Drei Wochen lang mussten wir unsere Wanderungen ruhen lassen, weil einer von uns sonntags arbeiten musste und der andere an einem Wochenende in den Niederlanden weilte. Nach so einer langen Auszeit sollte man einen vorsichtigen Wiedereinstieg wählen. Leistungssportler kennen das Problem. Wie schnell hat man sich einen Muskel gezerrt oder eine Rippe gebrochen? Wir brauchen also einen Ort, an dem Entschleunigung herrscht und die Herausforderung für Füße, Augen und Ästhetiksinn nicht allzu hoch ist. Die Wahl fiel auf Brühl, genauer gesagt dessen vollkomen zurecht missachteten Stadtteil Badorf.
Es beginnt unspektakulär
Über die wieder – zumindest in einer Richtung, wie wir später feststellen sollen- befahrbare A61 reisen wir zum Bliesheimer Kreuz, wechseln dann auf die A553 und fahren in Brühl ab auf den Schnorrenberg – Einer von uns beiden fühlt sich verfolgt. Das Auto parken wir im Kastanienweg. Dieser befindet sich in direkter Nachbarschaft des Ulmen-, Nussbaum- , Birken- und Akazienwegs. Wie schön wäre es da, wenn in den jeweiligen Straßen die namensgebenden Bäume wüchsen, aber größtenteils sind es überall Buchen und Fichten. Vielleicht sind es auch Ahornbäume und Kiefern. Da sind wir uns selber nicht so sicher. Wir kennen nur Tannen- und Maibäume. So ziehen wir also munter und unbekümmert durch die diversen Baumstraßen, entdecken nichts, was wir nicht schon woanders in hässlicher, trauriger oder beleidigender gesehen hätten und fragen uns, worüber wir denn eigentlich schreiben sollen. Auffällig ist die Tatsache, dass vor vielen der „80er Jahre Quelle-Fertighäusern“ Tische und Stühle stehen. Anscheinend begeht die Nachbarschaft hier regelmäßig die ein oder andere Feierlichkeit. Mit einem Mal erblicken wir einen Turm, der sich bedrohlich in den grauen Himmel emporreckt. So recht scheint er für uns nicht zu passen in die doch ansonsten hier gängige Niedrigbauweise. Hören wir Schreie zu uns herüberklingen? Verwirrung und auch ein wenig Angst macht sich in uns breit. Am größten ist aber die Neugier, und so beschließen wir, den Schreien zu folgen.

Es liegt was in der Luft…
Unser Weg führt uns wieder den Schnorrenberg hinauf. Wir passieren erst eine Gaststätte mit Wintergarten auf der rechten und dann eine fragwürdige Unterkunft mit dem Namen „Berggeist“ auf der linken Straßenseite. Mit jedem unserer Schritte werden die Rufe lauter und sonderbare Geräusche wie von großen Maschinen mischen sich darunter. Bevor wir uns versehen, stehen wir auf einmal im Berlin des beginnenden 20. Jahrhunderts. Direkt vor uns steht ein zweigeschossiges Dampfkarussell, hinter dem sich eine lange, von prachtvollen Häusern und Geschäften gesäumte Hauptstraße erstreckt. Es duftet nach Waffeln, gebrannten Mandeln und einer sonderbaren Mischung aus Mango und Minze. Letzteres enstammt einem dieser elektronischen Rauchwerkzeuge, das von einem Mann im roten Jogginganzug und grünem Anglerhut benutzt wird. Noch immer ist uns nicht klar, wie wir hierhin gekommen sind und was all diese Menschen hier machen. Wir entschließen uns, das Terrain weiter zu erkunden. Sogar ein Hotel gibt es hier. Der Name lässt uns denken, dass hier vornehmlich französische Touristen oder aber Gestalten mit niederen Absichten angesprochen werden sollen. Beides trifft auf uns nicht zu und so schlendern wir weiter. Sogar ein Kino gibt es hier. Verwunderlich ist die Tatsache, dass hier nur ein Film gezeigt wird, zudem noch einer mit dem vor über zehn Jahren verstorbenen „Nackte-Kanone“-Schauspieler Leslie Nielsen. Vielleicht gibt es hier einen eigenen Fanclub?! Man weiß es nicht.

Auf einmal erblicken wir ein Schild, auf dem wir „Mousse au Chocolat“ zu lesen vermeinen. Wir sind beide ein wenig hungrig und betreten das Gebäude. Überall stehen Backzutaten und Leckerein herum und wir freuen uns schon sehr auf das Verkosten des Naschwerks. Leider wird daraus nichts, denn anscheinend handelt es sich hier um eine Art Ausbildungsbetrieb für Kammerjäger:innen und wir sind gezwungen, uns am Schulungsprogramm zu beteiligen. Also schießen wir mit Spritztüllen auf Mäuse, erhalten dafür sogar Punkte (der eine mehr, der andere weniger) und werden am Schluss von einem lauten Berliner sehr gelobt für unsere Leistung.
Auf der Suche nach Bilbo
Ein wenig stolz ziehen wir weiter und finden uns schlagartig in einer komplett neuen Welt wieder. Nichts erinnert hier noch an Berlin. Stattdessen wähnen wir uns in einer Gegend, die eine Mischung aus Wakanda und Auenland darzustellen scheint. Schon wieder erliegen wir einem Missverständnis, als wir dem Schild „Zum lustigen Papagei“ folgen. Wir vermuten dahinter ein Lokal mit Live-Unterhaltung. Stattdessen ist es eine Art Schleudertrauma-Verursacher, in den einer von uns nur noch mit sehr viel Mühe hineinpasst.

Ein wenig benommen torkeln wir in das Zentrum des Dorfes, eine komplett überdachte Schienenanlage, in deren Mitte sich eine Art Aussichtsturm befindet. Vermittels kleiner Gondeln gelangt man an dessen Spitze und wir wollen es uns nicht nehmen lassen, uns das ganze Spektakel mal von oben anzuschauen. Ein junger Fellwestenträger hilft uns beim Einstieg und nur wenige Sekunden später schießen wir in Richtung Donnerkuppel. Später erfahren wir, dass es sich bei diesem Bauwerk um eine Art Initiationsritual für die Kinder des Volkes handelt. Wie auch immer; Wir haben überlebt und ziehen schnell weiter.
Vielmehr irren wir durch die Gegend. Eigentlich möchten wir nach Hause. Unsere üblichen zweieinhalb Stunden sind längst um, wir haben Hunger und Durst und suchen verzweifelt nach dem Ausgang. Auf unserer Odyssee reisen wir durch Afrika, was uns jetzt auch schon egal ist und gelangen schließlich zu etwas, was wir für den örtlichen Bahnhof halten. Der Zug erscheint uns zwar ziemlich klein, aber die Lokomotive scheint gut in Schuss und so nehmen wir all unsere Hoffnung zusammen und gehen zum Bahnsteig. Der freundliche Bahnsteigwärter mit schwarglänzendem Haar bietet uns einen Sitzplatz direkt in der Lok an und wir wundern uns ein wenig, wo denn der Zugführer sitzen soll. Noch bevor wir protestieren können, röchelt jemand irgendetwas Unverständliches in ein Mikrophon und wir treten eine Fahrt an, von der wir uns den Rest des Tages nicht mehr erholen sollen. Zu allem Unglück haben wir anscheinend auch noch den Ausstieg verpasst und landen am Ende genau dort, wo wir eingestiegen sind.

Wir torkeln benommen durch die Gegend, nehmen so gerade noch wahr, dass wir anscheinend in China gelandet sind, weinen fast und suchen wie Gejagte nach dem Ausgang. China spuckt uns aus in ein Wikingerdorf, in dem Möwen schreien und die Leute Flammkuchen essen. Wann hört dieser Wahnsinn auf? Wir rennen bis nach Mexiko, hören wieder schreiende Menschen, erklimmen zahlreiche Stufen und finden uns dann in Berlin wieder. Endlich entdecken wir das Karussell und damit auch den Ausgang.
Kurz überlegen wir, ob wir uns schnell ein Törtchen holen sollen, aber der Fluchtinstinkt ist stärker. Wir laufen atemlos, schauen uns nicht mehr um und überqueren schließlich die Schwelle zur Realität. Eine fröhliche, kleine Dame winkt uns hinterher und ruft : „Tschüß Jungs. Bis bald.“
Wir rennen bis zur nächsten Ecke und bleiben erst stehen, als wir uns in Sicherheit wähnen. Dann gehen wir schweigend zum Auto und fahren auf dem schnellsten Weg (der verdammt lang ist, weil die Autobahn auf der Straßenseite gesperrt ist) nach Hause. Badorf, was ist los bei Dir?

Wir sprachen über:
- Das Schlageralbum von Hape Kerkeling. Wie konnte das passieren? Diese Musik möchte ich nicht mal auf der Kirmes hören.
- Gil Ofarim. Ist es jetzt entscheidend, ob er den Davidstern trug, oder nicht?
- Familienurlaube oder überhaupt Urlaube mit mehr als zwei Leuten. Wir schlagen vor: Pro zwei Personen ein Bad und eine Toilette. Alles andere ist schwierig.
- Wildwasserbahnen und deren Auswirkungen auf Haar und Kleidung.
- Dieses Phantasialand. Das muss doch auch irgendwo in der Nähe sein. Vielleicht beim nächsten Mal.
- Den Personalmangel, der allenthalben zu beklagen ist. Vor allem die Gastronomie ist arg gebeutelt.
Ohrwurm des Tages:
- Ich hab noch einen Koffer in Berlin.
- Pigalle von Bill Ramsey, weil uns der Chef der Mäusevernichtungsfirma an ihn erinnert.
- Holding out for a hero von Bonnie Tyler, als wir ganz am Ende waren