Borr ey, da legst di Nieder(berg)!

Der Rhein-Erft-Kreis ist mit seinen rund 472.000 Einwohnern der neuntgrößte Kreis Deutschlands. Hier findet sich wirklich für alle der perfekte Ort zum Leben. Wer gute Verkehrsanbindung und Infrastruktur zu schätzen weiß, zieht am besten nach Brühl, Hürth und vielleicht noch nach Pulheim. Wer hingegen ein Leben in Stille jenseits der Zivilisation bevorzugt, wird sich sicherlich für die beiden Orte interessieren, die wir zuletzt erwandert haben. Borr und Niederberg gehören beide zu Erftstadt, muten eigentlich aber eher an, als hätte ein Traktor auf dem Weg in die Eifel etwas fallengelassen, was dann jeweils zu einer eigenständigen Siedlung heranwuchs.

Symbolbild

Mit unser Wanderung starten wir in Niederberg. Derjenige von uns, der die heutige Tour nicht ausgesucht hat, verbindet mit diesem Weiler eher traumatische Erfahrungen, zu denen er sich an dieser Stelle nicht weiter äußern mag. Nur soviel: Seitdem weiß er, dass eine Tätigkeit als Witwentröster nicht infrage kommt. Zurück zu unserem Ausflug. In Niederberg ist es gar nicht so einfach, einen Parkplatz zu finden. Das liegt vor allem daran, dass man nicht auszumachen vermag, was hier Straße und Feld ist und ob man hier überhaupt der Straßenverkehrsordnung unterliegt. Wir stellen den weißen Hybrid-Hai einfach dort ab, wo schon andere Wagen stehen und hoffen das Beste. Ziemlich schnell müssen wir erkennen, dass Bürgersteige hier als nicht ganz so wichtig erachtet werden. Wahrscheinlich rechnet man nicht damit, dass hier irgendwas per pedes erledigt wird. Wo soll man auch hingehen? Hier ist ja nichts. Stimmt nicht ganz; Es gibt zwei Kirchen, eine davon mit angeschlossenem Friedhof (wer noch auf der Suche ist: Hier ist viel Platz!), ein Gemeindehaus, auf das wahnsinnig viele Schilder den Wandersmann aufmerksam machen, acht Zigarettenautomaten und eine Bushaltestelle. Herz, was brauchst Du mehr?!

Wir beginnen unsere Wanderung in der Bleistraße und folgen ihr bis wir genau zwischen den beiden Kirchen des Ortes stehen. Rechts von uns liegt etwas versteckt der frühromanische Sakralbau „St. Johannes Enthauptung“, der aber heute kaum noch zu kirchlichen Zwecken genutzt wird. Vielleicht, so stellen wir uns vor, kam zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Marketing-Agentur auf den Trichter, dass der Name gar nicht so einladend klingt, wie das vielleicht noch im 11. Jahrhundert der Fall war. So errichtete man genau gegenüber die neugotische Kirche „St. Johannes der Täufer“. Vom Bild her ist das eigentlich ganz schön: In Niederberg ist es vom Taufbecken bis zum Tod durch Dekapitation gar nicht so weit. Weder für Johannes, noch für sonst irgendwen. Viel schöner als die beiden Gotteshäuser ist aber das alte Pfarrhaus, das direkt neben der Enthauptungs-Kirche steht. Hier lohnt es sich, ein paar Minuten schweigend und staunend zu verharren. Wenn man ganz großes Glück hat, kommt die Besitzerin raus und erzählt, wie stolz sie auf ihr Heim ist.

Wir ziehen weiter durch die bürgersteiglosen Straßen von Niederberg. Die Vorgartengestaltung hier ist vielseitig und bietet vor allem Freunden von Glaskunst ein buntes Panoptikum. Aber auch, wer ein Connaisseur von Skulpturen, Gartenzwergen und lustigen Maskottchen ist, kommt hier auf voll auf seine Kosten.

Die Installation „Biena Maja weint“ ist weit über die Grenzen Niederbergs bekannt.

Wer in Niederberg wohnt, weiß die Zurückgezogenheit zu schätzen. Der Ort ist ein Paradies für Einsiedler, Schweigemönche und Serientäter. Nur wenige Fremde verirren sich in den Gassen und so bleibt unser Besuch nicht unbeobachtet. Immer wieder werden Rolläden wahlweise heruntergelassen oder heraufgezogen, Fenster geöffnet oder geschlossen und diverse Hunde vor die Tür geschickt. Wir fallen auf hier, riechen anders als die Einheimischen. Unser Gang ist fremd, wir kennen die hiesigen Gebräuche nicht und wecken daher Skepsis und Misstrauen. Nachem unsere Versuche, unter dem Radar zu bleiben, gescheitert sind, gehen wir in die Offensive. Ohne lange zu überlegen, stimmen wir Pocahontas Arie „Kannst Du malen wie das Farbenspiel des Winds“ an und singen vor allem die Zeilen „Fremde Erde ist nur fremd, wenn der Fremde sie nicht kennt“ besonders laut. Das scheint für allgemeine Beruhigung zu sorgen.

Simba hatte sich für den Ruhestand lediglich ein schattiges Plätzchen gewünscht.

Bis ins Jahr 1968 hatte Niederberg eine eigene Schule, deren Schülerinnen und Schüler auch dafür sorgten, dass so manches Geschäft ein einträgliches Einkommen hatte. Für die Lehrpersonen hingegen war die Dorfkneipe da. Schließlich musste man sich in den Freistunden irgendwie beschäftigen und so ein Pegel hält sich auch nicht von alleine. Mittlerweile sind Schule, Geschäfte und Kneipe geschlossen und wo einst die Lehranstalt war, befindet sich heute das Dorfgemeinschaftshaus, in dem man sich zum Stammtisch trifft, gemeinsam Kultur erlebt und an Lachyoga-Workshops teilnimmt. Außerdem finden hier regelmäßige Kinovorführungen statt. Wenn Pocahontas läuft, kommen wir auf jeden Fall wieder.

Kinder können hier noch sicher in den für sie markierten Arealen spielen.

Auf dem Weg zum Auto passieren wir einen Kaugummi-Automaten, an dem der eine von uns unmöglich vorbeigehen kann. Die eingeworfenen 20 Cent schluckt der Kasten allerdings, ohne eine Gegenleistung zu erbringen. Das sind die Momente, in denen es besonders wichtig ist, die Contenance zu bewahren. Wer weiß, was hier sonst los ist, wenn hier jemand anfängt zu randalieren und das verdammte Drecksding von der Wand reißt? Wir sehen es also als Spende für die Gemeinschaft und gehen weiter unserer Wege. Kurz werfen wir noch einen Blick auf die Burg Niederberg, die tief im Tal liegt. Heute befindet sich dort die Ranch of Trust. Wäre auch ein schöner Name für einen Swinger-Club, aber hier wird dem Pferdesport gefrönt. Wir satteln dann auch mal unseren Schimmel und fahren nach Borr.

Hier begrüßt uns direkt der Ortsfriedhof, der nur wenig größer als eine Minigolf-Bahn ist. Die wenigen Grabsteine lassen uns denken, dass die meisten Menschen hier miteinander verwandt sind. Ansonsten lässt sich festhalten, dass hier wenig Wert auf übermäßige Gestaltung der Gräber oder gar der Wege gelegt wird. Wer flanieren möchte, ist hier nicht gut aufgehoben. Vielleicht aber im Rest des Ortes. Die Informationsseite der Stadt Erftstadt lässt uns wissen, dass Borr mittlerweile eine Kanalisation hat, was uns aufrichtig freut. Da es hier auch kaum Bürgersteige gibt, mögen wir uns nicht vorstellen, wie es vor Kurzem noch war, als die Nachttöpfe einfach morgens durch das offene Fenster entleert wurden. Schön, dass Borr in der Neuzeit angekommen ist.

Oben rechts wohnt der Glöckner.

Im Zentrum des Ortes liegt die Kirche St. Martinus. Die dort untergebrachte Orgel zählt 508 Pfeifen und überragt damit die Einwohnerzahl um über 30 Prozent. Auch hier ist das schönste Gebäude das ehemalige Pfarrhaus, das sehr pittoresk am Nordrand gelegen ist und heute eine Kindertagesstätte beherbergt. Dort hat auch der Verschönerungsverein eine kleine Wandelroute angelegt, die wir aber in fünf Minuten hinter uns gebracht haben. Es ist ganz so, wie es bei Wikipedia nachzulesen ist: „Borr/Scheuren bietet eine ruhige Wohnlage. Der Ort ist in den letzten Jahrzehnten nur wenig gewachsen. Einige alte Häuser stehen unter Denkmalschutz.“ Um es anders auszudrücken: „Wenn du reinfährst, bist du schon wieder draußen.“

Daneben wohnen die Familien Digga, Otto, Opfer und Keule.

Nachdem wir alles, aber auch wirklich alles gesehen haben, trotten wir zum Auto zurück, singen noch einmal den Pocahontas-Song und fahren nach Hause.

Wir sprachen über:

  • Moulin Rouge, das Musical. Einer von uns war da und ist etwas ratlos. Das Publikum spendete Standing Ovations, aber so richtig nachvollziehen kann man es nicht. Nicht jedes Lied lässt sich ins Deutsche übersetzen, ganz egal, wie sehr man es zwingt.
  • Witwen, die schon Ausschau nach dem nächsten Liebhaber halten, obwohl der verblichene Gatte noch nicht unter der Erde ist.
  • Angemessene Preise für ein Croissant mit Butter und Marmelade. Wir finden, dass 5,50 € ein wenig zu hoch angesetzt ist.

Ohrwurm des Tages:

  • Zum einen eben „Das Farbenspiel des Winds“. Zugegeben, man muss wissen, was die gute Jennifer da singt. Das Video zeigt aber nicht nur Frau Rush, die ja eigentlich Heidi Stern heißt, sondern auch zu Beginn den großartigen Dirk Bach als „Flora, die Fledermaus.“ So schön.
  • Absolut Bella gräbt mitunter Leichen aus, die vielleicht besser niemals mehr ans Tageslicht gekommen wären. Erinnert sich noch jemand, wie uns in den 80er und 90er Jahren Rondo Veneziano in die Ohren geprügelt wurde und jeder Schiffschaukelbremser auf einmal feststellte, dass klassische Musik doch ganz geil ist.

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