Herrliches Herrig – erlebbares Erp

Wie sang einst schon Udo Jürgens: „Und immer, immer wieder geht die Sonne auf…“ – Ja, und sie brennt mit voller Wucht auf uns herab. So auch an jenem Sonntag als wir uns auf den Weg in Erftstädter Gebiet machen. Der Sommer 2022 geht einem hart auf die Murmel, um es mal diplomatisch auszudrücken. Vor allem, weil es gesellschaftlich immer noch verpönt ist, einen im südpazifischen Raum durchaus üblichen Sonnenschirm aus weißem Rüschenstoff mitzuführen. Dabei haben wir uns in den harten Wintermonaten derart Mühe mit der Handarbeit gegeben. Wir erleben als ersten Ort heute das herrliche Herrig, das uns mit einem Überangebot an Infrastruktur willkommen heißt.

Infrastruktur at its best

Herrig ist der zweitkleinste Ortsteil der „Kunststadt“ Erftstadt. Und man könnte sagen, dass er nicht gerade die Massen anzieht. Im Jahre 1801 lebten etwa 110 Menschen hier, jetzt sind es etwas mehr als 500 – und es fühlt sich an, als sei diese Menge nicht durch Zuzug von Außen entstanden…

Aus der Römerzeit ins Jetzt

Wie viele Menschen hier vor langer, langer Zeit einst lebten, das ist leider nicht überliefert. Fakt ist nur, dass es auf dem Gebiet des heutigen Herrig eine Römersiedlung gegeben haben muss. Emsige Hände haben eine Urnenbestattungsstelle sowie zwei Steinsarkophage aus der Zeit um 500 vor Christus Geburt ausgebuddelt. Demnach haben hier entweder mal Römer jedweden Geschlechts gelebt oder aber sie sind nur zum Sterben hierhin gekommen – beide Theorien scheinen heute durchaus nachvollziehbar.

Denkmal mit Adler….woran erinnert das noch mal? Verdammt…woran nur?

Herrig überrascht uns aber in dem Sinne, dass es fast zwei Straßenzüge dauert bis wir die ersten Orchideen hinter gardinenbehangenen Einfachfenstern erblicken. Das ist durchaus ungewöhnlich. Sollte die extreme Sonnenstrahlintensität der vergangenen Wochen doch auch ihr gutes haben? Findige Geologiestudenten mit Hang zu überschätztem Smalltalk können in Herrig aber nach diesem Sommer auch ihre Kenntnisse zum Themengebiet „Erosion“ loswerden, denn wenn es hier von etwas viel gibt, dann ist es doch das.

Mehr Windräder würden die pittoreske Landschaft verschandeln

Herrig ist dabei städtebaulich gewagt konzipiert, besteht es doch eigentlich aus einem größeren Ortskern (ohne jedwede Nahversorgungsmöglichkeiten) und einem Apendix am Rande, verbunden durch einen lange Jahre brach liegenden Fußballplatz. Jener erfährt seit einiger Zeit aber wieder mehr Leben und Besucher, ist er doch nun Heimat eines Footballvereins, der auch in schottischen Hochebenen zu finden sein könnte. Aber in Herrig ist es freilich schöner. Und sonniger.

Mel Gibson fährt jetzt Kleinwagen

Wer in Herrig irgendetwas dringend benötigt (Dosenmais, Messersets, schwarze Planen, Kanister), der muss den Weg in das benachbarte Lechenich antreten. Vor Ort gibt es nahezu nichts zu erwerben. Auch Schülerinnen und Schüler lernen hier bereits früh die Vorzüge des öffentlichen Personennahverkehrs kennen und lieben – wer zur Schule möchte, muss dafür mindestens nach Lechenich. Wen es in die weite Ferne zieht, dem steht seit Mitte des 19. Jahrhunderts (1856) eine befestigte Straße nach Düren offen. Wer schlau ist, tritt die Reise nicht an.

Nur noch drei Räder und es ist ne Kutsche

Von Herrig nach Erp

„Willst Du Menschen sehen, musst nach Erp Du gehen“ – sagt man in Herrig gerne und tatsächlich ist der Weg in den benachbarten Ort der Erftstädter Banlieue nicht weiter. Erp überrascht uns sofort mit einem handverlesenen Angebot für Menschen mit Sinn für ausgebildete Körperpflege.

