Nach einer kurzen Sommerpause, die uns – getrennt voneinander – in gar güldene Gegenden Europas zog, sind wir zurück im vertrauten Rhein-Erft-Kreis, der pulsierenden Ader des rheinischen Braunkohlereviers und seinen rauchenden Schloten. Jene jedoch vermögen wir heute nicht wahrzunehmen, denn uns zieht es nach Geyen. Jenem herrlich-versteckten Ortsteil Pulheims, der sich zwischen Manstedten und Sinthern in die weitläufigen Furchen des Pulheimer Bachs schmiegt.

Rund 2.500 Menschen haben sich Geyen als Heimstatt ausgesucht oder hatten einfach nicht die Kraft den Ort zu verlassen, nachdem sich die Stammbäume ihrer Familien über Jahrhunderte bis zu denen rückverfolgen lassen, die noch drauf saßen. Wir parken unseren Liegendtransport unweit der St. Cornelius-Kirche, bewundern natürlich fachgerecht den neugotischen Stil, wie ihn nur die Kölner Kirchenbauinstanz Theodor (genannt: Tünn) Roß verwirklichen konnte. Was den „Päädse Tünn“ heute noch freuen dürfte, ist das gesellige Vereinsleben rund um die Kirche. Fleißige Helfer jeglicher Couleur beseitigten vor unseren Augen die Reste eines scheinbar ausschweifenden Festes vom Vorabend.

Was wurde hier zelebriert? Unser erster Gedanke war eine öffentliche Hinrichtung, später wurden wir allerdings der Tatsache gewahr, dass es sich um das jährliche Dorffest handelte. Neben einer bemerkenswerten Zahl an Piccolöchen („für den Kreislauf“) wurden auch noch verbliebene Kölschfässer verräumt. Durst ist morgens am schlimmsten. Die wenige Stunden vor unserer Ankunft stattgefundene Festivität erklärt aber auch die sehr geringe Menschendichte (Obacht: Wortwitz) vor Ort. Abgesehen von den fleißigen Abbau-Helfern erblicken wir keine Menschen. Das ist selbst für einen Ort in der Pulheimer Banlieue ungewöhnlich und erinnert uns an unseren unvergessenen Besuch in Bedburg-Rath nach der vermeintlichen Zombieapokalypse. Ein Ort entfaltet ohne Menschen eine ganz besondere Stimmung. Das weiß man nicht zuletzt in Manheim oder Etzweiler.

Das Schöne an Geyen ist, dass es recht viele schattige Ecken gibt. Das ist nicht nur ein vortrefflicher Treff für von der Natur nachteilig bedachte Gesichter, sondern insbesondere angesichts der sommerlichen Temperaturen eine echte Wohltat. Nachteil ist natürlich, dass man gar niemanden nach dem rechten Weg fragen kann oder ob es hier überhaupt den richtigen Weg gibt. Da sich die Handynetzabdeckung auch ähnlich oft im Hintergrund hält, haben sich die Geyenerinnen und Geyener auf alte, längst vergessene Hilfsmittel besonnen:

Was man den scheinbar hier lebenden Menschen (gesehen haben wir jenseits des Hinrichtungsfestabbaus ja niemanden) lassen muss: Sie haben trotz allem ihren Humor nicht verloren. Während in Orten wie Glessen oder Blessem gerne Sinnsprüche in Vorgärten oder noch lieber an Küchenwände („Carpe diem“) geklebt werden, geht man in Geyen einen Schritt weiter. Zum Schreien:

Besonders einer von uns zwei lustigen Beiden ist begeisterter Fan der nahezu überall sprießenden Bücherschränke. Jene umfunktionierten ehemaligen Telefonzellen, Schaukästen oder einfach nur Holzverschläge, in denen längst vergessene Buchreste entsor….aufgestellt werden können – immer in der Hoffnung, ein Nachbar, eine Spätgeborene verspürt den dringenden Wunsch Weltliteratur des Schlage „Konsalik“, „Utta Danella“ oder „Simmel“ zu besitzen. In Geyen ist der örtliche Bücherschrank eher reduziert ausgefallen.

Auf der Suche nach unserem Laster lustwandeln wir in Richtung Ortsausgang, erblicken dabei die Junkerburg, Jean-Claude ist aber nicht zu Hause und so geht es flott zurück in die Heimat – bei bester Musik (siehe unten).

Wir sprachen über:
- Unsere kürzlich zurückliegenden Urlaube, in denen wir die Schönheiten nordisch-kühler Länder oder pittoresker deutscher Klischee-Kulissenorte kennen lernten. Wer schon mal in Rothenburg ob der Tauber war, der weiß, dass man dort wie in einer Disneyanimation lebt und keinesfalls die lokale Back-Spezialität verkosten sollte.
- Abschiede, emotionale Momente und allerlei Ärgerlichkeiten.
Ohrwurm des Tages:
- Unser favorisierter Power-Sender „Absolut Bella“ beglückte uns bereits bei der Hinfahrt nach Geyen mit subtil zweideutigen Schlagern wie dem Partykracher „Wenn die Wunderkerzen brennen“, in dem Schlagerikone Jürgen Drews einen schmerzhaften Geschlechtskrankheitsverlauf beträllert.
- Richtig fantastisch wurde es aber erst danach: Die untoten Asphalt-Rochen von „Truck Stop“ haben ja erfolgreich jahrzehntelang dafür Sorge getragen, dass die Musikrichtung „Country“ in Deutschland nie so richtig Fuß fassen konnte (Johnny Hill mal ausgenommen). Eines ihrer musikalischen Oeuvres ist so auch bislang an uns vorbei gegangen. Bis jetzt. Danke „Absolut Bella“. Ein Song für Freunde derber Herrengespräche!
- Auch auf der Rückfahrt hatte „Absolut Bella“ die passende Musik für einen entspannten Tag in den Nachmittag parat. Wir bekamen sofort Hunger auf Pizza, Pasta und Salat mit Fertig-Aioli. Mino Reitano ist (war?) ein Sänger, der italienische Schmalzfummelsongs lange vor Eros Ramazottl intonierte. Er sieht ein bisschen aus, wie der junge Bernd Clüver, Jahrzehnte vor Haarausfall, Treppensturz und „Edle Tropfen“-Passion. Lohnt sich zu klicken: