Good morning Gleuel!

Manchem Ort wird man mit nur einer Durchquerung nicht gerecht und so hatten wir das Gefühl, wir müssten dringend nochmal nach Hürth-Gleuel. Eine gute Idee, wie sich herausstellen sollte. Gleuel ist das Paradies für Menschen mit kurzen Beinen, die alpenländischen Flair zu schätzen wissen. An diesem besonderen Tag durften wir nicht nur den Stadtteil, sondern auch dessen Ureinwohner:innen und deren Habseligkeiten besser kennenlernen. In Gleuel war nämlich Garagentrödel – meiner bescheidenen Meinung nach die Geissel des dritten Jahrtausends. Folgen Sie uns also zu den Abgründen des menschlichen Daseins.

Behagliche Isolation

Wir nähern uns Gleuel aus Richtung Bachem und unterwandern dafür einmal die A4. Die erste Straße in Gleuel ist der Grenzweg, dessen Namen sehr deutlich macht, wie wichtig es den Gleuelerinnen und Gleuelern ist, sich von den Nachbarn zu distanzieren. Hier pflegt man, unter sich zu bleiben. Zwischendurch muss mal frisches Blut rein, damit der Genpool ein wenig Abwechslung bekommt, aber ansonsten bleibt man Fremden gegenüber skeptisch. Die stadtbildprägende Architektur unterstreicht diese Einstellung an verschiedenen Stellen eindrücklich.

Rapunzels Mutter leitet jetzt eine Kindertagesstätte.

Von der Bachemer Straße biegen wir in die Pastor-Redecker-Straße ein (ein fehlendes „h“ kann manchmal einen großen Unterschied machen) und bewundern die vielen Waren, die die Ureinwohner:innen hier feilbieten. Es gibt Kleidung von fragwürdigem Stil und Alter, Küchengegenstände, von denen wir nicht die geringste Ahnung haben, wie man sie benutzt und immer wieder zahlreiche Perlen der Filmkunst, die man unbedingt gesehen haben muss. Dazu gehören „Schlock – Das Bananenmonster“, „Kannibalinnen im Avocadodschungel des Todes“ und „„Jesus Christus Vampirjäger“. Man kann sich gar nicht entscheiden. Aber zurück zu Gleuel: Man kann dort wohnen. Wichtig ist, dass man nicht allzu viel Wert auf Vorgartengrün legt. Die Zeiten, in denen ein Haushalt lediglich über ein Auto verfügte, sind auch hier lange vorbei und so muss die kleine Blumenwiese eben praktischem und pflegeleichten Beton weichen, damit alle Fahrzeuge untergebracht werden können. Mitunter finden sich vereinzelt noch kleine Gärten, die nicht nur zum Verweilen einladen, sondern gleichzeitig auch als kulturelle Informationsstätte dienen.

Lerne Schießen – Triff Freunde .

Vorsicht – heiße Nadel!

Wir biegen links auf „Im Klostergarten“ und gelangen danach auf die „Burgstraße“. In dieser befindet sich unter anderem „der Club der heißen Nadel“. Was nach einem Treffpunkt für geschlechtskranke Mitfünfziger klingt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Anlaufstelle für Liebhaber:innen des Kreuzstiches. Frei nach dem Motto „Alles kann, nichts muss“ treffen sich hier Nadel-Afficionados und -nadas zum gemeinsamen Sticken. Alles unter den momentan geltenden Hygienevorschriften, versteht sich. Weitere Informationen finden sich auf der Homepage des Clubs.

Die Burgstraße endet in nordwestlicher Richtung ziemlich schnell im Feld, so dass wir eine Kehrtwende machen und in Richtung Zentrum laufen. So gelangen wir auch zur Burg Gleuel, die leider nicht zugänglich ist. Das, was wir sehen, gefällt uns aber ganz gut, so dass wir uns durchaus einen Altersruhesitz jenseits des Burggrabens vorstellen können. Bis dahin haben wir aber noch rund vierzig Jahre Zeit.

Nicht blinzeln!

Über die Ernst-Reuter-Straße gelangen wir ins Zentrum, das im Wesentlichen aus einem Rewe und dem sogenannten „Märchenbrunnen“ besteht. Hier befinden sich die meisten Geschäfte des Ortes und diverse Cafés laden zum Verweilen ein. Allemal einen Besuch wert ist die örtliche Metzgerei, die sich mit ihrem Angebot vor allem an Gourmets und Connaisseure wendet.

Lieber mit Aufschnitt als mit Ausschnitt.

Wir treffen auf weitere Trödelstände und fragen uns, ob es in jedem Haushalt Deutschlands dieselben Ess-Services in rotem englischem Muster gibt. Auch die obligatorischen Senfgläser gibt es in Massen. Ein Hausbesitzer hat es sich leicht gemacht und einfach alle Fenster und Türen geöffnet, so dass man in die gute Stube hineinblicken und jedes Objekt in seiner natürlichen Umgebung beobachten kann. Da weiß man gar nicht, wie man sich entscheiden soll. Überhaupt gibt es so viele Schätze zu entdecken, dass uns zwischenzeitig ganz schwindlig wird.

„Kraftfahrzeughaftpflichtversicherung“ auch.
Einmal speisen wie der Bundespräsident.

Wandern macht durstig und so kehren wir in Gleuels Büdchen für alle Fälle ein. Bei Baba gibt es alles und wenn man ein bisschen Zeit mitbringt, kann man sich, während man sich ein Kaltgetränk aussucht, gleich die Hose kürzen und aufbügeln lassen.

Wenn der kleine Hunger kommt. Bab(a)-satt nach einem Bissen.

Wir biegen auf „An der Schallmauer“ ein und beginnen unsere Bergetappe. Der Anstieg ist beschwerlich, aber wir wären nicht wir, wenn wir aufgeben würden. Meter für Meter kämpfen wir uns nach vorne, spornen uns gegenseitig an, weinen zwischendurch vor Verzweiflung, gehen aber immer weiter geradeaus. Kurz überlegen wir, unsere Familien anzurufen, um ihnen ein letztes Mal zu sagen, dass wir sie lieben, aber die Luft ist zu dünn um zu sprechen. So ist es alleine der blanke Überlebenswillen der uns bis zum Gipfel antreibt. Zur Belohnung erwartet uns hier eine Bushaltestelle mit einer auf sehr sonderbarer Höhe angebrachten Bank. Aus zahlreichen Dokumentation weiß man ja, dass Bergvölker oftmals etwas kleiner geraten sind, aber wir sind trotzdem überrascht.

Treffpunkt der Tischkicker-Mannschaft.

Nach einer nur kurzen Rast, machen wir uns auf dem Weg zum Auto. Es war eine Wanderung, die alle Sinne beansprucht hat. Es wird Zeit brauchen, bis wir alles verarbeitet haben werden. Neben den Bildern, sind es vor allem einige Sätze, die uns noch lange begleiten werden. Ein kleines Best-of möchten wir hier noch präsentieren:

  • „Giacomo, du siehs doch, dat ich alle Hände voll han.“
  • „Wenn ich E-Auto will, gehe ich auf die Kirmes“
  • „Wohnen Sie schon immer hier?“ „Ja, schon ewig. Seit sechs Jahren.“

Danke Gleuel. All das werden wir für immer tief im Herzen bei uns tragen.

Wir sprachen über:

  • Die kuriosesten Arten, aus dem Leben zu scheiden. An Pommes zu ersticken gehört auf jeden Fall dazu.
  • Die Auswirkungen von Alkohol auf unsere mittlerweile doch ein wenig in die Jahre gekommenen Körper. Die Erholungsphasen werden deutlich länger.
  • Sehenswerte Serien. Dan bingte sich gerade durch „The boys“ und ist hellauf begeistert.

Ohrwurm des Tages:

  • Absolut Bella schafft es immer wieder, uns zu verzaubern. Ganz zu Beginn hören wir die vollkommen zu Recht weithin ignorierte Ballade „Monja“ von dem ebenfalls absolut berechtigt unbekannten Ted Power. Wem bei „Je t’aime“ noch zu viel gesprochen wurde, der wird „Monja“ lieben. Außerdem kommen Fans der Hammondorgel voll auf ihre Kosten.
  • Gekrönt wird das aber noch von Claudia Jungs verzweifeltem Versuch, den Roxette-Klassiker „It must have been love“ in ein geschmeidiges deutsches Korsett zu zwängen. Muss man mal gehört haben.

Hinterlasse einen Kommentar