Hart, härter, Kirchherten.

An diesem Sonntag spüren wir das erste Mal den Herbst nahen. Zarte Nebelschwaden ziehen über die Felder, die Landschaft ist in dumpfes Grau getaucht und die Sonne will sich kaum zeigen. An solchen Tagen hat man die Wahl zwischen einer erquicklichen Wanderung in einem farbenfrohen und lebendigen Ort oder diversen Bedburger Stadtteilen. Wir entscheiden uns für letzteres und fahren nach Kirchherten.

Gänsehaut

Auf der Hinfahrt beglückt uns unser Lieblingssender „Absolut Bella“ mit etwas Liedähnlichem, das vom neuen Stern am Schlagerhimmel, Ramon Roselli, intoniert wird. Musik, die sonst nur um drei Uhr morgens im „Venuskeller“ läuft. Schlagartig stellt sich bei uns Gänsehaut ein. Es soll nicht die letzte des Tages sein.

Kirchherten liest sich auf dem Blatt ganz nett. Es gibt ein ehemaliges Kloster, eine neugotische Kirche mit spätgotischem Turm, eine evangelische Hauskirche aus dem 17. Jahrhundert und zahlreiche Wegkreuze. Dass es aber auch viel Brutalismus, fragwürdige Bauten, trostlose Fassaden und wahrhaft beängstigende Anlagen gibt, verrät einem natürlich mal wieder keiner. Danke für nichts.

Grauen

Unseren Flitzer mit Tiefeinstieg parken wir direkt an der Klosterresidenz Maria Hilf. Das Einizige, was an dieser Bezeichnug stimmt ist „Hilf“. Das ist nämlich der Ausdruck, der einem unweigerlich über die Lippen kommt, wenn man das Gebäudeensemble samt seiner Außenanlage betrachtet. An dieser Stelle zitieren wir mal die Homepage der sogenannten Residenz: „Unsere Residenz bietet mit ihrer hellen, großzügigen Architektur viel Platz und ein echtes Wohlfühlambiente. Bei schönem Wetter laden teilweise überdachte Terrassen mit bequemen Sitzgelegenheiten und ein großer Garten zum Wohlfühlen im Freien ein.“ Über das Innere können wir nichs sagen (und wohlgemerkt auch nicht über die Leistung des Pflegepersonals, vor der wir grundsätzlich den Hut ziehen). Über das Äußere möchten wir kein Wort verlieren. Stattdessen lassen wir hier doch einfach mal Bilder sprechen:

Der Klimawandel fordert uns alle. Mehr Urwald in Deutschland!

Naja, wenigstens fügt sich die Anlage sehr geschmeidig in die unmittelbare Umgebung ein. Es mag sein, dass die Tristesse, die über diesem Tag liegt, ein wenig negativ auf unsere Wahrnehmung abfärbt und dass es bei Sonnenschein hier wirklich wunderschön ist, aber dieses leichte Grauen, das uns auf unserem gesamten Weg begleitet, kann auch von zehn Sonnen nicht schöngeschienen werden. Wir durchpflügen die Marienstraße, beten vier Ave-Maria und hoffen auf himmlischen Beistand. Die Hausbesitzer in dieser Straße haben auf jeden Fall ein untrügliches Gespür für originelle Gestaltung und überraschende Kulissen.

Geben Sie Einbrechern keine Chance. Schließn Sie stets alle Türen ab.

Gartengestaltung

Wir sind seit gut zwei Jahren im Rhein-Erft-Kreis unterwegs und haben wahrhaft Verstörendes gesehen. Jedes Mal denken wir uns, dass es nicht mehr schlimmer kommen kann. Jedes Mal müssen wir feststellen, dass wir uns geirrt haben. Niemand hätte uns darauf vorbereiten können, was uns am Ende der Marienstraße als Vorgartenverschönerungsmaßnahme erwarten würde. Noch heute fehlen uns die Worte, um all die Gefühle zu beschreiben, die unser Herz im Anblick dieses Fiebertraums durchfuhren.

Medusa hat ihr Talent im Laufe der Jahrhunderte verfeinert.

