Lass dieses Keldenich an mir vorübergehen

Sommer 2024 – wir waren dabei. Die vollen fünf Tage der schönsten Jahreszeit haben wir bisher genießen können und einen davon brachten wir in Wesselings wunderlichem Stadtteil Keldenich zu. Hier mischen sich Künsterlviertel und Eisernes Kreuz, Naturschutzgebiet und Vorgartengrauen, Moderne und finsteres Mittelalter. Will man gerade sagen: „Ach, das ist aber eigentlich ganz schön.“, kann man sicher sein, dass nur eine Millisekunde später etwas, jemand oder irgendwas dazwischen in das Blickfeld tritt, der, die oder das alles wieder zunichte macht. Alles in allem hinterlässt Keldenich, trotz dem ein oder anderen Pluspunkt doch einen etwas faden Beigeschmack.

Unser halbelektronisches Automobil der guten Laune stellen wir auf dem Lidl Parkplatz ab, der auch sonntags kameraüberwacht wird. Um dem Problem der Parkvandalen Herr zu werden, bleiben hier dem geschätzten Autobesitzer 90 Minuten, um das Gefährt wieder zu entfernen. Ansonsten wird es teuer. Nachdem wir uns also dem Wagen erfolgreich enthoben haben (Freunde, es wird zunehmend schwieriger. Ab 45 bitte nur noch Autos, die nicht tief liegen.), gehen wir flotten Schrittes all dem entgegen, was Keldenich für uns bereit hält.

Heute im Angebot: Romantik in Plastik erstickt.

Auf der gegenüberliegenden Seite erblicken wir die Gärtnerei Jonas mit ihrem unglaublich vielfältigen Angebot an Pflanzen, Gartenbedarf, fragwürdiger Dekoration und Geschenkideen aus dem fünften Kreis der Hölle. Wir sehen viele Büsche, Topfblumen, Polyresin-Skulpturen und Kunstblumengestecke. Was wir hingegen nicht sehen ist Verkaufspersonal. Entweder versteht es da jemand, sich geschickt hinter diesem Gemisch aus Blattgrün und Brechmitteln zu verstecken oder die Keldenicher:innen sind so vertrauenswürdig, dass man ihnen den Laden einfach überlässt und irgendwo einfach eine Spendenbox aufstellt. Vielleicht hat man auch einfach aufgegeben. Wer weiß das schon?!

Und Gott sah, dass es gut war.

Nicht ohne größere Anstrengungen verlassen wir das Dickicht wieder und schlagen uns einen Weg in das Vögelviertel. Klingt vielversprechend, ist aber nur die Aneinanderreihung verschiedenster Federviehnamen zum Zwecke der Straßenbezeichnung. So durchwandern wir also Amsel-, Drossel- und Bussardweg, suchen Fink und Star, singen dabei wie der Thomaner-Chor zu Leipzig und bemerken dabei gar nicht, wie die Häuser immer moderner, die Grundstücke immer kleiner und die Vorgärten immer steiniger werden. Ehe wir uns versehen stehen wir im Neubaugebiet „Eichholz“, wo man naturnahes Wohnen geschickt mit Geschmacklosigkeit verbindet. Warum Säuleneingänge, Freunde? Was bei einem Tempel durchaus Sinn ergibt, sieht in unseren Gefilden doch eher fragwürdig aus.

Lili Marleen ist wohl einmal zu heftig gegen die Laterne gewemmst.

Viele der Straßen hier sind benannt nach Amts- und Würdenträgern (ja, alles Männer.) des vergangenen Jahrhunderts. Hier lernt man auch ein wenig über die Geschichte von Wesseling, so auch, dass die Stadt vom 01.01.1975 bis zum 30.06.1976 zu Köln gehörte. Das fanden die Menschen in Wesseling allerdings nicht so toll und nach erfolgreicher Klage erfolgte die Ausgemeindung, Wesseling war wieder eigenständig und Köln bis zum Jahr 2010 keine Millionenstadt mehr. Ob die Eigenständig dafür gesorgt hat, dass Wesseling und speziell Keldenich prosperiert? Das bleibt fragwürdig.

Das Neubaugebiet grenzt an ein Naturschutzgebiet, das zum Flanieren und Verweilen einlädt. Mit viel Aufwand und auch Steuergeldern hat man hier ein Areal gestaltet, das auf den ersten Blick idyllisch wirkt, auf den zweiten aber doch einige Fragen aufwirft. Der Spielplatz jedenfalls scheint ein Familienmagnet zu sein und ist an diesem Sonntag so gut besucht wie eine Hausarztpraxis am Montagmorgen.

Atmen ist wohl zwischen 09:00 und 20:00 Uhr erlaubt.

Während die eine Seite der Eichholzer Straße vor allem geprägt ist durch eben beschriebenes Neubaugebiet, liegt auf der anderen Seite das Viertel, in dem die Straßen Künstler:innen-Namen (eine Frau!) tragen. Hier geht es ein wenig unkonventioneller zu und so mancher Stromkasten erinnert in seiner Gestaltung an die kunstschaffenden Namenspaten. Auf jeden Fall ist diese Seite die schönere, auch wenn die ein oder andere Fassadengestaltung uns fassungslos macht.

Im wem bist du verliebt?

Auf dem weiteren Weg gelangen wir anscheinend ins historische Zentrum des Ortes. Man erkennt es an der Bauart und der Vorgartengestaltung und auch daran, dass hier wohl noch Werte hochgehalten werden, die in anderen Gegenden vor ca. 80 Jahren begraben wurden. Man braucht nur ein wenig zu recherchieren und bekommt schnell Informationen darüber, welcher Partei der ein oder andere Gastronom im Ort besonders nahe steht. Wir gehen schnell weiter.

Deutschland 2024

Ein Blick auf die Uhr verrät uns, dass wir die zulässige Parkdauer schon weit überschritten haben und wir befürchten, dass unser Hybrid-Heizer wahlweise abgeschleppt, zerstört oder bepflanzt wurde und eilen zum Parkplatz. Dort scheint alles aber noch in Ordnung, so dass wir Keldenich wieder verlassen dürfen. Ein Glück, das nicht jedem zuteil wird. Wir sind dankbar.

Landschaftsgärtner Kolacki war zufrieden mit seiner Arbeit.

Wir sprachen über:

  • Das Ergebnis der Europawahlen und unsere daraus resultierende Idee: Eines der Bundesländer, die blau gewählt haben, wird für ein Jahr konsequent von der AFD regiert und zwar so, wie es das Bundesprogramm vorsieht. Dann wollen wir doch mal sehen.
  • Erbrecht und die Tatsache, dass man dieses Wort auf zwei ganz unterschiedliche Arten lesen kann. Eine davon klingt wie ein Imperativ zur sofortigen Magenentleerung. Das trifft es manchmal ganz gut.

Ohrwurm des Tages:

  • Wenn schon auf den Sommer keinen Verlass ist, so weiß man doch bei Absolut Bella immer, was man zu erwarten hat, nämlich eine krude Mischung aus Volksmusik, Ballermann-Bumms-Beats und vergessenen Schätzen der Popkultur. Manchmal kann man richtig Glück haben mit dem, was der Zufallsgenerator aus der Hölle ausspuckt, bei anderen Gelegenheiten steht man kurz vorm totalen Organversagen. Den Anfang macht der Kaiser, der Roland, der alte Föttchensföhler mit seinem Anti-Ehe-Partyklassiker „Sieben Fässer Wein“, der von all seinen Liedern tatsächlich noch das unbedenklichtste ist, wenn es ums Thema „Pimpern mit Minderjährigen“ geht. Wir sind beim Hören ähnlich ausgelassen, wie das Publikum der Schaubude.
  • Kurz danach folgen auch schon unsere Lieblings-Busreisenden der 90er Jahre. Die Vengaboys (wieso eigentlich boys? Da war doch nur dieser eine Hampelmann, oder?) singen Shalala und wir klatschen rhytmisch mit. Das Video fängt absolut kongenial die Vieldeutigkeit des Textes ein und erinnert an einen Abend in der Roonburg anno 2000.

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