Rückkehr nach Oberaußem
Als wir im Frühjahr durch Oberaußem liefen, schworen wir uns, dass wir im Winter zurückkehren würden, in der Hoffnung, dass das Licht der Weihnacht diesen „Ort“ milde bescheinen würde. Es gab einige Überraschungen.
Delle statt Drempel
Wir machen uns gut gelaunt auf den Weg und stellen die Stimmungsregler auf Frieden und Nächstenliebe. Über die Lautsprecher des Autos ertönen Rolf Zuckowsky, Freddie Quinn und Lolita, wir singen kräftig mit und können es kaum erwarten, endlich durch die verwunschenen Gassen von Oberaußem zu laufen. Mit dem Auto fahren wir durch die Vinzentiusstraße zum Friedhof und bemerken hier direkt eine straßenbauliche Besonderheit: Während die halbe Welt Drempel und Krefelder Kissen errichtet, um den Verkehr zu beruhigen, neigt man im Oberaußem zum modischen Graben. Was eine Vertiefung von 60 cm für die Karosserie von Jürgens tiefergelegten Seat Leon bedeutet, kann man sich vorstellen.
Unsere Reise beginnt wieder bei der Grass-Kastanie. Der Ausblick ist nach wie vor von zweifelhafter Schönheit. Wie immer, hängt alles vom Blickwinkel ab. Schaut man eher nach links, glaubt man tatsächlich, einen gewissen Zauber zu entdecken. Dreht man den Kopf allerdings zu weit nach rechts, holt einen das Kraftwerk NIederaußem wieder in die Realität zurück. Egal, wir haben einen Plan, eine Mission, eine Vision. Also gehen wir weiter und suchen nach adventlichen Gestaltungselementen.

Weihnachtsdekoration als Akt des Nächstenhasses
Man kommt nicht umher, zu konstatieren, dass man der Art der Weihnachtsdekoration durchaus das Nachbarschaftsverhältnis ansehen kann. Zumindest bilden wir uns das ein. Je mehr man sich hasst, desto mehr werden sämtliche Kreaturen der vorweihnachtlichen Höllenkreise heraufbeschworen und in den steinernen Vorgarten gedübelt. Gerne erhöht man die Wirkung mit einer stilvollen Kombination aus kaltweißem und rötlich-warmen Lichterketten, die sich in einem atemberaubenden Rhythmus mit der Illumination abwechseln. Ein Fest für Epileptiker und alle, die sehen können. An dieser Stelle möchten wir gerne eine Frage stellen: Wer hängt sich diese suizidalen Santas unter das Fenster? Die werden über die Jahre auch nicht schöner.

Wir durchqueren erstmal den Teil von Oberaußem, der das „Ober“ wirklich verdient hat. Die Luft hier oben ist zwar ein wenig dünner, aber ansonsten ist es hier ganz schön. Wenn nur die Menschen oder vielmehr deren Drang zur Reviermarkierung nicht wäre. Was hier an Fahnemasten hängt, unter Dachgiebel gehämmert wurde oder auf den Fensterbänken steht, findet man sonst nur in Kuriositätensammlungen oder auf der ein oder anderen Geisterbahn. Gerade bei der Gestaltung der Fassade vergessen viele Eigenheimbesitzer:innen anscheinend, dass die Nachbarschaft ja mitunter den gesamten Tag auf diese eigenartige Farbmischung namens „Sahara-Fuchs“ schauen muss, womöglich aus dem Esszimmer.

Alles nur Fassade?!
Wir machen uns auf den Weg ins Tal und begegnen auf unserem Weg der ein oder anderen fragwürdigen Nachricht. Die Häuser hier scheinen nicht das zu sein, wofür man sie hält. Ein bisschen erinnert uns das an die Lindenstraße in den Fernsehstudios zu Bocklemünd. Ist außer uns eigentlich in den 90er noch jemand zu den Aufzeichnungen von „Hollymünd“ gefahren? Mittlerweile verrottet das gesamte Ensemble dort und erinnert nur noch entfernt an den Glanz vergangener Zeiten. Apropos, weiter geht’s durch Oberaußem. Wir überqueren die Bergheimer Straße und wandern durch „In der Mitte“. Hier entspringt kein Fluss, dafür aber ein Sturzbach an kleinen und großen Geschmacklosigkeiten.

Weiter geht es in Richtung Bürgerhaus, an dem ein kleiner Weihnachtsmarkt aufgebaut wurde. Leider ist der Gottesdienst noch nicht vorbei, so dass der Markt seine Pforten noch nicht geöffnet hat. Ordnung muss ein, wir sind hier immernoch in Deutschland. Also biegen wir ab in „Zum Bohnenbach“ – große Enttäuschung: weder Bohnen noch Bach.

Bonjour tristesse
Unser Weg führt uns wieder durch das französische Viertel von Oberaußem, in dem Elsassweg (leider kein Polterabend.) auf Nancystraße trifft. Bei letzterer fragen wir uns nach wie vor, wieviele ihrer Bewohner die Straße englisch aussprechen.
Auf dem Rückweg machen wir kurz halt bei einer sehr schmucken und einladenden Bäckerei-Voosen-Filiale. Wir lernen Abteikrüstchen und Bienenstichcroissant kennen und stellen schnell fest, was sich leichter essen lässt. Vielleicht hängt das aber auch von den individuellen Fähigkeiten ab. Man weiß es nicht.
Wir kraxeln zurück Richtung Friedhof, machen noch ganz kurz Halt an dem Haus, in das mal ein Flugzeug der Canadian Royal Airforce eingeschlagen ist und treten dann den Heimweg an.

Oberaußem, Dein Zauber entbietet sich nicht jedem, aber wenn man hin und wieder beide Augen zudrückt, kann man Dich fast mögen. Es ist ja bald Weihnachten.
Worüber wir sprachen:
- Den Nikolaus und seine Besuche bei uns. Damals wurde er noch begleitet vom Hans Muff, dem rheinischen Knecht Ruprecht. Einen von uns machte das damals zum Bettnässer. Der andere hat heute noch Probleme, wenn er eine lange Rute sieht.
- Den Tod von Mirco Nontschew. Das war zu früh.
- Die Weihnachtssendung von Otto Waalkes. Geht so. Auch sein „Waalkes in the winter Wonderland“ vermochte nicht zu überzeugen.
- Beerdigungen, bei denen man ohne Vorbereitung eine Rede halten muss. Eine wirkliche Herausforderung.
- Das Weihnachtslied von Ed Sheeran und Elton John. Angetreten, um Wham in seine Schranken zu weisen.
Ohrwürmer des Tages:
- Wir sangen die Udo-Jürgens- Winter- und Weihnachtslieder-Palette rauf und runter, nur um zwischendurch mal Karel Gott und die Prager Madrigalisten adeste fideles durch den Wagen schmettern zu lassen. Auch hier lagen Schönheit und Elend ganz nah beieinander.