Unsere bislang letzte Wanderung liegt nun bereits einige Wochen zurück und dennoch erscheint der Erfahrungsbericht dazu erst jetzt. Das liegt allerdings nur zum Teil an der stressigen und zeitraubenden Vorweihnachtszeit. Die Wahrheit ist, dass uns unser Weg in die Kreisstadt Bergheim führte. Und, was soll ich sagen?! Meine Großmutter mütterlicherseits, die übrigens selbst lange in Bergheim arbeitete, sagte einst: „Wenn man nichts Gutes zu sagen hat, sollte man besser schweigen!“. Genauso wie bei meinen zahlreichen Flirtversuchen Ende der 1990er Jahre halte ich mich nun aber doch nicht an diese weisen Worte, sondern bringe folgende Zeilen zu Papier, die zu schreiben mir schwer fielen.

Wenn man Bergheim, das regionale Oberzentrum als das sich eine Kreisstadt immer begreifen sollte, erreicht, dann führt der Weg fast zwangsläufig zum „Intro“ an der Kölner Straße, stadteinwärts. Einem „Einkaufszentrum“, das mit seinen verwaisten Fluren und ideenloser Bückware fast schon stellvertretend für diese Stadt ist. Motto: „Kann man so machen, ist dann aber Kacke!“. Verzeiht die ungewohnt derbe Ausdrucksweise, aber man ist sprachlos.
Huh Wäng, lang Jäng
Während andere Städte seit Jahren versuchen ihre zweifelhaften, ungemütlichen und zugigen Busbahnhöfe abzureißen beziehungsweise Konzepte zu finden, solche Bausündenden der siebziger Jahre zu ersetzen, baut man in Bergheim einen solchen Busbahnhof neu – in Kombination mit einer Art Einkauszentrumattrappe. Man weiß jetzt schon, wie dieser Busbahnhof in wenigen Jahren aussehen wird und von wem er frequentiert wird… Da muss man wahrlich kein Hellseher oder Vincent Raven für sein!

Und jetzt bitte ich einmal um Zuschriften von Menschen, die sagen können, dass in ihrer Stadt das Konzept: „Wir bauen ein Einkaufszentrum direkt an eine bestehende Fußgängerzone, die ohnehin schon sehr viel Leerstand aufweist“, funktioniert hat. In Aachen hat es ansatzweise funktioniert, dass neugebaute, architektonisch-herausragende Shopping-Center direkt in der Innenstadt sorgt nachgewiesen für mehr Laufkundschaft, dennoch hatte dies eine weitere Abwanderung von Geschäften in der unmittelbaren Innenstadtlage zur Folge gehabt. Unterschied zu Bergheim: Zumindest im Center selbst sind die Ladenflächen vermietet!
Dafür hat der berühmteste Sohn der Stadt im Bergheimer „Intro“ bereits Einzug gehalten und eine Ladenzeile angemietet. Schönes bleibt!

Die Fußgängerzone liegt nur wenige Meter entfernt und so flanieren wir jene hinab bis zum Aachener Tor. Das Abflauen der Kaufkraft, die Abwanderung oder Aufgabe von Fachgeschäften ist, wie in so vielen Städten, auch hier ein Thema. Zumindest scheint heute die Sonne…

Wir Beide verbinden noch viele Jugenderinnerungen an die Bergheimer City. Lange vor der Erfindung des Musikdownloads sind wir einst die neun Kilometer (je Strecke) nach Bergheim gelaufen (!) – nur um in „Marys Plattenshop“ neue Kassetten zu kaufen. Gut, wir hätten auch Bus fahren können, aber…ehrlich…wer fährt schon Bus?! Ich persönlich nur auf‘m Rollfeld und da auch nur gezwungenermaßen.
Eins, zwei, tap
Oder denken wir an herrliche Nachmittage in den Räumlichkeiten der Tanzschule Neumann zurück. Sinnloser haben unsere Eltern nie Geld aus dem Fenster geworfen. Sagen wir mal so: Wer uns nicht „Jive“ hat tanzen sehen, der hat nicht wirklich gelebt. Performance’s all about!

Damit es Jung und Alt aber auch beim Bummeln entlang der Schaufenster diverser Versicherungsbüros nicht fad wird, gibt es heute inmer noch den drehenden Stein! Begeisterung kann so einfach sein. Andere baden und räkeln sich in überdimensionalen Sektkelchen – mir reicht eine Steinkugel. Haben wir schon als Kinder geliebt. Es waren andere Zeiten.

Bergheim ist ja die Kreisstadt des Rhein-Erft-Kreises. Standesgemäß führt einer der beiden namensgebenden Strome durch die City. Für Auswärtige: Bitten raten sie jetzt, welcher Fluss gemeint sein könnte.


Einmal im Jahr ist es aber so, dass tatsächlich viele Menschen allüberall aus des Kreises Ecken (manche sogar aus Bedburg!) nach Bergheim reisen um einem schillernden Volksfest beizuwohnen. Immer rund um „Allerheiligen“ zieht die Stadt viele Gaukler und junge Männer zum Mitreisen an, die den „Hubertusmarkt“ am Aachener Tor zum größten Volksfest der Region machen – zumindest seit der bislang letzten öffentlichen Hexenverbrennung zu Hochkirch 1491.


Unser Weg führt anschließend auf die andere, wilde Seite der Stadt jenseits des „Knüchdamms“. Hier wohnt, wer es in Bergheim/Erft zu bescheidenen Reichtum (bspw. durch Hütchenspielen in der City) gebracht hat. Geschmackvoll dekorierte Parzellen offenbaren die verspielten Seelen der hiesigen Großgrundbesitzer.

Anschließend verlassen wir die Stadt, fahren wieder am „Intro“ vorbei und fragen uns, ob es auf diesem Wege nicht besser „Outro“ hieße…


Die Lieder der Woche
Wir sangen:
- Wer „Absolut Bella“ empfängt, der hat auch keine Sorgen mehr vor Hexenverbrennungen. Diesmal hielt der Sender des schadhaften Lächelns frische Musik von Rumäniens größtem Exil-Barden für uns bereit. Einer von uns war absolut textsicher. Der Grund dafür liegt in seiner Jugend, aber wir wollen nicht zu weit ausholen.