Hürths ABC-Inseln

Wer braucht Aruba, Bonaire oder Curaçao – wir verbringen einen sonnigen Sommersonntag in Alstädten-Burbach im ehemaligen Canton Bruehl. Doch letzterer ist nach Napoleons Wirken im Rheinland längst Geschichte, gehört der schmucke Schlupfwinkel doch nun zur Stadt Hürth. Wie aus zwei Orten, einer wurde, wo der Garten Eden wirklich ist und welcher Coiffeur die beste Bikinimode bietet – Sie erfahren es in den folgenden Zeilen.

Zu Ehren der fruchtbaren Heiligen

Wir starten unseren ausufernden Ausflug an der katholischen Kirche St. Maria am Brunnen. Das erscheint uns ein spritziger Start für diesen Tag, fernab der Heimat. Unser schulbusartiges Gefährt stellen wir an der Jabachstraße ab, leider war an der Neinflussstraße kein Parkplatz mehr zu finden. Die Kirche St. Maria am Brunnen zeichnet nicht nur die makellose Maria im Namen, sondern auch noch einen – zumindest in unserer Vorstellung – imposanten Brunnen. Wie so oft aber bei phallusartigen Phänomenen liegt auch hier die Größe im Auge des Betrachters. Manchmal ist weniger einfach weniger. Aber das soll unsere selbstzufriedene Stimmung nicht weiter stören, entdecken wir doch nur wenige Schritte entfernt bereits das Paradies. Es bleibt biblisch.

Jenseits von Eden ist‘s Klein

Der Garten Eden ist in unseren frommen Vorstellungen jahrzehntelang eine amouröse Apfelplantage gewesen, die von allerlei Schlangengetier bevölkert ist und in dem ein notorisches Nudistenpaar sich seiner willigen Wollust hingab. Mitnichten. Seit Alstädten-Burbach sind wir eines besseren belehrt und wissen, dass das Paradies eine Wellnessboutique neben der Bäckerei „Klein“ ist, die gerne auch prächtige Pediküren anbietet. Die nur gut dreieinhalbtausend Einwohnerinnen und Einwohner dieses Doppelortes könnten also fantastisch formierte Füße ihr Eigen nennen. Famos!

Wetten, dass wir noch mehr Rechtschreibfehler und grauslige Bilder parat haben

Alstädten-Burbach bestand einst, und das dürfte viele Lesende überraschen wie der Waschbär ein nacktbadendes Pärchen am Bleibtreusee, aus gleich zwei Orten. Aus Alstädten und (Potzblitz!) Burbach. Letzterer soll der ältere Ort sein, wurde aber erst 1233 das erste Mal urkundlich erwähnt. Im Tal des Burbachs gelegen, der in der Banlieue mehrere Mühlen bediente, war der Ort jedoch zweigeteilt. Ein Teil gehörte zu Gleuel, der andere zum Amt Lechenich. Es war der kurkölnische Kantonskanonier Karl Ransaier, der einst versprach, dass niemand die Absicht habe, eine Mauer zu bauen. Das ist dann auch nicht geschehen, einfach weil nicht genügend Handwerker aufzutreiben waren, außerdem hatte der örtliche „Praktiker-Markt“ zwar mit „20% auf Alles“ geworben, im Kleingedruckten aber Steine, Mörtel und Zement von dem Angebot ausgenommen.

Die anderen elf hatten halt keine Bikinis im Salon

Alstädten dagegen bestand einst eigentlich nur aus einer Ansammlung geselliger Gehöfte, deren Chief Commander irgendwann des Düngens überdrüssig wurde und lieber das braune Gold unter seinen Ländereien ausbeuten ließ. Als alle Braunkohle ausgebuddelt war, suchte er dann das Weite und wurde Südseekönig in einem weit entfernten Land (der Sage nach). Heute erinnert wenig an jene Zeiten, beide Orte sind vereint, gehören zur Stadt Hürth und erfreuen sich reger Zuwanderung all jener, die festgestellt haben, dass Wohnen im benachbarten Köln mittlerweile teurer geworden ist als ein Monatszimmer im Laufhaus an der Hornstraße.

Für Fakire, Masochisten und Schwebebalkenfans

Wir folgen der Hermühlheimer Straße und biegen alsbald in die Stotzheimer Straße ein. Beides Hürther Stadtteile, die wir bereits besuchen mussten. Die Erinnerungen daran lassen uns heute noch des nachts aus dem Schlaf hochschrecken. Das Ende der Stotzheimer Straße stadtauswärts ist eigentlich kein Ende, zumindest keines ohne Schrecken. Wer des abends locker mit Tempo 230 in seinem pastellmetalligen 3er BMW einen gemütlichen Ausritt wagen möchte, der erlebt ein standfestes Wunder. Die Straße ist letztendlich nur für bolidige Busse und Menschen mit Fernbedienung für einen potenten Pöller passierbar. Ansonsten endet die Fahrt jäh und unangenehm. Zu lange möchte man dort generell nicht stoppen – alleine aus Angst vor marodierenden und brandschatzenden Besuchern des nahen „Otto-Maigler-Sees“.

„Nein! Du kommst hier nicht raus!“

Überrascht hat uns die schiere Größe dieses durchwachsen drolligen Doppelortes. Immer wieder bieten sich uns wahrlich wunderbare Wege und weitschweifig-wohlfeile Wohnbebauungen. Alstädten-Burbach bietet auch ohne all zu viel Nahversorgungsmöglichkeiten Lebensqualität und Orte der Entspannung. Hier kann man wohnen, muss es nicht, aber könnte.

Die kloane Tür zum Paradies findt ned jeder

Ohrwurm des Tages

Mittlerweile ist es fast schon so, dass wir uns mitunter auf die Fahrten in diese weit-entlegenen Gemarkungen des Rhein-Erft-Kreises freuen, auch weil uns der Sender des schadhaften Lächelns, „Absolut Bella“ im Autoradio immer wieder zu überraschen vermag. Diesmal entführt uns die Playlist 45 Jahre zurück. In eine Zeit, in der sehr, sehr viel Pomade im Haar, sehr enge Lederjacken und noch engere Hosen en vogue waren. John Travolta schmetterte einst, noch 50 Kilo leichter) für den Musicalfilm „Grease“ die herzzerreißende Ballade an eine ostdeutsche Friseurazubine, die heute noch zu Tränen rührt:

Oh, Sandy, baby
Someday, when high school is done
Somehow, someway, our two worlds will be one
In heaven forever and ever we will be
Oh, please say you’ll stay,
Oh, Sandy

Texte, wie es sie heute kaum noch gibt. Herrlich.

Menschen unserer Generation sind ja noch mit der ZDF-Hitparade aufgewachsen, die damals sonnabends ein morbides Sprungbrett in den Sonntag bot. Alt-Moderator Dieter Thomas Heck hatte längst das Studio in Berlin verlassen, widmete sich lieber „Melodien für Millionen“ und ein gewisser Viktor Worms, Abbild des deutschen „Herr Lehrer, ich weiß was-Hänflings“ hatte kurzzeitig die Sendung okkupiert. Wir sehen ihn hier ganz kurz, wie er die jeanstragend-joviale Ur-Bayerin „Nicki“ ankündigt. Ihr größter Hit war freilich, die Älteren haben nun einen Ohrwurm, „I bin a bayrisches Cowgirl„. Wir aber bekommen von „Absolut Bella“ den B-Song „Wegen Dir“ um die Ohren gehauen.

Der Beweis dafür, dass nicht nur in „Rosis Swingerstübchen Kaldenkirchen“ alles geht, nichts muss, liefert uns der „Absolut Bella“-Musikcomputer auf der Rückfahrt. Der unvergessene Pat Boone erleichtert sich am Beach, genießt dabei sein kindliches Gemüt und führt den Pullermann so, dass etwas im Sand entsteht. Toll!

Veröffentlicht von kaiwimmer

Gern unterwegs

Hinterlasse einen Kommentar