Verliebt in Vochem, noch mehr in Nord.

Zwei Stadtteile zum Preis von einem. Vielleicht sogar drei.

Mit unseren nahezu wöchentlich stattfindenden Wanderungen haben wir uns mittlerweile durch den gesamten Rhein-Erft-Kreis gekämpft, einzig zwei Städte haben wir uns für den krönenden Abschluss aufgehoben. Eine davon ist Brühl. Warum die andere ausgerechnet Wesseling ist, entbehrt jedweder Logik und lässt sich nur mit der geographischen Randlage erklären. Doch der Reihe nach. In den kommenden Wochen wollen wir uns also Brühl annähern. Anlässlich unserer einhundertsten Wanderung haben wir es uns besonders schön gemacht und haben die Gefilde des Schloss Augustusburg erkundet. Das können wir uns sehr schön als Ferienhaus vorstellen, aber bis dahin müssen wir noch ein wenig verdienen.

Jetzt also Vochem. Nachdem uns der Brühler Stadtteil Heide ja eher unterwältigt hat, sind wir von Vochem doch ganz schön angetan. Lediglich der Name sorgt für Gegenreaktion unseres Ästhetik-Zentrums. Vochem, das klingt ein wenig nach Auswurf oder zumindest nach einer dermatologischen Auffälligkeit. Das wird dem nördlichsten Stadtteil Brühls so gar nicht gerecht, ist es hier doch, mit ein paar weniges Ausnahmen, recht idyllisch. Viele der Häuser stammen aus der Gründerzeit und versprühen einen ganz besonderen Charme. Als Ortsfremden sind uns aber auch die Grenzen der Stadtviertel nicht so geläufig. Gut möglich also, dass wir während unseres Spaziergangs auch Brühl-Nord durchwandert haben, ohne das uns das so richtig bewusst war. Rückblickend betrachtet, war vielleicht sogar ein wenig Kierberg und Brühl-Ost dabei. Wir wollen uns hier aber nicht mit Petitessen aufhalten.

Wir starten unsere Wanderung am Karlsbad. Hier ziehen vornehmlich die Reichen und Schönen ihre Bahnen, aber wie so oft im Leben, gibt es auch hier Ausnahmen. Nun mag man sich fragen, nach welcher strahlenden Persönlichkeit das Karlsbad benannt ist. Tauchte hier einst Karl der Große seinen dicken Zeh in einen Weiher und begründete damit diese aquatische Institution? Hat Karl Dall hier ein Auge auf eine Dame der Gesellschaft geworfen? Ist der einstige Bundespräsident Karl Carstens hier in neckischer Badekappe abgetaucht? Falsch, falsch und wieder falsch. Das Karlsbad verdankt Existenz und Namen dem großen Förderer der Stadt Brühl, Carl Gruhl, seinerseits der erste akademisch ausgebildete Bergbau-Unternehmer im Rheinland. Calle hat anno dazumal in und um Brühl so viel Kohle gescheffelt, dass er aus Dankbarkeit nicht nur das Carlsbad, sondern auch die Carlshalle hat bauen lassen. Warum das C irgendwann durch ein K ersetzt wurde, konnten wir indes nicht herausfinden.

Brühl- Heimat der Hobbits.

Wir wandern die Kurfürstenstraße entlang und entdecken auf dem Weg das ein oder andere schöne Haus. Für unsere geschundenen Augen ist es eine wahre Wohltat, zwischendurch solch optisches Labsal zu finden, so dass wir den Glauben an Architektur, Geschmack und auch an diese Gesellschaft nicht ganz verlieren. Überhaupt muss man festhalten, dass Brühl eine der Städte des Rhein-Erft-Kreises ist, in denen man sich als ortsfremder Wandersmann ein Leben vorstellen kann. Hier gibt es alles, was das Herz begehrt und dazu ist auch noch das Phantasialand in greifbarer Nähe. Herz, was willst Du mehr?! Für Kletter-Enthusiasten und Menschen, bei denen bedeutende Areale des Stammhirns im Laufe der vergangenen Jahre weggebrutzelt sind, gibt es auch den verheißungsvollen „TurmX“. Dieser lässt sich nicht nur besteigen wie eine geduldige Hündin, nein, man kann sich auch an ihm abseilen, von ihm herunterspringen, oder an seiner Außenwand entlang dem Abgrund entgegenlaufen. Alles gesichtert, versteht sich. Einer von uns hatte bereits die Freude, die 50 langen Meter des Turmes hinabzulaufen und manchmal wacht er noch heute schweißgebadet nachts auf.

Rapunzel war in ihrem neuen Zuhause irgendwie nie richtig ungestört.

Unser Spaziergang führt uns letztendlich auch auf die andere Seite Vochems. Überquert man nämlich einmal die Römerstraße, landet man dort, wo nach dem zweiten Weltkrieg nicht mehr viel stand und wo man im Anschluss dann Häuser errichtet hat, die man liebevoll als „zweckmäßig“ bezeichnen könnte. Die Orchideendichte nimmt in dem Maße zu, in dem die Ansehnlichkeit abnimmt. Hier in Vochem mischen sich die Kotten der Arbeiterfamilien mit imposanten Herrenhäusern (warum sagt eigentlich niemand „Damenhäuser“?), so dass eigentlich alle auf ihre Kosten kommen.

In Vochem fand man im Jahr 1913 ein fränkisches Gräberfeld mitsamt einem Grabstein, der an ein Mädchen names Rignetrudis erinnert und man fragt sich unweigerlich, warum zwar so viele alte Namen wieder modern sind, aber sich weit und breit niemand finden lässt, der seine Erstgeborene heute so nennen will. „Rignetrudis“, das klingt nach Emanzipation, nach kraftvoller Eleganz, nach einer schönen Mischung aus Bodenständigkeit und Anmut. Vieles davon fehlt in der Welt und ganz besonders in Vochem. Apropos Namen: Die Bezeichnung Brühl geht zurück auf ein altdeutsches Wort, das eine morastige Wiese für die Schweinezucht bezeichnet. Schon wieder Poesie. Herrlich.

Whatever happens in Brühl, stays in Brühl.

Es bleibt festzuhalten, dass Vochem und noch viel mehr der Brühler Norden viel Schönes zu bieten haben. Es gibt eine funktionierende Infrastruktur, Einkaufsmöglichkeiten und vor allem die Straßenbahn, die einen schnell nach Köln und Bonn bringt. Unsere kalten, versteinerten, zynischen Herzen sind bei diesem Spaziergang ein wenig aufgetaut und erinnern sich, was Schönheit bedeutet. Danke, Brühl.

Nur der gestutzte Busch erinnerte Dornröschen noch an ferne Tage.

Wir sprachen über:

  • Urlaub mit der Familie. Das Dschungelcamp des kleinen Mannes.
  • Die Anzahl der Drehtage, die für eine einzige Folge vom „Traumschiff“ verballert werden. Unfassbar.

Ohrwurm des Tages

Im Jahr 1998 kam der gebürtige Brunsbüttelkooger (bitte sagen Sie das ganz schnell dreimal hintereinander) Dirk Busch mit einem Lied um die Ecke, das nach Salz, Teer und Möwen-Dung riecht. „Absolut Bella“ beglückt uns mit „Liebst Du auch den rauen Wind?“ und am heutigen Tag kann die Antwort nur lauten: „Geht so.“

Kurze Zeit später bekommen wir ein wenig ESC-Feeling. Es war im Jahr 1987, als sich Umberto Tozzi und Raf zusammentaten, um ein Lied über Seeleute zu singen und damit den dritten Platz beim größten Gesangswettbewerb der Welt zu machen. Die Klamotten werden sicherlich geholfen haben.

Wer hat in diesem Jahr übrigens den zweiten Platz belegt? Die Deutschen! Die Gruppe Wind sang „Lass die Sonne in Dein Herz“. Machen wir glatt. Ein Traum in zitronengelb und raffaelo-weiß.

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