
Was ist typisch deutsch? Darauf gibt es viele Antworten. Für einige sind es solche Tugenden wie Pünktlichkeit und Disziplin, andere wiederum denken dabei an kulinarische Genüsse wie Sauerkraut und Kartoffelklöße und manch eine:r assoziert damit weiße Socken in Sandalen und pfiffige Kurzhaarschnitte. Was jedoch nur selten erwähnt wird, ist das Dehnungszeichen. Für uns im Rheinland geht es dabei häufig um den Vokal „I“. Weder Neubottenbroich noch Buisdorf werden so ausgesprochen, wie sie geschrieben werden. Genauso verhält es sich mit den beiden Orten, die wir heute erwandern. Kirchtroisdorf und Kleintroisdorf tragen das i nur schriftlich im Namen, ausgesprochen werden sie mit langem O. Gern geschehen.
Auf geht’s ins Abenteuer
Wir suchen unsere Ziele ja immer im Wechsel aus, so dass die Destination für einen von uns immer eine Überraschung ist. Heute sucht der mit dem Hybridwagen aus. In Kirchtroisdorf gibt es nämlich Parkplätze mit Ladestationen. Mit dieser kleinen Information hätten wir auch schon die Highlights der Gegend aufgezählt. Ansonsten sind die beiden Orte im Nordwesten der Stadt Bedburg ziemlich unspektakulär. Sie sind noch nicht mal hässlich, was im Rhein-Erft-Kreis eine absolute Ausnahme darstellt und deswegen unsere absolute Hochachtung verdient. Ja, hier lässt sich gut leben, wenn man geringe Ansprüche hat, abends generell am liebsten Zuhause bleibt, das Leben als Selbstversorger:in das Ideal und Entschleunigung ein erstrebenswertes Ziel ist.

Ein anderes Wort für „aufgeben“
Wir parken das Auto an der Pfarrkirche Kirchtroisdorfs, die dem heiligen Matthias geweiht ist. Hier stehen auch besagte Ladesäulen und nachdem wir uns aus dem Wagen geschält haben, verbinden wir diesen direkt vermittels des Ladekabels mit der Energiespendersteele. Schon eine Viertelstunde, verschiedene Flüche und einen kurzen Schreianfall später ist es uns erfolgreich gelungen, den Ladeprozess zu starten, so dass wir nun endlich mit unserer Wanderung beginnen können. Unsere Freude steigt ins Unermessliche als wir feststellen, dass in Kirchtroisdorf heute Dorftrödel ist. Endlich mal wieder eine Möglichkeit, Dinge zu entdecken, die doch nie jemand haben wollte, die aber trotzdem in jedem zweiten Haushalt zu finden sind. Mittlerweile glauben wir ja, dass Dorftrödel einfach ein Euphemismus ist für „Ich setze mich den ganzen Tag in die Einfahrt, lasse mich vollaufen, höre dabei Helene Fischer und zünde abends den ganzen Kladeradatsch an.“ In Kirchtroisdorf, so scheint es uns während der Wanderung, stehen hinter den Tischen mehr Menschen als davor. Das kann nicht gewinnbringend sein, aber sei’s drum.
Wir lassen die Kirche rechts liegen, gehen über „Schwarzer Weg“ und gelangen dann zur Straße „An der Spring“. Diese markiert zugleich die nördliche Begrenzung des Ortes. Von hier hat man einen wunderschönen Ausblick auf gleich drei Kraftwerke. Niederaußem, Neurath und Frimmersdorf funkeln an diesem schönen Sommertag um die Wette und beglücken die Menschen mit den schönsten rein-weißen Wolken, die je einem Kühlturm entstiegen sind. An solchen Tagen ist das Leben ein Geschenk.

I’m alive
Wir laufen ortseinwärts und kommen an einen Kreisverkehr. Oft sind diese ja geschmückt mit diversen farbenfrohen Gewächsen oder aber mit einem Orts-Wahrzeichen. Weshalb aber in Kirchtroisdorf der rote Stier aus „Das letzte Einhorn“ verewigt ist, erschließt sich uns nicht ganz. Dann kommt uns aber dieses eine Zitat aus dem Film in den Sinn: „Dreh dich nicht um, und lauf nicht weg. Lauf nie davon vor etwas Unsterblichen, das erregt seine Aufmerksamkeit…“. Also gehen wir weiter.
Wir passieren die Straße „An den Linden“, die ihrem Namen mehr als gerecht wird. Die hochgewachsenen Bäume spenden wohltuenden Schatten, in dem sich herrlich flanieren lässt. Das alles wirkt sehr beschaulich und fast möchte man sich länger hier niederlassen, aber wir haben ja eine Mission. Also laufen wir weiter, erleben wie aus „An den Linden“ „Am Anger“ wird und lassen Kirchtroisdorf hinter uns, um schon bald in Kleintroisdorf zu stehen. Der Ort besteht im Wesentlichen aus drei Straßen und zwanzigmal so vielen Häusern. Man fragt sich, warum man diese Ansiedlung nicht noch innerhalb von Kirchtroisdorf untergebracht hat. Vielleicht hat man hier in dunklen Zeiten die Aussätzigen und Aufsässigen untergebracht, vielleicht haben sich hier wohlhabende aber sehr reiseunfreudige Kirchtroisdorfer:innen ein Feriendomizil errichtet, damit sie am Wochenende schnell mal der Hektik des Alltags entfliehen konnten. Genrell gilt für Kleintroisdorf das gleiche wie für die 0,04 Liter Fläschchen Dornkaat: Klein aber gut.

Endlich vernünftige Menschen
Über das Feld laufen wir zurück nach Kichtroisdorf. In der Ferne erblicken wir einen Absetzer, der wie ein einsamer Brontosaurier wirkt. Möge er bald erlöst werden. Wir wandern weiter (große Alliterationenliebe!) und entdecken bald den einzig sinnvollen Trödelmarktstand. Ein paar findige Bewohner:innen Kirchtroisdorfs haben sich zusammengetan und verkaufen nun zu akzeptablen Preisen Kaltgetränke an durstige Wandersleute. Wir schlagen zu.

Unser weiterer Weg führt zur Zentrale der Löschgruppe Kirch-/Kleintroisdorf / Pütz. Dass das Haus fast komplett aus Holz zu bestehen scheint, beeindruckt uns schwer. Letzendlich vermuten wir, dass es sich hierbei um eine Art Arbeitsbeschaffungsmaßnahme handelt. Wenn nichts passiert, kann man immerhin die eigene Wache anzünden.
Shopping-Erlebnis
Im „Am Bildstock“ , „Am Vogsberg“ und der „Sankt-Matthias-Straße“ entdecken wir noch ein paar Flohmarktstände, aber leider niemanden, den das sonderlich zu interessieren scheint. Die Menschen hinter den Tischen sind trotzdem fröhlich. Auf der Elsdorfer Straße erblicken wir einen weiteren Dinosaurier. Bereits von Weitem lässt sich das zeitlos schöne Logo von „Nah & frisch“ erkennen und wir freuen uns für die Menschen hier, dass es einen Ort gibt, an dem man zumindest das ein oder andere Gemüse, ein paar Briefmarken und Haftcreme bekommt. Sonst würden wir die Umbenennung in Kirchtrostlos vorschlagen.

Von eben jenem Nahversorger ist es nur ein Katzensprung zu unserem voll aufgeladenen Auto. Das Abklemmen des Ladekabels geht bedeutend schneller als die Initiation des Ladeprozesses, so dass wir noch vor Sonnenaufgang wieder den Heimweg antreten können. Wer weiß, ob wir sonst nicht doch noch dem roten Stier begegnet wären.
Wir sprachen über:
- Den Segen des 9,-€ Tickets. Nach einer quälenden Zeit, in der man kaum Sozialkontakte hatte, bringt einen diese Erfindung wieder mit zahllosen zahnlosen Menschen zusammen. Man steht eng beieinander und ist nur einen Dreivierteltakt vom Schunkeln entfernt. Herrlich.
- Geburtstagsgeschenke aus der Hölle. Gibt es jemanden, der nicht in den 90er Jahren das Vergnügen hatte, ein Leonardo-Glas geschenkt zu bekommen?
- Die am häufigsten gespielten Lieder auf Trauerfeiern.
Ohrwurm des Tages:
- Als wir die Heinsberger Straße entlangwandern, fällt uns gleich der Klassiker der Gebrüder Blattschuss ein und wir singen „Kreuzberger Nächte sind lang“.
- Absolut Bella verdanken wir wieder einmal eine Perle aus längst vergessenen Zeiten. Schon lange bevor Adel Tawil all die Lieder seines Lebens in einen Song packte, hatte der französische Barde Laurent Voulzy eine ähnliche Idee. Allerdings hat sich der der feine Herr nicht mit Zitaten begnügt, sondern einfach die Hits der Zeit collagenartig aneinandergeprengelt und das Ganze kurzerhand „Rockcollection“ genannt. Hier passt aber auch wirklich nichts zusammen. Die Laufzeit von über elf Minuten sorgt dafür, dass einem das aber irgendwann total egal ist.