Wenn die Schlange sich häutet

2.600 Erper und Erperinnen und vielleicht ja sogar Erp*er*innen fühlen sich hier zu Hause oder haben einfach nicht die nötigen finanziellen Ressourcen dem Geschehen zu entfliehen und nach Lechenich zu siedeln. In Zeiten der sich ändernden Verfügbarkeiten natürlicher Ressourcen könnte letzteres aber vielleicht doch noch mal Realität werden. Denn unter Erper Gebiet schlummert ein großer Teil des riesigen sogenannten „Isweiler Felds“. Das heute größte Braunkohlevorkommen im Rheinischen Braunkohlerevier ist bislang noch nicht erschlossen. (Vielleicht ein kleiner Investment-Tipp: Jetzt schon großflächig Land in Erp aufkaufen und in einigen Jahren für einen etwas größeren Taler an RWE Power veräußern!)

„Die Mauer muss weg! Lasst Hilfe rufen.“

Auch Erp gibt es bereits seit der Römerzeit, ganz im Süden des Ortes kann man heute noch einen Teil der Agrippastraße sehen, die einst pfeilgerade Köln und Trier verband. Hätte es damals schon tiefergelegte 3er BMW gegeben, man wäre in ner Stunde in Trier gewesen. Das ist zumindest verlockender als ein Ausflug nach Düren…

Padre Pio ist in Urlaub, hat aber für Ersatz gesorgt

Wir sprachen über:

  • „Komm, hol das Lasso raus – wir spielen Cowboy und Indianer!“ – Ist Olaf Hennings größter (und einziger Hit) massiv von „cancel culture“ bedroht? So sehen es zumindest der „Künstler“ selbst und Erzeugnisse aus dem Hause „Axel Springer“. Was darf man noch sagen, was nicht und als was dürfen Kinder sich an Karneval verkleiden. Einer von uns war damals in der Grundschule abwechselnd als Indianer oder Cowboy zu Weiberfastnacht gekleidet. „Cowboy“ war immer etwas kostenintensiv, weil der selige Herr. Nübold in seiner „Barbara Drogerie“ damals Höchstpreise für Schießplättchen verlangte, die man aber dringend für den optimalen Revolverbetrieb benötigte. Die Drogerie gibt es nicht mehr, Herr Nübold ist lange vorausgegangen und wer weiß, wie lange es noch Cowboy-Kostüme zu erwerben gibt. Ein anderer von uns hatte noch gewagtere Kostüme auf Lager, eins davon kann man tatsächlich beim besten Willen nicht mehr auftragen. Die Diskussion darüber artet allerdings derzeit dermaßen aus, dass eine ernsthafte gesellschaftliche Auseinandersetzung kaum möglich ist. Wir sind gespannt, was die kommenden Monate bringen werden.
  • Das elendige, widerliche Kackwetter geht uns so dermaßen auf den (Verzeihung) Piss, dass es uns fast noch mehr aufregt. Andauernd schwitzen, Gärten gießen und Sonnenschutz auftragen – es nervt. Außerdem verwässert der Dom Pérignon des abends immer so, wenn man ihn mit Eiswürfeln bestücken muss.

Ohrwurm des Tages:

  • Was haben wir dank „Absolut Bella“ (best radiostation of the world) nicht schon alles an versunkenen Schätzen erleben dürfen…Echte Perlen, zu Recht vergessene Melodeien und unfassbare Texte. So auch an diesem Sonntag. Zu Beginn der Autofahrt lauschen wir Ludwig Hirsch, dem alten Ösi aus dem Land der schmalzigen Engtanzfans. Wie er sein Haargel besingt, es dann doch nicht in die Frise schmiert – das muss man mal gehört haben.

Den Marlène Charell-Lookalike-Wettbewerb hat sie 1987 knapp gegen Marlène Charell verloren, dafür chansoniert sie sich mit viel Effet in unseren Gehörgang. Auf wen oder was Dalida warten werden wird, das zu entschlüsseln geben unsere rudimentären Französischkenntnisse dann aber doch nicht her.

Auf dem Rückweg, bereits fast zu Hause angekommen dürfen wir dann noch dem zweitbesten Ost-Export seit Ute Freudenberg lauschen. Frank Schöbel besingt darin 1988 die D-Mark…oder so.

Veröffentlicht von kaiwimmer

Gern unterwegs

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