Zwei Dörfer zum Preis von einem: Geildorf und Eckdorf.

Die letzten zwei Jahre haben uns gelehrt, dass das Leben im Rhein-Erft-Kreis vielseitig ist und sich die einzelnen Orte bei den Themen Lebensqualität, Infrastruktur und Evolutionsstufe doch stark unterscheiden. Wir haben daraus die folgenden Lehren gezogen:

  • Dort, wo einmal in der Woche der Bus der Kreissparkasse hält, ist es selten schön. Anscheinend gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Vorhandensein eines Kreditinstitutes und der Ansehnlichkeit des Stadtteils.
  • Je mehr Orchideen in den Fenstern, desto fragwürdiger die Umgebung. Hortensien hingegen lassen Hoffnung aufkommen, dass es nicht ganz so schlimm wird. Richtig tragisch wird es, wenn wir diese bestimmte Nadelbaumart in Vorgärten erblicken, die sich in den 1960er Jahren großer Belibtheit erfreuten. Nichts gegen Koniferen, wir sind ja auch welche auf unserem Gebiet, aber die Andentanne ist ein Sinnbild für die perfekte Kombination aus Spießigkeit und Geschmacksverwirrung.

Mit diesem Wissen im Gepäck besuchen wir an diesem Sonntag zwei Brühler Stadtteile, von denen wir nie zuvor gehört haben. Anscheinend verstehen es die Ureinwohner:innen, sich geschickt vor den Augen marodierender Banden und durchreitender Vandalen zu verbergen und sich so die Schönheit dort zu erhalten. Denn, soviel gleich vorweg, wir entdecken so gut wie keine Orchideen und die eine Andentanne, die uns uns begegnete, scheint es auch bald hinter sich zu haben. Eckdorf und Geildorf sind zwei sehr schmucke Orte, in denen wir uns beide zu leben vorstellen können. Wer hätte das gedacht? Aber der Reihe nach:

Ein Happy Meal und einen kleinen Milkshake Vanille, bitte.

Lidl lohnt sich leidlich

Den bereiften Tiefflieger parken wir auf dem örtlichen Lidl-Parkplatz und entdecken dort die E-Ladesäule. Nachdem wir eingestöpselt, umgestöpselt und das Anmeldeverfahren durchlaufen haben, müssen wir allerdings erfahren, dass Strom nur werktags zur Verfügung steht. Ergibt ja auch Sinn. Elektrizität am Tag des Herrn?! So weit kommt es noch! Egal, der Hybrid-Hengst kann auch fossil. Also nur parken ohne laden.

Wir gehen die Steingasse in Richtung Westen und spüren bereits hier, was sich kurze Zeit später bewahrheiten soll: Eckdorf und Geildorf sind sozusagen die Brühler Schweiz. Hier führen alle Wege bergauf und wer sonst die alpinen Routen erwandert, findet hier ein gutes Trainingsareal. Gut, dass wir luftig angezogen sind und einer von uns, als Reminiszens an Celine Dions Auftritt bei der Olympia-Eröffnung und auf Wunsch des anderen, ein komplett weißes Outfit trägt. Wir queren die Bavinganstraße und fragen uns, wer oder was wohl ein Bavingan sein mag. Ein längst verstorbener mongolischer Herrscher? Ein seltenes Erz, dass nur in der Kölner Bucht zu finden ist? Weit gefehlt! Bavingan ist nur der altmittelhochdeutsche Name von Badorf, dem Brühler Stadtteil, zu dem auch Eckdorf und Geildorf gehören. So, Bildungsauftrag erfüllt. Ab jetzt geht’s bergab.

