Ach je, Ahe.

Wir erfüllen Wünsche

Seit genau zwei Jahren sind wir nun in der Tiefebene des Rhein-Erft-Kreises unterwegs und anscheinend gibt es da draußen wohl Menschen, die unsere kleinen Berichte zur Kenntnis nehmen. Die meisten davon schönerweise wohlwollend, aber hin und wieder erreicht uns auch eine erboste Email von Stammesangehörigen aus irgendeinem gottverlassenen Winkel, den wir kurz durchstreiften (Hallo Uschi!). Es kommt sogar vor, dass Menschen hinsichtlich unserer nächsten Tour Wünsche äußern. So lag es einer Dame ganz besonders am Herzen, dass wir ihre alte Heimat bereisen. Um ganz ehrlich zu sein, waren wir beide felsenfest davon überzeugt, dort schon gewesen zu sein, aber die Aufzeichnungen des Kapitäns zeigten ziemlich schnell, dass die Erinnerung trügt. Wie schon der liebe Gott, der gute Geschmack und die Zuversicht hatten auch wir Ahe einfach übergangen. Das stimmte uns so traurig, dass wir diesen Fehler umgehend ausmerzen wollten. Danach waren wir allerdings auch nicht glücklicher und das ist alleine Ahes Schuld. Doch der Reihe nach:

Den meisten Menschen ist Ahe nur als Durchfahrtsstraße mit ein paar Häusern links und rechts des Weges bekannt. Lässt man die Augen während der Autofahrt eine Zehntelsekunde geschlossen, brettert man über den kleinen Kreisverkehr in der Ortsmitte und, wenn man nicht aus der Kurve direkt auf den Friedhof getragen wird, ist man dann auch schon wieder am Ortsausgang. Dabei gäbe es so vieles, für dass sich ein Halt lohnt. Zumindest sagen das die Menschen aus Ahe. Wobei wir eigentilch gar nicht so sicher sind, ob man hier so wahnsinnig versessen darauf ist, intelligentes Leben von außerhalb zu empfangen.

Ortseingang Ahe. (Symbolbild)

Ein Ahe ist ein Ahe ist ein Ahe.

Schon immer ranken sich wilde Gerüchte um den Ortsnamen des Weilers. In umliegenden Ortschaften munkelt man, dass der Name Ahe zurückgeht auf einen Satz der Erkenntnis, was die Defäkation eines Säugetieres der Gattung Canis lupus familiaris angeht, oder einfacher ausgedrückt: „A, he hät der Hungk jedrisse.“ . Menschen mit Geschichtswissen oder aber jene, die bei der Gründung des Ortes dabei waren, wissen, dass Ahe auf das indogermanische Wort „Aha“ zurückgeht. Dies steht These eins ja gar nicht so sehr entgegen. Wenn man aber weiß, dass „Aha“ schlichtweg „Wasser“ bedeutet, ist das zwar erhellend, aber irgendwie auch ziemlich langweilig. Dabei könnte man aus Ahe (also dem Namen, für den Ort sehen wir schwarz) so viel schönes machen. Es könnte stehen für „Alter Helden Einsiedelei“, „Arg häufiger Eiter“, „Ach, herrlich eng“ oder „Aller Hoffnung Ende“. Sicherlich kommen da noch ein paar andere Assoziationen auf.

Oder so.

Kein Weg führt aus Ahe heraus

So kurz wie der Name sind in Ahe auch die meisten Straßen. Wir parken die schneeweiße Kutsche in der Straße „Im Kleinfeldchen“, die wahrscheinlich so heißt, weil sich an ihrem Ende ein kleines Feldchen befindet. Sie mündet an ihrem nördlichen Ende in einem kleinen Pfad, bei dem man zunächst nicht sicher ist, ob man ihn betreten darf oder nicht. Man weiß ja nicht, wie die Bevölkerung hier auf zwei fremde, frische Burschen, die aufrecht durch die Gassen laufen, reagiert. Vorsichtig gehen wir weiter, passieren fragwürdige Bauten und Schottergärten und finden uns anschließend in Ahes ältestem Teil wieder. Einem Hufeisen gleich windet sich die Straße „Klosterhütte“ um Häuser, an deren Stelle früher vermutlich mal ein Hof gestanden haben muss. Von hier aus gelangen wir direkt zur Erft, die eine der wenigen Konstanten unserer bisherigen Wanderungen ist. Mal ist sie breit und verhältnismässig wild, mal ist sie nur ein Rinnsal.Hier fließt sie relativ friedlich die Gestade entlang, scheint sich auch ein wenig zu beeilen, um nicht allzu lange verweilen zu müssen. Wir folgen einem Stück ihrem Weg und finden uns schon bald am Ende des kleinen Weges wieder. Wir überqueren eine kleine Wiese und stehen dann vor den Ertüchtigunseinrichtungen der SG Ahe 1929 e.V. .

Gedenktafel für den Abdecker Karl Prengelsmann.

Über „In den Benden“ geht es in die „Sindorfer Staße“. Dort laufen wir am denkmalgeschützen „Haus Eller“ vorbei, in dem sich das Pianomuseum befindet. Wir rufen: „Ein Klavier, ein Klavier!“ und gehen weiter, bis auch diese Straße endet. Diesmal finden wir uns auf einem Acker wieder und da wir beide heute nicht das richtige Schuhwerk tragen, schwenken wir um und biegen bei der nächsten Gelegenheit in den „Huppertstaler Weg“ ein.

Wer etwas auf sich hält, legt sich ein Gefährt zu, das zum Hauttyp passt. Wie wäre es zum Beispiel mit Modell „Lehm“?

Vom Tod zu T.o.T.

Wir machen einen kurzen Abstecher auf den Friedhof, der alles in allem ein wenig lustlos am Ortsende vor sich hindümpelt. Konsequenterweise hat man auch hier keinen Wert auf Weggestaltung gelegt und auch sonst ist es kaum zu glauben, dass irgendwer sich hier Gedanken über irgendwas gemacht hat. Bei mehr als zwanzig Trauergästen kommt der Parkplatz an die Auslastungsgrenze, so dass wir die Anreise mit Fahrrad, Muli oder Hoverboard empfehlen.

Wir überqueren die Laacher Straße und befinden uns schon bald auf dem Gelände des legendären Wohnparks Ahe. Leider hat es die Anlage im Jahr 2017 zu trauriger Berühmtheit gebracht und so manches Printmedium hat sich nicht entblödet, den Begriff „Todes-Wohnpark“ zu kreieren, aber wie singen die Ärzte so schön? „Angst, Hass, T**ten und Wetterbericht“. Der Wohnpark besteht aus insgesamt 39 Gebäuden und wurde in den Jahren 1968-1974 errichtet. Damals waren solche Konzepte eine ganz heiße Nummer und aus allen Himmelsrichtungen zogen die Menschen freiwillig auch hier nach Ahe. Heute lässt sich nicht mehr richtig nachvollziehen, wovon genau die Leute begeistert waren. Ist es die Tatsache, dass man der Nachbarin morgens schon die Hände zum freundschaftlichen Gruß über die Balkonbrüstung reichen kann oder doch eher der Fakt, dass sich hier Essens-Gerüche aus 48 Nationen zu einem ganz neuen olfaktorischem Erlebnis mischen? Vielleicht ist es die Art, wie man hier das Leben und die Endlichkeit gleichzeitig feiert.

Drinnen herrschte Grabesstille

Wir schlängeln uns weiter durch den Wohnpark, hören aus dem einen Fenster Klarinettenspiel und aus dem nächsten Rex Guildos Gesang. Irgendwo streiten zwei Menschen in einem uns fremden Idiom und wieder ein paar Meter weiter erfüllt der Geruch von Gulasch die Luft. Alles erinnert ein wenig an Urlaub in den 1980er Jahren.

Bald schon finden wir uns in Ahes neuestem Wohngebeit wieder. Wie zum Hohn hat man den Straßen dieser Betonwüste die Namen von Wild- und Wiesenblumen verpasst. Gefühlt ist es hier drei Grad heißer als im Rest des Ortes und im direkten Vergleich erscheint uns der Friedhof auf einmal als belebt. Je länger wir diese steinerne Trostlosigkeit durchwandern, desto mehr vermissen wir den Wohnpark. Wir trotten noch ein wenig lustlos durch die Gegend, laben uns an den unterschiedlichen Variationen von Grau und versuchen dann, dieser Anlage wieder zu entkommen. Ahe bleibt sich ein weiteres Mal treu und alle Wege führen ins Nichts, so dass uns nichts anderes übrig bleibt, als einmal mehr umzukehren. Sei’s drum.

Auf dem Weg zurück begegnen uns zwei Menschen, die das passende Gesicht zum Neubaugebiet haben. Mit ausdruckslosen Mienen kommen sie uns entgegen, scheinen uns nicht mal wahrzunehmen. Vielleicht liegt das auch an den Wollmützen, die die beiden tief ins Gesicht gezogen haben. Irgendwie hat man das Gefühl, diese Menschen sind seit Wochen unterwegs, sind durch Wind und Schnee gewandert und suchen nun nach einer Bleibe. „Geht nicht weiter!“, möchten wir ihnen zurufen, „Dort erwartet Euch der Tod durch Langeweile.“ Vielleicht ist es aber auch genau das, wonach die beiden suchen. Wir werden es nie erfahren, denn schon bald erreichen wir ein kleines Feld, in dessen Nähe unser Auto steht.

Fenster war zu.

Wir sprachen über:

  • den anstehenden Besuch des Musicals Moulin Rouge. Einer von uns war voller Vorfreude, sollte aber schon bald enttäuscht werden.
  • Christian Steiffen und seine Karriere. In den Medien findet er kaum statt, füllt aber problemlos das Kölner Palladium.
  • Freizeitparks. Das Phantasialand ist nicht mehr unser Lieblingspark, seitdem es unter anderem keine Jahreskarten mehr gibt. Efteling ist natürlich eine gute Alternative, aber leider etwas zu weit weg. Einer von uns war im Toverland und ist ganz angetan.
  • Die Krönung von King Charles. Während in anderen Ländern Rechtspopulisten über die Gefahren, die von Drag ausgehen, diskutieren, trägt hier ein Mann stolz Geschmeide, Juwelen und Umhang und zeigt, dass man noch aus jedem Prinzen eine Trümmertranse zaubern kann. Go for it, girl!

Ohrwurm des Tages

Es ist immer wieder überraschend, mit welchen Perlen unser Sonntags-Sender Absolut Bella um die Ecke kommt. Eigentlich ist nichts unmöglich, auch nicht diese Perle der ehemaligen Catwoman-Actrice Eartha Kitt. Gibt es noch jemanden, der direkt an französischen Weichkäse denken muss?

Auf dem Rückweg erfreuen wir uns an kölschen Tönen und singen lauthals mit.

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