Immer, wenn ich denke und hoffe, dass wir im Hürther Stadtgebiet doch nun wirklich alle Ortsteile gesehen und durchstreift haben, überrascht mich mein reckenhafter Wanderfreund mit einer weiteren Gemarkung, deren Besuch uns noch nicht vergönnt ward. Und so geht es an diesem finsteren Spätwintertag nun also nach Kendenich. Die Bezeichnung „Gemarkung“ trifft es nicht ganz, immerhin zählt der Ort rund 3.000 Menschen und ungezählte Hummeln. Von beiden Gattungen Lebewesen sehen wir während unserer Visite allerdings keinen Vertreter.

Und das obwohl Kendenich das Mekka der Rhein-Erft-Hummeln zu sein scheint, die hier müde von vielen Ausflügen ins Summseland die ein oder andere Möglichkeit zur Einkehr finden, begegnet uns an diesem Sonntag keine einzige der moppeligen Brummsen. Vielleicht ist es ja doch noch zu früh im Frühjahr, vielleicht verlangen die Hummelfreunde auch einen zu hohen Quadratzentimeterpreis – man weiß es nicht. Dass wir während unseres Ausflugs kaum Menschen antreffen ist dagegen Ouzo (und was trinkst Du so?). Sonntagvormittage verbringt man im Rhein-Erft-Kreis im Haus, in der Wohnung, im Stall. Nur selten wagen sich mutige Seelen hinaus zum Brötchenkauf. Doch: Wo keine Bäckerei, dort kein Brötchen, keine Menschen. Ein Teufelskreis.

Das, was in Kölner Brauhausspeisekarten gern als „Sprüütcher“ bezeichnet wird, wächst in Kendenich quasi zwischen der lockeren Wohnbebauung: Rösiger Rosenkohl. Ein weiteres, verharmlosendes Wort dafür lautet im Kölschen Sprachgebrauch „Popeköchekäppesje“, also „Puppenküchenkohl“. Diese Beschreibungen verheimlichen auf geradezu kriminelle Weise die olfaktorische Wahrheit hinter diesem Höllengewächs. Die Kreuzung der ohnehin schon unansehnlichen wie geschmacksneutralen Kreuzblütler Blumenkohl und Brokkoli kann nicht viel außer übelste Blähungen verursachen und schaut aus wie etwas, das unter Tierkadavern wächst und verstörende Halluzinationen verursacht. Da Rosenkohl auf einer Geschmacksskala der Wert Null zugeordnet ist (Wasser steht bei Eins), wird die Liebeskugel Satans traditionell mit Butter oder auf Butter basierenden Soßen angereichert. Rosenkohl macht also nicht nur dumm, sondern auch noch fett. Wie schön, ihn hier in Kendenich beheimatet zu wissen.

Das Vereinsleben in dem Ort am legendären Römerkanal-Wanderweg ist schnell, bunt und PS-Stark. Zumindest, wenn man auf die Karten schaut, die in den Händen der örtlichen Quartett-Freunde liegen. Kann ein Ort, in dem seit nunmehr 143 Jahren quartettet (?) wird, auch nur ansatzweise schlecht sein?! Unweit der Burg Kendenich allerdings geben wir die Hoffnung auf noch etwas schöneres als uns selbst zu finden und kehren um.

Was bleibt ist die Gewissheit, dass wir nun wirklich alle Hürther Ortsteile gesehen haben und Kendenich nicht der minderschönste Hain ist. Solange es Fischenich gibt, steht immer fest, wo man nicht länger als drei Autominuten sein möchte.

Ohrwurm des Tages
Absolut Verlass ist auf „Absolut Bella“! Dem Radiosender mit dem besten russischen Rotationsroulette aller Zeiten. Nur, dass hier jeder Schuss sitzt. Wer erinnert sich nicht noch an Marianne Rosenberg und ihren großen Song „Er gehört zu mir“? Danach wollte sie jahrelang ernsthafte Musik und etwas großartiges machen. Herausgekommen ist ein Duett mit der ehemaligen Boyband – Tanzmaschine Eloy de Jong. Ein Song, der ins Ohr geht und rachial wieder raus möchte:
Im vergangenen Herbst hatte Roger Henry Brough Whittakers Leben selbigen erreicht und der erfolgreichste britische Musikexport seit Graham Bonney ist uns vorausgegangen. Wir freuen uns immer, wenn „Absolut Bella“ Klassiker des sympathischen Kinnbartträgers spielt und wir zu „Albany“ oder „Abschied ist ein schweres Schaf“ mitsingen. Jetzt aber werden wir mit einem Ouevre des Künstlers überrascht, das zu Hören uns bislang nicht vergönnt war:
Als der ESC (Eurovision Song Contest) noch einen melodischen Namen trug und beim „Grand Prix d’Eurovision de la chanson“ auch ebensolche Lieder präsentiert wurden, deren Entstehungsgeschichte nicht in slawischen Volkswaisen jenseits des Ural beginnt, da hatte SIE ihren großen Moment. 1970 gewinnt „Dana“ für Irland den Gesangswettbewerb. „Absolut Bella“ nimmt uns mit auf eine Zeitreise und YouTube beschert uns neben ihrem Auftritt auch noch ihr Vorstellungsvideo, das einmal mehr zeigt, das seit den 1970er Jahren nicht unbedingt alles besser geworden ist.