Nach einer kreativen sechswöchigen Recreationsphase zieht es uns erneut auf Bedburger Stadtgebiet. Zu lange ist es her, dass wir die saftigen Felde, grünen Wiesen und sorglosen Menschen jenseits der Tagebaukante besuchen durften. Das Schöne an Bedburg: Die Stadt beginnt quasi direkt hinter der Abfahrt von der Bundesautobahn. Wir parken unser busähnliches Gefährt auf einem ebenso verlassenen wie trostlosen und unheimlichen Parkplatz am Ortseingang Millendorfs. Im ersten Augenschein ein typischer deutscher Gemeindeparkplatz: Verwuchert, ungepflegt, vermüllt. Müll ist dann auch das Stichwort: Weshalb liegen hier so viele, viele Taschentücher herum? Haben hier heuschnupfengeplagte Zeitgenossen geparkt und sich nach langer verrotzter Fahrt entleert? Mitnichten, wobei „entleert“ nicht gänzlich falsch ist, finden wir doch alsbald die Gründe für die vielen Eigenbeschusstücher. Welcome to Millendorf und Lipp.

Wir beschließen diesen Ort, der soviel Freude und gleichzeitig auch traurige Momente in sich hat schnell zu verlassen und machen uns über die Erkelenzer Straße in Richtung Ortszentrum auf, wobei der Begriff Zentrum hier schon arg geweitet werden muss. Vorbei an einer Reitschule, die ihre Wegesrandfläche optimal zur Bewerbung des gestütähnlichen Komplexes nutzt.

Typisch für Millendorf, das einst Middelendorp genannt wurde, sind die herrlichen Backsteinbauten aus dem 19. Jahrhundert. Die Architektur der neueren Zeit dagegen besticht vor allem durch den exzessiven Einsatz von Beton. Praktisch, schnell, einprägsam. Städtebauliches Highlight ist die gepflegte Bushaltestelle im Ortsinneren, die mit dem örtlichen Briefkasten der deutschen Post das urbane Zentrum bildet. Durch den gewitzten Einsatz diverser, schnell wuchernder Bodenbepflanzung hat der Stadtplaner das Grau des Fließbetons pfiffig gebrochen und so das Erscheinungsbild des Ortes gewitzt aufgewertet. Das könnte Schule machen.

Menschen ohne Orientierungssinn sind in Millendorf gut aufgehoben und lernen sich schnell zurecht zu finden, denn die anfangs erwähnte Erkelenzer Straße ist zugleich (eigentlich) der einzige befestigte Weg – wenn man den Autobahnzubringer zur A61 mal nicht mitrechnet. Wo es am schönsten ist, da soll man gehen und so beschließen wir den fordernden Weg ins benachbarte Lipp zu beschreiten. Fordernd weniger des minimalen Höhenunterschieds wegen, als vielmehr der teils gewagten Plakate zur NRW-Landtagswahl wegen, die äußerst geschickt im hohen Gras platziert wurden. Besser könnten sich Pokémon dort auch nicht verstecken.

Das wirklich Schöne im Rhein-Erft-Kreis ist ja, dass man hier aus quasi nahezu jedem Blickwinkel sehen kann, wie wir dem russischen Despoten im Kreml ein Schnippchen schlagen und statt billigem Erdgas hochsubventionierte Kohle zur Stromerzeugung verfeuern. Die Schlote rauchen (ist aber freilich nur Wasserdampf) und irgendwie beruhigt einen das momentan dann doch ein wenig. Nicht auszudenken, wenn der Strom ausfiele und damit auch der Eiswürfelbereiter für unsere „Cocktails to go“.

Wie alt der Ort bzw. Teile (und Bewohner) schon sind, zeigt traditionell ein Blick auf das Altertümchen eines jeden Ortes. In den allermeisten Fällen ist dies die Pfarrkirche (außer, Inge Meysel oder Jopie Heesters wohnten dort). In unserem Fall ist es diesmal die katholische Pfarrkirche St. Ursula, die einst als romanische Pfeilerbasilika im 12. Jahrhundert erbaut wurde. Ganz schön alt, die Uschi.

Was auch wir bislang noch nicht wussten, das ist die durchaus interessante Tatsache, dass Lipp wahrscheinlich keltischen Ursprungs ist. Findige Forscher behaupten gar, die Gemarkung hieß einst „Luppa“ und wurde bereits 1131 kirchlich erwähnt. Damals traten dort die beiden Minnen „Dua Luppa“ auf und starteten ihre Kreuzzugstour „

Im Ort erleben wir dann ein Wiedersehen mit unserem alten Feldfreund, dessen Antlitz wir bereits auf dem Weg in den Ort wahrnehmen mussten. Man stelle sich eine dunkle, neblige Nacht vor. Der fahle Lichtschein des abklingenden Vollmonds schafft es nur partiell durch die wabernden Nebelschwaden und beleuchten plötzlich obiges Plakat! Wirre, bibbernde Schreie erhellen daraufhin die Nacht. Wann läuft eigentlich noch mal Nosferatu das nächste Mal im Fernshen?.

Auf dem Weg am örtlichen Schulzentrum entlang erblicken wir eine Weisheit, die uns zum Nachdenken anregt und uns ob ihrer Mehrdeutigkeit in Angst und Schrecken versetzt. Haben uns die Einheimischen gar erwartet? Ist dies der Ort für metaphorische Küchenbildsprüche? Scheinbar ja. Schnell gehen wir voran. Es ist fünf vor Nesquick – Zeit zum Umrühren.

Dann jedoch werden wir für all die optischen Enttäuschungen der vergangenen Stunden entlohnt. Endlich beweist jemand Stil und ein glückliches Händchen bei der Gartengestaltung. Das „Eure Armut kotzt mich an“ – Messingschild scheint leider abhanden gekommen zu sein. Aber nicht immer muss man alles lesen, um zu verstehen. Danke für diesen herrlichen Brunnen. Wir haben alsbald unsere Geldbörsen gezückt und jeweils 50 Cent über die Schulter in das Wasserreservoir geworfen – auf dass das Schicksal uns an diesen Ort zurückbringt.



Die Themen der Woche
- Als alte ESC-Fans hat uns freilich der ABSOLUT überraschende Ausgang des diesjährigen europäischen (bienvenue Israel, bienvenue Australie) Musikwettbewerb. Dass die Ukraine gewinnen mag, das haben wir erwartet, dass Deutschland aufgrund diverser Unstimmigkeiten bezüglich eines Karriereknicks in den 1940er Jahren nicht der beliebteste Punkteaspirant in Europa ist, das wissen wir auch. Dass aber der Schweizer Berg mit seiner Mimik irgendwo zwischen Gilbert Bécaud und Joe Cocker derart missgünstig missachtet wird, das hat einen von uns entsetzt. Dan fand das gerechtfertigt… Egal! Hauptsache Frankreich hat mies abgeloost.
- Außerdem sprachen wir über diverse Urlaube, religiös bedingte Familienfeste, freudespendende Nebenjobs und güldene Jugendjahre im Klischee. Zeiten, die gut waren, hatten aber auch ihre Zeit und lassen sich nicht mehr ins Hier und Heute übertragen. Eine Erkenntnis, die langsam reift und die man akzeptieren muss.
Die Lieder der Woche
- Schon zur Abfahrt bescherte uns Deutschlands meist unterschätzter Sender einen echten Kracher für vergangenheitsliebende Mütter jenseits der Menopause und wahrhafte Trucker im Herzen. Bennys jüngerer Bruder Johnny beweist, weshalb es „Country“ als Musikrichtung in Deutschland nie so wirklich geschafft hat:
- „Absolut Bella“ ist ein Sender, der zugleich auch die mutigsten und….sagen wir mal….überraschendsten Übergänge in seiner Musikauswahl wagt. Wo sonst folgt auf Edith Piafs „Non, je ne regrette rien“ ohne Unterbrechung sofort dieses Kunstwerk: