Helmut Kohl an der Casa Amoré – willkommen in Frechen

Fantastisch! Famos! Fabelhaft! Facettenreich! Frechen! Welches Wort passt hier nicht in die Reihe? Richtig: Fantastisch! Denn das schreibt man ja mit „Ph“ zu Beginn. Es heißt ja auch Phantasialand. Oder bedeutet es gar nichts gutes, sondern nur, dass die Orangenlimo auf einem Ablagemöbel serviert werden soll? Ja, liebe Leser, sie merken: Es ist Zeit für Urlaub. Aber: Ist ein Ausflug nach Frechen nicht auch so etwas wie Urlaub? Unser Bücherbus der guten Laune steuert diesmal aber nicht in die reichen, wohlgesitteten Vorzeigestadtteile (einfach weil es sie nicht gibt), sondern in den industriell-gewerblich geprägten Teil im Norden der Erftkreismetropole.

Wo, wenn nicht im Gewerbepark Frechen?!

Rund 50.000 Menschen wohnen in Frechen, im Gewerbepark kommen noch mal einige Dutzend Fernfahrer, Prostituierte, Berber, Spielsüchtige und Zimmerer auf der Walz hinzu. Tatsächlich gibt es hier aber auch noch einige Wohnungen, in denen auch Menschen leben. Menschen, die kurze Wege in Fliesenstudios, Bau- oder Großmärkte und Wohnwagen eifriger roter Herzchen-Verkäuferinnen bevorzugen.

…..Appetit!“

Aber nicht nur das, wir entdecken sogar ein ganzes Viertel sehr ansehnlicher neuer Häuser und Villen, ein eingezäuntes Dorf in der Stadt – so wie Bel Air in Los Angeles es ist – ein gewagter, aber naheliegender Vergleich. Wer sich hier umschauen möchte, zahlt einer freundlichen Rezeptionistin am Eingang drei Euro und schon wird aus dem schmucklosen Gewerbegebiet eine nicht minder glamouröse Fertighauswelt.

„Ist hier jemand, der Reinsch heißt?“

Was Brühl sein Phantasialand, das ist Frechen seine Fertighauswelt. Ein quasi überdimensionierter, begehbarer Katalog aus der Welt schnell errichteter Wohnmöglichkeiten mit Pfiff. Wir schlendern entspannt durch diese betongewordenen Träume designierter Hyper-Verschuldeter und bewundern besonders die raffinierten Außenbereiche der Häuser, die oft mit geschmacklich-waghalsigen Wasserspielen und ertrunkenen Fröschen aufwarten. Wenn man übrigens, und das dürfte die kostenbewussten Leserinnen und Leser dieses Blogs interessieren, ein Haus kauft, bekommt man den Eintrittspreis von drei Euro erstattet. Das betrachten wir als fair und kundenfreundlich.

Stadt im Haushaltssicherungskonzept. Das Sparen wirkt.

Wenig freundlich sind dagegen angrenzende Straßen, die als Parkplatz für Fernfahrer dienen, die am Wochenende nicht fahren dürfen und so ihre Sonntage weitab der Heimat irgendwo im gefühlten Niemandsland verbringen möchten. Mit Campingkochern, Wasserschläuchen und Bierkästen ausgestattet, versucht man hier den Tag irgendwie hinter sich zu bringen. Mitten in dieser unwürdigen Szenerie, in der sanitäre Einrichtungen genauso fehlen wie Hoffnung und Lebensmut, finden wir dann doch etwas, das wir hier nicht erwartet hätten: Das „Helmut-Kohl-Haus“!

Der Name des „Kanzlers der Einheit“ ziert die Kreisgeschäftsstelle der CDU und ist, laut CDU, „die erste Adresse der CDU und ihrer Vereinigungen im Rhein-Erft-Kreis.“ Dass die Christdemokraten ausgerechnet hier tagen, das hätten wir nun wirklich nicht erwartet: In direkter Nachbarschaft zur „Casa Amoré“, einem schmucklosen Stundenhotel, das laut Internetpräsenz 365 Tage im Jahr geöffnet hat. Das Prinzip der bemerkenswerten Nachbarschaften, es zieht sich durch den Frechener „Europark“ wie ein roter Faden durch die Banlieue.

Vom „Frauengold-“ zum Sanobub-Werbegesicht

Ohne ein frisches Eis zu bekommen, verlassen wir diesen doch in Grundzügen etwas unwirklichen Ort und sind froh als wir unseren farblich zur Umgebung passenden Boliden nahe des „besten Fotolabors der Welt“ erreichen und mit brennenden Reifen gen Heimat aufbrechen.

Ohrwurm des Tages

Wenn auf etwas in diesen hektischen, schnelllebigen Zeiten Verlass ist, dann auf unseren absoluten Lieblingssender „Absolut Bella“. Dort ist alles schön, außer der Musik bzw. man muss schon sehr abgebrütet sein, nicht nach jedem Song sofort panisch umschalten zu wollen. Auf der Fahrt nach Frechen hören wir ein weiteres Werk der berühmtesten Chantrice Aspachs. Andrea Berg singt davon, wie sie verzweifelt stundenlang gegen die Schlafzimmertür ihres Ex-Freundes geklopft, getreten, gehämmert hat – doch er hat sie nicht reingelassen.

Die Musikredakteure des Ausnahmesenders „Absolut Bella“, die nebenbei noch als Protagonisten für die „Trigema“-Spots vor der Kamera sitzen, haben auch später noch auf starke Frauen gesetzt und nach der rostroten Andrea Musik von Gali Atari ausgesucht. Was klingt wie ein Hochleistungsrechner der frühen 1990er Jahre ist nämlich eine der bekanntesten Sängerinnen Israels. International berüchtigt wurde sie 1979 als sie den „Eurovision Song Contest“ bereicherte und sich mit der israelischen Popgruppe „Milk & Honey“ den ersten Platz sicherte. Diese Zeiten sind lange vorbei. Jetzt muss sie mit Deutschlands berüchtigstem Hochseekapitänsdarsteller zusammen auftreten und den Herrn lobpreisen. Nichts für schwache Nerven!

Erinnern Sie sich noch an die fantastischen Medleys der „Stars On 45“? Die waren Anfang der 1980er derart erfolgreich, dass viele andere Künstler und die, die es mal werden wollten, auf den Medley-Zug aufsprangen und mitunter enervierende Medleys zusammenhauten. So wie „Lobos“ Medley aus Calypso-Hits. Bei „Absolut Bella“ auch bekannt als „Caribbean Disco Show“. Wir wurden auf der Rückfahrt noch mal damit konfrontiert.  

Veröffentlicht von kaiwimmer

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