Es gibt so Orte, die vergisst man schnell. Das ist meist auch eine Schutzfunktion des Körpers beziehungsweise der Psyche. Mitunter blitzen doch noch dunkle Erinnerungen in kurzen Albträumen auf, die einen des nachts schweißgebadet aufschrecken lassen. Dann ist man wach und denkt sich nur: „Dem Herr sei’s gedankt, wohne ich nicht dort!“ So kann es uns in einigen Tagen, Wochen, Monden auch mit Bedburg-Broich gehen.

Wir waren Beide ganz überrascht, dass wir dieses Juwel fehlgeschlagener Bedburger Stadtplanung in den vergangenen Jahren noch nicht besucht haben. Am Ende des Ausflugs wussten wir: Wir haben auch nichts verpasst. Nun ist es so, das muss man ehrlich sagen, dass natürlich eine Wetterlage mit Temperaturen um den Gefrierpunkt, zähem Hochnebel und einem „Grau in Grau“ nicht unbedingt zur gewinnenden Optik eines Ortes beiträgt. Broich aber kann auch ein heißer, sonniger Augusttag nicht mehr helfen.

Rund Tausend Menschen leben trotz aller optischer Angriffe auf den guten Geschmack in dem Ort. Vielleicht ist Broich auch einst vom BKA gegründet worden als Dorf, in dem man Menschen nach Durchlaufen eines Zeugenschutzprogramms erfolgreich verstecken kann. Ist nur eine Vermutung, unsere Anfrage diesbezüglich in Wiesbaden ist bisher unbeantwortet geblieben. Immerhin fließt die Erft durch den Ort und verleiht ihm so ein wenig Leben.

Bereits im 13. Jahrhundert soll hier eine Kapelle gestanden haben. Angeblich, so sagen es die Zeitzeugen von damals, auf dem Gelände des heutigen Friedhofs. Das belegen auch Steuerunterlagen von einst, die bis heute im Kölner Erzbistum lagern. Das ist das Schöne an der katholischen Kirche: Steuerunterlagen verschwinden da nicht, da sind sie genau. Bereits in der Bibel steht geschrieben: Einkommenssteuerbescheide sowie Umsatzsteuervoranmeldungen müssen nach Ausstellung mindestens 2000 Jahre aufbewahrt werden und auf Nachfrage des Pontifex jederzeit vorgezeigt werden können.

In der Nähe des heutigen Broichs, am Rande des schmucken Tagebaus Bergheim, soll es außerdem bereits im 12. Jahrhundert einen Adelssitz gegeben haben, zu dem auch ein Ort gehörte. Beide sind vor Jahrhunderten untergangen. Ein zurückliegendes Schicksal, das vielleicht auch in Zukunft wieder droht. Man soll den Teufel nicht an die Wand malen, dafür sind die Wände hier auch viel zu beschmutzt.

Was auffällt ist die durchaus unschöne Baumgestaltung der hiesigen Alleen. Vermutlich, so denken wir, hat irgendjemand aus dem Grünflächenamt der Stadt gesagt, Broich sei noch nicht unschön genug und daraufhin einen mit Kettensägen bewaffneten Trupp in den Ort geschickt. Ihr sinisterer Auftrag: Kappt alles, was blühen und grün sein könnte! Und so erinnert der Restbaumbestand an finstere Waldsterbengeschichten aus den 1980er Jahren. Man kann die Hilferufe der Bäume quasi mit den Augen hören.

Aber: Es gibt auch Parzellen und Straßenabschnitte, die Hoffnung machen. Menschen, die ihre Häuser durchaus pflegen, fröhlich tünchen und auch ab und an den herumfliegenden Unrat (Pappe, Tonnen, Badezimmerschränke, Guillotinen) der Nachbarn wegräumen. Einzig: Diese Menschen scheinen in der Minderheit.

Was uns auch noch aufgefallen ist und wofür wie auch keine Erklärung haben (so wie für die Fragen weshalb Menschen ihren Unrat scheinbar einfach aus dem Fenster werfen und die Bäume scheinbar „Bar Mitzwa“ feiern mussten) sind die im Ort herumliegenden Geschenke. Auch zwei Wochen nach Weihnachten fliegen sie, minder-liebevoll verpackt, durchs Dorf. Entweder hat Santa sie über Broich einfach achtlos abgeworfen, frei nach dem „Mir doch egal“-Motto oder selbst beim Schrottwichteln waren sie den örtlichen Berbern zu hässlich. Andere Erklärungen kommen einfach nicht in Frage. Der Osterhase wird sich in ein paar Wochen wundern…


Wir sprachen über:
- Die vergangenen Feiertag, den Jahreswechsel und welch glückselige Überraschungen das neue Jahr wohl für uns bereit hält. Ein trübes Gespräch, das doch auch zu Broich passte.
- Kurzurlaube und ihre Auswirkungen auf des persönliche Wohlbefinden. Sowohl im positiven wie auch im negativen Sinne. Conclusio: Der Trend geht zum Drittbungalow.
Ohrwurm des Tages
Auch das neue Jahr startet musikalisch auf einem Niveau, das seinesgleichen sucht. Dank „Absolut Bella“ (Claim: „Das Leben ist bella!“) und einer Musikredaktion zwischen Persicoparty und Schlammbowlenfrühstück lernen wir wöchentlich neue Künstlerinnen und Künstler kennen, die andernorts kaum zu hören sind. Aus Gründen. Anders ist das bei Nanett! „Nanu! Nanett?“ hören wir den ein oder die andere ausrufen. „Die kenne ich ja noch gar nicht!“ – Menschen, die selten grenzreudige Schlagershows wie „Beatrice Eglis Panoptikumsparade“ schauen, können sie auch kaum kennen. Alle anderen hat sie dort bereits mit ihrer Musik zu verzücken versucht. Da wird noch ordentlich gesungen und playbackgeblasen.
Auf der Heimfahrt versöhnten uns die gottlosen Musikschergen von „Absolut Bella“ dann aber mit einem Klassiker von Barry Manilow. „Can’t smile without you“ säuselte er ins Mikro – zu einer Zeit als er selbst noch smilen konnte. Heute müsste der Song eher lauten: „Can’t smile cause of too much Botox“. So ändern sich die Zeiten.