Dass weite Teile des Rhein-Erft-Kreises über Jahrzehnte hinweg von und mit der Braunkohle gelebt haben, das sieht man immer noch in vielen Dörfern (Etzweiler, Alt-Habbelrath, Fortuna und Co. mal ausgenommen). Meist sind aus den Tagebauen von einst Seen geworden, (noch) nicht so nahe Giesendorf. Aber dazu später mehr. Erst einmal wollen wir beim Anblick der vielen Kohlekraftwerke im Norden der Region verweilen und tief durchatmen. Herrlich! Noch immer kann man den Geruch unserer Jugend hier erahnen.

Wir parken unseren Großraumtransporter des kleinen Mannes am Rosenweg, haben kurz Baccara im Ohr und versuchen uns einen ersten Überblick zu verschaffen, wo exakt Giesendorf beginnt und Wüllenrath endet. Die beiden Ortschaften gehen ineinander über, ähnlich wie Bochum, Dortmund Essen. Man könnte sagen, Elsdorf ist das Ruhrgebiet des Rhein-Erft-Kreises. Nur mit weniger Menschen. Viel weniger Menschen.

Und damit kann nun auch der Ortsfremde kombinieren, dass unser Ausflugsziel Giesendorf zur Stadt Elsdorf gehört. Ja, eine Stadt, deren Name auf „Dorf“ endet, das klingt paradox (wie auch in Düsseldorf), aber das soll nicht das einzig Paradoxe an diesem Sonntag bleiben. Rund 1.300 Menschen nennen diese in die rheinische Tiefebene geschossene Ortschaft Heimat. Apropos Tiefebene: Lange glaubte man hier, die höchste Erhebung der Gemeinde befände sich auf Laufenbergs Petra – ein Irrlaube. Ganze 77 Meter über dem Meeresspiegel befindet man sich in Teilen Giesendorfs, man kann die Schlotwolken also nahezu greifen.

Kappeskranz deluxe
Rund um Allerheiligen gedenkt man in den südlichen und südwestlichen Teilen der Republik den vorangegangenen Familienmitgliedern. Oft auch noch den Gefallenen der beiden Weltkriege. Da werden Friedhöfe und Gedenkstätte oft opulent mit Kerzen und frischen Schnittblumen ausgestattet, die Grünanlagen gepflegt, es ist ein letztes florales Aufbäumen vor den nahenden Wintermonaten. In Giesendorf dekoriert man den Ort aber auch nachhaltig und ökonomisch. Weshalb jedes Jahr einen neuen Kranz für die Verstorbenen erst be- und dann aufstellen, wenn doch auch ein Gebinde aus herrlichen Kunststoff-Blättern eine festive Stimmung verbreiten kann? Und wieso sollte man üppige Rosenblätter, frisches Tannengrün oder sattleuchtende Nelken verwenden, wenn doch auch Kappes(Kohl)Blätter ausreichen?! Hier kann der gemeine Schwabe noch was lernen.

Geschäfte zum Erledigen des täglichen Bedarfs sucht man in Giesendorf vergebens, leider auch eine Backwaren-Verkaufsstelle. Oder aber wir haben sie einfach nicht entdeckt – man weiß es nicht. Dafür kann man hier herrliche Steine erwerben. Und zeitweise auch Bücher, handverlesene Druckwaren aus der Feder Barbara Woods – das allerdings halt nur temporär und besser bei bestem Wetter. Apropos Wetter: Das ist während unseres Besuchs fantastisch (wenn zwei solche Sonnenscheine unterwegs sind…), aber wir müssen wenig später erfahren, wie auch noch so gutes Wetter gleichzeitig gruselig sein kann und an Endzeitszenarien zu erinnern vermag.

Wir flanieren entlang der Etzweilertraße in Richtung südwestlichen Ortsausgangs. Bis vor wenigen Jahren rasten hier noch testosterongeladene Golf-GTI-Jungbauern mit Tempo 110 in Richtung Etzweiler, doch den Ort gibt es nicht mehr. Wie so viele andere musste er den gefräßigen Schaufeln der Braunkohlebagger weichen, die im angrenzenden Tagebau Hambach dafür sorgen, dass Deutschland seine CO2-Bilanz noch ein wenig düsterer gestalten kann.

Heute erinnert kaum noch etwas an den Ort. Vom Aussichtspunkt „Terra Nova2“ hat man einen, sagen wir mal, beeindruckenden Blick auf das größte menschengemachte Loch Europas. Über 400 Meter tief, 85 Quadratkilometer groß – unfassbare Ausmaße, die man hier auf faszinierend-erschreckende Weise präsentiert bekommt. An durchschnittlich kühlen Tagen erinnert die Szenerie an Mordor, das Reich Saurons in der „Herr der Ringe“-Trilogie. Dampf und Nebel des warmen Erdbodens steigen hier empor, legen sich wie ein Schleier über die Szenerie. Muss man mal gesehen haben – Bilder können das Ausmaß nur eingeschränkt widerspiegeln.

Nach diesem Erlebnis treten wir langsam den Heimweg an. Also, nachdem wir unseren Boliden wiedergefunden haben. Einer von uns drohte sich zu verlaufen und wäre beinahe in Richtung Wüllenrath gegangen. Das will man aber nun wirklich nicht auch noch an einem schönen Wintertag. Irgendwann ist auch mal gut.

Ohrwurm des Tages
Was wären wir ohne „Absolut Bella“, der Radiostation des Wahnsinns? Kein Sonntag, an dem uns die Dämonen des destruktiven Dauerdudelei-Programms nicht zu erheitern wissen. Diesmal werden wir mit Musik eines gealterten und gefallenen Top-Stars beglückt, den persönlich nichts mehr schocken kann. Außer vielleicht sein Musikvideo zu „Samuraj“ aus den 1980er Jahren. Wenn da zu Beginn die Schimmel der apokalyptischen Reiter auf die Zuschauer losgelassen werden, wünscht man sich, Nino hätte noch ein bisschen Koks übrig gelassen.
Dann gibt es so Bands, deren Lieder man irgendwie zu kennen glaubt, einfach weil sie einem immer wieder begegnen und einander doch extrem ähneln. Die Werke der Sängerinnen und Sänger der Formation „Fernando Express“ sind so ein Beispiel. 1991 erlebten sie einen seltenen Höhepunkt als ihr Song „Flüsterndes Herz“ den 3. Platz beim Deutschen Song-Festival belegte. Drei Jahre später reichte es dann noch für Platz neun mit dem Gute-Laune-Song „Copacabana“. Überhaupt reißen „Fernando Express“ mit der Titelgebung ihrer immer gleich klingenden Musikversatzstücke so manche Sehnsüchte deutscher Kleingartenvereinskassenwarte: „Meer der Zärtlichkeit“, „Insel des Glücks“, „Das Märchen der weißen Lagune„, „Pretty Flamingo„, „Südlich der Sehnsucht“, „Santo Domingo, die Sterne und du“ und natürlich „Mit dem Albatros nach Süden“ bedienen wirklich alle Klischees. „Absolut Bella“ präsentiert uns diesmal den Song „Dolce Vita“, der sich in folgendem Medley widerfindet. Viel Vergnügen!
Und dann müssen wir einen Song hören, der schon im englischen Original einfach nur Kacke ist (um es mal gekonnt zu formulieren. „Fernando Express“ hätten getitelt „Am Ende bleibt uns der übelriechende Rest von Pooh“). Was aber die „Freie Wähler“-Ikone Claudia Jung und der sternverliebte Nik P. (WARUM???) daraus gemacht haben, das ist wirklich harter Stoff, der sich auch mit zwei Flaschen lieblichen Amselkellers nicht ertragen lässt.