Nach ungefähr sieben Minuten der Fassungslosigkeit gehen wir weiter und schreiten durch die Straße Mollsend, die schon bald auf ihre Schwester Lamersend trifft. Alles hat ein Ende, nur Kirchherten hat mehrere und keins davon könnte ein Anfang sein. Wir gehen weiter, laufen durch Pulverturm und Karl-Gatzen-Straße. Letzterer war 13 Jahre Bürgermeister von Kirchherten und gehört somit zu den großen Söhnen des Ortes. Leider hat die Handwerksbäckerei Boveleth schon geschlossen. Es ist ja auch bereits 11:30 Uhr. Da sind alle Kirchhertener:innen bereits mit dem Frühstück durch. Dass vielleicht zwei dürstende und hungernde Wandersmänner des Weges kommen könnten, scheint hier überhaupt nicht in Betracht zu kommen.

Nur eine Woche später und wir hätten das kulturelle Highlight miterleben können. Es ist eine Schande.

Gottesacker

Über Am Gottesacker, Ringelgasse und Am Gringel gelangen wir schließlich zum Friedhof von Kirchherten. Hier liegen weniger Leute als auf der Lustwiese in Heikes FKK-Club in Worringen. Anscheinend sterben gar nicht mal so viele Kirchhertener:innen oder sie stehen danach ausgestopft im Vorgarten. Wahrscheinlich werden sie silbern angesprüht.

Auf der Suche nach einem Platz für ein eigenes Mausoleum? Hier werden Sie fündig.

Über die Breite Straße gelangen wir schließlich zur evangelischen Kirche, die wie ein Juwel im Asphalt erstrahlt. Es tut gut, ein wenig Schönheit zu erblicken und wir laben uns kurz an der Aussicht, bevor wir weiterziehen. Die nächsten beiden Straßen unterwältigen uns ein bisschen, aber zumindest nehmen unsere Seelen keinen weiteren Schaden. Über die Zaunstraße gelangen wir schließlich nach Grottenherten, das seiner großen Schwester in Sachen Unwirtlichkeit in nichts nachsteht, durch seinen Namen aber bereits eine Art Vorwarnung abgibt. Bei der Fenstergestaltung erblickt man hier, neben den obligatorischen Orchideen, die ein oder andere ansprechende Überraschung.

House of wax 2 – Gemetzel in Grottenherten

Das Schönste an Grottenherten ist, dass man schnell durch ist. Wir gehen bis zum Ortsausgang, passieren die Ortskapelle und wundern uns ein wenig über deren Begriff von „Barrierefreiheit“, aber da gibt es natürlich ein wenig Interpretationsspielraum.

Und unsere Tür steht jederzeit offen.

Was bleibt einem da noch zu sagen? Wir treten den Rückweg an, nicht ohne vorher noch durch das pittoreske Stadtzentrum von Kirchherten zu lustwandeln. Das Herz des Ortes schlägt irgendwo zwischen Volksbank, Apotheke und der geschlossenen Metzgerei. Wir passieren noch die Restauration „Man trifft sich bei Manni“, in die wir gerne noch auf einen FaKo eingekehrt wären, aber die Tür, über der das vielversprechende Schild „Promilleweg“ prangt, bleibt leider verschlossen. So müssen wir mit einem unstillbaren Durst den Heimweg antreten.

Die Kirchhertener Poke-Bowl wird sich wohl auf dem Markt nicht durchsetzen können.

Wir sprachen über:

  • Den ZDF-Fernsehgarten. Ach, war das schön, als uns noch Ilona Christen (Gott hab sie selig) und Ramona Leiß auf dem Lerchenberg willkommen geheißen haben. Heutzutage kann man sich, einmal aus Versehen eingeschaltet, nicht entscheiden, ob man sein Marmeladenbrioche direkt wieder hochwürgen möchte oder lieber einen langen Brief an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte schreibt. Besonders schlimm wird das Ganze, wenn auch noch Trödelmarkt ist.
  • Die anstehenden televisionären Highlights des Herbstes. Einer von uns freut sich besonders auf „Hocus Pocus 2“, der ab dem 30.09. auf Disney+ läuft. Beide freuen sich gleichermaßen auf „Club las Piranja – die Serie“ (RTL+) – obwohl mit dieser Vorfreude auch ein wenig Sorge verbunden ist. Was ist, wenn es peinlich wird?

Ohrwurm des Tages:

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