Welcher Ort bietet sich eher für einen herrlichen Feiertagsbesuch an als Kenten? Ja, viele. Sehr viele. Aber wir fahren dennoch nach Kenten. Ein Ort, der 1938 seine Eigenständigkeit verloren hat und in die Stadt Bergheim integriert wurde. Von seinem ganz besonderen Charme hat Kenten dagegen wenig verloren. Ob das von Vorteil oder Nachteil ist, das möge bitte ein jeder für sich entscheiden. Fakt ist: Die Menschen vor Ort scheinen gerne (zumindest gedanklich) in die Ferne schweifen zu wollen, wenn das Gute doch so fern liegt.

Wir parken unser omnibusartiges Gefährt am „Martinswerk“. Dessen Motto scheint: Wenn man es im Rauch der Schlote nicht zu sehen vermag, so möge man es doch bitte riechen. Was hier ganz genau hergestellt wird, entzieht sich unserem Verständnis. Man sagt, dort werden chemische Produkte auf Basis von Aluminiumhydroxid und Aluminiumoxid gefertigt. Oxid klingt für uns nach Rost und das erklärt dann auch, weshalb der gesamte Bau eine herrliche Patina angelegt hat. Unser chemisches Verständnis hat in Klasse 6 mit der Knallgasprobe geendet. Jahre später gab es an unserer Lehranstalt mal einen Chemieunfall, aber daran können wir uns nicht mehr genau erinnern…

Kenten bietet neben viel versiegelter Fläche aber auch den ein oder anderen Grünstreifen. Versuche öffentliche Parkanlagen zu etablieren kann man noch nicht als gänzlich gescheitert betrachten und die Erftseen-Landschaften am Rande der Siedlung sind tatsächlich recht schmuck. Sehr zum Unwill der alteingesessenen Bevölkerung gehen Kenten und die Kreisstadt Bergheim mittlerweile ineinander über, Grenzzäune, Nato-Draht und Wachpostenanlagen sind längst abgebaut. Wie alt die Gemarkung ist, lässt sich am Namen ableiten. Kenten könnte vom lateinischen Wort „Canetum“ stammen. Das bedeutet soviel wie Rohr-Schilf. Durch die Lage an der Erft und dem sumpfigen Umland könnte das logisch erscheinen.

Die aus heutiger Sicht vielen städtebaulichen Fehlentscheidungen der 1960er und 1970er Jahre versuchen die Stadtväter und -Mütter mittlerweile durch herrliche Kunstinstallationen im öffentlichen Raum auszugleichen. Man ist mitunter verwundert was so alles mit öffentlichen Mitteln gefördert werden kann. Im gesamten Ort findet man diese halbfertigen Galgenanlagen für Kleinwüchsige. Die sind schön bunt. Immerhin.

Während andere Ortschaften des „Rhein-Erft-Kreises“ mit Vorgärten aus Kunstblumenarrangements aufwarten (Bedburg-Rath), toben sich in Kenten Menschen mit Daumen jedweder Couleur aus. Da ist sehr viel braun und auch schwarz dabei, aber man muss die Versuche loben. Was werden die Menschen in mehreren Hundert Jahren bei Ausgrabungen zu den hiesigen Funden sagen? Sie werden zumindest einiges finden, einiges, das niemals verrotten wird. Hier ließen sich ganze Vox-Vorabend-Gartenformate verwirklichen.

Kenten verfügt über etwas, um das es viele Menschen in anderen, düstereren Destinationen beneiden: Einen Bahnhof! Oder…das ist vielleicht etwas euphemistisch formuliert. Sagen wir mal: Einen Haltepunkt. Von hier aus kann man zumindest in der Theorie „schnell“ den Ort mittels Regionalbahn nach Horrem oder Bedburg verlassen. Den nötigen Reiseproviant kann man sich getrost am Ortsausgang (Richtung „Martinswerk“) besorgen. Auch für längere Fahrten. Beispielsweise für die Zugstrecke: Kenten-Horrem-Köln-Berlin-Moskau-Peking.

Für Shoppingliebhaber und fashion victims bietet Kenten am Ortsausgang (vieles spielt sich hier am Ortsausgang ab) nahe Tankstelle und Motel ein wahres Paradies. „Sanitätshaus meets Designerkleidung“ ist hier das Motto. Wer neben Kompressionsstrümpfen und Badaufstehhilfen noch etwas „peppiges“ für den Tanztee im „Kristallsaal Altenahr“ sucht, der wird hier fündig. Kenten! Man muss es mal erlebt haben. Zwei Stunden reichen aber.

Ohrwurm des Tages:
Auch an Ostern kennen die sympathischen Musikredaktionsschergen von „Absolut Bella“ keine Gnade und hauen uns Musik um die Ohren, bei der man sich zweimal überlegt, ob man wiederauferstehen möchte. Lange, lange Jahre bevor Madonna ihre Version ins Mikro hauchte, besang Julie Covington ein mittelamerikanisches Land, das viele Deutsche nach einem kleinen Karriereknick Mitte der 1940er Jahre als neue Heimat erwählten:
Dass musikalisch aber durchaus noch viel Luft nach unten ist, das beweist „Absolut Bella“ uns auf der Rückfahrt. Als hätten wir nicht schon genug durchgemacht an diesem Ostermorgen, beschert uns folgendes Lied einen bedenklichen Ohrwurm (Auch hier wieder eine kleine Warnung vor Anklicken des Videos: Noch beängstigender als der Song ist das dazugehörige Video!)