Was macht man an einem typisch-deutschen Herbsttag, dessen Ödnis aus jeder Pore langsam emporquellt? Man sucht sich eine passende Ausflugsdestination, die einen emotional nicht zu sehr ins Wanken bringt. Kurz: Der perfekte Tag, endlich nach Pulheim-Sinnersdorf zu fahren. Ein Ort, dessen bloße Existenz einem von uns bislang völlig verborgen blieb. Was sollte uns dort erwarten? Ein Quell menschlicher Freude, architektonisch alles in den Schatten stellende Bauwerke, Kunst, Kultur und Tschingderassassa? Leider all das nicht. Wer aber schnell zufriedenzustellen ist, nicht weiß, dass der Rest der Menschheit schon aufrecht geht und Dr. Mabuse für einen seriösen Arzt hält, der sei hier herzlich willkommen.

Knapp 6.000 Menschen nennen Sinnersdorf ihre Heimat und die sind (auch) politisch scheinbar auf Konstanten gesinnt. der Ortsvorsteher ist seit 1994 im Amt – keine lange Zeit, wenn man allerdings die Ortsgeschichte betrachtet. Im Jahre 1230 fand Sinnersdorf zum ersten Mal urkundliche Erwähnung als „Sunrisdorp“. Der Sohn eines angelsächsischen Eiflers wachte dort in einem Spargelfeld aus seinem abendlichen Suff auf als die Sonne seinen Nasenwipfel streichelte – so ward der Name geboren.

Im Westen der Gemeinde bietet der Kölner Randkanal bis heute ein nahezu natürliches Bollwerk gegen anrückende marodierende Pulheimer, östlich der Ortsgrenzen frisst sich die A57 ihren Weg durch die rheinische Tiefebene. Kann ein Ort schöner liegen? Ja! dennoch versuchen die Sinnersdorfer das Beste aus der Situation zu machen und sind so ihrer Zeit weit voraus:

Auch an uns Ortsfremde hat man im Pulheimer-Ortsteil gedacht. Wie oft ist man als Tourist in fremden Gefilden unterwegs, hat seinen „lonely planet Pulheim“ nicht zur Hand und irrt orientierungslos durch die Gegend?! Wir alle kennen das. Damit man sich in Sinnersdorf nicht in die dunklen Ecken verirrt und von brandschatzenden Vasallen heimgesucht wird, hat man einen herrlichen Stadtrundgangsvorschlag erarbeitet und vor vielen Dekaden veröffentlicht. Doch: Schönes bleibt:

Während Gastronomen, Einzelhändler und Gesundheitsdienstleistungen vielerorts auf dem Rückzug sind und leere Ladenlokale das Stadtbild bestimmen, kennt man in Sinnersdorf zumindest dieses Problem nicht. Wo sonst auf der Welt sind Hygiene-Coaching-Angebote und Bundeskegelbahnerlebnisse so nah beieinander? Progressiv, dieses Sinnersdorf:

Was Sinnersdorf auszeichnet: Hier wird gerne das Zeitliche gesegnet – bietet der kleine Ort doch gleich zwei Friedhöfe. Einmal den „Alten Friedhof“ und einmal (Kreativität bei der Namensauswahl) den „Neuen Friedhof“. Laut Google-Rezensionen scheint der alte Friedhof nicht so gut abzuschneiden, ist er doch bislang mit nur einem von fünf Sternen bewertet worden. Anders die Situation am neuen Friedhof. Der vereint ganze 3,5 Sterne auf seinem Konto, kann laut Google- und Friedhof-Nutzer Umberto E. jedoch nicht mit seinen sanitären Anlagen überzeugen („Schlimme Toiletten, sonst nett“). den meisten dort, wird dies aber wahrscheinlich egal und/oder nicht mehr wichtig sein. Doch: Neben scheinbar katastrophalen Keramikabteilungen sorgen auch finstere Gesellen für Unmut in Friedhofsnähe:

Wer die Eurocheques also seit 1985 im Handschuhfach seines Nissan Micra transportiert sollte in Sinnersdorf Vorsicht walten lassen. Dafür herrscht hier keine Parkplatznot – es hat einfach alles Vor- und Nachteile. Am besten aber flü…ist man hier zu Fuß unterwegs. Am besten in Richtung Colonius.

Ohrwurm des Tages:
Was wären unsere sonntäglichen Touren ohne das feindefinierte Musikgefühl des „Absolut Bella“-Playlistautomaten, der absolut gewissenlos die Songs aneinanderreiht wie Homer Simpson seine Nachtische. Frei nach dem Motto: „Schmeckt nicht, gibt’s nicht.“ Und so freuten wir uns über Musikgut aus unserem fantastischen Nachbarland Frankreich. Gérard Christian Eric Lenorman schmalzte irgendwas weltfremdes über fröhliche Menschen…
Die musikalische Weltreise endete aber nicht in La France, sondern führte uns auf dem Rückweg noch in das Land der tiefen Schluchten und hohen Berge. Der „süßeste Export seit Toblerone“ (frei nach Charlie Wagners Anmods bei WDR4) verunsicherte uns siebenmal mit einem Popschlager aus der Zwischenwelt:
Und tatsächlich: So multikulturell wie diesmal war „Absolut Bella“ selten. Nur Minuten später überraschte der Playlistapparat mit Musik aus Israel – zum einfacheren Verständnis aber filigran auf Deutsch übersetzt. Schlager-Ikone Daliah Lavi entführte uns nach „Jerusalem“. Passt, denn an der Klagemauer fühlen wir uns wohlig.