Wacker Wesseling, wacker

Winter in Wesseling – was klingt wie ein Schlager aus der feingliedrigen Feder einer Ingrid Peters ist in Wirklichkeit eine lebendige Herausforderung aller Sinne. Schon bei der Anfahrt über die Bundesautobahn 555 ist der Geruchssinn gefordert, wenn man auf Höhe der Raffinerie nicht schnell genug die Autofenster hochgefahren hat. Wesseling, ja, das muss man deutlich sagen, ist durchaus industriell geprägt. Das ist mitunter auch eine Herausforderung fürs Auge, aber das sind wir ja im Rhein-Erft-Kreis mittlerweile gewohnt.

Obstplantage – 100% bio

Apropos Rhein-Erft-Kreis. Der darf sich ja seit einigen Jahren nur so nennen, eben weil es Wesseling gibt und damit die einzige kreiszugehörige Stadt, die zumindest stellenweise den Rhein im Stadtgebiet begrüßt. Die Lenker und Honorationen des damaligen Erftkreis‘ waren der Meinung, mit der Namenserweiterung auf „Rhein-Erft-Kreis“ lässt sich deutschlandweit schneller feststellen, wo sich das Kreisgebiet geographisch genau befindet. Nicht, dass noch jemand denkt, der Kreis befindet sich in der Eifel oder – noch schlimmer – irgendwo bei Neuss.

Wesseling – Stadt der fragwürdigen Stehtische

Dabei gehörte Wesseling nicht immer zum Erftkreis/Rhein-Erft-Kreis. Im Zuge der bis heute allseits beliebten kommunalen Neugliederung hatte sich die Stadt Köln 1975 Wesseling einverleibt – wollte man doch unbedingt zur Millionenstadt am Rhein avancieren. Mit Wesseling als Teil Kölns gelang dies. Doch: Die Wesselinger an sich sind ein unbeugsames Völkchen voller Juristen, sie klagten gegen diese Eingemeindung.

Schönes bleibt!

Aus heutiger Sicht völlig unglaublich: Nach nur knapp anderthalb Jahren gab es in dem Fall bereits ein Urteil und Wesseling erhielt seine Eigenständigkeit im Sommer 1976 zurück. Köln war damit nicht mehr Millionenmetropole und musste knapp 34 Jahre warten diesen Status wiederzuerlangen. Ob Wesseling sich damit langfristig einen Gefallen getan hat – man weiß es nicht. Immerhin hat die Stadt so ein eigenes unfassbar schmuckes Rathaus…

Quasimodo hat den besten Blick

Knapp 40.000 Menschen leben in den insgesamt vier Wesselinger Stadtteilen und die älteren können sich noch an die Zeit erinnern als am nahen Laacher See der Vulkan ausbrach. Das soll so ungefähr 11.500 v. Chr. passiert sein und Ausgrabungen haben gezeigt, dass bereits am Ende der Altsteinzeit Menschen hier residierten. Deren Häuser werden momentan von hiesigen Maklern als „Liebhaber-Stücke für den geschickten Handwerker“ angeboten. Apropos „Handwerker“. Was in Wesselinger Ladenlokalen als örtliche Kunst feilgeboten wird, ist auch ein echter Hingucker bzw. Hinfühler. Filz ist ja jahrelang von internationalen Kunstkonglomeraten völlig stiefmütterlich behandelt worden und kann einen jeden und eine jede von uns schmücken…

Was der Rhein so anspült…

Eines aber muss man der Stadt lassen: Es gibt auch schöne Ecken. Nicht unbedingt in der Innenstadt und der völlig zu vergessenen Fußgängerzone, die symbolisch für den Niedergang deutscher Kleinstadtinnenstädte stehen könnte. Wenn ein BarberShop den nächsten Dönergrill ablöst, dann sucht man hier vergebens nach zukunftsfähigen Konzepten, die eine City für viele Bevölkerungsgruppen attraktiv machen könnte. Nein, was wirklich schmuck ist, das ist die Promenade am Rhein. Hier hat man das Gefühl von Weite, von Zuversicht, von der Möglichkeit schnell wegkommen zu können.

Mecklenburgische Seenplatte bei Wish bestellt

Ansonsten fragen wir uns nun schon seit Wochen, was Michel aus Lönneberga mittlerweile wohl so macht und ob er eine zweifelhafte Zweitkarriere in Wesseling gestartet hat. Es sei ihm nicht zu wünschen.

Killermichels Koitus-Knigge

Ohrwurm des Tages

Was wäre ein Sonntag ohne die akustische Bereicherung durch Deutschlands diversesten Musiksender „Absolut Bella“? Wahrscheinlich ein guter Anfang. Aber wir geben uns einmal mehr den Wirrungen der internationalen Musiklandschaft hin und freuen uns über ein Werk des französischen Barden Joe Dassin. Nahezu jeder, der nicht der Generation TikTok-Verblödung angehört kennt sicher seinen Klassiker „Les Champs-Élysées“. In Paris wohnte er lange, gestorben ist er auf Tahiti. Es gibt sicherlich schlimmere Orte, vorauszugehen. Wir genießen während der Fahrt nach Wesseling seinen Song „Ça va pas changer le monde„.

Auf dem Weg zurück aus Wesseling sind wir für jede Ablenkung dankbar und freuen uns über den Song, den wir noch aus der „Quality Street“ TV-Werbung der 80er Jahre kennen. Perry Como hat es 1957 gesungen und wir wetten: Fast jeder und jede kennt es. Gute Unterhaltung.

Broicher Baummassaker

Es gibt so Orte, die vergisst man schnell. Das ist meist auch eine Schutzfunktion des Körpers beziehungsweise der Psyche. Mitunter blitzen doch noch dunkle Erinnerungen in kurzen Albträumen auf, die einen des nachts schweißgebadet aufschrecken lassen. Dann ist man wach und denkt sich nur: „Dem Herr sei’s gedankt, wohne ich nicht dort!“ So kann es uns in einigen Tagen, Wochen, Monden auch mit Bedburg-Broich gehen.

Hier könnte ihr Sarg stehen

Wir waren Beide ganz überrascht, dass wir dieses Juwel fehlgeschlagener Bedburger Stadtplanung in den vergangenen Jahren noch nicht besucht haben. Am Ende des Ausflugs wussten wir: Wir haben auch nichts verpasst. Nun ist es so, das muss man ehrlich sagen, dass natürlich eine Wetterlage mit Temperaturen um den Gefrierpunkt, zähem Hochnebel und einem „Grau in Grau“ nicht unbedingt zur gewinnenden Optik eines Ortes beiträgt. Broich aber kann auch ein heißer, sonniger Augusttag nicht mehr helfen.

Im Winter bleibt die Hängematte im Keller

Rund Tausend Menschen leben trotz aller optischer Angriffe auf den guten Geschmack in dem Ort. Vielleicht ist Broich auch einst vom BKA gegründet worden als Dorf, in dem man Menschen nach Durchlaufen eines Zeugenschutzprogramms erfolgreich verstecken kann. Ist nur eine Vermutung, unsere Anfrage diesbezüglich in Wiesbaden ist bisher unbeantwortet geblieben. Immerhin fließt die Erft durch den Ort und verleiht ihm so ein wenig Leben.

Urlaub für die Augen! So schön

Bereits im 13. Jahrhundert soll hier eine Kapelle gestanden haben. Angeblich, so sagen es die Zeitzeugen von damals, auf dem Gelände des heutigen Friedhofs. Das belegen auch Steuerunterlagen von einst, die bis heute im Kölner Erzbistum lagern. Das ist das Schöne an der katholischen Kirche: Steuerunterlagen verschwinden da nicht, da sind sie genau. Bereits in der Bibel steht geschrieben: Einkommenssteuerbescheide sowie Umsatzsteuervoranmeldungen müssen nach Ausstellung mindestens 2000 Jahre aufbewahrt werden und auf Nachfrage des Pontifex jederzeit vorgezeigt werden können.

Wenn man ’nen Euro einwirft, bekommt man sein Horoskop vorgesungen

In der Nähe des heutigen Broichs, am Rande des schmucken Tagebaus Bergheim, soll es außerdem bereits im 12. Jahrhundert einen Adelssitz gegeben haben, zu dem auch ein Ort gehörte. Beide sind vor Jahrhunderten untergangen. Ein zurückliegendes Schicksal, das vielleicht auch in Zukunft wieder droht. Man soll den Teufel nicht an die Wand malen, dafür sind die Wände hier auch viel zu beschmutzt.

Wenn ein „O“ auch ein „D“ sein könnte

Was auffällt ist die durchaus unschöne Baumgestaltung der hiesigen Alleen. Vermutlich, so denken wir, hat irgendjemand aus dem Grünflächenamt der Stadt gesagt, Broich sei noch nicht unschön genug und daraufhin einen mit Kettensägen bewaffneten Trupp in den Ort geschickt. Ihr sinisterer Auftrag: Kappt alles, was blühen und grün sein könnte! Und so erinnert der Restbaumbestand an finstere Waldsterbengeschichten aus den 1980er Jahren. Man kann die Hilferufe der Bäume quasi mit den Augen hören.

…Bäume sind davon ausgenommen

Aber: Es gibt auch Parzellen und Straßenabschnitte, die Hoffnung machen. Menschen, die ihre Häuser durchaus pflegen, fröhlich tünchen und auch ab und an den herumfliegenden Unrat (Pappe, Tonnen, Badezimmerschränke, Guillotinen) der Nachbarn wegräumen. Einzig: Diese Menschen scheinen in der Minderheit.

Hier wohnt also Luise

Was uns auch noch aufgefallen ist und wofür wie auch keine Erklärung haben (so wie für die Fragen weshalb Menschen ihren Unrat scheinbar einfach aus dem Fenster werfen und die Bäume scheinbar „Bar Mitzwa“ feiern mussten) sind die im Ort herumliegenden Geschenke. Auch zwei Wochen nach Weihnachten fliegen sie, minder-liebevoll verpackt, durchs Dorf. Entweder hat Santa sie über Broich einfach achtlos abgeworfen, frei nach dem „Mir doch egal“-Motto oder selbst beim Schrottwichteln waren sie den örtlichen Berbern zu hässlich. Andere Erklärungen kommen einfach nicht in Frage. Der Osterhase wird sich in ein paar Wochen wundern…

Wir sprachen über:

  • Die vergangenen Feiertag, den Jahreswechsel und welch glückselige Überraschungen das neue Jahr wohl für uns bereit hält. Ein trübes Gespräch, das doch auch zu Broich passte.
  • Kurzurlaube und ihre Auswirkungen auf des persönliche Wohlbefinden. Sowohl im positiven wie auch im negativen Sinne. Conclusio: Der Trend geht zum Drittbungalow.

Ohrwurm des Tages

Auch das neue Jahr startet musikalisch auf einem Niveau, das seinesgleichen sucht. Dank „Absolut Bella“ (Claim: „Das Leben ist bella!“) und einer Musikredaktion zwischen Persicoparty und Schlammbowlenfrühstück lernen wir wöchentlich neue Künstlerinnen und Künstler kennen, die andernorts kaum zu hören sind. Aus Gründen. Anders ist das bei Nanett! „Nanu! Nanett?“ hören wir den ein oder die andere ausrufen. „Die kenne ich ja noch gar nicht!“ – Menschen, die selten grenzreudige Schlagershows wie „Beatrice Eglis Panoptikumsparade“ schauen, können sie auch kaum kennen. Alle anderen hat sie dort bereits mit ihrer Musik zu verzücken versucht. Da wird noch ordentlich gesungen und playbackgeblasen.

Auf der Heimfahrt versöhnten uns die gottlosen Musikschergen von „Absolut Bella“ dann aber mit einem Klassiker von Barry Manilow. „Can’t smile without you“ säuselte er ins Mikro – zu einer Zeit als er selbst noch smilen konnte. Heute müsste der Song eher lauten: „Can’t smile cause of too much Botox“. So ändern sich die Zeiten.

Dorsfeld sehen und vergehen

Man mag es ob unseres jugendlichen Aussehens kaum glauben , aber tatsächlich wohnen wir schon einige Jahrzehnte im Rhein-Erft-Kreis, kennen auch das Kerpener Stadtgebiet gut, aber zumindest einer von uns hatte noch nie das zutiefst zweifelhafte Vergnügen den Ortsteil Dorsfeld besuchen zu können. Man kann aber auch nicht mal „versehentlich“ durchfahren, denn eine Durchgangsstraße sucht man hier ebenso wie Bäckereien, Ampeln oder zuversichtige Menschen mit einem Rest Lebensmut. Dorsfed – das muss man suchen, da muss man wirklich hin wollen. Da wir ja JEDEN Ort im Rhein-Erft-Kreis heimsuchen, sind wir selbstverständlich auch hier. Kurz zumindest.

„Da ist Feld“ auf rheinisch

Offiziell gehört Dorsfeld zum Kerpener Stadtteil Blatzheim, es liegt etwas nördlich von Bergerhausen und eben Blatzheim und wird begrenzt durch die Bahnstrecke Köln-Aachen. In gewisser Weise ist also eine Fluchtmöglichkeit gegeben. Statt sich lange mit der komplizierten und zeitraubenden Findung von Straßennamen zu beschäftigen haben sich die Stadtväter und -Mütter etwas sensationell-progressives einfallen lassen: „Wir nennen jede Straße einfach so wie den Ort und geben den Häusern reihum Nummern“! Und so kann man in Dorsfeld halt im Ort, wie auch in der Straße Dorsfeld wohnen. Stark!

Liebhaber-Haus für den geschickten Handwerker

Wer noch auf Wohnungs- oder Haussuche ist und wem Alt-Manheim infrastrukturell zu erschlossen ist, der wird hier in Dorsfeld fündig und seinen Frieden machen können. Es gibt Straßen, Strom, Telefonanbindung – was will man mehr? Gehwege zum Beispiel. Auf die hat man aber verzichtet. Es fahren nun aber auch wirklich nicht so viele Personenkraftwagen durch den Ort, dass man Gefahr läuft, auf der Straße umgeholzt zu werden.

Täuschend echt – wegen der Glocke

Wer kann und einen Hauch von Schöngeist leben möchte, verschönert sein Anwesen, so gut es geht. Bei einigen sind es Blumenarrangements, bei anderen Tier-Plastiken in Lebensgröße, bei wieder anderen halt Unrat, Reifen, Erwachsenenbekleidung – alles kann, nichts muss.

Lange Dorfgeschichte

Dorsfeld kann, man vermag es kaum zu glauben, auf eine lange Geschichte zurückblicken. Anders als in fast allen anderen Orten im Rhein-Erft-Kreis waren hier allerdings nicht mal „die Römer“. Wahrscheinlich haben die weitgereisten Soldaten des Römischen Reiches den Ort einfach nicht gefunden.

Witt/Heppner-Fans sorgen vor

Im 11. Jahrhundert wird Dorsfeld dann zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Im 14. Jahrhundert schnappten sich derer „von Bergerhausen“ den Ort und alles, was dort kreuchte und fleuchte. Was danach passierte, ist nicht überliefert. Kerpen war einst spanisch besetzt, in Dorsfeld gibt’s bis heute nicht mal ne Tapas-Bar.

Nach dem großen Erfolg von „Dorsfeld 1“ und „Dorfeld 2 – im Auge des Schakals“

Kurz gesagt: Wer Ruhe und Erholung sucht, sich dazu gerne ein bisschen gruselt, wer wenig Wert auf schöngeistige Erfahrungen legt und wer Dr. Mabuse für einen seriösen Arzt hält, der wird sich in Dorsfeld wohlfühlen. Wenn er oder sie es denn findet…

Siggi hatte alles für seinen 1-Sterne-Campingplatz vorbereitet

Wir sprachen über:

  • Das Ende alles irdischen Seins und die Verteilung der Hinterlassenschaften (ein zugegeben) morbides Thema, für das Dorsfeld aber die perfekte Kulisse bietet.
  • Die Kurzurlaubsplanungen der kommenden Monate. Wie warm ist es im Februar auf La Gomera, wie gastfreundlich ist Rumänen und wo genau wurde einst das SAT1 „Girlscamp“ (die Älteren erinnern sich) produziert?

Ohrwurm des Tages

Geht das Leben auch immer höha, weita, schnella, nicht so ist’s bei „Absolut Bella“. Man möge uns diesen anmaßenden Ausflug in die schlechte Wortwitz-Hölle verzeihen, aber übermäßiges Hören eben jenes Power-Senders erweicht das Hirn. Besonders an diesem Sonntagmittag als die sinistre Musikredaktion Titel aussuchte, die man wahrlich kaum ertragen kann. Da wäre zum Beispiel die Tochter von Bernd Ulrich und gleichzeitig Nichte von Karl-Heinz Ulrich: Daniela Alfinito. Seit sie beim Untoten-Duo „Amigos“ ihrer nächsten Verwandten mitperformen durfte, meint sie selbst, Sängerin zu sein. Bei „Absolut Bella“ besingt sie, wie ihr Morgenritual so abläuft. Erst die Hose, dann die Schuhe, Daniela!

Jan Svensson werden die wenigsten Leserinnen und Leser hier kennen, einige aber vielleicht seinen Künstlernamen „Harpo“. Der barfüßige Barde aus Schweden hat in den 1970er Jahren einige Welthits gehabt, unvergessen sein Song „Moviestar“ von 1979. 30 Wochen stand er damit in den deutschen Media Control Charts. Diesen Song spielen die masochistischen Monster von Absolut Bella freilich nicht, sondern ein späteres Werk von ihm. Harpo ist übrigens Widder…

Man, warum Manstedten?

Es gibt so Orte im ambivalent-attraktiven Rhein-Erft-Kreis, von denen viele Menschen noch nichts gehört haben – selbst innerhalb des Landkreises. So geht es auch einem von uns als der Bücherbus der guten Laune einen Stopp in Manstedten macht. Gäbe es hier eine abgehalfterte Dorfkneipe mit Veranstaltungssaal und Bundeskegelbahn, dann wäre dies ein exemplarisch guter Halt für eine Kaffeefahrt inkl. Werbeverkaufsveranstaltung (Teilnahme freigestellt) – denn man könnte nirgends hin flüchten. Einfach, weil es hier nichts gibt, nicht mal eine rheinische Eckkneipe.

Als Schattenspender zu mickrig, als Galgen zu niedrig.

Was es hier gibt, das sind Pferde. Und davon wirklich jede Menge. Manstedten – Mekka für Liebhaber des hippiquen Sports. Wir parken den Boliden aus den benachbarten Ford-Werken am nördlichen Ortsausgang, irgendwo im Feld (denn Parkraum gibt es, wie auch Gehwege, nicht in Manstedten). Dort, mitten im Nirgendwo, begegnet uns direkt eine Kutsche mit einem PS. Herrlich. Wir pfeifen sofort Evergreens von Heidi Brühl und fühlen uns wie auf dem sagenumwobenen „Immenhof“. Es riecht auch so, das unterstützt die Tagträume in längst vergangene Zeiten und lässt einen von uns durchweg fluchen wie ein nervöser Rohrspatz. Naturfreund halt.

Rarität: Die einzig vorzeigbare Ansicht Manstedtens

Noch weitaus mehr Flüche stößt er aber dann aus, als plötzlich, mitten im Niemandsland der Feldweg endet. Einen Alternativweg gibt es nicht, nicht mal einen in den Karten „blau“ eingezeichneten und so beschließen wir spontan einen neuen Weg zu eröffnen. Dieser führt uns mittenmang durch ein unwirtliches Stoppelfeld. Dazu der allgegenwärtige Geruch nach Pferde-Dung – es ist ein Fest für die Sinne.

Dritter Alternativtermin wegen zu schlechten Wetters wird Ende November sein

Manstedten ist dabei noch älter als einige Bauten und Einheimische vermuten lassen. Bereits im Jahr 1029 ist der Ort das erste mal urkundlich erwähnt worden – wahrscheinlich als Erzbischof Pilgrim bei einem feucht-frivolen Ausritt einen Ort zum Wasserlassen suchte. Seit dem Mittelalter dann gehörte Manstedten zum Amt Königsdorf im Kurfürstentum Köln. Das klingt alles weitaus mondäner als es je war, noch je sein wird. Danach wechselte die Zugehörigkeit recht häufig. Manstedten schien das unwirtliche Kind, das nach einer Scheidung niemand haben wollte. Seit 1975 kümmert man sich im Pulheimer Rathaus um den Ort, wobei „kümmern“ hier auch das falsche Wort ist. Beim Anblick der wirr zusammengewürfelten Häuserfassaden und Weggabelungen scheint in der Städtebau-Abteilung des Pulheimer Rathaus der alte Satz zu gelten: „Macht, was ihr wollt, uns ist’s egal.“
Fazit: Man muss hier nicht hin, außer vielleicht hoch zu Ross oder wenn man Pferdedunggeruch liebt.

Motto in Manstedten: Geld vergeht, Hektar besteht

Wir sprachen über:

  • Das Leben in Wohnparks, die Vor- und Nachteile leerstehender Wohnungen und die Frage nach dem richtigen Lüften.
  • Die fatale Fehleinschätzung lokaler Geschäftsleute was die Bereitschaft betrifft dem Fiskus seinen gesetzlich geregelten Anteil zukommen zu lassen.
  • Infantile Scherze eines Hobby-Malers, der sich selbst bei der Renovierung eines Kinderzimmers doppelt und dreifach Arbeit gemacht hat, nur weil er das Gemüt eines 13-Jährigen kurz ausgelebt hat.

Ohrwurm des Tages

Der beste Radiosender der Welt (das ist empirisch durch Umfragen im Seniorenstift „St. Agatha der bückenden Dirne“ belegt) hat sein musikalisches Portfolio noch einmal massiv erweitert. Spielte man bislang schon die unwirklichsten Songs in deutscher, englischer, französischer und italienischer Sprache, so erklingen dort nun auch herrliche Werke in Niederländisch. „Absolut Bella“ öffnet sich damit einer absolut melodischen Sprache, deren Werke man viel zu selten vorgesungen bekommt. Frans Bauer dürfen wir genießen mit einer Liebeserklärung an seinen Betreuer „Heb ja even voor mij?“ (Hast Du kurz Zeit für mich?). Und er beweist im dazugehörigen Video, dass auch drölftausend Tonnen Glitterschnipselregen einen untersetzten Mittfünfziger im türkisenen Samtsakko nicht verschwinden lassen können.

Auf der Rückfahrt ließ uns die Musikauswahl der „Absolut Bella“-Redaktion (aka. Shuffle-Version im Winamp-Player) noch beschwingter heimwärts düsen, präsentierte man uns doch einen echten Klassiker von den „Teddy Bears“. Ihren Song „To Know Him Is to Love Him“ stammt vom Grabsteinspruch des verstorbenen Vaters eines Bandmitglieds. Der Song war schnell fertig, knapp ein halbes Jahr in den US-Charts und danach hat sich die Combo getrennt. Zack! Wir erinnern uns noch mal und schwelgen in den 50er Jahren.

Zwei Dörfer zum Preis von einem: Geildorf und Eckdorf.

Die letzten zwei Jahre haben uns gelehrt, dass das Leben im Rhein-Erft-Kreis vielseitig ist und sich die einzelnen Orte bei den Themen Lebensqualität, Infrastruktur und Evolutionsstufe doch stark unterscheiden. Wir haben daraus die folgenden Lehren gezogen:

  • Dort, wo einmal in der Woche der Bus der Kreissparkasse hält, ist es selten schön. Anscheinend gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Vorhandensein eines Kreditinstitutes und der Ansehnlichkeit des Stadtteils.
  • Je mehr Orchideen in den Fenstern, desto fragwürdiger die Umgebung. Hortensien hingegen lassen Hoffnung aufkommen, dass es nicht ganz so schlimm wird. Richtig tragisch wird es, wenn wir diese bestimmte Nadelbaumart in Vorgärten erblicken, die sich in den 1960er Jahren großer Belibtheit erfreuten. Nichts gegen Koniferen, wir sind ja auch welche auf unserem Gebiet, aber die Andentanne ist ein Sinnbild für die perfekte Kombination aus Spießigkeit und Geschmacksverwirrung.

Mit diesem Wissen im Gepäck besuchen wir an diesem Sonntag zwei Brühler Stadtteile, von denen wir nie zuvor gehört haben. Anscheinend verstehen es die Ureinwohner:innen, sich geschickt vor den Augen marodierender Banden und durchreitender Vandalen zu verbergen und sich so die Schönheit dort zu erhalten. Denn, soviel gleich vorweg, wir entdecken so gut wie keine Orchideen und die eine Andentanne, die uns uns begegnete, scheint es auch bald hinter sich zu haben. Eckdorf und Geildorf sind zwei sehr schmucke Orte, in denen wir uns beide zu leben vorstellen können. Wer hätte das gedacht? Aber der Reihe nach:

Ein Happy Meal und einen kleinen Milkshake Vanille, bitte.

Lidl lohnt sich leidlich

Den bereiften Tiefflieger parken wir auf dem örtlichen Lidl-Parkplatz und entdecken dort die E-Ladesäule. Nachdem wir eingestöpselt, umgestöpselt und das Anmeldeverfahren durchlaufen haben, müssen wir allerdings erfahren, dass Strom nur werktags zur Verfügung steht. Ergibt ja auch Sinn. Elektrizität am Tag des Herrn?! So weit kommt es noch! Egal, der Hybrid-Hengst kann auch fossil. Also nur parken ohne laden.

Wir gehen die Steingasse in Richtung Westen und spüren bereits hier, was sich kurze Zeit später bewahrheiten soll: Eckdorf und Geildorf sind sozusagen die Brühler Schweiz. Hier führen alle Wege bergauf und wer sonst die alpinen Routen erwandert, findet hier ein gutes Trainingsareal. Gut, dass wir luftig angezogen sind und einer von uns, als Reminiszens an Celine Dions Auftritt bei der Olympia-Eröffnung und auf Wunsch des anderen, ein komplett weißes Outfit trägt. Wir queren die Bavinganstraße und fragen uns, wer oder was wohl ein Bavingan sein mag. Ein längst verstorbener mongolischer Herrscher? Ein seltenes Erz, dass nur in der Kölner Bucht zu finden ist? Weit gefehlt! Bavingan ist nur der altmittelhochdeutsche Name von Badorf, dem Brühler Stadtteil, zu dem auch Eckdorf und Geildorf gehören. So, Bildungsauftrag erfüllt. Ab jetzt geht’s bergab.

Stimmt nicht. Eher das Gegenteil. Wir stiefeln Höhenmeter um Höhenmeter empor, die Luft wird dünner und vielleicht liegt auf dem ein oder anderen Hausdach sogar Schnee. Wir haben den Gipfel vor Augen und gehen tapfer weiter. Von der Steingasse biegen wir ab auf „Auf den Steinen“. Hier scheint es ein System zu geben oder eben sehr viele Steine. Je höher wir kommen, desto schöner wird es eigentlich. Wie gerne würden wir an dieser Stelle mit Sarkasmus, tiefem Zynismus und Ironie um uns werfen, allesamt Disziplinen, in denen wir durchaus Höchleistungen zu bringen imstande sind, allein Eckdorf und Geildorf bieten uns wenig Angriffsfläche. Die Menschen hier scheinen glücklich zu sein. Immer wieder werden wir freundlich gegrüßt, niemand blickt argwöhnisch hinter den geklöppelten Gardinen hervor, wir fürchten nicht, dass uns schon bald die Bürgerschaft mit brennenden Fackeln aus dem Ort vertreiben will.

Wie schön. Ein Wels in der Brandung.

Wir gehen durch die Pützgasse und nutzen gerade mal die Gelgenheit, ein wenig Ethymologie-Unterricht zu betreiben. „Pütz“ ist eines der typischsten rheinischen Wörter und diese gehen ja meistens entweder auf die Franzosen oder die Römer zurück. Das Wort geht zurück auf den lateinischen Ausdruck puteus und beschreibt einen Brunnen oder auch eine Quelle. Wer also diesen klangvollen Nachnamen trägt, kann sicher sein, dass die Vorfahren sehr wahrscheinlich mal an einem solchen Brunnen gelebt haben. So viel Information in einem Beitrag. Soll keiner sagen, dass man bei uns nichts lernt.

Mit der Kirche St. Pantaleon erreichen wir zwar noch lange nicht den höchsten Punkt der Umgebung, aber für uns reicht das vollkommen aus. Die Kirche wird von den Einheimischen auch „der Dom des Vorgebirges“ genannt und einmal mehr zeigt sich, dass Bescheidenheit und Zurückhaltung nicht zum Repertoire der Menschen aus dem Rheinland gehören. Uns gefällt’s. Wir maschieren den Kirchweg hinunter und passieren den Friedhof, der durch seine Hanglage einige Herausforderungen für Besucher:innen mit sich bringt. Am Ende des Gottesackers finden wir einen kleinen Ausgang, der uns direkt in eine Schrebergartenkolonie führt. Weiter geht es bergab, bis wir auf die Alte Bonnstraße kommen.

Drei Sekunden später ist einer von uns in Flammen aufgegangen.

Uns dürstet nach mehr und so laufen wir weiter. Von der Alten Bonnstraße wieder in die Steingasse und dann direkt links einen kleinen Pfad hinein, der uns zum Spielplatz „Eckdorfer Mühle“ führt. Dieser ist sicherlich nicht der allerschönste Vertreter seiner Gattung, aber durchaus einladend. Wippe, Schaukel, ein großer Karton voller Zeugs mit der Aufschrift „Zu verschenken“, dafür keinerlei Spritzbestecke oder Kondome. Heile Welt, Geildorf. Wir wandern weiter, wobei wir zwischendurch auch waten, weil es trotz der sommerlichen Temperaturen hier durchaus morastig ist. Shrek würde sich hier wohlfühlen. Wir überqueren den Geildorfer Bach und finden uns dann auf dem Eckdorfer Mühlenweg wieder. Den laufen wir hinauf bis zur Eckdorfer Straße (Liebe Straßennamen-Erfinder:innen, strengt Euch doch bitte ein wenig mehr an. Danke.) und biegen links in selbige ein. Dort sehen wir dann endlich mal etwas, das alle Sinne schmerzhaft trifft: Die Kita Rasselbande scheint als bewusstes Gegengewicht zur allgegenwärtigen Schönheit und Ästethik konzipiert worden zu sein. Es gibt schönere Justizvollzugsanstalten. Vielleicht ist es aber gar nicht so verkehrt, wenn man den Feingeist-Kindern direkt mal zeigt, dass Schönheit und Ansehnlichkeit nicht selbstverständlich sind. Lektionen in Bescheidenheit sind so wichtig.

Am Ende der Eckdorfer Straße waren anscheinend noch einige Straßennamen übrig, die man noch loswerden musste. Die werden uns jetzt auf kurzer Strecke um die Ohren gehauen. „Grüner Weg“, „Rheindorfer Acker“, „Am Hennebach“ heißt es auf einmal innerhalb von 200 Metern. Der Rheindorfer Acker führt direkt nach Walberberg und damit in den Rhein-Sieg-Kreis. Dazu sind wir noch nicht bereit. Also kehren wir um, erklimmen noch einmal schwindelnde Höhen, singen das Lied von den Bergvagabunden und durchstreifen die Felder oberhalb des Ortes.

Im Rhein-Erft-Kreis ist es ja meist so, dass, ganz egal, wo man gerade ist, am Horizont die Türme irgendeines Kraftwerks zu sehen sind. Wo man in Köln Heimatgefühle bekommt, sobald die Domspitzen zu sehen sind, wird das Herz der Menschen hier weich, sobald sie ein wolkenspuckendes RWE-Bauwerk erblicken. Hier in Brühl ist die Skyline geprägt vom Turm des Mystery-Castle im Phantasialand. Hier oben, in den Feldern von Geildorf und Eckdorf hört man, wenn der Wind günstig steht, sogar die angsterfüllten Schreie der Hinabstürzenden. Es muss herrlich sein, hier zu wohnen, den Ausblick zu genießen und den Geräuschen zu lauschen. Gut, wer gerne auf der Terrasse meditiert und die Einkehr sucht, hat dauerhaft schlechte Karten, aber man kann nicht alles haben. Für uns als ehemalige Jahreskartenbesitzer des Freizeitparks ist das alles sehr ansprechend.

Sonntags bei Rapunzels.

Alles in allem finden wir es hier wirklich ganz schön. Dauerhaft würden wir allerdings empfehlen, einen Sessellift zu installieren, der Tagesgäste und Bewohner:innen in die höheren Gefilde transportiert. Vielleicht will das Bergvolk aber auch unter sich bleiben. Nachzuvollziehen wäre es. Wir möchten so gerne noch schauen, kehren aber zum Wagen zurück, der dann rollt und uns nach Hause bringt.

Wir sprachen über:

  • Kreuzfahrten und die unendlichen Möglichkeiten, die damit verbunden sind. Gerade für den Nachwuchs wird allerlei geboten und so mancher entwickelt sich schon in frühen Jahren zum Cocktail-Connaisseur.
  • Markus Lanz, Kai Pflaume und Phil Dunfee und die Frage, ob sie alle aus derselben Schablone gestanzt wurden.
  • Altpapier und dessen Entsorgung. Anscheinend kam es in der letzten Zeit häufiger zu Verletzungen bei den Mitarbeitenden der Stadtbetriebe durch loses Material, so dass nun neben den Tonnen nur noch gebündeltes Altpapier entsorgt wird. Wir warten mit Spannung ab, wie reibungslos die nächste Abholung funktieren wird, ob sich alle an die neue Regelung halten und wer als erster aufbegehren wird.
  • Taylor Swift. Haben wir kein Verständnis für.

Ohrwurm des Tages:

Passend zu den doch ziemlich sommerlichen Verhältnissen, verwöhnt uns absolut bella mit exotisch-erotischen Klängen. Den Anfang macht der neapolitanische Barde Tony Esposito mit seinem bekannten Sommer-Gesäusel „Kalimba de luna“. Das Video wirkt ein wenig so, als hätten vier Ausstatter und sieben Choreographen nach einer durchzechten Nacht schnell etwas zusammengeklöppelt, aber der Vibe kommt rüber.

Darauf folgt die anglo-spanische Samtstimme von Jeanette, die traurig über unser Weggehen zu sein scheint. Sie flüstert „Porque te vas“. Ach Jeanette, wir wären gerne noch geblieben.

Helmut Kohl an der Casa Amoré – willkommen in Frechen

Fantastisch! Famos! Fabelhaft! Facettenreich! Frechen! Welches Wort passt hier nicht in die Reihe? Richtig: Fantastisch! Denn das schreibt man ja mit „Ph“ zu Beginn. Es heißt ja auch Phantasialand. Oder bedeutet es gar nichts gutes, sondern nur, dass die Orangenlimo auf einem Ablagemöbel serviert werden soll? Ja, liebe Leser, sie merken: Es ist Zeit für Urlaub. Aber: Ist ein Ausflug nach Frechen nicht auch so etwas wie Urlaub? Unser Bücherbus der guten Laune steuert diesmal aber nicht in die reichen, wohlgesitteten Vorzeigestadtteile (einfach weil es sie nicht gibt), sondern in den industriell-gewerblich geprägten Teil im Norden der Erftkreismetropole.

Wo, wenn nicht im Gewerbepark Frechen?!

Rund 50.000 Menschen wohnen in Frechen, im Gewerbepark kommen noch mal einige Dutzend Fernfahrer, Prostituierte, Berber, Spielsüchtige und Zimmerer auf der Walz hinzu. Tatsächlich gibt es hier aber auch noch einige Wohnungen, in denen auch Menschen leben. Menschen, die kurze Wege in Fliesenstudios, Bau- oder Großmärkte und Wohnwagen eifriger roter Herzchen-Verkäuferinnen bevorzugen.

…..Appetit!“

Aber nicht nur das, wir entdecken sogar ein ganzes Viertel sehr ansehnlicher neuer Häuser und Villen, ein eingezäuntes Dorf in der Stadt – so wie Bel Air in Los Angeles es ist – ein gewagter, aber naheliegender Vergleich. Wer sich hier umschauen möchte, zahlt einer freundlichen Rezeptionistin am Eingang drei Euro und schon wird aus dem schmucklosen Gewerbegebiet eine nicht minder glamouröse Fertighauswelt.

„Ist hier jemand, der Reinsch heißt?“

Was Brühl sein Phantasialand, das ist Frechen seine Fertighauswelt. Ein quasi überdimensionierter, begehbarer Katalog aus der Welt schnell errichteter Wohnmöglichkeiten mit Pfiff. Wir schlendern entspannt durch diese betongewordenen Träume designierter Hyper-Verschuldeter und bewundern besonders die raffinierten Außenbereiche der Häuser, die oft mit geschmacklich-waghalsigen Wasserspielen und ertrunkenen Fröschen aufwarten. Wenn man übrigens, und das dürfte die kostenbewussten Leserinnen und Leser dieses Blogs interessieren, ein Haus kauft, bekommt man den Eintrittspreis von drei Euro erstattet. Das betrachten wir als fair und kundenfreundlich.

Stadt im Haushaltssicherungskonzept. Das Sparen wirkt.

Wenig freundlich sind dagegen angrenzende Straßen, die als Parkplatz für Fernfahrer dienen, die am Wochenende nicht fahren dürfen und so ihre Sonntage weitab der Heimat irgendwo im gefühlten Niemandsland verbringen möchten. Mit Campingkochern, Wasserschläuchen und Bierkästen ausgestattet, versucht man hier den Tag irgendwie hinter sich zu bringen. Mitten in dieser unwürdigen Szenerie, in der sanitäre Einrichtungen genauso fehlen wie Hoffnung und Lebensmut, finden wir dann doch etwas, das wir hier nicht erwartet hätten: Das „Helmut-Kohl-Haus“!

Der Name des „Kanzlers der Einheit“ ziert die Kreisgeschäftsstelle der CDU und ist, laut CDU, „die erste Adresse der CDU und ihrer Vereinigungen im Rhein-Erft-Kreis.“ Dass die Christdemokraten ausgerechnet hier tagen, das hätten wir nun wirklich nicht erwartet: In direkter Nachbarschaft zur „Casa Amoré“, einem schmucklosen Stundenhotel, das laut Internetpräsenz 365 Tage im Jahr geöffnet hat. Das Prinzip der bemerkenswerten Nachbarschaften, es zieht sich durch den Frechener „Europark“ wie ein roter Faden durch die Banlieue.

Vom „Frauengold-“ zum Sanobub-Werbegesicht

Ohne ein frisches Eis zu bekommen, verlassen wir diesen doch in Grundzügen etwas unwirklichen Ort und sind froh als wir unseren farblich zur Umgebung passenden Boliden nahe des „besten Fotolabors der Welt“ erreichen und mit brennenden Reifen gen Heimat aufbrechen.

Ohrwurm des Tages

Wenn auf etwas in diesen hektischen, schnelllebigen Zeiten Verlass ist, dann auf unseren absoluten Lieblingssender „Absolut Bella“. Dort ist alles schön, außer der Musik bzw. man muss schon sehr abgebrütet sein, nicht nach jedem Song sofort panisch umschalten zu wollen. Auf der Fahrt nach Frechen hören wir ein weiteres Werk der berühmtesten Chantrice Aspachs. Andrea Berg singt davon, wie sie verzweifelt stundenlang gegen die Schlafzimmertür ihres Ex-Freundes geklopft, getreten, gehämmert hat – doch er hat sie nicht reingelassen.

