegrünung oder pfiffige Wegeführung legt. Das darf man dann insbesondere auch in den Außenbezirken nicht erwarten. Dabei überrascht Hüchelhoven stellenweise mit unerwarteten Sujets – aber der Ort war ja auch mal eigenständig. Alles Schöne könnte also auch historisch bedingt sein.

Rheinisches Braunkohlerevier. Symbolbild.

Bereits im 12. Jahrhundert wurde die Gemarkung zum ersten Mal erwähnt. Wir haben förmlich den entsprechenden Minnegesang noch im Ohr:

In disen hôhen êren troumte Kriemhilde,
wie si zuge einen valken, starc, schœn und wilde,
den ir zwêne aren erkrummen, daz si daz muoste sehen,
ir enkunde in huechelhovene leider nimmêr geschehen.

Tatsächlich wurde Hüchelhoven während der französischen Besatzung unter dem recht kurz geratenen Korsen zur „Mairie – Büsdorf“. Rheidt, Glessen und selbst Fliesteden gehörten dazu. Noch heute erinnern sich die Älteren gerne an diese Zeit, den Vin rouge, das Laissez-faire, Can Can, die rotgestrichene Hüchelhovener Mühle… es waren herrlich-unbeschwerte Zeiten als Charles Aznavour einst im Pfarrhaus aufspielte.

Huechelhoven – la commune la plus française au-delà de Paris.

Spätestens 1975 war der Spaß dann aber endgültig vorbei und die bis heute zu recht geliebte kommunale Neugliederung schanzte Hüchelhoven der allseits beliebten Kreisstadt Bergheim zu. Die Hüchelhovener aber sehnen sich weiter nach der Leichtigkeit der französischen Mittelmeerküste und setzen mit ihrer durchdachten Wohnbebauung mitunter bunte Zeichen gegen die Tristesse des rheinischen Braunkohlereviers.

„Alles kann – nichts muss.“

Dennoch lässt sich die langsame Erosion deutscher Vorstädte auch hier beobachten. Zwar rühmt sich der Ort noch mit einem prosperierenden Vereinsleben, doch die Zeiten als man des nachts betrunken von Schenkwirtschaft zu Schenkwirtschaft zog und zwischenzeitlich der drohenden Zahlungsunfähigkeit mit am Geldautomaten frisch gezogenen 50 Mark-Scheinen begegnete, die ist vorbei. Denn der Geldautomat bzw. das gesamte Kreditinstitut ist nur noch stundenweise zu Gast im Ort. Der Parkplatz des Sparkassen-Filialbusses – für uns ein Sinnbild langsam sterbender Orte.

Missglückter Strukturwandel in einem Bild.

Dafür erfahren wir endlich, wie der Nikolaus mit Nachnamen heißt, denn in der „Nikolaus-Adams“-Straße suchen wir die St. Michael-Kirche auf. Bereits im Jahre 1165 wird urkundlich eine Kirche in dem Ort erwähnt, die Teile, die nach und nach angebaut wurden und nicht eingestürzt sind, stehen noch heute. Gleichzeitig beweist man vor Ort, wie man einen sakralen Bau auch formidabel als Hochbeet-Inspiration nutzen kann.

Gerd erfüllte sein Job als Küster nicht. Er wollte kreativ arbeiten.

Kreativ, das sind sie hier in Hüchelhoven. Der Ausstoß der benachbarten Kühltürme des RWE-Schmuckstücks in Niederaußem vernebelt hier nicht die Sinne. Man möchte es sich kommod machen. Streng nach dem Motto: „Am schönsten isset, wenn et schön es.“ In diesem Sinne: Besuchen sie Hüchelhoven, erwarten sie wenig und sie werden nicht enttäuscht werden.

Johann saß gern im Freien und lud gern sich Gäste ein.
Roswitha Ritterbach – ahnungslose Pionierin des „Memory“-Spiels.

Die Lieder der Woche

Wir sangen:

  • Was wäre unser Leben ohne „Absolut Bella„? Es wäre um so einiges ärmer an muskelzerrenden Melodeien, aber auch um so einiges reicher an erholsamem Schlaf ohne Ohrwürmer. Einen lieferte in dieser Woche das Duo der Finsternis Thomas Anders und Florian „Flori“ Silbereisen! Da wird passend gemacht, was nicht passt und das Machwerk „Sie sagte doch sie liebt mich“ entführt einen auf längst vergessenes Terrain des einst so beliebten Kirmes-Bums-Schlagers. Da raggelt die Leber im Foxtrott-Schritt oder der Schritt im Foxtrott-Rythmus. Je nach Hormonstand.

  • Der zweite „Song“ stammt aus unserem sympathischen Nachbarland im Süden, dort wo die Gipfel hoch, die Täler tief und die Wasser wild sind. Letzteres ahnen wir aber nur anhand des Titels „Wilds Wossa“ der alpenländischen Stilikone Seer. Ein Weltstar in Österreich, den hier niemand zu kennen vermag. Der oder die Erste, der/die uns übrigens ohne nachzuschlagen sagen kann, was Seer in der zweiten Textzeile darbietet, gewinnt eine Wanderbegleitung.

It is Rheidt, but it’s okay.

Unser Ausflug an diesem Sonntag führte uns an die Grenze des Rhein-Erft-Kreises. Im Schatten des Kraftwerks Niederaußem liegt der Doppelort Rheidt-Hüchelhoven, von dem wir uns heute den ersten Teil mal genauer anschauen wollen.

Wieso die 17?

Während der Anreise ergehen wir uns schon in philosophischen Diskussionen. Radio Bella beschenkt uns mit Chris Roberts Gassenhauer Du kannst nicht immer 17 sein und uns fällt auf, dass es eine Vielzahl an Schlagern gibt, die dieses Alter zum Thema haben. Peggy March weiß, dass man da noch Träume hat, Peter Kraus hingegen behauptet, dass das Leben erst dann anfängt, während Udo Jürgens Frauen dieses Alters besonders anziehend findet, vor allem, wenn sie noch blond sind. Auch Bernd Clüver und Peter Maffay haben etwas dazu zu sagen, aber das führt dann doch zu weit.

Hinter dem Kraftwerk gibt es noch Hoffnung

Wenn man die hohen Türme des Kraftwerks hinter sich gelassen hat, wartet eine ganz neue Welt auf einen. Wirkte vorher alles noch trist und äußerst deprimierend, warten danach grüne Felder, saftige Wiesen und kräftige Bäume auf das noch kurz vorher beleidigte Auge. Rheidt wirkt einladend und auf den ersten Blick sehr idyllisch. Das Auto parken wir direkt am Dorfplatz, der von einigen historischen Gebäuden gesäumt wird. Es gibt Fachwerkhäuser und Backsteinbauten und alles schmiegt sich in holder Eintracht aneinander. Der Dorfplatz ist das Zentrum des Ortes und wird im Jahreskreislauf von der regen Ortsgemeinschaft hier oft bespielt. In der Vorweihnachtszeit muss es hier besonders schön sein.

Ein richtiger Köbes lässt sich von niemandem etwas sagen.

Während wir den Platz queren, fällt uns ein wadenhoher, weißer Hund auf, der die Tauben und Rabenvögel durch lautes Gekläffe vertreibt. Sein Besitzer versucht immer wieder, ihn zur Raison zu bringen und ruft mit unterschiedlicher Intensität: „Köbes, komm jetzt!“ Allein, Köbes kommt nicht. Wer seinem Hund den Namen der kölschen Schenkknechte gibt, sollte wissen, dass diese sehr selten auf Bitten und Flehen reagieren. Ein Köbes kommt, wann er möchte und tut, was ihm gefällt. Das hat er nun davon. So gehen wir also weiter, lassen Köbes und Herrchen hinter uns und biegen in die Straße „Am Hengert“ ein, wo uns auch schon bald das erste mit Orchideen bestückte Wohnzimmerfenster begrüßt. Auf manche Dinge ist halt einfach Verlass.

CSI Rheidt

Wir biegen in die „Brühlerstraße“ ein und passieren das ein oder andere Haus, bei dem wir uns nicht sicher sind, ob hier überhaupt noch jemand wohnt. Manche Vorgärten sind verwildert, aber sie sind immerhin grün. An der Ecke „Gertrudenstraße“ stellen wir fest, dass Rheidt anscheinend auch touristisch erschlossen ist. Eine Pension bietet hier sicher schier schmucke Unterkünfte an. Als wir hier ein Foto machen, werden wir von einem aufmerksamen Mitbürger angesprochen. „Was knipsen Sie denn hier?“ fragte er in einem Ton, den er sich wahrscheinlich durch das exzessive Schauen aller „Aktenzeichen XY ungelöst“ der letzten zwanzig Jahre antrainiert hat. Einer von uns geht einfach weiter, während der andere (psychologisch im Umgang mit schwierigen Zeitgenossen geschulte) dem besorgten Mann alles über diesen Blog und die Sonntagsspaziergänge erzählt. Nach zwei Minuten Monolog sagt der Herr: „Ja, dann machen sie mal weiter.“ und dreht sich um. Wiedermal ein Verbrechen verhindert.

„Das Fenster zum Hof“ wurde hier nicht gefilmt.

Wir gehen weiter ortsauswärts und finden uns schon bald auf dem Feld wieder. Es ist windig und alles sieht ein wenig aus wie in der Werbung für Caro-Kaffee. In der Ferne erkennen wir Büsdorf und andere Orte, die wir bereits durchwandert haben. Wir biegen zweimal links ab und gelangen über „An der Höferstraße“ wieder nach Rheidt zurück. Dabei passieren wir die Eventlocation „Kabelwerk“. Ungestörter kann man wahrscheinlich wirklich nicht feiern. Wenn wir diese Pandemie hinter uns gebracht haben und endlich mal wieder eine Techno-Trance-Metal-Ballermann-Sause steigen lassen können, wird das wohl im Kabelwerk sein. Ein Stückchen weiter erstreckt sich der Familienbauernhof Millianshof, der zum Verweilen und Genießen einlädt. Besonders begeistert sind wir von dem Tisch-Minigolf-Arrangement. Endlich kann Tante Agnes mit der steifen Hüfte und dem kaputten Knie auch mal wieder den Ball ins Loch prügeln, ohne sich dafür bücken zu müssen. So geht Inklusion. Zusätzlich gibt es Streichelzoo, Kettcar, ein tolles Hofcafé samt Laden und viele weitere Angebote. Außerdem steht hier ein Automat, an dem man sich auch nachts um drei noch ein Rumpsteak ziehen kann. Falls der kleine Hunger kommt.

Nach dem Besuch des Besamers nahm Sieglinde gerne noch eine Kleinigkeit zu sich.

Auf der Düsseldorfer Straße biegen wir nochmal links ab und gehen in Richtung Hücheln, das wir heute aber nicht besuchen werden. Am Ortsausgang von Rheidt stehen Mehrfamilienhäuser, die ein wenig so aussehen, als hätte man sie aus Versehen hier abgestellt. Zumindest verfügt wohl jede Wohnung über einen Balkon, wobei der Ausblick auf die Landstraße vielleicht auch nicht gerade der schönste ist. Drollig anzuschauen ist hingegen die individuelle Gestaltung der einzelnen Austritte. Mit nur ein paar Kunstblumen, Windrädern, Solarlichterketten und Wachstischdecken wird so aus einem simplen Balkon eine ganze Kirmes. Herrlich!

Familientreffen bei Prinzessin Jasmin und Aladdin. Keine lange Parkplatzssuche nötig-

Wandern mit Wild

Wir machen eine Kehrtwende (wenn man mich fragt, ein viel schöneres Wort als „U-Turn“) und gehen wieder Richtung Dorfpatz. Über „Am Gillbach“ erkunden wir noch die andere Ortsseite. Hier gibt es noch einige Vierkant-Höfe, die durchaus hübsch anzuschauen sind. Am Ende der Straße überquert man den Gillbach und befindet sich dann wieder auf freiem Feld. In einem eingezäunten Gehege entdecken wir H̶i̶r̶s̶c̶h̶e̶,̶ ̶R̶e̶h̶e̶, Wildtiere, die anscheinend hier gehalten werden. Wenn man nicht auch auf das Kraftwerk blicken würde, wäre es fast zu schön hier. Ganz in der Nähe befindet sich die Wasserburg Geretzhoven, die zu besuchen sich lohnt. Hier finden zahlreiche Hochzeiten, Firmenfeste und Märkte statt und wenn der Burgherr , Fakir Alyn, gut drauf ist, schwingt er auch schon mal seine flammenden Pompoms.

Und das Leben ist manchmal halt doch ein solcher.

Auf dem Weg zum Auto sind wir uns einig, dass Rheidt schon ganz schön ist. Wir wissen nur nicht, ob wir mittlerweile ob des ganzen Elends, das wir schon gesehen haben, leichter zu beglücken sind. Ist aber auch egal. Whitney Houston hat schon recht gehabt.

Für Sie in den Landtag. Oder in die nächste Kneipe.

Wir sprachen über:

  • Kinderserien. Besonders die Hörspiele unserer Kindheit. Entweder gibt es sie nicht mehr, oder sie wurden einer solchen Runderneuerung unterzogen, dass es keinen Spaß mehr macht. Gerade die Intros sind mehr als befremdlich. Bei Benjamin Blümchen wurde aktualisiert und die Biene Maja wird ja auch schon länger nicht mehr von Karel Gott besungen. Kennt eigentlich noch jemand die Geschichten von Arborex? Wer mir das Titellied vorsingen kann, bekommt von mir eine Übernachtung in der Pension Metz spendiert.
  • Diese mehr als sonderlichen Plastikstreifen in Eisdielen, die fälschlicherweise immer als Servietten bezeichnet werden. Was soll das? Die nehmen nichtmal einen Hauch Flüssigkeit auf. Wer erfindet so etwas? Viel schlimmer noch: Wieso wehrt sich denn niemand dagegen?
  • Auch über den Krieg, aber das tun wir alle gerade. Deswegen sind diese Spaziergänge so wohltuend. Es ist schön, wenn man sich mal ablenken kann und Gründe zum Lachen findet.

Ohrwurm des Tages:

Sielsdorf und Stotzheim – zwischen Samentausch und Steingärten

Manchmal gibt es sie noch – diese Orte, die einen zwingen auf der Landstraße kurz von Tempo 160 km/h runterzubremsen. So ist es in Sielsdorf. Gerade von Frechen aus kommend in Richtung Köln ist es wichtig ein paar Gänge runterzuschalten, bekommt man doch ansonsten schnell ein Erinnerungsfoto seines Besuchs. Wer dann ein wenig langsamer unterwegs ist und keine Scheu kennt, der vermag sogar in eine der insgesamt sieben Straßen des Ortes abzubiegen und ein wenig zu verweilen. Nichts stört hier die Ruhe – außer natürlich das Röhren der tiefergelegten GTIs auf dem Weg zum Decksteiner Weiher. Mitunter vernimmt man auch das Schnattern emsiger Gänse. Nicht so jedoch während unseres Besuchs im März. Da sind alle Gänse natürlich noch im Winterurlaub, dort wo es schön warm ist. Meist in einem modernen Ofen, doch pünktlich zur St. Martins- und Weihnachtszeit tauchen die gefiederten Freunde wieder auf. Mysteriös…

„Blair Witch Project III“ – diesmal gans anders

Umweltschutz in verwinkelten Gassen – ohne Ziel

Wie oft liest und hört man missmutige Zeitgenossen, die einen überbordenden Schilderwald in Deutschland zu beklagen meinen. In Sielsdorf, so scheint es, wurden sie erhört. Wie sonst ist es zu erklären, dass auswärtige Besucher neugierig die Straße „Sielsdorfer Mühle“ beschreiten, ohne zu wissen, dass sie plötzlich endet? Ein Sackgassenschild oder ein einfaches „Kehren sie um – Gefahr!“ wäre hier angebracht. So genossen wir die Schönheit des zerfallenden Ortskerns gleich zweimal.

Hier könnte ihre Werbung stehen

Neben einem prosperierenden Gänsehof wartet der kleinste Hürther Stadtteil auch mit einem Restaurant auf. War dies jahrelang ein klassisches Steakhaus, so ist es nun eine griechische Taverne, die südländische Lebensfreude in den tristen Alltag zwischen den Bundesautobahnen 1 und 4 bringt. Passend dazu wartet das örtliche Gartencenter gegenüber mit einer beachtlichen Auswahl an Palmen auf. Die Inhaber scheinen obdies findige Geschäftsleute zu sein – bei keiner unserer Ausflüge in den vergangenen Jahren war die Palmendichte in Vorgärten so hoch wie hier in Sielsdorf. Die Natur bewahren, gleichzeitig den Klimawandel und die Umwälzungen der örtlichen Flora und Fauna durch die Erderwärmung im Blick – auch das ist Sielsdorf.

Stürzt die Umwelt – Freedom for Waste

Um die 370 Menschen leben in Sielsdorf (bei Vollmond wachen noch ein paar mehr auf) und die haben auch Sinn für Humor. Wer einmal vor Ort ist, dem sei das örtliche Dorfgemeinschaftsgebäude empfohlen. Das ziert ein (inoffizielles) Wappen, das eifrige Sielsdorfer mit sehr viel Kreativität angefertigt haben. Stichwort: Radaranlage. Mehr möchten wir hier nicht verraten, dann ist die Spannung raus.

Alle Wege führen nach Sielsdorf – sei es per Kutsche (links) oder Jetski (rechts)

Sportlich und naturbegeistert wie wir sind, wollten wir per Pedes von Sielsorf ins benachbarte Stotzheim lustwandeln. Schön durch die Natur, die Verlängerung der Straße „Am Gleueler Bach“ nutzen, das Plätschern des namensgebenden (und momentan unratfreien) Bachs im Ohr. Doch ähnlich wie in der Ortsmitte, endet auch dieser Weg plötzlich. Ein massives Eisentor behindert unser Fortkommen. Wir hören schon, wie im Ort getuschelt wird („Wir hatten hier einen Fluchtversuch“). Auch hier genossen wir den Weg also zweimal, suchten dann schnell unser Auto, bewunderten die Öffnungszeiten des örtlichen Tierarztes, der selbst sonntags schlac….behandelt und fuhren den weiten Weg nach Stotzheim.

Von Sielsdorf nach Stotzheim – Scheitern am eisernen Vorhang

Clown-Entführung im Freiluftknast

Zwei durch eine rotlichtzeigende Verkehrsregelanlage endlos quälend lange Minuten später waren wir in Stotzheim angekommen. Wegbeschreibung: Raus aus Sielsdorf, Richtung Dom, am Klärwerk rechts (Offizielles Schild des Klärwerks wartet mit dem Signature-Spruch „Wir klären das“ auf! Kreativität erwächst ja oft aus Langeweile).

Stotzheim (Hürth) ist nicht zu verwechseln mit Stotzheim (Euskirchen/Eifel). Hier in Hürth scheint nicht der gesamte Ort durch ein verwandtschaftliches Verhältnis gebunden zu sein. Leben ohne Liebe ist hier noch möglich!

Wo Liebe ist, da will ich nicht wohnen

Auch wenn man es nach diesem Bild kaum glauben mag, wird der Ort im Volksmund auch gerne „Stiefmütterchendorf“ genannt. Nicht aber, weil hier besonders viele Väter im zweiten Frühling eine neue Liebe erleben, sondern weil hier im Frühling ganze Platanen voll dieser unverwüstlichen Blumen erblühen. Grüße gehen raus nach Elsdorf. Vielleicht schaut man sich das hier in Stotzheim einmal an und pflanzt dann kommendes Jahr mehr als exakt zwei Stiefmütterchen je städtischen Blumenkasten.

Man kann vermuten, dass in Stotzheim mehr Stiefmütterchen blühen als Einwohner leben. Knapp 1.800 Menschen wurschteln sich hier durch (Verwelkte mitgezählt). Da allein die Landesgeschäftsstelle des Landesverband der „Lebenshilfe“ hier in einer Niederlassung 800 Arbeitsplätze bietet, scheint Stotzheim nah an der Vollbeschäftigung zu sein.

Nahversorgung mit Fassbier (stets gekühlt) ist gesichert.

Seit 1223 hier die ersten Einfamilienhäuser errichtet wurden, hat sich nicht viel getan. Es lebt sich gut in Stotzheim – zumindest, wenn man einen PKW sein eigen nennt. Das fällt uns tatsächlich auf: Die Autodichte scheint hier extrem hoch, einen Parkplatz zu finden ist komplizierter als am zweiten Adventssamstag im Parkhaus am „Rhein Center“ Weiden. Uns unerklärlich, gibt es doch alles Wichtige im Ort selbst zu erwerben (siehe Bild oben). Scheinbar fahren die Busse hier nicht so häufig oder die Bevölkerung möchte den Ort auch am Wochenende einmal verlassen. Wären wir auf drittem Bildungswege Fahrlehrer geworden – hier in Sielsdorf wäre unsere Fahrschule. Das hat goldenen Boden.

