Überwintern in Sinthern

Neuer Tag – neues Glück! Bevor wir uns des sonntagmorgens aufmachen einen neuen Ort im Rhein-Erft-Kreis zu erkunden, sind wir meist noch guter Laune und hoffnungsvoller Absichten. Und dann, ja dann fährt man nach Sinthern und denkt an folgende Zeilen:

Du geleitest mich durchs Leben,
Sintherne Melancholie!
Mag mein Stern sich strahlend heben,
Mag er sinken – weichest nie!

Führst mich oft in Felsenklüfte,
Wo der Adler einsam haust,
Tannen starren in die Lüfte
Und der Waldstrom donnernd braust.

Meiner Toten dann gedenk ich,
Wild hervor die Träne bricht,
Und an deinen Busen senk ich
Mein umnachtet Angesicht.

Ob Nikolaus Lenau, der alte Ösi sich seinen ihn auszeichnenden Weltschmerz bei einer zünftigen Bollerwagentour durch Sinthern zugezogen hat, ist leider nicht überliefert, aber vorstellbar wäre es. Existierte der sympathische kleine Pulheimer Stadtteil doch schon zu Lenaus Zeiten. Und sogar schon als Papst Johannes XII. die Geschicke der Weltkirche aus dem fernen Rom lenkte. Im Jahre 962 ward Sinthern des erste Mal urkundlich erwähnt als der Kölner Erzbischof Brun nach einem zentralen Austragungsort der jährlichen „Tanz in den Mai“-Feierlichkeiten suchte und auf dem Weg nach Köln seine Notdurft im Pulheimer Bach verrichtete.

Linden waren nicht mehr da. Alle weg.

Bis heute ist der jährliche „Tanz in den Mai“ eine Festivität nationaler Bedeutung in Sinthern. Altüberlieferte Erzählungen der Großelterngeneration beginnen meist mit den Worten „Es muss beim Tanz in den Mai 1944 gewesen sein, dass…“. Jedes Jahr Ende April sieht man die Menschen hier Fenster putzen, die Hausfassaden neu tünchen, Blumen pflanzen und Opfergaben sammeln. Selbst die emporschnellende Geburtenrate nach Weihnachten gibt leise Zeugnis eines überbordenden Festes zwischen Kampftrinken und Koitus.

Immer, wenn er zornig war, ging er in die Entspannungsoase. Happy End!

Besonders erwähnenswert sei die Tatsache, dass eben jene Festivität auf dem „Weißer-Flieder-Platz“ ausgetragen wird. Wer denkt da nicht sofort an Magda Schneider, Willy Fritsch und die junge Romy Schneider?! Und wer nun noch keinen Ohrwurm hat, der klicke bitte auf diesen Link und genieße. Gern geschehen.

Durch diese hohle Gasse muss er kommen. Am Ende führt sie aber nicht nach Küssnacht und niemand wird erschossen (meistens zumindest)

Die Fliederblüte selbst geht allerdings in Sinthern an vielen Menschen vorbei. Zum einen weil zu wenige freundliche Bürger eine Patenschaft für die hiesigen Fliederhaine übernommen haben, zum anderen weil man aus vielen Häusern die blühenden Flieder gar nicht zu erblicken vermag. Der örtliche Architekt scheint dafür bekannt zu sein den Hausbau völlig neu zu denken und aus Gründen der Kosten- und Energieeffizienz fast vollständig auf solch gestrige Errungenschaften wie „Fenster“ zu verzichten. Seit der Herrschaft Vlads III. wurden wohl außerhalb des Einflussbereichs des einstigen Terrormonarchen kaum so viele fensterlose Bauten errichtet wie in Sinthern. So hat jeder Ort, jede Gemarkung ihre ihr ureigene Besonderheit, die sie vom ermüdenden Mainstream abhebt.

Umbauarbeiten am Hauptsitz der „Hannelore Kohl Stiftung“
Natascha vertrug immer noch keine Sonne

Was uns beim Lustwandeln durch den teils etwas hügeligen (nicht zu verwechseln mit „hyggelig“) Ort auffällt, ist die offen zur Schau gestellte Liebe zu Hausnummern jeglicher Couleur. Sinthern ist Fluch und Segen der Paketbotengilde zugleich. Wer hier eine Hausnummer sucht, der findet sie (außer das Haus wurde spontan abgerissen und die Ruinen zur Erinnerung an düstere Zeiten mahnmalartig stehen gelassen).

Illuminatenchaussee
Der Hermes-Fahrer suchte vergebens Haus Nr. 57. Deshalb warf er das Paket einfach weg

Von längst vergessenen Zeiten zeugen aber auch in Sinthern noch einige Gebäude wie beispielsweise der alte Fronhof. Im 10. Jahrhundert war er wohl Sitz eines Hofesgerichtes. Ob das geschmeckt hat, ist nicht überliefert. Kurz nach 1800 fiel aber auch er den französischen Truppen zu, die ganz Sinthern besetzten und der „Mairie Freimersdorf“ zuordneten. Sinthern war damit Teil des Arrondissement de Cologne. Quasi die Banlieue der Großstadt. Aber genug des Französischen, heute erinnert hier nichts mehr an die sympathische Besatzungsmacht, deren Staatsbürger einst BH, Bikini und Kugelschreiber erfanden.

Ein Tor, aber keine Kaserne. Und auch keine Laterne

Ansonsten kann hier der Frömmste in Frieden leben, wenn ihm die schöne Nachbarin gefällt. Ein Ort, der einen allein aufgrund seiner hügeligen Topographie des auslaufenden Villerückens zum Runterbremsen auf dem Weg nach Geyen zwingt.

Sorgen oft für Stromausfälle: Überlandleitungen
Ehrenamtliches Engagement. Da ohne würde Sinthern nicht aufblühen

Die Themen der Woche

Wir sprachen über:

  • Ausflüge ins ehemalige Zonenrandgebiet und die Freundlichkeit missmutiger Rezeptionisten
  • unsere Abscheu hochfloriger Auslegeware in Hotelzimmern gegenüber
  • der ausgeklügelten Zusammenarbeit diverser Gesundheitsämter in der Kontaktnachverfolgung

Die Lieder der Woche

Wir sangen:

  • Diesmal, und das ist eine absolute Premiere, sangen wir ein Lied, das wir spontan selbst komponierten. Wir parkten an der Straße „Am Brauweiler Pfädchen“ und fast unisono sangen wir einen rheinischen Schunkelhit, den es noch nicht gibt, der aber musikalisch irgendwo zwischen Marie Luise Nikuta und Ludwig Sebus anzusiedeln ist. Wir denken, das wird ein Knaller-Hit der Session 2023/2024.
  • Ansonsten beglückte uns der Sender des gutgelaunten Wahnsinns „Absolut Bella“ mit Bata Illic und bescherte uns „Goldene Zeiten„.
  • Absoluter Mitsinghit der Rückfahrt war aber der Klassiker von Mario Jordan, der musikalisch damit über jenen ging und uns Durst nach Diebels Alt bescherte. Nicht!

Veröffentlicht von kaiwimmer

Gern unterwegs

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