Die Musikredakteure des Ausnahmesenders „Absolut Bella“, die nebenbei noch als Protagonisten für die „Trigema“-Spots vor der Kamera sitzen, haben auch später noch auf starke Frauen gesetzt und nach der rostroten Andrea Musik von Gali Atari ausgesucht. Was klingt wie ein Hochleistungsrechner der frühen 1990er Jahre ist nämlich eine der bekanntesten Sängerinnen Israels. International berüchtigt wurde sie 1979 als sie den „Eurovision Song Contest“ bereicherte und sich mit der israelischen Popgruppe „Milk & Honey“ den ersten Platz sicherte. Diese Zeiten sind lange vorbei. Jetzt muss sie mit Deutschlands berüchtigstem Hochseekapitänsdarsteller zusammen auftreten und den Herrn lobpreisen. Nichts für schwache Nerven!

Erinnern Sie sich noch an die fantastischen Medleys der „Stars On 45“? Die waren Anfang der 1980er derart erfolgreich, dass viele andere Künstler und die, die es mal werden wollten, auf den Medley-Zug aufsprangen und mitunter enervierende Medleys zusammenhauten. So wie „Lobos“ Medley aus Calypso-Hits. Bei „Absolut Bella“ auch bekannt als „Caribbean Disco Show“. Wir wurden auf der Rückfahrt noch mal damit konfrontiert.  

Lass dieses Keldenich an mir vorübergehen

Sommer 2024 – wir waren dabei. Die vollen fünf Tage der schönsten Jahreszeit haben wir bisher genießen können und einen davon brachten wir in Wesselings wunderlichem Stadtteil Keldenich zu. Hier mischen sich Künsterlviertel und Eisernes Kreuz, Naturschutzgebiet und Vorgartengrauen, Moderne und finsteres Mittelalter. Will man gerade sagen: „Ach, das ist aber eigentlich ganz schön.“, kann man sicher sein, dass nur eine Millisekunde später etwas, jemand oder irgendwas dazwischen in das Blickfeld tritt, der, die oder das alles wieder zunichte macht. Alles in allem hinterlässt Keldenich, trotz dem ein oder anderen Pluspunkt doch einen etwas faden Beigeschmack.

Unser halbelektronisches Automobil der guten Laune stellen wir auf dem Lidl Parkplatz ab, der auch sonntags kameraüberwacht wird. Um dem Problem der Parkvandalen Herr zu werden, bleiben hier dem geschätzten Autobesitzer 90 Minuten, um das Gefährt wieder zu entfernen. Ansonsten wird es teuer. Nachdem wir uns also dem Wagen erfolgreich enthoben haben (Freunde, es wird zunehmend schwieriger. Ab 45 bitte nur noch Autos, die nicht tief liegen.), gehen wir flotten Schrittes all dem entgegen, was Keldenich für uns bereit hält.

Heute im Angebot: Romantik in Plastik erstickt.

Auf der gegenüberliegenden Seite erblicken wir die Gärtnerei Jonas mit ihrem unglaublich vielfältigen Angebot an Pflanzen, Gartenbedarf, fragwürdiger Dekoration und Geschenkideen aus dem fünften Kreis der Hölle. Wir sehen viele Büsche, Topfblumen, Polyresin-Skulpturen und Kunstblumengestecke. Was wir hingegen nicht sehen ist Verkaufspersonal. Entweder versteht es da jemand, sich geschickt hinter diesem Gemisch aus Blattgrün und Brechmitteln zu verstecken oder die Keldenicher:innen sind so vertrauenswürdig, dass man ihnen den Laden einfach überlässt und irgendwo einfach eine Spendenbox aufstellt. Vielleicht hat man auch einfach aufgegeben. Wer weiß das schon?!

Und Gott sah, dass es gut war.

Nicht ohne größere Anstrengungen verlassen wir das Dickicht wieder und schlagen uns einen Weg in das Vögelviertel. Klingt vielversprechend, ist aber nur die Aneinanderreihung verschiedenster Federviehnamen zum Zwecke der Straßenbezeichnung. So durchwandern wir also Amsel-, Drossel- und Bussardweg, suchen Fink und Star, singen dabei wie der Thomaner-Chor zu Leipzig und bemerken dabei gar nicht, wie die Häuser immer moderner, die Grundstücke immer kleiner und die Vorgärten immer steiniger werden. Ehe wir uns versehen stehen wir im Neubaugebiet „Eichholz“, wo man naturnahes Wohnen geschickt mit Geschmacklosigkeit verbindet. Warum Säuleneingänge, Freunde? Was bei einem Tempel durchaus Sinn ergibt, sieht in unseren Gefilden doch eher fragwürdig aus.

Lili Marleen ist wohl einmal zu heftig gegen die Laterne gewemmst.

Viele der Straßen hier sind benannt nach Amts- und Würdenträgern (ja, alles Männer.) des vergangenen Jahrhunderts. Hier lernt man auch ein wenig über die Geschichte von Wesseling, so auch, dass die Stadt vom 01.01.1975 bis zum 30.06.1976 zu Köln gehörte. Das fanden die Menschen in Wesseling allerdings nicht so toll und nach erfolgreicher Klage erfolgte die Ausgemeindung, Wesseling war wieder eigenständig und Köln bis zum Jahr 2010 keine Millionenstadt mehr. Ob die Eigenständig dafür gesorgt hat, dass Wesseling und speziell Keldenich prosperiert? Das bleibt fragwürdig.

Das Neubaugebiet grenzt an ein Naturschutzgebiet, das zum Flanieren und Verweilen einlädt. Mit viel Aufwand und auch Steuergeldern hat man hier ein Areal gestaltet, das auf den ersten Blick idyllisch wirkt, auf den zweiten aber doch einige Fragen aufwirft. Der Spielplatz jedenfalls scheint ein Familienmagnet zu sein und ist an diesem Sonntag so gut besucht wie eine Hausarztpraxis am Montagmorgen.

Atmen ist wohl zwischen 09:00 und 20:00 Uhr erlaubt.

Während die eine Seite der Eichholzer Straße vor allem geprägt ist durch eben beschriebenes Neubaugebiet, liegt auf der anderen Seite das Viertel, in dem die Straßen Künstler:innen-Namen (eine Frau!) tragen. Hier geht es ein wenig unkonventioneller zu und so mancher Stromkasten erinnert in seiner Gestaltung an die kunstschaffenden Namenspaten. Auf jeden Fall ist diese Seite die schönere, auch wenn die ein oder andere Fassadengestaltung uns fassungslos macht.

Im wem bist du verliebt?

Auf dem weiteren Weg gelangen wir anscheinend ins historische Zentrum des Ortes. Man erkennt es an der Bauart und der Vorgartengestaltung und auch daran, dass hier wohl noch Werte hochgehalten werden, die in anderen Gegenden vor ca. 80 Jahren begraben wurden. Man braucht nur ein wenig zu recherchieren und bekommt schnell Informationen darüber, welcher Partei der ein oder andere Gastronom im Ort besonders nahe steht. Wir gehen schnell weiter.

Deutschland 2024

Ein Blick auf die Uhr verrät uns, dass wir die zulässige Parkdauer schon weit überschritten haben und wir befürchten, dass unser Hybrid-Heizer wahlweise abgeschleppt, zerstört oder bepflanzt wurde und eilen zum Parkplatz. Dort scheint alles aber noch in Ordnung, so dass wir Keldenich wieder verlassen dürfen. Ein Glück, das nicht jedem zuteil wird. Wir sind dankbar.

Landschaftsgärtner Kolacki war zufrieden mit seiner Arbeit.

Wir sprachen über:

  • Das Ergebnis der Europawahlen und unsere daraus resultierende Idee: Eines der Bundesländer, die blau gewählt haben, wird für ein Jahr konsequent von der AFD regiert und zwar so, wie es das Bundesprogramm vorsieht. Dann wollen wir doch mal sehen.
  • Erbrecht und die Tatsache, dass man dieses Wort auf zwei ganz unterschiedliche Arten lesen kann. Eine davon klingt wie ein Imperativ zur sofortigen Magenentleerung. Das trifft es manchmal ganz gut.

Ohrwurm des Tages:

  • Wenn schon auf den Sommer keinen Verlass ist, so weiß man doch bei Absolut Bella immer, was man zu erwarten hat, nämlich eine krude Mischung aus Volksmusik, Ballermann-Bumms-Beats und vergessenen Schätzen der Popkultur. Manchmal kann man richtig Glück haben mit dem, was der Zufallsgenerator aus der Hölle ausspuckt, bei anderen Gelegenheiten steht man kurz vorm totalen Organversagen. Den Anfang macht der Kaiser, der Roland, der alte Föttchensföhler mit seinem Anti-Ehe-Partyklassiker „Sieben Fässer Wein“, der von all seinen Liedern tatsächlich noch das unbedenklichtste ist, wenn es ums Thema „Pimpern mit Minderjährigen“ geht. Wir sind beim Hören ähnlich ausgelassen, wie das Publikum der Schaubude.
  • Kurz danach folgen auch schon unsere Lieblings-Busreisenden der 90er Jahre. Die Vengaboys (wieso eigentlich boys? Da war doch nur dieser eine Hampelmann, oder?) singen Shalala und wir klatschen rhytmisch mit. Das Video fängt absolut kongenial die Vieldeutigkeit des Textes ein und erinnert an einen Abend in der Roonburg anno 2000.

Warum Wesseling, warum?

„Neue Woche – neues Glück“ oder „Wir geben nicht auf“ oder „Dieses Mal wird es bestimmt schön!“ oder „Einer muss es ja machen!“ – die Motivation Woche für Woche in die (Un-)Tiefen des Rhein-Erft-Kreises einzutauchen versuchen wir auch nach über 100 Wochen hochzuhalten, trotz massiver optischer Rückschläge (Rath, Fischenich), die uns immer wieder des nachts schweißgebadet aufschrecken lassen. Diesmal steht ein Besuch in Wesseling-Berzdorf auf dem Ausflugsprogramm und wer sagt denn bitte, dass es dort nicht schmuck, heimelig und adrett ist? Jeder, der schon mal da war, lautet die Antwort. Aber der Reihe nach.

Aus der Reihe „Vergessene Heilige“ – Der hl. Sankt Fielmann

Unser Unimog des kleinen Mannes bringt uns sicher bis an die Vochemer Straße. Aufgrund des lokal aus den Fenstern strömenden Geruchs bekommen wir leichten Hunger auf Schnitzel mit Champignons aus dem Glas und öligen Pommes, leider finden wir vor Ort keine Gaststube, die uns gutbürgerliche Küche anzubieten vermag und für die Entspannung nach dem Genuss noch ein Spiel auf einer zertifizierten Bundeskegelbahn möglich machen könnte. Schade, aber wir sind ja Enttäuschungen gewohnt (dafür muss man sich nur unsere Ex-Lebenspartner und Partnerinnen anschauen). Die Vochemer Straße ist so unspektakulär wie gleichnamiger Brühler Stadtteil und so biegen wir flott ab in die Buchenstraße! Ja, bei der Straßennamengestaltung haben es die Verantwortlichen kreativ krachen lassen.

So viele mögliche Scherze, so wenige oberhalb des Jugendschutz‘

Das bemerken wir auch wenig später als wir versehentlich ein Straßenschild im ersten Moment falsch lesen, wie Elfjährige kichern und uns dann dezent schämen, als wir uns unseres infantilen Humors einmal mehr bewusst werden. Zeit, schnell das Thema zu wechseln und genauer auf Berzdorf zu schauen. Der Stadtteil liegt ganz im Süden des Wesselinger Stadtgebiets. Wer gerne ausgedehnt wandert, sei es in Wäldern oder direkt am Rhein, der ist hier gut aufgehoben, denn in der Umgebung gibt es zahlreiche Wander- und Radwege, die zu ausgedehnten Touren einladen (viele sind auch als Fluchtrouten zu verstehen, wenn man die schmucklose Eintönigkeit doch nicht mehr ertragen kann.)

Sie haben ganze Arbeit geleistet: Kein Erpel weit und breit

In Immobilen-Exposés lernt der naive Unwissende vor einem, weshalb auch immer, anvisierten Umzug nach Berzdorf, dass der Ort über eine gute Infrastruktur mit verschiedenen Einkaufsmöglichkeiten, Restaurants und Cafés verfügt. Auf gut deutsch heißt das, es gibt einen Edeka, eine Tankstelle, das Restaurant „Poseidon“ und eine Niederlassung der rheinischen Bäckereikette „Schneider“. Es mag noch mehr geben, wir haben es uns einfach nicht gemerkt, weil wegen: Is nicht! Weshalb ein Besuch Berzdorfs besonders an Dienstagen lohnt, zeigt folgende Farbphotopgraphie:

Ein Schlag ins Gesicht der Sonntagsspazierer

Gute Nachrichten gibt es auch, denn: Man ist auch schnell wieder weg aus Berzdorf. Die Verkehrsanbindung ist vergleichsweise gut. Die Autobahn 555 und die Bundesstraße 265 sind leicht mit dem vollbepackten Eselskarren zu erreichen. Vor Ort waren wir noch überzeugt, dass selbst den Frachtschiffen auf dem nahegelegenen Rhein hier ein Dienst erwiesen wird und ein Leuchtturm den Weg in der Dunkelheit weist, warnt, hier nicht versehentlich zu stoppen. Aber der vermeintliche Leuchtturm am oben bereits genannten griechischen Restaurant ist de facto ein Wasserturm gewesen, der zwischen 1894 und 1952 als Wasserspeicher für das benachbarte Brühl diente. Nach der Eingemeindung Berzdorfs in die Stadt Wesseling 1961 gehörte der Turm spontan der Stadt, die ihn dann 1978 flott verkaufte.

Die MS Poseidon musste sinken nachdem Horst versehentlich das Leuchtturmfeuer ausgehen ließ

Apropos Eingemeindung: Hürth-Efferen und Wesseling-Berzdorf eint ein hartes Schicksal: Sie gehörten beide zeitweise zum Kölner Stadtgebiet. Vom 1. Januar 1975 bis zum 1. Juni 1976 war Berzdorf echt kölsch. Es müssen wundervolle Monate gewesen sein. Weshalb das endete und weshalb die Stadt Wesseling zwischenzeitlich ihre Selbstständigkeit verloren hatte, das berichten wir dann in einem der kommenden Reiseberichte aus Wesseling (man muss, das wusste schon Theresa Orlowski, die Kunden ja bei der Stange halten).

Mehr Idyll ward nicht

Ohrwurm des Tages

Werden unsere Augen des sonntags oft auch nicht belohnt, unsere Ohren erleben Woche für Woche eine ekstatische Genussreise – dank „Absolut Bella“, dem DAB+ Sender des Wahnsinns. Immer, wenn man meint, schon alles gehört zu haben, belehren uns die findigen Musikschergen der „Absolut“-Senderfamilie eines Besseren. Das Duett von Bernhard „Mister Dauerwelle 1964-2024“ Brink und Audrey „Afton Cooper“ Landers aus der 1980er-US-Blockbusterserie „Dallas“ hatten wir noch nicht auf dem Schirm. „Heute habe ich an Dich gedacht“ singen die Beiden voller Inbrunst und denken dabei wahlweise an den Gerichtsvollzieher oder den Pförtner der Botoxfarm Texas-Mid-East. In Deutschland war das Liedlein des beherzten Minipli-Maskottchens und der Deutsch-Amerikanerin 1997 genau eine Woche in den Top-100-Charts, nämlich auf Platz 100. Sehen und Hören Sie selbst, weshalb:

„Absolut Bella“ scheint den Tag der debilen Duette ausgerufen zu haben, denn nach diesem Kracher in Stereo folgt der gemeinsame Song eines Paares, bei dem man sich auch fragt, weshalb die gemeinsam singen? Weil Minus und Minus am Ende Plus ergeben? Er hat die „kloane Tür zum Paradies“ aufgestoßen als sie noch ein „bayrisches Cowgirl“ war. Das war irgendwann in den 1980er Jahren. Weshalb nun aber Niki und der Lindner Patrick gemeinsam ein Remake des legendären „Mouth & MacNeal“-Songs „How do you do“ aus dem Jahr 1971 leidlich wiederbeleben – es bleibt ein Rätsel. Gemeinsam präsentiert haben sie ihr Werk beim fernsehgewordenen „Absolut Bella“-Pendant, dem ZDF-Fernsehgarten. Da bleibt keine Hose trocken:

Nach diesen wunderbaren Duetten genießen wir auf der Rückfahrt dann aber endlich auch mal wieder ein klassisches Oeuvre der Kategorie „Bumsschlager“. Jener lieb- und leblosen Zombiesongs, die möglichst unangenehm in die Beine fahren und bei der auch Gisbert und Gisela hemmungslos auf die 1 und auf die 3 mitklatschen. Nik P. drohte nach seinem (fast) Erstlingswerk „Einen Stern, der Deinen Namen trägt“ in der Versenkung zu verschwinden, aber dafür haben anscheinend zu Viele ihren Teller nicht aufgegessen, so dass der Herrgott nach den bekannten sieben nun eine achte Plage auf die Erde schickte. „Das Meer, der Wind und Du“ ist die musikgewordene Apokalypse des guten Geschmacks. Ein Song, dessen hemmungsloser Auto-Tune-Einsatz neue Maßstäbe setzt und dessen „offizielles Musikvideo“ jeden Wunsch nach Urlaub am Meer im Keim erstickt. Nichts für schwache Nerven. Am besten ohne Ton schauen, und – wenn vorhanden – die Brille absetzen:

Verliebt in Vochem, noch mehr in Nord.

Zwei Stadtteile zum Preis von einem. Vielleicht sogar drei.

Mit unseren nahezu wöchentlich stattfindenden Wanderungen haben wir uns mittlerweile durch den gesamten Rhein-Erft-Kreis gekämpft, einzig zwei Städte haben wir uns für den krönenden Abschluss aufgehoben. Eine davon ist Brühl. Warum die andere ausgerechnet Wesseling ist, entbehrt jedweder Logik und lässt sich nur mit der geographischen Randlage erklären. Doch der Reihe nach. In den kommenden Wochen wollen wir uns also Brühl annähern. Anlässlich unserer einhundertsten Wanderung haben wir es uns besonders schön gemacht und haben die Gefilde des Schloss Augustusburg erkundet. Das können wir uns sehr schön als Ferienhaus vorstellen, aber bis dahin müssen wir noch ein wenig verdienen.

Jetzt also Vochem. Nachdem uns der Brühler Stadtteil Heide ja eher unterwältigt hat, sind wir von Vochem doch ganz schön angetan. Lediglich der Name sorgt für Gegenreaktion unseres Ästhetik-Zentrums. Vochem, das klingt ein wenig nach Auswurf oder zumindest nach einer dermatologischen Auffälligkeit. Das wird dem nördlichsten Stadtteil Brühls so gar nicht gerecht, ist es hier doch, mit ein paar weniges Ausnahmen, recht idyllisch. Viele der Häuser stammen aus der Gründerzeit und versprühen einen ganz besonderen Charme. Als Ortsfremden sind uns aber auch die Grenzen der Stadtviertel nicht so geläufig. Gut möglich also, dass wir während unseres Spaziergangs auch Brühl-Nord durchwandert haben, ohne das uns das so richtig bewusst war. Rückblickend betrachtet, war vielleicht sogar ein wenig Kierberg und Brühl-Ost dabei. Wir wollen uns hier aber nicht mit Petitessen aufhalten.

Wir starten unsere Wanderung am Karlsbad. Hier ziehen vornehmlich die Reichen und Schönen ihre Bahnen, aber wie so oft im Leben, gibt es auch hier Ausnahmen. Nun mag man sich fragen, nach welcher strahlenden Persönlichkeit das Karlsbad benannt ist. Tauchte hier einst Karl der Große seinen dicken Zeh in einen Weiher und begründete damit diese aquatische Institution? Hat Karl Dall hier ein Auge auf eine Dame der Gesellschaft geworfen? Ist der einstige Bundespräsident Karl Carstens hier in neckischer Badekappe abgetaucht? Falsch, falsch und wieder falsch. Das Karlsbad verdankt Existenz und Namen dem großen Förderer der Stadt Brühl, Carl Gruhl, seinerseits der erste akademisch ausgebildete Bergbau-Unternehmer im Rheinland. Calle hat anno dazumal in und um Brühl so viel Kohle gescheffelt, dass er aus Dankbarkeit nicht nur das Carlsbad, sondern auch die Carlshalle hat bauen lassen. Warum das C irgendwann durch ein K ersetzt wurde, konnten wir indes nicht herausfinden.

Brühl- Heimat der Hobbits.

Wir wandern die Kurfürstenstraße entlang und entdecken auf dem Weg das ein oder andere schöne Haus. Für unsere geschundenen Augen ist es eine wahre Wohltat, zwischendurch solch optisches Labsal zu finden, so dass wir den Glauben an Architektur, Geschmack und auch an diese Gesellschaft nicht ganz verlieren. Überhaupt muss man festhalten, dass Brühl eine der Städte des Rhein-Erft-Kreises ist, in denen man sich als ortsfremder Wandersmann ein Leben vorstellen kann. Hier gibt es alles, was das Herz begehrt und dazu ist auch noch das Phantasialand in greifbarer Nähe. Herz, was willst Du mehr?! Für Kletter-Enthusiasten und Menschen, bei denen bedeutende Areale des Stammhirns im Laufe der vergangenen Jahre weggebrutzelt sind, gibt es auch den verheißungsvollen „TurmX“. Dieser lässt sich nicht nur besteigen wie eine geduldige Hündin, nein, man kann sich auch an ihm abseilen, von ihm herunterspringen, oder an seiner Außenwand entlang dem Abgrund entgegenlaufen. Alles gesichtert, versteht sich. Einer von uns hatte bereits die Freude, die 50 langen Meter des Turmes hinabzulaufen und manchmal wacht er noch heute schweißgebadet nachts auf.

Rapunzel war in ihrem neuen Zuhause irgendwie nie richtig ungestört.

Unser Spaziergang führt uns letztendlich auch auf die andere Seite Vochems. Überquert man nämlich einmal die Römerstraße, landet man dort, wo nach dem zweiten Weltkrieg nicht mehr viel stand und wo man im Anschluss dann Häuser errichtet hat, die man liebevoll als „zweckmäßig“ bezeichnen könnte. Die Orchideendichte nimmt in dem Maße zu, in dem die Ansehnlichkeit abnimmt. Hier in Vochem mischen sich die Kotten der Arbeiterfamilien mit imposanten Herrenhäusern (warum sagt eigentlich niemand „Damenhäuser“?), so dass eigentlich alle auf ihre Kosten kommen.

In Vochem fand man im Jahr 1913 ein fränkisches Gräberfeld mitsamt einem Grabstein, der an ein Mädchen names Rignetrudis erinnert und man fragt sich unweigerlich, warum zwar so viele alte Namen wieder modern sind, aber sich weit und breit niemand finden lässt, der seine Erstgeborene heute so nennen will. „Rignetrudis“, das klingt nach Emanzipation, nach kraftvoller Eleganz, nach einer schönen Mischung aus Bodenständigkeit und Anmut. Vieles davon fehlt in der Welt und ganz besonders in Vochem. Apropos Namen: Die Bezeichnung Brühl geht zurück auf ein altdeutsches Wort, das eine morastige Wiese für die Schweinezucht bezeichnet. Schon wieder Poesie. Herrlich.

Whatever happens in Brühl, stays in Brühl.

Es bleibt festzuhalten, dass Vochem und noch viel mehr der Brühler Norden viel Schönes zu bieten haben. Es gibt eine funktionierende Infrastruktur, Einkaufsmöglichkeiten und vor allem die Straßenbahn, die einen schnell nach Köln und Bonn bringt. Unsere kalten, versteinerten, zynischen Herzen sind bei diesem Spaziergang ein wenig aufgetaut und erinnern sich, was Schönheit bedeutet. Danke, Brühl.

Nur der gestutzte Busch erinnerte Dornröschen noch an ferne Tage.

Wir sprachen über:

  • Urlaub mit der Familie. Das Dschungelcamp des kleinen Mannes.
  • Die Anzahl der Drehtage, die für eine einzige Folge vom „Traumschiff“ verballert werden. Unfassbar.

Ohrwurm des Tages

Im Jahr 1998 kam der gebürtige Brunsbüttelkooger (bitte sagen Sie das ganz schnell dreimal hintereinander) Dirk Busch mit einem Lied um die Ecke, das nach Salz, Teer und Möwen-Dung riecht. „Absolut Bella“ beglückt uns mit „Liebst Du auch den rauen Wind?“ und am heutigen Tag kann die Antwort nur lauten: „Geht so.“

Kurze Zeit später bekommen wir ein wenig ESC-Feeling. Es war im Jahr 1987, als sich Umberto Tozzi und Raf zusammentaten, um ein Lied über Seeleute zu singen und damit den dritten Platz beim größten Gesangswettbewerb der Welt zu machen. Die Klamotten werden sicherlich geholfen haben.

Wer hat in diesem Jahr übrigens den zweiten Platz belegt? Die Deutschen! Die Gruppe Wind sang „Lass die Sonne in Dein Herz“. Machen wir glatt. Ein Traum in zitronengelb und raffaelo-weiß.

Schwankend durch Schwadorf

Neue Woche, neues Glück. Beseelt von der Hoffnung im Brühler Stadtgebiet einen ansehnlichen Ort, eine Oase der Ruhe und Labsal für die Augen zu finden machen wir uns diesmal mit dem Ford-Mannschaftsbus nach Schwadorf auf. Ganz im Süden der Schlossstadt gelegen ist es die letzte Rhein-Erft-Bastion vor dem Rhein-Sieg-Kreis und den schlechtesten Autofahrern der Republik (also zumindest Westdeutschlands). Gottlob begegnet uns kein SU-nummernschildbeschlagenes Auto auf freier Fahrt über die A553.

Deutschland 1962. Symbolbild

Wir parken unseren 18-Tonner in irgendeiner Straße, an irgendeiner Ecke, wir haben uns den genauen Ort nicht gemerkt, das macht aber auch nichts, denn irgendwie will man das hier bereits nach den ersten Momenten auch gar nicht, sondern lieber gleich wieder losfahren. Wohin auch immer. Hauptsache weg. Aber: Wir sind vieles gewohnt, haben Bedburg-Rath und auch Hürth-Fischenich überstanden, da schaffen wir Schwadorf doch mit links. Die Pfarrkirche St. Severin ist ganz schmuck, im Gegensatz zur gleichnamigen Sängerin („Oh lalalalamour, der Zirkus fängt schon wieder an“ – die deutlich Älteren werden sich erinnern. Oder – je nach Alter – auch wieder nicht mehr…)

Hänsel & Gretel sind pfiffige Hartalkoholiker

Uns deucht die Schwadorfer haben des abends entweder viel zu feiern oder eben auch nicht und spülen den Kummer ob dieses Zustands wagemutig hinunter. Mit allem, was es im Edeka Breuer im benachbarten Walberberg an der Drängelkasse gibt. Oder aber die während unseres Besuchs anstehenden Kinderkommunionen werden in Schwadorf einfach sehr rustikal begangen. „Nehmet und trinket alle davon, das ist mein Jägermeister, der für euch vergossen wurde.

Das hat Jesus nicht gewollt

Ansonsten besticht der Ort mit seinen gut 1.700 Menschen in 479 Gebäuden (wir haben durchgezählt) durch wenig, das die typisch-rheinische Bauweise unterbricht oder gar auflockert. Entstanden ist Schwadorf im zwölften Jahrhundert und bestand lange eigentlich lediglich aus zwei größeren Gutshöfen. Die überstanden Pest und französische Besatzung, heute weiß man nicht mehr, was schlimmer war und stehen auch heute noch stadtbildauflockernd am Brühler Firmament.

Wohnortnahe Infrastruktur

Besonders reich ist allerdings das Vereinsleben in dem kleinen Brühler Ort. Eine Dorfgemeinschaft derart aktiv, das hat es seit dem Ende der „Lindenstraße“ in der ARD kaum noch gegeben. Die tägliche Nahversorgung in Schwadorf ist allerdings recht eingeschränkt. Einen Supermarkt haben wir leider nicht erblicken können, dafür kann man sich aber mit dem, was der „Gasthof Krayer“ anbietet existenziell über Wasser halten. Insbesondere das Kölsch+Currywurst-Angebot ist herausragend und lohnt einen Besuch sicherlich.

Wohlbehagen in einem Bild

Wer nun sagt: Mensch, Currywurst und Jägermeister en masse – das klingt nach einem feinen Besuchsziel, da muss ich hin – dem sei gesagt: Obacht! Bei der Eingabe der Destination in diverse Routenplaner muss Vorsicht walten, denn in Niederösterreich befindet sich ein gleichlautender Ort oder wie die Ösis sagen „Marktgemeinde“. Einwohnerzahl und selbst Telefonvorwahl sind sehr ähnlich zu der von Brühl-Schwadorf. Nicht, dass es da zu Verwechslungen kommt.

hl. drei Könige. Gepfählt.

Hand: 20, Mund: 40, richtig: 100

Fazit: Schwadorf fehlt nicht nur ein „n“, sondern auch ein tüchtiger Stadtplaner, der sich noch nicht selbst aufgegeben hat, sondern Visionen leben lassen möchte. Wer aber ein unauffälliges Leben im Schutz der Anonymität sucht, dem sei ein Umzug hierhin ans Herz gelegt. Oder auch all denen, die gerne viel Kölsch und Currywurst zum Festpreis in einem vordefinierten zeitlichen Rahmen genießen möchte. Wie auch immer: Gute Anreise und nicht versehentlich nach Österreich durchbrettern.

Ohrwurm des Tages

Eine jede Fahrt nach Schwadorf versüßt gekonnt-schadhaft der Sender des sinistren Geschmacks „Absolut Bella“. Diesmal bescheren uns die versierten Kollegen der Musikredaktion des Wahnsinns beispielsweise einen Song von Louis Prima. „Buena Sera Signorina kennt wohl ein Jeder und auch eine Jede. Doch, wer weiß schon, dass Louis Prima im Disney-Klassiker „Das Dschungelbuch“ auch den Affenkönig „King Louie“ sprach und das Stück I Wan’na Be Like You gesungen und an der Trompete begleitet hat? Sie jetzt. Weil Sie diesen Blog aufmerksam lesen. Fantastisch. Ein toller Gesprächseinstieg für jede zwanglose Dinnerparty.

Während der Heimfahrt donnerte aus den wuchtigen Lautsprechern unseres Trucks Musik, die sofort an die legendäre „Spider Murphy Gang“ erinnert, allerdings von der weitgehend vergessenen deutschen Rockabilly-Combo „The Ace Cats“ stammt. Die Jungs aus dem Ruhrgebiet waren in den 80ern mindestens so unstet wie leidlich berühmt. Sie gründeten sich 1980, lösten sich 1985 auf, nur um sich 1988 neu zu gründen und sich 1989 abermals zu trennen. Auch eine neuerliche Reunion 1996 flammte nur kurz, bereits 1997 gingen sie wieder getrennte Wege. Wir genossen ihren Hit „Linda“.

Kennste nich‘ Kendenich

Immer, wenn ich denke und hoffe, dass wir im Hürther Stadtgebiet doch nun wirklich alle Ortsteile gesehen und durchstreift haben, überrascht mich mein reckenhafter Wanderfreund mit einer weiteren Gemarkung, deren Besuch uns noch nicht vergönnt ward. Und so geht es an diesem finsteren Spätwintertag nun also nach Kendenich. Die Bezeichnung „Gemarkung“ trifft es nicht ganz, immerhin zählt der Ort rund 3.000 Menschen und ungezählte Hummeln. Von beiden Gattungen Lebewesen sehen wir während unserer Visite allerdings keinen Vertreter.

Heimstatt für die Teddybären der Lüfte

Und das obwohl Kendenich das Mekka der Rhein-Erft-Hummeln zu sein scheint, die hier müde von vielen Ausflügen ins Summseland die ein oder andere Möglichkeit zur Einkehr finden, begegnet uns an diesem Sonntag keine einzige der moppeligen Brummsen. Vielleicht ist es ja doch noch zu früh im Frühjahr, vielleicht verlangen die Hummelfreunde auch einen zu hohen Quadratzentimeterpreis – man weiß es nicht. Dass wir während unseres Ausflugs kaum Menschen antreffen ist dagegen Ouzo (und was trinkst Du so?). Sonntagvormittage verbringt man im Rhein-Erft-Kreis im Haus, in der Wohnung, im Stall. Nur selten wagen sich mutige Seelen hinaus zum Brötchenkauf. Doch: Wo keine Bäckerei, dort kein Brötchen, keine Menschen. Ein Teufelskreis.

Hier schlägt das Herz der Kreuzblütler-Fans höher

Das, was in Kölner Brauhausspeisekarten gern als „Sprüütcher“ bezeichnet wird, wächst in Kendenich quasi zwischen der lockeren Wohnbebauung: Rösiger Rosenkohl. Ein weiteres, verharmlosendes Wort dafür lautet im Kölschen Sprachgebrauch „Popeköchekäppesje“, also „Puppenküchenkohl“. Diese Beschreibungen verheimlichen auf geradezu kriminelle Weise die olfaktorische Wahrheit hinter diesem Höllengewächs. Die Kreuzung der ohnehin schon unansehnlichen wie geschmacksneutralen Kreuzblütler Blumenkohl und Brokkoli kann nicht viel außer übelste Blähungen verursachen und schaut aus wie etwas, das unter Tierkadavern wächst und verstörende Halluzinationen verursacht. Da Rosenkohl auf einer Geschmacksskala der Wert Null zugeordnet ist (Wasser steht bei Eins), wird die Liebeskugel Satans traditionell mit Butter oder auf Butter basierenden Soßen angereichert. Rosenkohl macht also nicht nur dumm, sondern auch noch fett. Wie schön, ihn hier in Kendenich beheimatet zu wissen.

Wo 12.000 ccm noch gern gesehen sind

Das Vereinsleben in dem Ort am legendären Römerkanal-Wanderweg ist schnell, bunt und PS-Stark. Zumindest, wenn man auf die Karten schaut, die in den Händen der örtlichen Quartett-Freunde liegen. Kann ein Ort, in dem seit nunmehr 143 Jahren quartettet (?) wird, auch nur ansatzweise schlecht sein?! Unweit der Burg Kendenich allerdings geben wir die Hoffnung auf noch etwas schöneres als uns selbst zu finden und kehren um.

Helmut hatte die Villa nach Hannelores Wünschen umbauen lassen

Was bleibt ist die Gewissheit, dass wir nun wirklich alle Hürther Ortsteile gesehen haben und Kendenich nicht der minderschönste Hain ist. Solange es Fischenich gibt, steht immer fest, wo man nicht länger als drei Autominuten sein möchte.

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Ohrwurm des Tages

Absolut Verlass ist auf „Absolut Bella“! Dem Radiosender mit dem besten russischen Rotationsroulette aller Zeiten. Nur, dass hier jeder Schuss sitzt. Wer erinnert sich nicht noch an Marianne Rosenberg und ihren großen Song „Er gehört zu mir“? Danach wollte sie jahrelang ernsthafte Musik und etwas großartiges machen. Herausgekommen ist ein Duett mit der ehemaligen Boyband – Tanzmaschine Eloy de Jong. Ein Song, der ins Ohr geht und rachial wieder raus möchte:

Im vergangenen Herbst hatte Roger Henry Brough Whittakers Leben selbigen erreicht und der erfolgreichste britische Musikexport seit Graham Bonney ist uns vorausgegangen. Wir freuen uns immer, wenn „Absolut Bella“ Klassiker des sympathischen Kinnbartträgers spielt und wir zu „Albany“ oder „Abschied ist ein schweres Schaf“ mitsingen. Jetzt aber werden wir mit einem Ouevre des Künstlers überrascht, das zu Hören uns bislang nicht vergönnt war:

Als der ESC (Eurovision Song Contest) noch einen melodischen Namen trug und beim „Grand Prix d’Eurovision de la chanson“ auch ebensolche Lieder präsentiert wurden, deren Entstehungsgeschichte nicht in slawischen Volkswaisen jenseits des Ural beginnt, da hatte SIE ihren großen Moment. 1970 gewinnt „Dana“ für Irland den Gesangswettbewerb. „Absolut Bella“ nimmt uns mit auf eine Zeitreise und YouTube beschert uns neben ihrem Auftritt auch noch ihr Vorstellungsvideo, das einmal mehr zeigt, das seit den 1970er Jahren nicht unbedingt alles besser geworden ist.

Hallo Heide

Brühl! Heute geht es endlich nach Brühl. Was haben wir uns darauf gefreut. An jedem verregneten Tag in dunklen Tagebaurandgebieten war uns immer bewusst: Es kommen auch bessere Tage, schönere Ausflugsziele. Und die waren – zumindest in unseren Gedanken – im Brühler Stadtgebiet verortet. Aber, wie so oft Leben, wird man enttäuscht. Doch der Reihe nach. Der Omnibus des kleinen Mannes spuckt uns an diesem graubestrumpften Fastfrühlingstag in Brühl-Heide aus. Wir denken erst an Heide Keller (Gott sei ihrer Seele gnädig), an die Heidekönigin a.D. Jenny Elvers (Prost)und auch an Heidi Brühl. Entgegen ihres größten Liederfolgs wollen wir aber schnell auseinandergehen bzw. überhaupt wieder gehen. Weg aus Heide, weg aus dieser betonierten Banlieue.

Klingelpütz. Haltestelle ohne Einstieg

Dabei ist es gar nicht so einfach Brühl-Heide zu finden. Diametral unserer Gewohnheit müssen wir auf der Luxemburger Straße (B265) von 230 km/h runterbremsen, die Ausfahrt nicht zu verpassen. Etwas versteckt hinter dunklen Ecken liegt der Ort, der scheinbar nicht gefunden werden will. Wir werden später einsehen, dass sein Wille besser geschehe. Da wir auch viele Zahlenfanatiker, Nerds und Geologen auf unserem Blog regelmäßig willkommen heißen („Hallo Familie“) werfen wir hier nun zwei Zahlen in die Story, die der weiteren Erzählung zwar keinen Impuls geben, aber auch nicht sonderlich stören. In Heide leben rund 1.400 Menschen und im Winter muss die Schneefallgrenze auf 97 Meter über Normalnull sinken, dass es hier weiß wird.

Keine Treppe, keine Tür. Nur: Was wollte der Stuckateur eigentlich?

Viel Schnee würde hier auch viel helfen. Wir durchschlendern die Villestraße auf dem Weg zur Hochstraße und fragen uns, ob auch nur eines der Häuser von einem ausgebildeten Architekten jedweden Geschlechts entworfen und gebaut wurde. Vielleicht waren aber auch nur viele Bauherren und Damen leicht angeschickert als sie die Bauzeichnungen spontan umwarfen, es bleibt ein Geheimnis. Dafür bietet der Ort jetzt aber viel Überraschendes.

Prima Ort für einen Mittelalterweihnachtsmarkt

Die Klosterstraße deutet heute noch auf die frühe Entstehungsgeschichte des Ortes hin. Einst nur ein kleiner Weiler am Rande der rheinischen Hoffnungslosigkeit, entstand durch den Zuzug vieler weltlicher Hilfskräfte des 1207 gegründeten Zisterzienserinnenkloster Benden ein erster Ort. Ein paar Bauten erinnern auch heute noch an alte Zeiten, Zeiten vor der Braunkohlegewinnung. Zeiten, in denen der Architekturkunst Mächtige anspruchsvolle Bauwerke in die Landschaft fügten.

José Feliciano wünscht frohe Weihnachten

Mittlerweile muss man nicht mehr gesondert erwähnen, dass der geschätzte Rhein-Erft-Kreis jahrzehntelang sehr gut von der Braunkohleförderung und auch Verfeuerung gelebt hat. Hier sah es bis weit in die 1980er Jahre aus wie in der „Weiße Riese“-Werbung, also….die „Vorher“-Bilder zumindest. In Brühl-Heide reicht die Geschichte der Braunkohleförderung dagegen noch viele Jahre weiter zurück. Noch vor Beginn der Industrialisierung 1870 hat man hier die Kohle per Hand und mit Hilfe von Körben aus dem Boden geholt. Klingt irgendwie nach frühen Renteneintrittsjahren hier einst.

Am Himmelreich ist Parkverbot

Heute verdankt der Ort letztlich der Kohleförderung seine Landschaft und seine adretten Naherholungsgebiete wie den „Heider Bergsee“. Dort lohnt tatsächlich ein schöner Spaziergang. In knapp sieben Kilometern hat man den See umrundet, also in etwa fünf bis sechs Stunden (Pausen nicht eingerechnet).

Touristenidyll nach rheinländischer Art

Wer des Wanderns müde ist, findet hier schnell eine Einkehrstätte und auch einladende Übernachtungsherbergen, die in Sachen Charme und Gemütlichkeit ganz neue Wege gehen.

Alles hat einmal ein Ende

Heide – man könnte noch so viel schönes schreiben, einzig es würde dem Ort nicht gerecht. Auf Wiedersehen. Vielleicht. Eher aber nicht.

Wer hat Tamara S. gesehen?

Ohrwurm des Tages

„Los Wochos“ bei „Absolut Bella“. So international wie auf unserer Heidefahrt ward der Sender des schadhaften Lächelns noch nie. Wenn ein Tag sonntags um 10:35 Uhr mit Harry Belafonte und seinem medusartig aus dem Revers züngelnden Brusthaar startet, was soll da noch schlimmes passieren? Wir hätten angenommen, „Absolut Bella“ spielt die deutschsprachige Version des Klassikers aus der Feder Udo Jürgens‘, aber mitnichten. Wir genießen das Original. Matilda!

„Sag mir quando, quando, quando“ – so hat sich Caterina Valente in unsere Herzen gesungen und dort unangenehm festgesetzt. Damals gerne noch ohne ihren Silvio-Bruder. Pfiffige Zeitgenossen können anhand des Titels schon ahnen, dass jenes unschuldige Liedchen vielleicht nicht aus dem deutschsprachigen Raum kommt, sondern eher in Richtung des Teutonengrills geschrieben wurde. Dort beschränkte man sich auch auf nur ein Wort im Titel, investierte aber in gleich drei Sängerinnen bzw. Sänger. Ein Ohrwurm ist der Song aber auch auf italienisch.

Kurz vor unserer ersehnten Heimkehr überrascht uns „Abolut Bella“ mit einem weiteren fremdländischen Titel! Was ist heute los? Wo sonst Wolle Petry verlässlich das Ruhrgebiet verwünscht oder Rolle Kaiser von koitalen Abenteuern fiebert, da erklingen heute viele italienische Barden. Jetzt von der Gruppe „Homo Sapiens“, die beweist, dass nicht alle dieser Gattung bereits aufrecht gehen. Genießen Sie mit Begeisterung folgenden Song. Wir bitten allerdings nicht zu sehr auf den zum Beginn singenden Gebissverweigerer mit der kariösen Kauleiste zu achten, sondern auf den Herrn neben ihm. Eine echte Kreuzung aus dem verschollenen vierten Bruder der Amigos und dem einstigen Lead-Sänger der kölschen Sangescombo „De Räuber“. Viel Vergnügen.

Kurz vor Knapsack

Wer seinen Lungen etwas Gutes tun will, fährt in der Regel ans Meer oder zumindest nach Bad Nauheim, um dort entlang der Gradierbauten zu flanieren. Wer hingegen, so wie wir, Gefahrensucher ist, fährt nach Hürth Knapsack, den einzigen Ort Deutschlands, der wegen Umweltverschmutzung aufgegeben wurde. Zu den Hochzeiten des Bergbaus standen hier gleich sechs Brikettfabriken, die ihren ruß- und schadstoffbelasteten Rauch in den Hürther Himmel bliesen und die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen dort um ca. dreißig Jahre nach unten schraubten. Man kann sich Knapsack damals ein wenig vorstellen wie eine kleine Siedlung im Herzen von Mordor – eine kahle, mit Schlackehügeln und Asche bedeckte Wüste unter Rauchwolken. So ganz können wir nicht ausschließen, dass der ein oder andere Nazgûl hier eine neue Heimat gefunden hat.

Tine Wittler läuft manchmal nachts durch die Straßen und streicht Häuser an.

Den weißen, tiefergelegten Halbelektro-Schlitten mit Kindersicherung an den Türen parken wir mitten im löchrigen Herzen des Ortes. Das Feierabendhaus aus den frühen 50er-Jahren ist eine großzügige Spende der Knapsack-Griesheim Aktiengesellschaft, die mit ihren Phosphorbetrieben so große Gewinne erwirtschaftet hatte, dass die Gesellschafter aus dem Strahlen nicht mehr herauskamen und sich mit dem Bau ein wenig erkenntlich zeigen wollten. Herausgekommen ist ein architektonisch durchaus bemerkenswertes Gebäude, das vom Archtitekten Karl Hell erbaut wurde und als Veranstaltungsort für bis zu 1000 Menschen dient. Am Tag unserer Wanderung – wir befinden uns mitten in der närrischen Zeit – scheint es hier wohl eine karnevalistische Veranstaltung zu geben. Auf der anderen Seite sind wir mit den hiesigen Traditionen natürlich nicht vertraut und vielleicht schlägt man hier jeden Sonntag die Trommel und treibt mit dem Schellenbaum den Hexen des Ortes den Teufel aus.

Alles, was Rüdiger von Saskia geblieben war, war ihre orthopädische Einlage, die sie bei der Flucht aus seinem Palast verloren hatte.

Der Name Knapsack geht wohl zurück auf die Bezeichnung für eine doppelseitige, sackartige Leinentasche, die man sich über die Schulter hängt. Hier waren die Menschen wohl immer schon auf der Durchreise, was ja durchaus nachvollziehbar ist. Lange bleiben wollte niemand und so setzen wir uns ebenfalls schon beim Verlassen des Autos das Ziel, möglichst bald wieder zu selbigem zurückzukehren. Wir kämpfen gegen den Reflex an und machen uns daran, den Ort zu erkunden.

Knapsack ist, nun ja, recht übersichtlich gestaltet. Neben Industrigebiet, Chemiepark und Brikettfabrik gibt es ganze vier Straßen, in denen es menschliches Leben zu geben scheint. Wir können das an diesem Tag nicht verifizieren, da uns niemand über den Weg läuft, aber im ein oder anderen Haus brennt Licht und die teils üppige Vorgartengestaltung lässt uns hoffen. Die Menschen, die sich nicht durch alarmierende Schadstoffwerte in Luft, Wasser und Boden haben verscheuchen lassen, sind vielleicht nicht alt geworden, aber sie haben ihre lebensgefährliche Heimat auf das Schönste gestaltet. Die Häuser erzählen von einer längst vergangenen Zeit, in der Kohle Reichtum brachte und der Auftakt für so manche Liebesgeschichte der jährliche Firmenball war. Garten-, Allee- und Dr.Krauß-Straße sind gesäumt von sehr ansehnlichen Bauten, während an der Industriestraße anscheinend die ehemaligen Arbeiterunterkünfte stehen, die in Stil und Ästhetik doch eher schlichter sind.

Mal wieder „Los Wochos“ im Swingerclub.

Die Alleestraße durchwandern wir, bis sie uns in ein nahegelegenes Wäldchen führt, durch welches aber die nach wie vor asphaltierte Straße geht. Praktisch für Menschen mit Rollatoren und alle, die mit zu viel Natur nicht so gut zurechtkommen. „Wohin mag der Weg uns führen?“, fragen wir uns neugierig, bis wir nach ein paar Minuten erkennen müssen, dass die simple aber doch enttäuschende Antwort lautet: „Nirgendwohin.“ Wir stehen vor den verschlossenen Toren der örtlichen Kläranlage und im Prinzip kann man ja nur dankbar sein, dass der Weg hier endet. Geradeaus geht es also nicht weiter, rechts von uns befinden sich zuerst ein Hügel, dann Gleise, dann eine Werkstraße und schließlich das Gelände der SGS Chemie-, Industrie- und Spezialanalytik GmbH. So verlockend es auch klingt, wir kehren doch um in den, nunja, sagen wir mal „Ortskern“. Auf dem Rückweg fassen wir den Plan, dass, falls wir mal Leichen , Gift , Unerwünschtes zu verscharren haben, Knapsack unser erster Anlaufpunkt sein wird. Hier sucht keiner oder, wenn doch, wird man niemals fündig werden zwischen all den Fabriken, Deponien und Halden. Aktenzeichen XY ungelöst, ick hör dir trapsen.

Nach dem Fest ist vor dem Fest.

So gerne würden wir noch über Kulturdenkmäler, historische Stätten oder bedeutsame Orte in Knapsack erzählen, allein es gibt derlei keine. Selbst den einstigen Friedhof hat man eingestampft, nachem die Zahl der Verstorbenen die der Lebenden überstieg. Wer es also gerne übersichtlich hat und bei wem auch mal ein Hauch von Chlor in der Luft liegen darf, der wird in Knapsack sein Glück finden. Allen anderen raten wir, es den einstigen Bewohner:innen gleichzutun und weiterzuziehen. Zum Beispiel nach Alt-Hürth. Vielleicht ist es hier nicht schöner, aber auf jeden Fall weniger einsam. Hier trifft man sich noch im Park, um gemeinsam für besseres Wetter und mehr Liebe zu tanzen. Davon aber sprechen wir ein andermal.

Hat noch jemand „The OA“ gesehen?

Wir sprachen über:

  • Anstehende Urlaube in wärmeren Gefilden.
  • Die Notwendigkeit, gegen jegliche Form von Extremismus und Hass aufzustehen.
  • Haarverlust und die Zunahme diverser Gebrechen. Geräuschlos ins Auto einzusteigen ist uns beiden nicht mehr möglich.

Ohrwurm des Tages:

Nie zuvor schien unser Sonntagssender Absolut Bella passender als heute. Die Aneinanderreihung von Musikstücken, die nichts, aber auch rein gar nichts miteinander zu tun haben ist sozusagen das tonale Äquivalent zu den optischen Eindrücken, die wir mit nach Hause nehmen.

So lauschen wir also zunächst dem singenden halben Meter Peter Maffay, der nie erwachsen werden wollte und dem es zumindest gelungen ist, über all die Jahre nicht mehr zu wachsen. Hier in einer besonders schönen Interpretation mit der Fischerin.

Darauf folgt der unvergessen Harry Belafonte, der uns nach wie vor rätseln lässt, warum Matilda mit der ganzen Kohle ausgerechnet nach Venezuela abgehauen ist.

Vollendet vergessenes Friesheim

So ein herrlich grauer, wolkenverhangener und tröpfchenregenfeuchter Wintertag bietet die perfekte Kulisse für einen ausgiebigen Ausflug in den südöstlichen Rhein-Erft-Kreis, genauer gesagt nach Friesheim. Ein Ort, den man gerne vergisst, wenn man die grünen Auen Ahrems genossen und die blühenden Böden Bliesheims durchstriffen hat. Dabei bietet der Erftstädter Ortsteil einiges, was man anderswo auch nicht finden möchte. Was man wirklich schnell findet, das sind Parkplätze und so stellen wir unseren Reisebus der guten Laune direkt im Ortsinneren am Friesheimer Brunnen (außer Betrieb) ab und genießen einen besonnenen Blick auf den Rotbach – die örtliche Fischwasserversorgung, die später in Dirmerzheim in die Erft mündet. Jener Fluss, der kurz darauf bei Neuss im Rhein sein Ende findet, welcher wiederum in die Nordsee und damit bald schon in den Atlantik aufgeht. Friesheim liegt also quasi am Meer.

Ein „herzlich“ wäre zu viel gewesen

Dieser zentrale Platz im 3000-Seelen-Ort bietet neben einem versiegten Brunnen der Kategorie „Stahlschrott hochgestapelt“ einen Kinderspielplatz und ein, sagen wir mal, Rondell. Da während unserer Visite niemand vor Ort zugegen war, ließ sich nicht abschließend klären, ob dieser erhöhte Kreis als Bühne für das sonntägliche Platzkonzert des „Tuba Clubs Rotbach“ gedacht ist oder als Stätte für die samstäglichen äußerst beliebten Hexenverbrennungen.

Alien-Invasion. Friesheim bietet Landeplätze

Wir suchen schnell das Weite und schlendern den Hubert-Vilz-Platz entlang, bis wir an der sogenannten „Weißen Burg“ enden. Der Name ist leider Wunschdenken, vielleicht könnte ein Trupp osteuropäischer Fassadenreiniger mit seinen Hochdruckgeräten dem Namen des Bauwerks wieder zu neuem Glanz verhelfen. Schließlich gilt es doch die Burg zu erhalten, ist sie doch einziges Relikt einer ganzen wasserumwehrten Burgenfamilie, die einst auf Friesheimer Grund Platz fand. Mehr als zehn solcher Anlagen soll es Karten aus dem 19. Jahrhundert zu Folge hier einst gegeben haben. Leider finden wir an diesem Sonntag keinen Zeitzeugen, dies zu bejahen. Sind scheinbar alle beim 324. Pfählfestival im benachbarten Erp.

Sagaland ist abgebrannt

Wie so viele Ort des heutigen Erftstadts hatte auch Friesheim im 17. und 18. Jahrhundert kleinere gesellschaftliche Probleme, entstanden durch zahlreiche Truppendurchmärsche, Einquartierungen und Plünderungen. Der damals verloren gegangene Reichtum, er ist leider nie zurückgekehrt. Das merken Ortsunkundige alleine schon bei Betrachtung der einst schönsten Straße Erftstadts. Man möchte sich nicht ausmalen, wie es denn in Kierdorf, Borr oder Frauenthal auszusehen vermag.

1998 scheint Friesheim ein Westerndorf mit nur einer Durchgangsstraße gewesen zu sein

Die Schönheit liegt aber oft auch wie ein Gerstenkorn im Auge des Betrachters und man möchte nicht darüber streiten. Vieles wird ja zum Abend hin auch schöner, dann wenn die Dunkelheit ihre schweren Flügel über den Rhein-Erft-Kreis legt. Oder dann, wenn im „Dorfkrug“ wieder mannig Freibier ausgeschenkt wird. Oft kann auch ein kursierender Prügel Hasch am Stammtisch das eigene Betrachtungsempfinden ins Schöne gleiten lassen. Aber: Schönheit ist vergänglich. Das haben auch Friesheimer festgestellt und der Nachwelt quasi zur Warnung auf die Fassaden geschmiert.

Der Urlaub des kleinen Mannes – Friesheim Edition

Das Vereinsleben in Friesheim ist bis heute aber reich und aktiv. Wer dem schnöden Dasein am gefliesten Couchtisch entfliehen möchte, der findet Heimstatt in einem der vielen Vereinsheime. Und so gilt auch in Friesheim: „Am schönsten is et, wenn et schön is!“

Do steht dä Wibbel parat und wird jeblo….lassen wir das

Ohrwurm des Tages

Unser treuer Begleiter auch in schummrigen Gegenden ist „Absolut Bella“, die Radiostation des Wahnsinns. Diesmal bescherten uns die ausgewieften Musikredakteure das Oeuvre einer Band, die Anfang der 1970er Jahre mit einem umgedichteten Coca-Cola-Werbesong wochenlang auf Platz 1 der Charts in Großbritannien verweilte. Mit ihrer Version von Never Ending Song of Love kletterten sie auf Platz zwei und durften kurz darauf beim ESC auftreten. Auch dort landeten sie auf dem zweiten Platz. Vielleicht muss man ihren ersten großen Hit auch zweimal hören, um ihn zu mögen…

Damit nicht genug, bescherte uns „Absolut Bella“ einen weiteren Song, der uns in einer 70er-Jahre-Zeitschleife gefangen wähnen ließ. Die „Carpenters“, die us-amerikanische Version von „Al Bano und Romina Power“ waren damals DAS Super-Duo der Pop-Welt und kaum jemand kann bis heute ihren Weihnachtssongs entkommen. Für den Themenbereich „Deep in Africa“ des Phantasialands haben sie aber damals folgenden Song konzipiert (wahrscheinlich) und führen uns bis heute vor Augen, wie unfassbar nervend Querflötentöne sein können.

Schwofen in Königshoven

Herzlich Willkommen in der „Reim-Dich-oder-ich-fress-Dich-Hölle“, die aber allemale besser ist als dieser wahrgewordene feuchte Traum eines schleimigen Schützenkönigs.

Auf der anderen Seite des Seiles: Ein Schaufelradbagger.

Wäre die Welt ein besserer Ort, wenn jede Gesinnungsgruppe ihre eigene kleine Siedlung hätte? Vielleicht. Königshoven wirkt auf jeden Fall wie eine gelungene Mischung aus „Piff, paff, der Vogel muss eraf.“ und „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast.“

Königshoven teilt sein Schicksal mit einigen anderen Ortschaften, die der Braunkohlegewinnung leider im Weg standen und deswegen dem Erdboden gleich gemacht wurden. Den ursprünglichen Ort gibt es also leider nicht mehr. Was man stattdessen im Rahmen der Umsiedlung an Bedburg rangedengelt hat, sieht ein wenig so aus, als haben die römisch-katholische Kirche, ein Gremium von Musterhausanbietern und die Bundesdeutsche Buchsbaumbehörde an einem Tisch gesessen und Monopoly gespielt. Entstanden ist dabei ein Gefüge aus Straßen, die viel zu groß, Häusern, die viel zu hässlich, Plätze und Vorgärten, die viel zu trostlos und Hecken, die viel zu sehr in Form gebracht sind. Wir vermuten, dass es im Ort einen Ehrenamtler gibt, der von allen liebevoll Kettensägen-Didi genannt wird und der sich ein paar Euro zur schmalen Rente dazuverdient, indem er in ganz Königshoven die Büsche und Bäume beschneidet. Anscheinend trinkt er zwischendurch auch mal den ein oder anderen Schluck Königshovener Bräu, denn von Haus zu Haus wird die Ideallinie der Gestaltung weiter verlassen.

La Ola in grün. Den Schützenkönig freut’s.

Doch Könisghoven ist mehr als ein paar ohne Sinn und Verstand zusammengewemmste Häuser und Grundstücke, es ist vor allem die Heimat der Schützen und der Ort macht keinen Hehl daraus, dass man hier ohne grünen Hut oder einen wadenlangen Rock in derselben Farbe nicht weit kommt. Jeder Vorgarten verfügt hier über einen eigenen Fahnenmast und man kann sich die grün-weiße Pracht wehender Flaggen vorstellen, die an einem der Festtage herrscht. Wer hingegen bei Slogans wie „Aus alter Wurzel neue Kraft“, „Für Glaube, Sitte und Heimat“ oder auch „Meine Heimat! Meine Liebe! Mein Stolz“ nervöse Zuckungen bekommt und ein leichtes Unwohlsein verspürt, hat hier wahrlich nichts verloren. Die Josef-Schnitzler-Straße wirkt ein wenig überdimensioniert und erinnert stellenweise an einen Boulevard. Wahrscheinlich haben schlaue Stadtplaner:innen schon beim ersten Entwurf an die zahlreichen Festumzüge gedacht und gleich dafür gesorgt, dass die Prachtwagen auch genug Platz zum Wenden und Defilieren haben. Hier passen locker drei Coca-Cola-Weihnachtstrucks nebeneinander. Sowieso ist die Chaussee in vielerlei Hinsicht irritierend. Überall wird auf die hiesige Schützenbrüderschaft (was ist eigentlich mit den Schwestern?) aufmerksam gemacht und für die nächste Festivität geworben. Als wir die scheinbar wichtigste Restauration des Ortes passieren, die sich den absolut angemessenen Namen „Casino“ verpasst hat, singt einer von uns „Ich hab die große Liebe verspielt in Königshoven.“ Links neben dem „Casino“ befinden sich der Dorfplatz, das Umsiedlungsdenkmal, das Königshovener Ehrenmal, der Kirchplatz, die Kirche St. Peter und der Friedhof, der ebenfalls von Kettensägen-Didi betreut zu werden scheint. Nur selten konnten wir eine so liebevolle Gestaltung des städtischen und gräblichen Grüns bewundern wie hier.

Da der Ort hinter dem Friedhof endet, kehren wir um und laufen nochmal die Josef-Schnitzler-Avenue entlang, um dann in in die Brunnenstraße einzubiegen. Hier gibt es eine weitere Lokalität, die den originellen Namen „La Strada 3“ trägt. Anscheinend gibt es mittlerweile so viele La Stradas, La Straden oder von mir aus auch La Stradae, dass man sie mit ergänzenden Nummern versehen muss, um Verwechslungen zu vermeiden. Da loben wir uns doch die Originalität und Kreativität der Friseur:innen. Hier besticht jeder Name durch Einzigartigkeit und Stil.

Haar-wai, Lanz-haar-rote oder Haar-nover wäre auch ganz schön gewesen.

Am unteren Ende der Brunnenstraße gelangt man zur Teufelsschlucht, die Königshoven von Kaster trennt. Der Name erscheint etwas übertrieben, aber das passt dann auch wieder zum gesamten Rest.

Neben Tradition, Heimatpflege und Vorgartengestaltung lernt man in Königshoven gleich auch noch Bescheidenheit. Was andernorts vielleicht für ein müdes Lächeln sorgt, wird hier gleich zur Sehenwürdigkeit mit eigenem Googleintrag samt Rezensionen erklärt ( 5 Sterne, ist klar.). Man muss aber auch wirklich anerkennen, dass die Schafe von Königshoven an Anmut und Ausdruck kaum zu überbieten sind. Wer sie genauer betrachten möchte, der folge diesem Link: Die Schafe von Königshoven . Allen anderen reicht vielleicht auch dieses Bild:

In der Hauptsaison ist es hier total überlaufen, aber heute hatten wir Glück.

Ganz egal, welchen Weg man in Königshoven wählt: Irgendwie kommt man immer wieder zum „Casino“ und zum Schützenversammlungsplatz. Das ist beängstigend aber konsequent. Wir denken darüber nach, den Ort nochmal zu besuchen und bei dieser Gelegenheit zumindest einen Lodenmantel, wenn nicht sogar vielleicht ein freches Hütchen mit Gamsbart zu tragen. Vielleicht begegnen wir dann auch Menschen. Heute, so scheint es, hat der Dorffunk einmal mehr dafür gesorgt, dass alle Türen verrammelt und die Fenster verschlossen bleiben. Nur der gelegentlich aufkommende Duft von Szegediner Gulasch und Sauerbraten lässt uns glauben, dass hinter diesen Fassdaen atmende Lebewesen ihr Zuhause haben. Wir hoffen, es geht ihnen gut.

Gelebte Inklusion ist, wenn wirklich jeder an den Kippenautomaten herankommt.

Wir haben erstmal genug gesehen, machen uns auf die Suche nach unserem Auto, das wir im dritten Anlauf dann auch finden, machen damit dann einen kurzen Abstecher zum benachbarten Weiler Hohenholz, wo wir feststellen, dass wir genau hier schon einmal gewesen sind, um den Polterabend von Freunden zu feiern, freuen uns, dass wir uns daran noch erinnern aber so viel anderes vergessen konnten und fahren nach Hause. Als wir das Ortsausgangsschild passieren, singen wir leise „Jrön jrön jrön steht dem Schötzejunge schön“

Wir sprachen über:

  • Die bevorstehende Abschiedstour von Schlagerlegende Peter Kraus. Ein letztes Mal lässt er die Hüften kreisen und dann zieht er sich zurück. Es sei ihm gegönnt.
  • Schlagersängerin und Hundefrisörin Michelle zieht sich aus dem Showbiz zurück, weil sie das Haifischbecken nicht mehr erträgt. Das können wir nur unterstützen.
  • Roland Kaiser hingegen macht tapfer weiter und schafft es sogar, Michelle Hunzicker derart zu betäuben, dass sie gemeinsam mit ihm singt. Das ist in vielfacher Hinsicht schlimm.
  • Unser geliebter Club las Piranjas ist wieder da. Allerdings als Miniserie, die auch gut und gerne einfach nur ein Film hätte sein können. Wir haben viele Fragen und sind ein wenig betrübt.
  • Für totale Begeisterung sorgt hingegen „Die Verräter“, von denen wir uns eine zweite Staffel wünschen.

Ohrwurm des Tages

  • Selbstverständlich „Schötzefess“ von den Bläck Fööss. Ein zeitloses Machwerk, das am heutigen Tage nochmal seine ganze Strahlkraft entfalten konnte. Hier ist es in seiner schönsten Version:
Piff, Paff, der Vogel muss eraff.
  • Die Damen von Baccara beglückten uns mit einem Pseudo-Wild-West-Song samt Pistolengeräuschen und Pianola. „The Devil send you to Lorado“ singen sie und wir fragen uns, wo genau das eigentlich ist und ob es dort nicht vielleicht sogar schöner als in Königshoven sein könnte.