
Die Vorweihnachtszeit ist oft hektisch, etwas chaotisch und voller Stress – so sehr, dass ich im Spa des „Hyatt Regency“ versehentlich den Bleistift habe fallen lassen, der sehr unglücklich im Ansaugstutzen des Jacuzzi landete – deswegen war ich nun wochenlang nicht in der Lage einen detaillierten Bericht zu unserem herrlichen Besuch im noch herrlicheren Liblar zu verfassen. Nun hat sich die Trauer ob des verlorenen Bleistifts gelegt, habe mir zu Weihnachten einen neuen Montblanc schenken lassen, so dass ich nun wieder handschriftlich die Notizen anfertige, die anschließend in einem thailändischen Schreibbüro abgetippt werden.

Liblar ist ein Stadtteil der Phantomstadt Erftstadt, der rund 13.000 Menschen Heimat bietet. Wir starten unseren Besuch an der altehrwürdigen Carl-Schurz-Straße, parken von der A61 kommend unweit des Schlosses Gracht und lustwandeln durch die jahreszeitlich bedingt kahlen Alleen. Die Verkehrsführung ist hier mitunter abenteuerlich und insbesondere Radfahrer müssen Obacht geben, wohin die städtische Verkehrsführung sie leitet. Aber: Wenn man Fördergelder für Radwege gut anlegen kann, dann soll man das machen. Wenn man bedenkt, dass hier an eben jener Carl-Schurz-Straße einst römische Handelsreisende unterwegs von Köln nach Trier waren, dann fragt man sich, ob es damals eigentlich schon so herrlich-innovative Straßen gab.

In ein paar Jahren kann in Liblar wild gefeiert werden, dann jährt sich die erste urkundliche Erwähnung der Gemarkung. 1155 stand bei den Einwohnern allerdings als Wohnort noch Lubdelare im Reisepass. Eifrigen Namensforschern fällt nun natürlich sofort auf, dass Liblar damit zu den -lar-Orten gehört. Die Endsilbe -lar deutet auf einen von einer Hürde oder einem Gerüst eingeschlossenen Weideplatz, der meist an einer Flussmündung lag. Selbigen Fluss gibt es auch heute noch, wir werden ihn später bewundern und tanzend durch die Auenlandschaften streifen.

Hinter Schloss Gracht biegen wir in die Bahnhofstraße ein, die überraschend zum Bahnhof führt. Hier verkehren auch tatsächlich noch Züge, zeitweise sogar nach Plan und bringen Reisende nahezu bequem in die Oberzentren Köln, Bonn und natürlich Euskirchen („Tor der Eifel“). Das einst architektonisch beeindruckende Bahnhofsgebäude selbst gibt es nicht mehr. Das hat die Deutsche Bundesbahn noch knapp vor seiner offiziellen Ernennung zum Baudenkmal fachgerecht abreißen lassen. Herrlich, damals war die Bahn noch pünktlich. Als wir so durch die Bertolt-Brecht-Straße, den Tannenweg oder den Schlunkweg schleichen, fragen wir uns, ob am nächsten Tag Sperrmüllabholung sein möge. Das war nicht der Fall…

Was uns auffällt, das ist die beeindruckend häufig wechselnde Architektur, die sich in Liblars Straßen und Gassen wiederfindet. Ähnlich wie in Bergheim-Quadrath-Ichendorf scheint den Stadtplanern hier die Lebenslust vergangen zu sein und sie haben generös jeden noch so skurrilen Bauplan abgesegnet. Da folgen Wohnparks auf Einfamilienhausidylle, plötzlich erstreckt sich direkt vor einem ein Wohnblock in Form einer Pyramide – hier liebevoll „Terrassenhausbau“ genannt. Nicht zu vergessen sei natürlich auch das Hochhaus an der Straße „Zum Renngraben 8“, das 1977 eine zweifelhafte Berühmtheit erlangte. Wer sich für Terroristenverstecke interessiert, kann auch hier einen lehrreichen Ausflug unternehmen.

Für die Besorgungen des täglichen Bedarfs (Lebensmittel, Schmuck, Vorwerkprodukte) bietet Liblar nicht nur ein epochales Einkaufszentrum „ErftstadtCenter„, sondern auch ein landschaftlich schön eingebettetes Gewerbezentrum am Ortsausgang Richtung Köttingen. Wer hier nicht findet, was sein Herz begehrt und Portemonnaie noch hergibt, dem bleibt nur noch der Zug nach Euskirchen. Aber auch sonst bieten diverse Fachgeschäfte ihre Waren feil und geizen nicht mit ausladender Präsentation derselbigen, gerade in der Vorweihnachtszeit bietet sich hier ein Heiligabend für die Augen.

Der wohl berühmteste Sohn der Stadt mag Carl Schurz sein. Ein Freigeist und Stänkerer, der 1829 in der Vorburg des Schlosses geboren wurde (welche Rolle des Torwächters Frau dabei spielte, ist bis heute nicht genau überliefert) und sich mit dem damals geltenden und gut eingebürgerten Herrschaftssystem nicht ganz so d’accord zeigte. Bei der Revolution 1848/49 machte er seinen Eltern wenig Freude und verlies nach einem kleinen Karriereknick die Region um in die Vereinigten Staaten auszuwandern. Dort gelang ihm wie so vielen, die es in Europa nicht geschafft haben, noch Karriere – auch weil er fehlerfrei im Zahlenraum bis 20 rechnen konnte. Als amerikanischer Innenminister war er damals so etwas wie der Arnold Schwarzenegger des 19 Jahrhunderts. Nur halt ohne Muckis und unangenehmen Slang.

Schloss Gracht selbst ist allerdings durchaus einen Kurzbesuch wert. Ein für das Rheinland typisches Wasserschloss, das zu Beginn des 18. Jahrhunderts erbaut wurde. Vier Jahrhunderte lang gehörte es der Familie Wolff-Metternich, bis sie alles Geld für alkoholische Sprudelbrause und Schlagzeuge verprasst hatte und den Stammsitz verlassen musste. Der Schlossgarten steht Spaziergängern offen, in das Schloss selbst kann man in ein paar Jahren nur noch mit Überweisung nach medizinischer Indikation.
Ohrwurm des Tages:
Dieser Ausflug wurde musikalisch natürlich wieder von „Absolut Bella“ bereichert. Selbst der Playlist-Automat war in beseelter Vorweihnachtsstimmung und bescherte uns einen echten Klassiker von der heutigen bayrischen Lokalpolitikern Claudia Jung. Als sie noch in lange Gewänder passte und schmierige Pianisten mit ihrem VHS-Kurs „Französisch – diesmal sprechen“ beeindrucken wollte, entstand folgendes Kunstwerk:
Auf dem Rückweg bescherte uns der Sender unseres Misstrauens dann ein Wiederhören mit einem längst gegangenen Liedermacher, dessen Erben sich heute um das Haus am Zürichsee streiten. Gut, dass Udo davon nichts mehr mitbekommt und auch heute noch fröhlich einen normalen Heiligabend in deutschsprachigen Wohnstuben besingt: