Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Ein Satz, den Seemänner gerne kurz nach der Anlandung in Hamburg denken, der aber auch uns in den Sinn kam. Wir haben zwar bereits Frechen-Königsdorf besucht, bewundert und genossen, noch nicht aber den kleinen schmucken Nachbarort Neu-Freimersdorf. Diesen findet man am Ortsausgang Königsdorfs in Richtung Köln, wenn man rechtzeitig von der Aachener Straße in Fahrtrichtung links abbiegt.

Bereits bei „Einfahrt“ in den Ort stellt man fest, dass „Fremde“, Auswärtige und Autofahrer generell nicht allzu willkommen zu sein scheinen. Die Verkehrsführung sei geändert lesen wir auf einem Schild. „Geändert“ – ein herrlicher Euphemismus für „nicht vorhanden“. Es soll Menschen geben, die sich vor Monaten nach Neu-Freimersdorf gewagt haben und immer noch durch den Ort irren, auf der Suche nach der Ausfahrt. Oder zumindest nach Menschen, Nahrung, ein wenig Liebe. Diese Suche jedoch, sie ist vergebens.

In dem wirren Konglomerat aus Straßen, Wegen, Gehwegen, Sackgassen, Einbahnstraßen, spontanen Sackgassen und Pollern ist es auch eine Herausforderung einen angemessenen Parkplatz zu finden, den man auch als solchen erkennen kann. Wir erhaschen tatsächlich einen an der Overbeckstraße. Ein Straßenname, der uns an eine signifikant unsympathische und unfähige Deutschlehrerin aus längst vergangenen Zeiten erinnert. Leider findet sich nirgends sonst eine Möglichkeit unseren Bus abzustellen. Unweit des Parkplatzes entdecken wir dann aber etwas, das wir bislang im Rhein-Erft-Kreis so nicht vorgefunden haben (mieses Clickbait – mehr unterhalb des nächsten Bildes).

Einen Aufenthaltsort, der auch Jugendlichen viel Gelegenheit zur Zerstreuung bietet. Kletterwürfel, Basketballplatz, vernünftige Sitzgelegenheiten – da ext man die Dose „Faxe“ doch lieber als unter irgendwelchen Bahnbrücken, wo unsere Generation sich einst aufhalten musste (gefühlt als noch Dampfloks über eben jene Brücken fuhren). Uns beschleicht das Gefühl, in Neu-Freimersdorf scheint man finanziell etwas agiler aufgestellt als beispielsweise in der dazugehörigen Stadt Frechen selbst. Ist nur so eine Vermutung…

Auch die hier entstandenen Eigenheime erinnern stellenweise an die benachbarte Musterhaussiedlung am Kreuz Köln-West. Vorteil in Neu-Freimersdorf: Hier muss kein Eintritt berappt werden. Dafür haben die Anwohner jedweden Geschlechts hier in weiten Teilen den ein oder anderen Taler für ihr Anwesen berappt. Die Straßennamen passen sich den finanziellen Möglichkeiten der Anwohner hier auch gerne an: In der Römerhofallee, der Brunnenallee oder auch dem Münzhof verbieten sich nahezu Doppelhaushälften oder gar Mehrfamilienhäuser. An der Straße „Zur Villa Rustica“ überkommt uns ein leichtes Hungergefühl auf eine „Wagner Steinofenpizza“ herb belegt und wir verlassen diesen Ort in Richtung freies Feld. Endlich durchatmen, endlich den Blick weiten. Vielleicht erspähen wir auch von hier wieder ein ortstypisches Kohlekraftwerk am Firmament.

Spontan und jugendlich-frisch wie wir sind, kommen wir auf die verrückte Idee einfach mal Neu-Freimersdorf hinter uns zu lassen und den Original-Ort zu besuchen. Während insbesondere im Rhein-Erft-Kreis viele Ortschaften das Wort „Neu“ schmückt nachdem der namensgebende Ort im Zuge einer exzessiven Braunkohlebewirtschaftung von der Landkarte verschwinden musste (Etzweiler-Neu, Manheim-Neu, Neu-Bottenbroich etc.) ist dies im Falle Freimersdorf ganz anders.

Denn tatsächlich existiert auch noch ein Freimersdorf, unweit von Neu-Freimersdorf. Unsere Vermutung, dass die Altvorderen in Freimersdorf etwas gegen Zugezogene einzuwenden haben und einst der Meinung waren, ihr Ort sei groß genug, sie brauchen keine neuen Nachbarn, Auswärtige, womöglich noch aus Frechen, die ist dennoch aus der Luft gegriffen. Tatsächlich gehört Freimersdorf zur Stadt Pulheim, während Neu-Freimersdorf nebenan zur Stadt Frechen gehört. Der wahre Grund dafür ist das Gesetz zur Neugliederung der Gemeinden und Kreise des Neugliederungsraumes Köln (das sogenannte „Köln-Gesetz“) vom November 1974.

Damals gab es eine große Gebietsreform, jede Menge Städte, die zum Kreis Köln gehörten wurden entweder eingemeindet oder neu geordnet, anderen Städten zugeschlagen, zusammengelegt etc. Aus Brauweiler, Pulheim und Stommeln entstand Pulheim. Neu-Freimersdorf und das benachbarte Widdersdorf wollte man aber nicht bei sich bei haben. Neu-Freimersdorf wurde zusammen mit Königsdorf, Grefrath und Habbelrath der Stadt Frechen zugeschanzt. Uns wundert nur, dass man in Freimersdorf nicht einfach einen Zaun gezogen, Grenztürme gebaut und gesagt hat; „Dieser Ort ist nun autark, willkommen im Fürstentum Freimersdorf!“. Aber damals gab es wahrscheinlich kaum Reichsbürger, die wirren Ideen nachgehen.

Der Ort ist überschaubar, eigentlich besteht er nur aus gut drei Straßen, einigen Gehöften und villenähnlichen Anlagen. Aber: In Freimersdorf schaut man auf eine lange Geschichte zurück. Im Jahr 1028 ist der Ort erstmals erwähnt worden, damals noch als „Vremerstrop“. Einige Ur-Einwohner berichten noch gerne aus dieser Zeit. Alles war besser als die Zeit ab 1794, als der Ort von französischen Truppen besetzt wurde und sich niemand mehr verständigen konnte.
Kurz: In Freimersdorf, egal ob alt oder neu, kann man wohnen. Man muss es sich halt leisten können.

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Duette spielt „Absolut Bella“ auch immer wieder gerne. Auch wenn sie sich von der musikalischen Qualität eher auf dem Level einer Adriano-Celentano-B-Seite bewegen. Muss man mögen. Oder auch nicht!