Niemand wollte den Baum mitnehmen. Dabei war das Angebot so verlockend, dachte der Tisch

Frei nach Konrad Beikircher sagen wir: „Am Schönsten ist es, wenn es schön ist“ und verlassen den Ort. Wie es sich hier gehört per Automobil. Leben, das ist uns bewusst geworden, kann man in Stotzheim. Vielleicht kann man es sogar ein wenig wollen.

Gang Bang-Party in der Stadtbücherei. Ziel: Völlig neue Kundschaften erschließen

Peter Lustig wollte nicht auf dem Klee leben und bastelte schnell ein neues Straßenschild
Demut vor dem Sterben der Natur. Ein Stillleben
Nicht nur dort, auch bei der Samentauschbörse, bitte!

Die Themen der Woche

Wir sprachen über:

  • Jetzt sind wir ja auch schon gut 29 Jahre auf dieser Welt und doch lernt man immer noch etwas neues hinzu. Wir alle kennen ja sicher noch „Meister Eder und sein Pumuckl“ aus der Kindheit. Der rotschopfige Kobold, der nur Unsinn im Kopf hat sorgte vor genau 60 Jahren für einen echten Publikumserfolg. Bis heute werden die Geschichten aus der bayrischen Eder-Werkstatt in den dritten Programmen wiederholt. Aber kennen Sie, kennt ihr auch „Immer dieser Fizzibitz“? Nein? Wir auch nicht – bis jetzt. Die neidvollen Schergen des WDR waren in den 1960er Jahren wohl nicht so begeistert vom Erfolg des Bayerischen Rundfunks mit seinem „Pumuckl“, so dass sie dachten: „Das adaptieren wir für unser Programm.“ Wobei „adaptieren“ hier als Euphemismus für „Das klauen wir ganz dreist“ steht. Unter dem Titel „Immer dieser Fizzibitz“ gingen alsbald sage und schreibe 35 (!) Hörspielgeschichten mit Herrn (!) Eder und seinem Kobold Fizzibitz auf Sendung. Die Dialoge waren dabei meist nahezu absolut identisch mit denen aus Bayern, nur halt „rheinisch“ intoniert – weil der Herr Eder seine BDSM-Werkstatt halt in Köln aufgeschlagen hat. Wer viel Tagesfreizeit hat und wem das Kaminfeuer des nachts bei „SuperRTL“ zu langweilig ist, dem empfehlen wir hier eine Episode.
  • Sportliche Herausforderungen sind gerade zu Ende des Winters immer gerne gesehen, wenn man im Sommer zu geizig ist eine neue Speedo (enganliegend) für die Urlaubsfrische zu kaufen. Einer von uns besucht nun einen Sportkurs, bei dem man mit seinem eigenen Körpergewicht arbeitet. Also….einen Abend lang. Und danach kann man den eigenen Körper drei Tage gar keiner Arbeit mehr aussetzen, weil selbst der Gang auf die Porzellanschüssel arge Schmerzen bereitet.

Die Lieder der Woche

Wir sangen:

  • Unsere lieben, lieben Freunde des sympathischen Endzeitsenders „Absolut Bella“ überraschten uns mit einem Oeuvre, das wir spontan sofort der Songwerkstatt des kleinen Gute-Laune-Bardens Gigi Anderson zuordneten. Mitnichten. Der Song „Santa Lucia“ wurde von keinem geringeren als Francesco Napoli intoniert! Francesco Wer? Viele kennen ihn vielleicht eher unter seinem Geburtsnamen Francesco Napolitano. Ahhh, jetzt fällt es dem ein oder anderen sicher wie Schuppen von der Calzone. Die Qualität des Musik-Videos steht übrigens stellvertretend für die Qualität des Liedes…
  • Ganz hartgesottene ESC-Fans erinnern sich vielleicht noch an die Zeit als der internationale Schlagerwettbewerb unter dem Titel „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ firmierte. 2001 wurde er dann ja bedauerlicherweise umbenannt – ESC kann man leider sehr schlecht lallen nach 14 Kabänes, die 1988 mindestens genossen werden mussten, um den spektakulären Auftritt der zu Recht vergessenen Formation „Maxi und Chris Garden“ ertragen zu können. „Absolut Bella“ kennt einmal mehr keine Gnade und verwöhnt unsere Ohren mit dem Klassiker „Lied für einen Freund“ (der daraufhin sicher die Freundschaft aufkündigte). Maxi und ihre Gartenfreundin landeten mit der gesungenen Bankrotterklärung auf einem für Deutschland gewohnten 14. Platz und anschließend in der Versenkung. Bis ein eifriger „Absolut Bella“-„Redakteur“ ihre Vinylplatte auf dem Grabbeltisch eines drittklassigen Flohmarktes in Berlin-Köpenick entdeckte und für 5 Cent mitnahm…

Wo keiner Deine Schreie hört – ahnungslos in Angelsdorf und einsam in Esch

Wir haben in den vergangenen zwei Jahren schon viel vom Rhein-Erft-Kreis gesehen und bildeten uns bislang auch ein, dass uns so schnell nichts mehr überraschen könnte. Wir haben uns getäuscht.

Unsere Wanderung in einem Bild.

Nun muss man vorwegschicken, dass unsere Wanderung am 20.02. erfolgte. Die Sturmtiefs Ylenia, Zeynep und Antonia hatten in den vorhergehenden Tagen viel Verwüstung angerichtet und auch im Rhein-Erft-Kreis Spuren hinterlassen. Vielleicht sind Angelsorf und Esch sonst wahre Kleinode und schillern im Sonnenlicht wie Brillanten. Im Regen- und Sturmgrau dieses Sonntags blieben sie jedoch stumpf und fad.

Leicht schräg wäre eine Übertreibung.

Es beginnt.

Während der Anreise hören wir Frank Zanders großen Hit „Oh, Susi“. Damit ist die intellektuelle Latte für diesen Tag gelegt und es wird uns schwerfallen, diese im weiteren Verlauf zu überspringen. Unser Gefährt, indem man als Beifahrer mittlerweile nur noch eine Stufe von der Liegendanfahrt entfernt ist, parken wir in Elsdorf am Kultur- und Freizeit-Hotspot. Hier, zwischen Stadthalle und Seniorenwohnheim auf der einen und Gesamtschule und Freibad auf der anderen Seite schlägt das heimliche Herz der Stadt, die erst seit 2011 als Stadt gilt und vorher eine Gemeinde war. Wahrscheinlich sind alle Parkplätze belegt, wenn der SC Elsdorf 08 ein Heimspiel hat, oder einer der Karnevalsvereine zum närrischen Treiben einlädt. Heute ist unser Auto das einzige Fahrzeug auf dem gesamten Gelände. Da wir Elsdorf ja bereits erwandert haben, laufen wir über die Alemannenstraße in Richtung Angelsdorf. Wir kreuzen den Keltenweg und die Teutonenstraße und warten eigentlich nur noch auf die Germanengasse, die es aber hier nicht zu geben scheint. Dafür gibt es eine Fülle solarzellenbedeckter Einfamilienhäuser. Man kann nur vermuten, dass hier ein Vertreter ganze Arbeit geleistet hat. Heute ist allerdings nicht der Tag, an dem sich die Anschaffung der Eigenheimbewohner rentiert. Wir verlassen die Straßen der Stämme und betreten nun die Wege der Vögel. Auf Zeisig, Rotkehlchen und Nachtigall folgen Falke und Milan, dies aber ausschließlich auf den Straßenschildern. Lebendiges Gefieder scheint sich nicht hierhin zu verirren. Diese Neubaugebiete der 1990er Jahre wirken wohl auch auf die Vogelwelt wenig einladend. Wir können es verstehen.

Franziska wollte unbedingt zum Volk sprechen können.

Beim Bau vom Eigenheimen sollte unbedingt der Spruch gelten „Man muss nicht alles machen, was man machen kann.“ Säulen sollten ausschließlich Sakralbauten, Tempelanlagen und Museen vorbehalten bleiben, Erker bitte nur bei Häusern, bei denen der Vorbau dann nicht wie eine Geschwulst aussieht und schmiedeeiserne Erzeugnisse bitte nur sparsam einsetzen. EIn wenig fühlen wir uns beim Lustwandeln wie in einem Musterhaus-Park, in dem uns all die vielen (Un)Möglichhkeiten des Hausbaus vorgeführt werden.

Altersruhesitz direkt am Wasser. In Angelsdorf noch bezahlbar.

Esch(t) nicht schön.

Irgendwann kommen wir dann auf die Gladbacher Straße, die uns dann weiter nach Esch führt. Was kann man über diesen Ort sagen? Esch ist so ein wenig wie das Konglumerat an Dingen, die sich über Jahre in Handtaschen ansammeln und irgendwann ein undefierbares Etwas ergeben. Architektonisch passt hier nichts zusammen und es scheint auch nicht ganz klar zu sein, welcher Bau als Wohn- und welcher als Nutzfläche gilt. Fast könnte man glaube, irgendwer hätte irgendwann zu irgendwelchen Leuten gesagt :“Das ist Euer Land. Macht damit, was ihr wollt. Es ist mir vollkommen egal.“ Man sieht wenig Liebreiz aber viel Wagemut, gerade was die Fassadengestaltung betrifft. Zwischendurch gibt es immer mal wieder Freifläche. Wer also noch günstig ein Grundstück erwerben möchte, dem sei Esch sehr ans Herz gelegt. Natürlich muss man den Blick auf den Tagebau mögen, der sich nicht weit von der Ortsgrenze wie blutende Wunde entlangstreckt. Aber wer weiß? Wenn die geplante Seenlandschaft in dreißig bis hundert Jahren fertiggestellt ist, wird Esch wahrscheinlich einer der begehrtesten Wohnorte im ganzen Kreis sein.

Das Dorfschwimmbad lädt auch bei kühleren Temperaturen zum Verweilen ein.

Original mediterrane Küche.

Unser Rückweg führt uns von der Erich-Kästner-Grundschule über den Fasanenweg wieder auf die Gladbacher Straße. Wir gehen diese bis zum Haus Hubertus, bei dem das Bruschetta ganz traditionell ein geröstetes Brot mit Parmaschinken und überbackenem Käse ist. La dolce vita in Esch. Herrlich.

Die Worte „Flieht, solange Ihr könnt“ wurden gerade gestern erst übermalt.

Geht doch (kurz).

Wir biegen rechts in die Frankenstraße ein (man merkt, dass wir uns wieder unserem Ausgangspunkt nähern), um uns die andere Seite von Angelsdorf anzuschauen. Während die Ostseite der Gladbacher Straße geprägt ist von unzusammenhängenden Neubauten, erkennt man auf der Westseite, dass es sich hier anscheinend um den historischen Kern des Ortes handelt. Rund um die Kirche St. Lucia (Dan singt!) wirkt alles relativ harmonisch und beschaulich.

Nicht auf dem Bild: Pater Brown und seine „Haushälterin“ .

Wir sind ein wenig versöhnt, aber die Freude währt nur kurz, denn der Mausweg und vor allem der Ahornweg warten dann schon wieder mit ein paar schmerzhaften Eindrücken auf. Warum sind es eigentlich immer diese sogenannten Architektenhäuser, die so unangenehm auffallen? Lernt man denn nicht schon im ersten Semester, dass ein Gebäude immer in Symbiose zu seiner Umgebung stehen sollte? Dieser frühmittelalterliche Wikinger-Bau, der sich uns präsentiert wäre in Klugheim gut aufgehoben. Wir singen abwechselnd „Zerrissen“ und „Was hat dich bloß so ruiniert?“

Wo Teracotta-Träume wahr werden.

Über die Nollstraße gelangen wir wieder auf die Gladbacher Straße, passieren auf dem Rückweg das Rathaus und die Gesamtschule und entdecken schon bald das noch immer einsame Auto auf dem Parkplatz. Es stürmt, irgendwo jault ein Hund und uns fröstelt.

Wir sprachen über:

  • Die Preise für Eigenheime. Bei uns im Ort bekommt man gerade ein Zweizimmer(!)-Haus mit einer Fläche von 70qm (!!) für 285.000 Euro.
  • Die Schönheit der Inventur. Alles entwickelt sich weiter und wird fortschrittlicher, aber Sachen zählen muss man immer noch. Da kann doch etwas nicht stimmen.
  • Das Moksha-Movement. All die Jahre haben wir uns gefragt, warum wir uns so müde und ausgelaugt fühlen. Nun wissen wir, dass wir all unsere Energie verschleudert haben, statt sie zu speichern. Noch ist es aber nicht zu spät. Wir werden uns der Bewegung anschließen und uns in einer der zahlreichen Gruppen mit anderen Erguss-Aufsparern austauschen.

Ohrwurm des Tages: