High Noon in Hüchelhoven

Hüchelhoven hatte noch exakt einen Meter Zaun übrig.

Ein wolkiger Tag ward uns erneut vorhergesagt, die Regenwahrscheinlichkeit größer als die Chance mit diesem Blog einen Preis abzuräumen und so beschlossen wir einen Ort zu besuchen, dessen Visitation bei Wolken oder Sonnenschein gleich ist: Hüchelhoven. Unweit des Kraftwerks Niederaußem mit seinem riesigen BoA-Block und den noch imposanteren Kühltürmen gelegen, ist es gleich, ob im Rest der Region zarte Sonnenstrahlen die Frühlingswiesen streicheln. Aber wir wollen nicht gleich wieder unken und die hässliche Fratze des fleischgewordenen Zynismus zeigen, sondern dem sicher schmucken Ort an der äußersten nördlichen Grenze des Rhein-Erft-Kreises eine Chance zu glänzen geben. Trotz der menschgemachten Wolken.

Fluss, Geländer, Hundekotentsorgungsstation. Deutschland.

Der Gillbach plätschert leise an Hüchelhoven vorbei, nicht tief genug, dass man in ihm den Freitod zu finden vermag, das ist schon mal ein Pluspunkt. Auf den Quadratkilometer kommen hier rund 62 Menschen – wäre auch betrüblich, sänke diese Zahl noch weiter. Auch wenn Hüchelhoven geografisch fast schon im Rhein-Kreis-Neuss zu finden ist, gehört es doch noch zur Kreisstadt Bergheim. Wer Bergheim kennt, der weiß, dass man dort nicht allzu viel Wert auf ansprechende Stadtbegrünung oder pfiffige Wegeführung legt. Das darf man dann insbesondere auch in den Außenbezirken nicht erwarten. Dabei überrascht Hüchelhoven stellenweise mit unerwarteten Sujets – aber der Ort war ja auch mal eigenständig. Alles Schöne könnte also auch historisch bedingt sein.

Rheinisches Braunkohlerevier. Symbolbild.

Bereits im 12. Jahrhundert wurde die Gemarkung zum ersten Mal erwähnt. Wir haben förmlich den entsprechenden Minnegesang noch im Ohr:

In disen hôhen êren troumte Kriemhilde,
wie si zuge einen valken, starc, schœn und wilde,
den ir zwêne aren erkrummen, daz si daz muoste sehen,
ir enkunde in huechelhovene leider nimmêr geschehen.

Tatsächlich wurde Hüchelhoven während der französischen Besatzung unter dem recht kurz geratenen Korsen zur „Mairie – Büsdorf“. Rheidt, Glessen und selbst Fliesteden gehörten dazu. Noch heute erinnern sich die Älteren gerne an diese Zeit, den Vin rouge, das Laissez-faire, Can Can, die rotgestrichene Hüchelhovener Mühle… es waren herrlich-unbeschwerte Zeiten als Charles Aznavour einst im Pfarrhaus aufspielte.

Huechelhoven – la commune la plus française au-delà de Paris.

Spätestens 1975 war der Spaß dann aber endgültig vorbei und die bis heute zu recht geliebte kommunale Neugliederung schanzte Hüchelhoven der allseits beliebten Kreisstadt Bergheim zu. Die Hüchelhovener aber sehnen sich weiter nach der Leichtigkeit der französischen Mittelmeerküste und setzen mit ihrer durchdachten Wohnbebauung mitunter bunte Zeichen gegen die Tristesse des rheinischen Braunkohlereviers.

„Alles kann – nichts muss.“

Dennoch lässt sich die langsame Erosion deutscher Vorstädte auch hier beobachten. Zwar rühmt sich der Ort noch mit einem prosperierenden Vereinsleben, doch die Zeiten als man des nachts betrunken von Schenkwirtschaft zu Schenkwirtschaft zog und zwischenzeitlich der drohenden Zahlungsunfähigkeit mit am Geldautomaten frisch gezogenen 50 Mark-Scheinen begegnete, die ist vorbei. Denn der Geldautomat bzw. das gesamte Kreditinstitut ist nur noch stundenweise zu Gast im Ort. Der Parkplatz des Sparkassen-Filialbusses – für uns ein Sinnbild langsam sterbender Orte.

Missglückter Strukturwandel in einem Bild.

Dafür erfahren wir endlich, wie der Nikolaus mit Nachnamen heißt, denn in der „Nikolaus-Adams“-Straße suchen wir die St. Michael-Kirche auf. Bereits im Jahre 1165 wird urkundlich eine Kirche in dem Ort erwähnt, die Teile, die nach und nach angebaut wurden und nicht eingestürzt sind, stehen noch heute. Gleichzeitig beweist man vor Ort, wie man einen sakralen Bau auch formidabel als Hochbeet-Inspiration nutzen kann.

Gerd erfüllte sein Job als Küster nicht. Er wollte kreativ arbeiten.

Kreativ, das sind sie hier in Hüchelhoven. Der Ausstoß der benachbarten Kühltürme des RWE-Schmuckstücks in Niederaußem vernebelt hier nicht die Sinne. Man möchte es sich kommod machen. Streng nach dem Motto: „Am schönsten isset, wenn et schön es.“ In diesem Sinne: Besuchen sie Hüchelhoven, erwarten sie wenig und sie werden nicht enttäuscht werden.

Johann saß gern im Freien und lud gern sich Gäste ein.
Roswitha Ritterbach – ahnungslose Pionierin des „Memory“-Spiels.

Die Lieder der Woche

Wir sangen:

  • Was wäre unser Leben ohne „Absolut Bella„? Es wäre um so einiges ärmer an muskelzerrenden Melodeien, aber auch um so einiges reicher an erholsamem Schlaf ohne Ohrwürmer. Einen lieferte in dieser Woche das Duo der Finsternis Thomas Anders und Florian „Flori“ Silbereisen! Da wird passend gemacht, was nicht passt und das Machwerk „Sie sagte doch sie liebt mich“ entführt einen auf längst vergessenes Terrain des einst so beliebten Kirmes-Bums-Schlagers. Da raggelt die Leber im Foxtrott-Schritt oder der Schritt im Foxtrott-Rythmus. Je nach Hormonstand.

  • Der zweite „Song“ stammt aus unserem sympathischen Nachbarland im Süden, dort wo die Gipfel hoch, die Täler tief und die Wasser wild sind. Letzteres ahnen wir aber nur anhand des Titels „Wilds Wossa“ der alpenländischen Stilikone Seer. Ein Weltstar in Österreich, den hier niemand zu kennen vermag. Der oder die Erste, der/die uns übrigens ohne nachzuschlagen sagen kann, was Seer in der zweiten Textzeile darbietet, gewinnt eine Wanderbegleitung.

Veröffentlicht von kaiwimmer

Gern unterwegs

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