Nach einer urlaubsbedingten kurzen Verschnaufpause sind wir zurück im pittoresken Rhein-Erft-Kreis, der in den vergangenen Wochen nichts seines morbiden Charmes eingebüßt hat. Das Schicksal verschlägt uns diesmal in den Erftstädter Ortsteil Bliesheim – ganz im Osten des Stadtgebiets. Nun ist es so, dass dieses Fleckchen Erde vor knapp zwei Jahren nachhaltig von den schweren Überschwemmungen der Erft getroffen wurde. Weite Teile Bliesheims waren im Sommer 2021 überflutet und haben sich bis heute noch nicht komplett davon erholt.

Nach und nach kehrt aber wieder mehr Normalität ein und man hat die Chance auf einen Neuanfang, einiges anders machen zu können, wenn man das denn möchte. Knapp 3.700 Menschen leben hier und gefühlt mindestens 7.300 Hähne und Hühner. Andauernd kräht einem beim Flanieren ein Hahn nach, läuft ein Huhn über den Weg. Sowieso erweckt Bliesheim den Anschein einer langen agrarwirtschaftlichen Tradition. Zwischen normaler Wohnbebauung finden findige Besucher gerne das ein oder andere Gehöft.

Ich selbst muss zugeben bis zu diesem Ausflug gedacht zu haben, Bliesheim gehöre zu Weilerswist und damit nicht mehr zum Rhein-Erft-Kreis. Mitnichten! Wahrscheinlich war ich von der Streckenführung der A61 beeinflusst, die hier, knapp hinter Weilerswist, den durchschnittlichen BMW-Fahrer auf Tempo 160 runterbremsen lässt, möchte er die Auffahrt zur A1 oder A553 im Rausch der Geschwindigkeit nicht verpassen.

Der Ort hat etwas berlineskes – also natürlich nicht den Flair, die Architektur oder das weltoffene Hauptstadtfeeling, sondern auch Bliesheim hat eine Teilung erlebt, die sogar bis heute anhält. Es gibt Bliesheim östlich und Bliesheim westlich der Erft. Der dem hiesigen Kreis mitnamensgebende Fluss ist Segen und Fluch zugleich. Zum einen verdankt der Ort ihm seinen Namen, zum anderen hat er ihm so manches, teils verheerendes Hochwasser beschert. Wie so viele Orte in dieser Region gehen die ersten Erwähnungen auf die vorrömische Zeit zurück. „Blisna“, wie Bliesheim einst hieß, war eine Siedlung, die man der Gewässerbezeichnung „glänzendes Wasser“ ableiten kann.

Was den Bliesheimern aber von den geknechteten Jahren unter französischer Herrschaft geblieben ist, das ist das „savoire-vivre“ und das „laissez-faire“. Der Rheinländer würde es mit „mach et langsam“ und „Küß de hück nit, küß de morje“ übersetzen. Was soll man den derangierten Vorgarten auf Vordermann bringen, wenn man die Zeit auch gemütlich im örtlichen Kaffeebüdchen verbringen kann?! Jene Kaffeebude scheint der gesellschaftliche Szenetreff des Ortes zu sein. Hier genießt man jeden Tag (außer donnerstags) feinste Destillate, aufgebrühtes und kurz gebackenes. Donnerstags dagegen lädt die örtliche Klause zum Abschädelfest am Sportplatz ein. Hier ist die Welt noch geregelt und in Ordnung.

Der Strukturwandel hat auch vor Bliesheim nicht Halt gemacht. Nach Ende des Braunkohlebergbaus hat sich das Leben im Rhein-Erft-Kreis verändert. Einer der Hauptarbeitgeber ist weggefallen, Brikettfabriken sind geschlossen worden. Die Menschen haben sich neue Arbeitsstellen gesucht – und die sind meist nicht mehr zu Hause vor Ort, sondern nur noch wohnortnah. Das hat zur Folge, dass Viele nun pendeln und Orte wie Bliesheim mehr und mehr zu Schlafstätten werden.

Was den Menschen hier aber geblieben ist, das ist ihre Fähigkeit jede Lebenswendung humoresque aufzunehmen. Selten haben wir so viele sinnstiftende, vermeintlich-humorige Schilder und Markierungen sehen müssen wie hier. Da lacht das Herz des lustigen Rheinländers schädlich.

Wer zum ausgelassenen Feiern nicht immer nach Lechenich pendeln möchte und auch jenseits des Liblarer Nahversorgungszentrums genussvoll einkaufen und speisen möchte, der wird in Bliesheim fündig. Etwas abseits des trubeligen Zentrums mit all seinen Marktbeschickern, Gauklern und Lebenskünstlern finden wir ein fast schon alpin anmutendes Arrangement….

Oft sind bei unseren sonntäglichen Ausflügen ja die Rückwege das eigentliche Highlight. Diesmal durften wir in den Sog echter Prominenz geraten und ein wenig Ruhmesluft atmen. Viele Stars machen um den Rhein-Erft-Kreis und sein kritisches Publikum („wat sull dä Driss?“) einen Bogen. Nicht so Ernst Hutter und seine Mannen!

Ohrwurm des Tages:
„Absolut Bella“, der digitale Sender des Wahnsinns entführte uns während der Hinfahrt gen Süden musikalisch noch weiter in den Süden, bis zum Teutonengrill nach Italien. Wer der Stimme Gianna Nanninis überdrüssig ist, wer nach einer schmierigen Einlage Eros Ramazzottis sich noch einen nachkippen möchte und auch Zucchero als höchst suspekt erachtet, dem sei das schnoddrig-schaurige Spätwerk des Ausnahmeschauspielers („Gib dem Affen Zucker“) Adriano Celentano ans Herz gelegt:
Der deutsche Lebemann, Musikmanager und Rold-Eden-Doppelgänger Frank Farian hat der Welt nicht nur fantastische Musik im Stile der Mini Playback Show („Milli Vanilli „) beschert, sondern auch die Disco-Formation „Boney M“. Die haben in den 1970er Jahren mit Werken wie „Daddy Cool“, „Rivers of Babylon“ und „Ma Baker“ über 150 Millionen Platten verkauft. Ein bisschen untergegangen ist dabei ihr Werk „Kalimba de luna“, das durch ein längeres Vorspiel besticht als die feuchtfrivole Fummelei Brooke Shields in „Die blaue Lagune“:
Auch wenn einer von uns wunderbaren Wandergesellen der Überzeugung war, dass Ex-Artist, Seefahrerdarsteller, Schauspielikone und Sehnsuchtssänger Freddy Quinn a) nicht mehr unter uns weilt, sondern längst vorausgegangen ist und b) eher dem schnippitragenden Teil der Bevölkerung zugewandt war, so muss man doch sagen, dass er nicht nur quietschfidel, sondern auch nahezu frisch verheiratet mit einer holden Maid ist. Die Tatsache, dass einer seiner größten Hits nun jedoch von DER deutschen Overknees-Ikone malträtiert wird, könnte ihn jedoch am Ende doch noch vorausgehen lassen und dann erschallt „Junge komm bald wieder“, statt „Deine Heimat ist das Meer“. Wer jetzt hier klicken möchte, der sei gewarnt: Es sieht aus wie Santiano, ist aber schlimmer: