Eine neue Wanderung stand an und es galt, sorgsam die Destination abzuwägen. Der Tag war trocken, aber nicht sonnig, die Stimmung gut, aber nicht ausgelassen. Wir brauchten also einen Ort, der dieses Dazwischensein in Greifbares verwandelt und so entschieden wir uns für gleich zwei Frechener Stadtteile: Buschbell und Hücheln. Soviel sei vorweg genommen: Buschbell hält nicht, was der Ortsname verspricht. Die Büsche sind meistens Hecken und weit und breit konnten wir nichts entdecken, was irgendwie „bell(e)“ gewesen wäre. Da „Hücheln“ sowieso klingt wie eine Lungenkrankheit, war hier die Enttäuschung weniger groß.
Tipps und Tricks vom Experten
Wir starten unsere Wanderung in der Römerstraße an der Heilpädagogischen Kita „Käthe Kraemer“ in der einer von uns beiden seinen Zivildienst absolviert hat. Hier hat eben jener einige wertvolle Lifehacks erlernt, zum Beispiel, dass in Sagrotan getränkte und zu kleinen Küglechen geformte Taschentuchfetzen sich sehr gut eignen, um in die Nasenlöcher gesteckt zu werden bevor man die ein oder andere Windel wechselt. Gerne geschehen!
Anscheinend hat sich in der Römerstraße seit dem Durchmarsch der namensgebenden Legionen der Straßenbelag nicht geändert. Die Hausfassaden wurden aber durchaus der ein oder anderen Modernisierung unterzogen. Handelte es sich um Haarschnitte, wären die Worte „flippig“ und „verspielt“ wahrscheinlich die passenden. Von hier kommen wir direkt auf die Paul-R.-Kraemer-Allee und die geneigte Leserschaft wird vielleicht hier schon feststellen, dass der Name „Kraemer“ und Buschbell fest miteinander verbunden sind. Warum man diesen besseren Feldweg, der unter der Autobahn herführt aber „Allee“ genannt hat, erschließt sich uns nicht. Kurz vor der Autobahnbrücke entdecken wir ein geöffnetes Tor, hinter dem sich ein von Laternen gesäumter Pfad befindet. Wir beschließen natürlich, diesem zu folgen, gelangen aber nur zu einer Art Gartenhaus und dem Hintereingang eines Kindergartens, bei dem anscheinend viel Wert auf eine rauchfreie Umgebung gelegt wird.

Also kehren wir wieder um, pflücken im Vorbeigehen noch eine Mirabelle von einem tief hängenden Ast und sind wieder auf der prachtvollen Allee (warum nicht gleich „Boulevard“?), die wir weiter in Richtung Felder erkunden.

Wohltäter dem Wildwuchs preisgegeben
Nach kurzer Zeit gelangen wir zu den Anlagen der Gold-Kraemer-Stiftung. Deren Gründer*innen Paul R. und Katharina Kraemer haben sich zu Lebzeiten sehr für Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung eingesetzt und Kindergärten, Schulen, Wohnheime und therapeutische Einrichtungen im Rhein-Erft-Kreis ins Leben gerufen. Dafür gebührt Ihnen Dank und Respekt. Die Verwahrlosung, die rund um das gesamte Grundstück um sich greift, irritiert uns allerdings ebenso sehr, wie das ein oder andere Schild.

Die am Feldrand angeschütteten Erdhaufen und im Besonderen deren beißender Gestank schlagen uns schließlich in die Flucht und wir gehen über den Mühlenweg zurück in Richtung Ortseingang. Hier passieren wir noch kurz das ehemalige Domizil eines Motorrad- und Rockerclubs, dessen Chef aber mittlerweile die Fenster gegen Stahlverstrebungen eingetauscht hat.

Ab geht’s auf die Burghofstraße und wir können uns vorstellen, dass es hier vor 500 Jahren mal sehr beschaulich gewesen sein muss. Heute fallen die dortigen Häuser eher in die Kategorie „Da schau her. So kann man auch wohnen.“ Wir beschleunigen unseren Schritt ein wenig, passieren schließlich die „Casa Stadelmann“ (liebe Buschbeller*innen, wir müssen reden.) und finden uns dann auf der Ulrichstraße wieder.

Ihr Wahnsinnigen! Ihr habt die Erde in die Luft gesprengt!
Hier biegen wir rechts ein und kommen an einer Goldschmiede vorbei, die Geschmeide feilbietet, das bei manchen Menschen zum Weihnachtsbaumschmuck taugt. Gegenüber liegt die örtliche Bäckerei, die wir aufsuchen, um uns flüssige und feste Stärkung zu holen. Als wir den Laden betreten, spüren wir die argwöhnischen Blicke der Mitarbeiter- und Kundschaft auf unserer Haut. Man bedient uns auch erstmal nicht, vielleicht, weil sich niemand traut oder weil wir uns noch nicht als würdig erwiesen haben. Nach vier Minuten dürfen wir den Laden dann aber mit Kakao (1,20€), Brezel (0,85€) und einer Cola (2,00€ für 500 Milliliter) verlassen. Wir gehen weiter und gelangen zur Kirche St. Ulrich. Im Umfeld dieses Sakralbaus wurde soviel Beton und Stein in die Erde geschmettert, dass irgendwie alles grau und kalt wirkt. Wir denken an die Schlussszene von „Planet der Affen“ und rufen „Ihr Narren, was habt ihr getan?!“ .

Nun gehen wir in Richtung Hücheln, das in der Tat ein paar schöne Häuser -vor allem in der Aegidiusstraße- zu bieten hat. Letztendlich überwiegt hier aber auch der nüchtern-nichtssagende Stil der Stahlliebhaber. Irritiert sind wir von der Tatsache, dass uns auf diversen Grundstücken Menschen hinter Stahlzäunen begegnen, die uns unverständliche Worte zuraunen oder einfach nur auf den Boden schauen. Ein ca. fünfjähriges Mädchen ruft uns „Opa!“ zu und wir fühlen uns schlagartig unwohl.

Wir laufen wieder in Richtung Buschbell und entdecken erstaunlich viele Vorgärten mit Hortensien. Sollten diese die Orchideen auf den Fensterbänken ersetzen? Banget nicht, Freunde. Es geht beides!
Auf dem Rückweg laufen wir sowohl über den Hüchelner als auch den Buschbeller Friedhof. Beide nicht der Rede wert. Mit großer Besorgnis beobachtet einer von uns den Trend, Gräber mit farbigem Rindenmulch zu bestreuen. Es bleiben viele Fragen.

Für heute haben wir genügend Eindrücke gesammelt. Hätten wir länger bleiben müssen, hätten wir eine Delphin-Therapie gebraucht.
Fazit: Leben zwischen Autobahn und Krankenhaus – das kann nicht gut sein.
Wir reden über:
Diverse Feierlichkeiten in unseren Jugendjahren. Irgendwo waren immer irgendwelche Eltern verreist und jemand hatte somit sturmfrei. Schlimm war Dan’s 16. Geburtstag. Dass das Haus danach noch stand, ist wirklich ein Wunder.
Die Eltern werden älter. Herrje, wie konnte das passieren?
Krankenhausaufenthalte und diverse Malaisen.
Das neue Video von Helene Fischer und die unglaublichen Zuschauerzahlen bei der Erstausstrahlung. Das Lied ist natürlich wieder ein Meisterwerk. Hier darf sich „marte“ noch auf „Sprache“ und „Körper“ auf „Wörter“ reimen. Herz, was willst Du mehr? Singende Menschen in Raumschiffen haben wir übrigens schonmal gesehen und irgendwie hat es uns besser gefallen.
Ohrwurm des Tages:
Absolut bella schenkt uns zu Beginn des Tages wieder ein Lied von Adamo – Ein kleines Glück.
Auf der Wanderungen singen wir „Schmidtchen Schleicher“ und stellen fest, dass diese in Töne gefasste Stalking-Serenade heute nicht mehr einfach so geschmettert werden kann. Auf dem Friedhof fällt uns der deutsche ESC-Beitrag von 2001 ein und wir singen „Wer Liebe lebt“. Den krönenden Abschluss schenkt unser aber wieder unser Lieblings-Radiosender mit dem unfassbaren „Lied“ „Und über Rhodos küss ich Dich“ vom Nockalm Quintett. Auf dem weiteren Weg sind wir uns einig, dass wir Zuhause erstmal duschen gehen.