Spazieren im Speckgürtel – Efferen und Hermülheim

Solange die Sonne noch scheint und die Sonntage noch nicht allzu trist sind, möchten wir noch ein paar schöne Orte im Rhein-Erft-Kreis erleben. Schließlich haben wir im zur Neige gehenden Jahr (und auch im Jahr davor) so einiges gesehen, was sich nur durch eine Delfin-Therapie verarbeiten lässt. So beschließen wir also, zwei Hürther Stadteile zu besuchen, von denen einer dem Besserverdiener unter uns wohlbekannt ist. Auf der Hinfahrt reden wir über all die Orte, die wir bis jetzt besucht haben. Seit knapp zwei Jahren sind wir nun unterwegs und haben noch immer nicht den Rhein-Erft-Kreis verlassen. So, wie es aussieht kann das auch noch lange dauern, bis es soweit ist.

In diesem Bild hat sich irgendwo eine Karotte versteckt. Finden Sie sie?

Jetzt aber erstmal Richtung Hürth. Anscheinend sind wir nicht die einzigen Menschen, die dort ihren Sonntagvormittag zu verbringen gedenken. Zahlreiche Familienkutschen haben das gleiche Ziel wie wir mit unserem Hybrid-Liegewagen. Unser Plan, das Auto am „Gertrudenhof“ zu parken, geht so gerade noch auf. Schon wenige Minuten später sind alle Parkplätze besetzt von Vans in allen erdenklichen Nuancen von schwarz und versehen mit kleinen Namensaufklebern, die in kecker Schrift verkünden, wie die Brut heißt, die zumeist mitfährt oder eben an diesem Tag das Gelände des Bauernhofes stürmt, um Tiere zu tyrannisieren, Karussells zu kapern und alles in sich hineinzupfeifen, was der Waffelstand hergibt. Ähnliches nehmen wir uns für den Abschluss der Tour vor.

Kindertagesstätten müssen sich auch immer mehr einfallen lassen

Wir durchwandern die Lortzingstraße und machen uns erstmal auf in Richtung Efferen. Ein bisschen klingt der Ortsteil immer, als habe ihn sich Frau Wutz aus „Urmel aus dem Eis“ einfallen lassen. Tatsächlich streiten sich bis heute die gelehrten Menschen, was der wohklingende – zumal, wenn er mit rheinischem Intonation ausgesprochen wird – Name zu bedeuten hat. Infrage kommen vor allem Übersetzungen wie „Friedhof“ und „Klärbecken“. Beide nicht sonderlich schmeichelhaft. So vielen anderen Orte, die wir besucht haben, würde diese Auszeichnung besser stehen.

Efferen wird von der Luxemburger Straße durchschnitten. Der westliche Teil ist nicht nur der ältere und größere, sondern auch der eindeutig schönere. Das Zentrum bildet die Burg Efferen, deren Geschichte bis in das 14. Jahrhundert zurückreicht. Manche der Alteingesessenen erinner sich noch an die Grundsteinlegung. Rund um das alte Gebäude schlägt auch das Herz des Ortes. Hier findet sich eigentlich alles, was man zum Überleben braucht: Blumenladen, Burgschenke, Friseur- und Fliesenfachgeschäft. Der Burgpark lädt zum Lustwandeln und zum Bestaunen des Gefallenendenkmals ein.

Jeden Sonntag im Park: Muttis eingemachte Kippen. So lecker.

Über die Ritter- und Kaulardstraße gelangen wir zur Luxemburgerstraße, die wir wagemutig überqueren. Wir gehen durch den Hönninger Weg und finden uns schon bald in Småland wieder, so zumindest muten die Bauten hier an.

Die Pläne der Ortsgemeinschaft Efferen, eine eigene Freiheitsstaue zu errichten, scheiterten an den unterschiedlichen Vorstellungen.

Tatsächlich befinden wir uns im Studierendendorf Efferen, das mit seinen sehr skandinavisch anmutenden Bauten ein wenig Lindgren-Gefühl verbreitet. Wir singen „Zwei mal drei macht vier, widdewiddewitt und drei macht neune. Ich mach‘ mir die Welt widdewidde wie sie mir gefällt“ und gehen beschwingt weiter. Dann fällt uns Andrea Nahles ein und schlagartig ist die gute Laune dahin. Also beschließen wir noch, einen kurzen Abstecher nach Kalscheuren zu machen, was eine gewisse Zeit lang so etwas wie unser zweites Wohnzimmer gewesen ist. In den Fernsehstudios dort sahen wir die April-Hailer-Show, die Dirk-Bach-Show, machten Markus Lanz darauf aufmerksam, dass er noch Spinat zwischen den Zähnen hat und schauten diversen Menschen beim Tanzmarathon zu. Es waren gute Zeiten. Darüber hinaus ist Kalscheuren so spektakulär wie eine Packung Frischkäse. Wir landen beim Weitergehen in einer Sackgasse, die vorher nicht als solche ausgewiesen war, verfluchen den Bauhof und das Straßenverkehrsamt und trotten weiter. Irgendwann überqueren wir wieder die Luxemburger Straße und sind zurück im alten Teil von Effe (so nennen es die hippen Menschen).

Ort des Glücks, Ort der Qualen. Das Fernsehstudio, in dem sowohl „Lukas“ als auch die April Hailer Show aufgezeichnet wurde.

Es gibt ja Ortsteile, die fließend ineinander übergehen. Efferen und Hermülheim hingegen trennt eine Höchstspannungsleitung. Hier wird man sehr eindeutig darauf aufmerksam gemacht, dass man nun die Grenze überschreitet und die Heimat der Elite verlässt. Hermülheim ist eher, sagen wir mal bodenständig.

Wintergarten für eine Person, die ungern sitzt.

Über die Krankenhausstraße gelangen wir zur Kirche St. Severin und biegen von dort in die Severinusstraße ein. 38 Schritte später stehen wir im Deutschordenweg und befürchten erst, dass jede Sekunde Menschen in Harnischen oder zumindest hoch zu Ross unsere Wege kreuzen, aber es bleibt relativ unspektakulär. Die Häuser, die hier stehen, erinnern an eine Mischung aus Schrebergarten und „Roompot Park“. Wer eine heimliche Liebe für Flachdacharchitektur hegt oder die Vielfalt der Vorgartengestaltung genießen will, wird hier fündig. Am Ende des Weges treffen wir dann doch auf Ritter, zumindest auf Menschen, die Werte wie Heimat und Tradition pflegen. Die St. Hubertus Schützenbruderschaft steht mit einer kleinen Abordnung vor einem Kriegerdenkmal und bläst zum Gedenken. Vor Rührung steigen uns die Tränen in die Augen und wir verharren kurz andächtig. Als die Gewehre angelegt werden, ziehen wir dann aber doch weiter und betreten den Burgpark, durch den sich herrlich flanieren lässt. Es gibt einen aufschlussreichen Baumlehrpfad und viele Stellen, die zum Verweilen einladen.

Nicht im Bild: Das Bläserkorps der Schützen.

Als wir an den Abenteuerspielplatz gelangen, dämmert es einem von uns, dass er den Ort kennt. Irgendwann in den 90er Jahren ist er hier mit einer Gruppe nordirischer und deutscher Jugendlichen gewesen und erinnert sich heute noch lebhaft daran, wie er von der Betreuerin Ilona eine schallende Ohrfeige verpasst bekommen hat. Und das nur, weil er Sand auf eine Lauf-Drehscheibe geworfen hat und die Menschen, die sich darauf befanden dann ins Trudeln gekommen sind. Ilona, das war ziemlich übetrieben.

Nun bricht sich eine posttraumatische Belastungsstörung Bahn und die Stimmung sinkt kurzzeitig in den Keller. Ein wenig besser wird sie als wir den Burgpark verlassen und durch den Komturring gehen. Im Prinzip handelt es sich hier -nicht nur namentlich- um die Verlängerung des Deutschordenweges. Solche Häuser werden ja heutzutage gar nicht mehr gebaut. Das ist schade, aber auch ein bisschen schön. So muss man schon wohnen wollen.

Ewig fragten wir uns, was wohl „Buxustuben“ sind. Es hat gedauert.

Wir landen auf der Sudetenstraße und gehen von dort aus zum Gertrudenhof. Mittlerweile ist das Gelände voller als jedes All-inclusive-Hotel in Alcudia zur Sommerzeit. Es riecht nach Bratwurst, Glühwein und vollen Windeln, aber wir lassen uns nicht beirren. Hofmärkte haben eine magische Wirkung auf einen von uns und so nennt er nach kurzer Zeit drei Kürbisse, zwei Kohlrabi, einen Laib Brot und ein paar Kekse sein eigen und das alles zum lachhaften Gegenwert eines viertägigen Wellness-Urlaubes. An der Kasse singen wir noch kurz mit der freundlichen Dame „Hey Kölle“ und kämpfen uns dann durch die Menge zurück zu unserem Auto.

Wir sprachen über:

  • Botox und Filler. Wir wollen an dieser Stelle nicht urteilen, aber durchaus eine Bitte äußern: Sollten wir jemals unsere schlaffe Haut straffen und die entstandenen Hohlräume auffüllen wollen, erwarten wir von unserer Leserschaft ein entschiedenes Eingreifen in dem Moment, in dem unsere Gesichter an Delfine erinnern. Ein kurzes Keckern oder das Codewort „Flipper“ reichen da vollkommen aus.
  • Dirk Bach. Was hat er uns die Jugend versüßt mit seiner Komik. Noch heute lachen wir über Schlonz.

Ohrwurm des Tages:

  • Auf Absolut Bella schreit uns Rainhard Fendrich „Soy tu vida“ entgegen. Wir möchten das nicht, können uns aber auch irgendwie nicht wehren. Sofort fallen uns andere Meisterwerke des Austropop-Künstlers ein, die wir abwechselnd singen. Immer wieder erklingt an diesem Tag „Es lebe der Sport“ , „Weus´d A Herz Hast Wie A Bergwerk“ und „Macho, Macho“.

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