Stimmt nicht. Eher das Gegenteil. Wir stiefeln Höhenmeter um Höhenmeter empor, die Luft wird dünner und vielleicht liegt auf dem ein oder anderen Hausdach sogar Schnee. Wir haben den Gipfel vor Augen und gehen tapfer weiter. Von der Steingasse biegen wir ab auf „Auf den Steinen“. Hier scheint es ein System zu geben oder eben sehr viele Steine. Je höher wir kommen, desto schöner wird es eigentlich. Wie gerne würden wir an dieser Stelle mit Sarkasmus, tiefem Zynismus und Ironie um uns werfen, allesamt Disziplinen, in denen wir durchaus Höchleistungen zu bringen imstande sind, allein Eckdorf und Geildorf bieten uns wenig Angriffsfläche. Die Menschen hier scheinen glücklich zu sein. Immer wieder werden wir freundlich gegrüßt, niemand blickt argwöhnisch hinter den geklöppelten Gardinen hervor, wir fürchten nicht, dass uns schon bald die Bürgerschaft mit brennenden Fackeln aus dem Ort vertreiben will.

Wie schön. Ein Wels in der Brandung.

Wir gehen durch die Pützgasse und nutzen gerade mal die Gelgenheit, ein wenig Ethymologie-Unterricht zu betreiben. „Pütz“ ist eines der typischsten rheinischen Wörter und diese gehen ja meistens entweder auf die Franzosen oder die Römer zurück. Das Wort geht zurück auf den lateinischen Ausdruck puteus und beschreibt einen Brunnen oder auch eine Quelle. Wer also diesen klangvollen Nachnamen trägt, kann sicher sein, dass die Vorfahren sehr wahrscheinlich mal an einem solchen Brunnen gelebt haben. So viel Information in einem Beitrag. Soll keiner sagen, dass man bei uns nichts lernt.

Mit der Kirche St. Pantaleon erreichen wir zwar noch lange nicht den höchsten Punkt der Umgebung, aber für uns reicht das vollkommen aus. Die Kirche wird von den Einheimischen auch „der Dom des Vorgebirges“ genannt und einmal mehr zeigt sich, dass Bescheidenheit und Zurückhaltung nicht zum Repertoire der Menschen aus dem Rheinland gehören. Uns gefällt’s. Wir maschieren den Kirchweg hinunter und passieren den Friedhof, der durch seine Hanglage einige Herausforderungen für Besucher:innen mit sich bringt. Am Ende des Gottesackers finden wir einen kleinen Ausgang, der uns direkt in eine Schrebergartenkolonie führt. Weiter geht es bergab, bis wir auf die Alte Bonnstraße kommen.

Drei Sekunden später ist einer von uns in Flammen aufgegangen.

Uns dürstet nach mehr und so laufen wir weiter. Von der Alten Bonnstraße wieder in die Steingasse und dann direkt links einen kleinen Pfad hinein, der uns zum Spielplatz „Eckdorfer Mühle“ führt. Dieser ist sicherlich nicht der allerschönste Vertreter seiner Gattung, aber durchaus einladend. Wippe, Schaukel, ein großer Karton voller Zeugs mit der Aufschrift „Zu verschenken“, dafür keinerlei Spritzbestecke oder Kondome. Heile Welt, Geildorf. Wir wandern weiter, wobei wir zwischendurch auch waten, weil es trotz der sommerlichen Temperaturen hier durchaus morastig ist. Shrek würde sich hier wohlfühlen. Wir überqueren den Geildorfer Bach und finden uns dann auf dem Eckdorfer Mühlenweg wieder. Den laufen wir hinauf bis zur Eckdorfer Straße (Liebe Straßennamen-Erfinder:innen, strengt Euch doch bitte ein wenig mehr an. Danke.) und biegen links in selbige ein. Dort sehen wir dann endlich mal etwas, das alle Sinne schmerzhaft trifft: Die Kita Rasselbande scheint als bewusstes Gegengewicht zur allgegenwärtigen Schönheit und Ästethik konzipiert worden zu sein. Es gibt schönere Justizvollzugsanstalten. Vielleicht ist es aber gar nicht so verkehrt, wenn man den Feingeist-Kindern direkt mal zeigt, dass Schönheit und Ansehnlichkeit nicht selbstverständlich sind. Lektionen in Bescheidenheit sind so wichtig.

Am Ende der Eckdorfer Straße waren anscheinend noch einige Straßennamen übrig, die man noch loswerden musste. Die werden uns jetzt auf kurzer Strecke um die Ohren gehauen. „Grüner Weg“, „Rheindorfer Acker“, „Am Hennebach“ heißt es auf einmal innerhalb von 200 Metern. Der Rheindorfer Acker führt direkt nach Walberberg und damit in den Rhein-Sieg-Kreis. Dazu sind wir noch nicht bereit. Also kehren wir um, erklimmen noch einmal schwindelnde Höhen, singen das Lied von den Bergvagabunden und durchstreifen die Felder oberhalb des Ortes.

Im Rhein-Erft-Kreis ist es ja meist so, dass, ganz egal, wo man gerade ist, am Horizont die Türme irgendeines Kraftwerks zu sehen sind. Wo man in Köln Heimatgefühle bekommt, sobald die Domspitzen zu sehen sind, wird das Herz der Menschen hier weich, sobald sie ein wolkenspuckendes RWE-Bauwerk erblicken. Hier in Brühl ist die Skyline geprägt vom Turm des Mystery-Castle im Phantasialand. Hier oben, in den Feldern von Geildorf und Eckdorf hört man, wenn der Wind günstig steht, sogar die angsterfüllten Schreie der Hinabstürzenden. Es muss herrlich sein, hier zu wohnen, den Ausblick zu genießen und den Geräuschen zu lauschen. Gut, wer gerne auf der Terrasse meditiert und die Einkehr sucht, hat dauerhaft schlechte Karten, aber man kann nicht alles haben. Für uns als ehemalige Jahreskartenbesitzer des Freizeitparks ist das alles sehr ansprechend.

Sonntags bei Rapunzels.

Alles in allem finden wir es hier wirklich ganz schön. Dauerhaft würden wir allerdings empfehlen, einen Sessellift zu installieren, der Tagesgäste und Bewohner:innen in die höheren Gefilde transportiert. Vielleicht will das Bergvolk aber auch unter sich bleiben. Nachzuvollziehen wäre es. Wir möchten so gerne noch schauen, kehren aber zum Wagen zurück, der dann rollt und uns nach Hause bringt.

Wir sprachen über:

  • Kreuzfahrten und die unendlichen Möglichkeiten, die damit verbunden sind. Gerade für den Nachwuchs wird allerlei geboten und so mancher entwickelt sich schon in frühen Jahren zum Cocktail-Connaisseur.
  • Markus Lanz, Kai Pflaume und Phil Dunfee und die Frage, ob sie alle aus derselben Schablone gestanzt wurden.
  • Altpapier und dessen Entsorgung. Anscheinend kam es in der letzten Zeit häufiger zu Verletzungen bei den Mitarbeitenden der Stadtbetriebe durch loses Material, so dass nun neben den Tonnen nur noch gebündeltes Altpapier entsorgt wird. Wir warten mit Spannung ab, wie reibungslos die nächste Abholung funktieren wird, ob sich alle an die neue Regelung halten und wer als erster aufbegehren wird.
  • Taylor Swift. Haben wir kein Verständnis für.

Ohrwurm des Tages:

Passend zu den doch ziemlich sommerlichen Verhältnissen, verwöhnt uns absolut bella mit exotisch-erotischen Klängen. Den Anfang macht der neapolitanische Barde Tony Esposito mit seinem bekannten Sommer-Gesäusel „Kalimba de luna“. Das Video wirkt ein wenig so, als hätten vier Ausstatter und sieben Choreographen nach einer durchzechten Nacht schnell etwas zusammengeklöppelt, aber der Vibe kommt rüber.

Darauf folgt die anglo-spanische Samtstimme von Jeanette, die traurig über unser Weggehen zu sein scheint. Sie flüstert „Porque te vas“. Ach Jeanette, wir wären gerne noch geblieben.

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