Einmal KaKö und zurück- Von Exkrementen und Einsamkeit.

Kinners, wie die Zeit vergeht. Da hat man einmal nicht aufgepasst und es ist schon wieder Sonntag. Die Sonne strahlt (so wie sie es in den vergangenen 14 Wochen an jedem verdammten Tag getan hat), die Vögel singen schon längst nicht mehr und wir sind startklar. Mit dem Hipster-Hybrid durchfahren wir karge Landschaften, hören dabei unseren Sonntags-Radiosender und freuen uns auf unser Ziel.

Heute geht es nach Kaster, so denken wir. In Wahrheit sollen wir an diesem brüllend heißen Sonntag ganze drei Orte durchwandern, ohne dass uns das so richtig bewusst gewesen wäre. Die Teil-Elektro-Seifenkiste parken wir zielsicher auf dem öffentlichen Parkplatz am Sportpark, weil es dort Ladesäulen geben soll. Gibt es auch. Allerdings erfordert die Inbetriebnahme mindestens ein Ingenieurstudium. Vielleicht liegt es auch an uns, aber es will uns beim besten Willen nicht gelingen, den Ladevorgang einzuleiten. Nach fünf Minuten voller Tränen, Flüche und Schreie geben wir auf und gehen los.

Lesen Sie sich vor Inbetriebnahme bitte unser vierzehnseitige Anleitung durch.

Zuerst gehen wir einfach dem Lärm und dem Geruch von Bratwurst hinterher und landen direkt auf dem Sportplatz von Kaster. Der SC Borussia Kaster Königshoven , oder auch SC Borussia KaKö, wie er hier liebevoll genannt wird feiert heuer sein 102jähriges Bestehen. Anscheinend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Es befinden sich wesentlich mehr Leute auf dem Platz als drumherum. Auf dem Ascheplatz steht trotzig eine kleine Hüpfburg, die darauf wartet, bestiegen zu werden. Alles wirkt ein bisschen wie in einem Stanley Kubrick Film. Wir haben Mitleid, müssen aber weiterziehen.

Ein paar Schilder hätten dem Areal durchaus gutgetan.

Wir passieren die Epprather Kapelle, deren Namensgeber der Ort Epprath ist, von dessen Existenz wir bis dato überhaupt nichts wussten. Ist mal wieder so eine Tagebau-Geschichte. Epprath lag ursprünglich nördlich von Kaster, wurde aber im Zuge des Braunkohleabbaus umgesiedelt. Die meisten Häuser in Neu-Epprath wurden schlüsselfertig übergeben, so dass hier im Prinzip einheitliche Langeweile herrscht. Die Kapelle hingegen ist schön anzuschauen, ist sie doch nach dem Vorbild der Banneux Kapelle erbaut worden.

Wir ziehen weiter in Richtung Kasterer Mühlenerft und laufen dann in Richtung Alt-Kaster. An dieser Stelle müssen wir ganz ohne Zynismus und Sarkasmus einmal feststellen, dass es hier wahrlich schön ist. Wir schreiten durch das Erfttor und sofort umfängt uns die Atmosphäre des Mittelalters. Erfreulicherweise leert hier nur niemand den Nachttopf-Inhalt am Straßenrand , oder wie wir hier zu sagen pflegen: „In der Soot“ , aus, so dass sich erstmal nicht über olfaktorische Belästigung klagen lässt. Ich schreibe „erstmal“, weil sich das schlagartig ändert, als wir den historischen (und -ich wiederhole mich gerne- wirklich sehenswerten) Ortskern durch das Agathator verlassen und rechts abbiegen.

Während woanders noch getrommelt wird, hat in Kaster schon die Zukunft Einzug erhalten,

Wir finden uns auf einem großzügig angelegten Spielplatz wieder und möchten vor Freude jubeln, wenn da nicht dieses Beißen in der Nase wäre. Die Quelle dafür ist schnell gefunden: Nur zehn Meter weiter befindet sich die Kläranlage und entsendet ihre Düfte in die Umgebung. Nun mag es sein, dass wir beiden etwas zart besaitet sind, aber wird sind eben Männer des dritten Jahrtausends. Den weiteren Weg schaffen wir nur unter Würgen und beständigem Durch-den-Mund-atmen.

Irgendwann legen sich die Dämpfe wieder und wir betreten den örtlichen Friedhof. Freundlich ausgedrückt erweist sich dieser als sehr naturbelassen. Hier wird nicht unnötig in den Kreislauf des Lebens eingegriffen, so dass man als Besucher sehr gut dem Wechselspiel von Werden und Vergehen folgen kann. Viele Grabsteine tragen die Aufschrift „St. Georg Grabgemeinschaft“. Darunter sind zahlreiche Namen von Verstorbenen aufgelistet. Wie sich herausstellt, hat die St. Georg Grabgemeinschaft es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen ohne Familie würdevoll beizusetzen. Damit wollen die Mitglieder anonymen Bestattungen und verwahrlosten Gräbern entgegenwirken. Ersteres funktioniert, zweiteres ist ausbaufähig. Trotzdem ein guter Gedanke. Wir kämpfen uns durch das dichte Geäst des Geländes und finden schließlich wieder einen Weg nach draußen.

Muss ein Wiedergänger sein.

Schließlich landen wir auf der Hauptstraße, wo unser Blick auf den örtlichen Bücherschrank fällt. Wir treffen alte Bekannte, erfreuen uns aber auch an Überraschungen.

Ach Willy, wat mäht Kölle ohne dich?

Ein paar Schritte weiter fällt unser Blick auf ein Ankündigungsplakat für das Schützenfest in Morken-Harff. Bis dato dachten wir immer, Morken Harff sei der Sänger der schwedischen Erfolgsband A-ha, aber wir haben uns wohl getäuscht. Morken und Harff sind ebenfalls Orte, die der Bagger abgegraben hat. Die Bewohner wurden in den 1960er Jahren umgesiedelt und wer noch übrig ist, pflegt die Traditionen von einst. Dazu gehört eben selbiges Schützenfest samt des liebgewordenen Klompenumzugs. Wahrscheinlich muss man in derlei Rituale hineingeboren sein. Unsereins kann sich schwer vorstellen, in Holzpantinen durch die Gassen zu laufen, dabei „Hundertfuffzich Mann un en Fahn vürrendran“ zu singen und auch noch Spaß zu haben. Andere Länder….

Wenn der Nachwuchs mal wieder den Slimey gegen die Hauswand gewemmst hat.

Wir laufen noch ein wenig durch das Kaster der Neuzeit, finden Steingärten, verschlimmbesserte Fassaden und fragwürdige Garagengestaltungen. Alles so wie immer. Irgendwann kommen wir wieder am Parkplatz an, beschließen aber, noch einmal auf den Sportplatz zu gehen, in der Hoffnung, ein wenig Kuchen in der Cafeteria des Sportlerheims erstehen zu können. Allein, es gibt keinen Kuchen. Es riecht wieder ein wenig nach menschlichen Exkrementen, der Schiedsrichter pfeift Abseits, neben der Hüpfburg liegt ein weinendes Kind. Wir fahren nach Hause.

Wir sprachen über:

  • Deutsches Liedgut. Was heute als unsingbar gilt, hat Roland Kaiser seine Karriere beschert. Macht es auch nicht besser, ist aber bemerkenswert.
  • Kulinarische Vorlieben des Nachwuchses. Suppentage sind gute Tage. Ist irgendwie nachvollziehbar.
  • MBT Schuhe. Einer von uns beiden trägt sie und muss nun bei jedem Schritt aufpassen, sich nicht in de Soot zu legen.

Ohrwurm des Tages

  • Passend zu unserem Gesprächsthema singt Peter Maffay „Es war Sommer“. Ein schönes Beispiel dafür, wie sich Pimpern am Meer vielfältig umschreiben lässt.
  • ABBA trällert „Move on“ und natürlich denkt man direkt an Haarpflegeprodukte. Nichtsdestotrotz ein schönes Lied, wenn nur dieses elendige Gebrabbel am Anfang nicht wäre.

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