Schwofen in Königshoven

Herzlich Willkommen in der „Reim-Dich-oder-ich-fress-Dich-Hölle“, die aber allemale besser ist als dieser wahrgewordene feuchte Traum eines schleimigen Schützenkönigs.

Auf der anderen Seite des Seiles: Ein Schaufelradbagger.

Wäre die Welt ein besserer Ort, wenn jede Gesinnungsgruppe ihre eigene kleine Siedlung hätte? Vielleicht. Königshoven wirkt auf jeden Fall wie eine gelungene Mischung aus „Piff, paff, der Vogel muss eraf.“ und „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast.“

Königshoven teilt sein Schicksal mit einigen anderen Ortschaften, die der Braunkohlegewinnung leider im Weg standen und deswegen dem Erdboden gleich gemacht wurden. Den ursprünglichen Ort gibt es also leider nicht mehr. Was man stattdessen im Rahmen der Umsiedlung an Bedburg rangedengelt hat, sieht ein wenig so aus, als haben die römisch-katholische Kirche, ein Gremium von Musterhausanbietern und die Bundesdeutsche Buchsbaumbehörde an einem Tisch gesessen und Monopoly gespielt. Entstanden ist dabei ein Gefüge aus Straßen, die viel zu groß, Häusern, die viel zu hässlich, Plätze und Vorgärten, die viel zu trostlos und Hecken, die viel zu sehr in Form gebracht sind. Wir vermuten, dass es im Ort einen Ehrenamtler gibt, der von allen liebevoll Kettensägen-Didi genannt wird und der sich ein paar Euro zur schmalen Rente dazuverdient, indem er in ganz Königshoven die Büsche und Bäume beschneidet. Anscheinend trinkt er zwischendurch auch mal den ein oder anderen Schluck Königshovener Bräu, denn von Haus zu Haus wird die Ideallinie der Gestaltung weiter verlassen.

La Ola in grün. Den Schützenkönig freut’s.

Doch Könisghoven ist mehr als ein paar ohne Sinn und Verstand zusammengewemmste Häuser und Grundstücke, es ist vor allem die Heimat der Schützen und der Ort macht keinen Hehl daraus, dass man hier ohne grünen Hut oder einen wadenlangen Rock in derselben Farbe nicht weit kommt. Jeder Vorgarten verfügt hier über einen eigenen Fahnenmast und man kann sich die grün-weiße Pracht wehender Flaggen vorstellen, die an einem der Festtage herrscht. Wer hingegen bei Slogans wie „Aus alter Wurzel neue Kraft“, „Für Glaube, Sitte und Heimat“ oder auch „Meine Heimat! Meine Liebe! Mein Stolz“ nervöse Zuckungen bekommt und ein leichtes Unwohlsein verspürt, hat hier wahrlich nichts verloren. Die Josef-Schnitzler-Straße wirkt ein wenig überdimensioniert und erinnert stellenweise an einen Boulevard. Wahrscheinlich haben schlaue Stadtplaner:innen schon beim ersten Entwurf an die zahlreichen Festumzüge gedacht und gleich dafür gesorgt, dass die Prachtwagen auch genug Platz zum Wenden und Defilieren haben. Hier passen locker drei Coca-Cola-Weihnachtstrucks nebeneinander. Sowieso ist die Chaussee in vielerlei Hinsicht irritierend. Überall wird auf die hiesige Schützenbrüderschaft (was ist eigentlich mit den Schwestern?) aufmerksam gemacht und für die nächste Festivität geworben. Als wir die scheinbar wichtigste Restauration des Ortes passieren, die sich den absolut angemessenen Namen „Casino“ verpasst hat, singt einer von uns „Ich hab die große Liebe verspielt in Königshoven.“ Links neben dem „Casino“ befinden sich der Dorfplatz, das Umsiedlungsdenkmal, das Königshovener Ehrenmal, der Kirchplatz, die Kirche St. Peter und der Friedhof, der ebenfalls von Kettensägen-Didi betreut zu werden scheint. Nur selten konnten wir eine so liebevolle Gestaltung des städtischen und gräblichen Grüns bewundern wie hier.

Da der Ort hinter dem Friedhof endet, kehren wir um und laufen nochmal die Josef-Schnitzler-Avenue entlang, um dann in in die Brunnenstraße einzubiegen. Hier gibt es eine weitere Lokalität, die den originellen Namen „La Strada 3“ trägt. Anscheinend gibt es mittlerweile so viele La Stradas, La Straden oder von mir aus auch La Stradae, dass man sie mit ergänzenden Nummern versehen muss, um Verwechslungen zu vermeiden. Da loben wir uns doch die Originalität und Kreativität der Friseur:innen. Hier besticht jeder Name durch Einzigartigkeit und Stil.

Haar-wai, Lanz-haar-rote oder Haar-nover wäre auch ganz schön gewesen.

Am unteren Ende der Brunnenstraße gelangt man zur Teufelsschlucht, die Königshoven von Kaster trennt. Der Name erscheint etwas übertrieben, aber das passt dann auch wieder zum gesamten Rest.

Neben Tradition, Heimatpflege und Vorgartengestaltung lernt man in Königshoven gleich auch noch Bescheidenheit. Was andernorts vielleicht für ein müdes Lächeln sorgt, wird hier gleich zur Sehenwürdigkeit mit eigenem Googleintrag samt Rezensionen erklärt ( 5 Sterne, ist klar.). Man muss aber auch wirklich anerkennen, dass die Schafe von Königshoven an Anmut und Ausdruck kaum zu überbieten sind. Wer sie genauer betrachten möchte, der folge diesem Link: Die Schafe von Königshoven . Allen anderen reicht vielleicht auch dieses Bild:

In der Hauptsaison ist es hier total überlaufen, aber heute hatten wir Glück.

Ganz egal, welchen Weg man in Königshoven wählt: Irgendwie kommt man immer wieder zum „Casino“ und zum Schützenversammlungsplatz. Das ist beängstigend aber konsequent. Wir denken darüber nach, den Ort nochmal zu besuchen und bei dieser Gelegenheit zumindest einen Lodenmantel, wenn nicht sogar vielleicht ein freches Hütchen mit Gamsbart zu tragen. Vielleicht begegnen wir dann auch Menschen. Heute, so scheint es, hat der Dorffunk einmal mehr dafür gesorgt, dass alle Türen verrammelt und die Fenster verschlossen bleiben. Nur der gelegentlich aufkommende Duft von Szegediner Gulasch und Sauerbraten lässt uns glauben, dass hinter diesen Fassdaen atmende Lebewesen ihr Zuhause haben. Wir hoffen, es geht ihnen gut.

Gelebte Inklusion ist, wenn wirklich jeder an den Kippenautomaten herankommt.

Wir haben erstmal genug gesehen, machen uns auf die Suche nach unserem Auto, das wir im dritten Anlauf dann auch finden, machen damit dann einen kurzen Abstecher zum benachbarten Weiler Hohenholz, wo wir feststellen, dass wir genau hier schon einmal gewesen sind, um den Polterabend von Freunden zu feiern, freuen uns, dass wir uns daran noch erinnern aber so viel anderes vergessen konnten und fahren nach Hause. Als wir das Ortsausgangsschild passieren, singen wir leise „Jrön jrön jrön steht dem Schötzejunge schön“

Wir sprachen über:

  • Die bevorstehende Abschiedstour von Schlagerlegende Peter Kraus. Ein letztes Mal lässt er die Hüften kreisen und dann zieht er sich zurück. Es sei ihm gegönnt.
  • Schlagersängerin und Hundefrisörin Michelle zieht sich aus dem Showbiz zurück, weil sie das Haifischbecken nicht mehr erträgt. Das können wir nur unterstützen.
  • Roland Kaiser hingegen macht tapfer weiter und schafft es sogar, Michelle Hunzicker derart zu betäuben, dass sie gemeinsam mit ihm singt. Das ist in vielfacher Hinsicht schlimm.
  • Unser geliebter Club las Piranjas ist wieder da. Allerdings als Miniserie, die auch gut und gerne einfach nur ein Film hätte sein können. Wir haben viele Fragen und sind ein wenig betrübt.
  • Für totale Begeisterung sorgt hingegen „Die Verräter“, von denen wir uns eine zweite Staffel wünschen.

Ohrwurm des Tages

  • Selbstverständlich „Schötzefess“ von den Bläck Fööss. Ein zeitloses Machwerk, das am heutigen Tage nochmal seine ganze Strahlkraft entfalten konnte. Hier ist es in seiner schönsten Version:
Piff, Paff, der Vogel muss eraff.
  • Die Damen von Baccara beglückten uns mit einem Pseudo-Wild-West-Song samt Pistolengeräuschen und Pianola. „The Devil send you to Lorado“ singen sie und wir fragen uns, wo genau das eigentlich ist und ob es dort nicht vielleicht sogar schöner als in Königshoven sein könnte.

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