Kurz vor Knapsack

Wer seinen Lungen etwas Gutes tun will, fährt in der Regel ans Meer oder zumindest nach Bad Nauheim, um dort entlang der Gradierbauten zu flanieren. Wer hingegen, so wie wir, Gefahrensucher ist, fährt nach Hürth Knapsack, den einzigen Ort Deutschlands, der wegen Umweltverschmutzung aufgegeben wurde. Zu den Hochzeiten des Bergbaus standen hier gleich sechs Brikettfabriken, die ihren ruß- und schadstoffbelasteten Rauch in den Hürther Himmel bliesen und die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen dort um ca. dreißig Jahre nach unten schraubten. Man kann sich Knapsack damals ein wenig vorstellen wie eine kleine Siedlung im Herzen von Mordor – eine kahle, mit Schlackehügeln und Asche bedeckte Wüste unter Rauchwolken. So ganz können wir nicht ausschließen, dass der ein oder andere Nazgûl hier eine neue Heimat gefunden hat.

Tine Wittler läuft manchmal nachts durch die Straßen und streicht Häuser an.

Den weißen, tiefergelegten Halbelektro-Schlitten mit Kindersicherung an den Türen parken wir mitten im löchrigen Herzen des Ortes. Das Feierabendhaus aus den frühen 50er-Jahren ist eine großzügige Spende der Knapsack-Griesheim Aktiengesellschaft, die mit ihren Phosphorbetrieben so große Gewinne erwirtschaftet hatte, dass die Gesellschafter aus dem Strahlen nicht mehr herauskamen und sich mit dem Bau ein wenig erkenntlich zeigen wollten. Herausgekommen ist ein architektonisch durchaus bemerkenswertes Gebäude, das vom Archtitekten Karl Hell erbaut wurde und als Veranstaltungsort für bis zu 1000 Menschen dient. Am Tag unserer Wanderung – wir befinden uns mitten in der närrischen Zeit – scheint es hier wohl eine karnevalistische Veranstaltung zu geben. Auf der anderen Seite sind wir mit den hiesigen Traditionen natürlich nicht vertraut und vielleicht schlägt man hier jeden Sonntag die Trommel und treibt mit dem Schellenbaum den Hexen des Ortes den Teufel aus.

Alles, was Rüdiger von Saskia geblieben war, war ihre orthopädische Einlage, die sie bei der Flucht aus seinem Palast verloren hatte.

Der Name Knapsack geht wohl zurück auf die Bezeichnung für eine doppelseitige, sackartige Leinentasche, die man sich über die Schulter hängt. Hier waren die Menschen wohl immer schon auf der Durchreise, was ja durchaus nachvollziehbar ist. Lange bleiben wollte niemand und so setzen wir uns ebenfalls schon beim Verlassen des Autos das Ziel, möglichst bald wieder zu selbigem zurückzukehren. Wir kämpfen gegen den Reflex an und machen uns daran, den Ort zu erkunden.

Knapsack ist, nun ja, recht übersichtlich gestaltet. Neben Industrigebiet, Chemiepark und Brikettfabrik gibt es ganze vier Straßen, in denen es menschliches Leben zu geben scheint. Wir können das an diesem Tag nicht verifizieren, da uns niemand über den Weg läuft, aber im ein oder anderen Haus brennt Licht und die teils üppige Vorgartengestaltung lässt uns hoffen. Die Menschen, die sich nicht durch alarmierende Schadstoffwerte in Luft, Wasser und Boden haben verscheuchen lassen, sind vielleicht nicht alt geworden, aber sie haben ihre lebensgefährliche Heimat auf das Schönste gestaltet. Die Häuser erzählen von einer längst vergangenen Zeit, in der Kohle Reichtum brachte und der Auftakt für so manche Liebesgeschichte der jährliche Firmenball war. Garten-, Allee- und Dr.Krauß-Straße sind gesäumt von sehr ansehnlichen Bauten, während an der Industriestraße anscheinend die ehemaligen Arbeiterunterkünfte stehen, die in Stil und Ästhetik doch eher schlichter sind.

Mal wieder „Los Wochos“ im Swingerclub.

Die Alleestraße durchwandern wir, bis sie uns in ein nahegelegenes Wäldchen führt, durch welches aber die nach wie vor asphaltierte Straße geht. Praktisch für Menschen mit Rollatoren und alle, die mit zu viel Natur nicht so gut zurechtkommen. „Wohin mag der Weg uns führen?“, fragen wir uns neugierig, bis wir nach ein paar Minuten erkennen müssen, dass die simple aber doch enttäuschende Antwort lautet: „Nirgendwohin.“ Wir stehen vor den verschlossenen Toren der örtlichen Kläranlage und im Prinzip kann man ja nur dankbar sein, dass der Weg hier endet. Geradeaus geht es also nicht weiter, rechts von uns befinden sich zuerst ein Hügel, dann Gleise, dann eine Werkstraße und schließlich das Gelände der SGS Chemie-, Industrie- und Spezialanalytik GmbH. So verlockend es auch klingt, wir kehren doch um in den, nunja, sagen wir mal „Ortskern“. Auf dem Rückweg fassen wir den Plan, dass, falls wir mal Leichen , Gift , Unerwünschtes zu verscharren haben, Knapsack unser erster Anlaufpunkt sein wird. Hier sucht keiner oder, wenn doch, wird man niemals fündig werden zwischen all den Fabriken, Deponien und Halden. Aktenzeichen XY ungelöst, ick hör dir trapsen.

Nach dem Fest ist vor dem Fest.

So gerne würden wir noch über Kulturdenkmäler, historische Stätten oder bedeutsame Orte in Knapsack erzählen, allein es gibt derlei keine. Selbst den einstigen Friedhof hat man eingestampft, nachem die Zahl der Verstorbenen die der Lebenden überstieg. Wer es also gerne übersichtlich hat und bei wem auch mal ein Hauch von Chlor in der Luft liegen darf, der wird in Knapsack sein Glück finden. Allen anderen raten wir, es den einstigen Bewohner:innen gleichzutun und weiterzuziehen. Zum Beispiel nach Alt-Hürth. Vielleicht ist es hier nicht schöner, aber auf jeden Fall weniger einsam. Hier trifft man sich noch im Park, um gemeinsam für besseres Wetter und mehr Liebe zu tanzen. Davon aber sprechen wir ein andermal.

Hat noch jemand „The OA“ gesehen?

Wir sprachen über:

  • Anstehende Urlaube in wärmeren Gefilden.
  • Die Notwendigkeit, gegen jegliche Form von Extremismus und Hass aufzustehen.
  • Haarverlust und die Zunahme diverser Gebrechen. Geräuschlos ins Auto einzusteigen ist uns beiden nicht mehr möglich.

Ohrwurm des Tages:

Nie zuvor schien unser Sonntagssender Absolut Bella passender als heute. Die Aneinanderreihung von Musikstücken, die nichts, aber auch rein gar nichts miteinander zu tun haben ist sozusagen das tonale Äquivalent zu den optischen Eindrücken, die wir mit nach Hause nehmen.

So lauschen wir also zunächst dem singenden halben Meter Peter Maffay, der nie erwachsen werden wollte und dem es zumindest gelungen ist, über all die Jahre nicht mehr zu wachsen. Hier in einer besonders schönen Interpretation mit der Fischerin.

Darauf folgt der unvergessen Harry Belafonte, der uns nach wie vor rätseln lässt, warum Matilda mit der ganzen Kohle ausgerechnet nach Venezuela abgehauen ist.

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