Wir haben ja im Laufe der vergangenen Wanderungen erfahren und hinnehmen müssen, dass Deutschland das Land der „Orchideen-im-Fester“-Freunde ist. Was uns aber diesmal in Bedburg-Rath erwartete, kann man getrost als floralen Coitus bezeichnen. Doch der Reihe nach.
Das Wetter lässt im frühen Hochleistungssommer 2021 einmal mehr zu wünschen übrig und so beschließen wir in eine Gegend zu fahren, in der es sowieso meist eher etwas wolkenverhangen ist. Die in Sichtweite donnernden Kraftwerke leisten dort 24/7 gute Arbeit. Noch! Denn auch das soll ja in näherer Zukunft vorbei sein. „Vorbei“ ist uns ein gutes Stichwort, denn auch in unserem heutigen Ziel ist einiges vorbei. Der gute Geschmack beispielsweise oder ortsnahe Einkaufsmöglichkeiten.

Direkt bei Erreichen des Ortseingangs umgibt uns ein Gefühl des herzlichen Willkommens. Während wir tatsächlich nach einem Parkplatz suchen, sehen wir, wie Autos auch aussehen können. Ist es Zufall? Ist es Abschreckung des ortsfremden Besuchers? Nahe des architektonischen Juwels Sankt Lucia-Kirche finden wir zwar leider keine kerzenbesetzten Haarreifen, aber zumindest einen halbwegs sicher erscheinenden Parkplatz an der Friedensstraße. So ein schöner Straßenname. Schönheit liegt aber ja auch im Auge des Betrachters

Das Kirchenareal samt Schiff und Exerzierplatz fällt uns schnell ins Auge. Es erinnert einen von uns an seine Zeit in einem toskanischen Kloster. Der andere fühlt sich an die letzten Minuten von Oberst Graf von Stauffenberg erinnert.
Aussicht ist alle(s)
Schönheit liegt ja oft im Verborgenen oder im Auge des Betrachters. Bei näherer Betrachtung der ersten Pension am Platze muss der Schönheitsbegriff dann schon arg ausgereizt werden. Ob Hilde auch einen Fahrradverleih anbietet wissen wir nicht, wollen es auch irgendwie gar nicht so genau wissen, sondern gehen schnell weiter Richtung Ortsausgang.

Was auffällt ist, dass wir innerhalb der ersten zehn Minuten noch keine orchideeberankten Fenster sehen mussten, wie sie sonst in deutschen Ein- und Mehrfamilienhäusern nahezu zum guten Ton gehören. In Rath haben die Menschen wahrscheinlich lange überlegt, welche dekorativen Sujets ihren Ort einzigartig (unique) machen. Und weil guter Rat(h) teuer ist (ja, der musste sein) hat man sich für Eulen entschieden. Uns lachen alleine auf der Friedenssraße sehr viele steinerne Eulen (manche auch aus Steinimitat) an und wir beschließen den Ort noch einmal des abends aufzusuchen, denn die meisten der gefiederten Freunde haben als Augen neckische Halogenlampen eingebaut bekommen. Abends ist das sicher herrlich und gar nicht verstörend anzusehen.
From a distance
Wie sang bereits der großartige Ausnahme-Entertainer Peter Alexander? „Aus der Ferne…“ Ja, aus der Ferne wird vieles schöner. Vieles. Nicht alles! Wir verlassen Rath kurzzeitig und werfen nach dem obsoleten Besuch der örtlichen Ruhestätte einen Blick zurück. Oft hat so ein Ortseingang mitsam Panoramasicht ja etwas magisches. Oft. Nicht immer.

Eine Zeit lang gehen wir nun quasi außen an Rath vorbei und sind irritiert fortwährend Schussgeräusche zu hören. Wird dort das Mittagessen noch gejagt? Hat sich unser Besuch bereits herumgesprochen? Diese Geräusche werden auch nicht weniger. Da wir auch keinen Menschen begegnen, stellen wir uns alsbald die Frage, ob wir den Ruf zum großen Halali verpasst haben. Dan ist der Meinung, die Schussgeräusche stammen sicher aus einem der Kraftwerke und sind technischen Ursprungs. Kai dagegen ist froh bald in den Mohnweg und damit zurück in den Ort einbiegen zu können. Schließlich bieten Hecke, Häuser, Garagen und Eulen ja auch Schutz.
Kunstblumenparadies deluxe

Waren es in der Friedensstraße noch die kunstvoll gepressten Eulen aus Hartwachs, so sind es nun im Viertel „Mohnweg/Margeritenweg/Fliederweg“ nicht minder kunstvoll arrangierte Kunstblumenbouquets, die einige Vorgärten schmücken und uns den Atem rauben.
Der gute Geschmack ist die Fähigkeit, fortwirkend der Übertreibung entgegenzuwirken
Hugo von Hofmannsthal
Wir merken also: In Rath sind gute Ratschläge längst vergessener Schriftsteller nichts wert, sondern es zählt vielmehr das Motto „Dezenz ist Schwäche!“ Hier kann sich jedes Sonnenstudio noch Anregung für die Inneneinrichtung holen.

Später sollten wir erfahren, dass dies noch lange nicht alles an Kunstblumenarrangements gewesen sein soll und dass ein „Mehr“ immer noch möglich ist.
Mal abgesehen von einem Friseurstudio (m/w/d) haben wir keine Ladenlokale des täglichen Bedarfs ausgemacht. Und auch ein Friseurstudio muss nicht täglich aufgesucht werden (außer natürlich bei Vollmond). Dafür bietet der Ort aber eine Restauration, die neben einer umfassenden Speisekarte mit einem heiteren Wortspiel aufwarten kann:

Auch jenseits kauzverliebter Ornithologen und Freunde floraler Festtagsblumen bietet Rath Ablenkung vom Alltag und födert das Erinnern an längst vergessene Zeiten. So öffnet dort zumindest in der Sommersaison das „Rosengart-Museum“ seine Pforten und bietet neben allerlei technischen Errungenschaften von einst auch einen schmucken Biergarten, der – so erzählt man es sich – auch bei Bikern sehr beliebt sei. Auf dem Weg dorthin erleben wir dann das nächste Kunstblumen-Armageddon. Es ist manchmal mühsam…



Die Themen der Woche
Wir sprachen über:
- Angela Lansbury und ihren Welterfolg „Beauty and the beast“. Muss man gesehen haben. Am besten ihren Auftritt im Rahmen der Eröffnungsfeierlichkeiten von „Euro Disney Paris“. Damals moderiert von Thomas Gottschalk. Als Gäste waren neben Angela Lansbury noch Gina Lollobrigida, Tina Turner, José Carreras und Peter Maffay (!!) mit dabei. Gibt’s hier zum Nachgenießen.
- Juliane Werding und ihr neues Wirken als Heilpraktikerin und Lichtheilerin. Ob sie dabei auch singt? „Wenn Du denkst, das hilft, dann denkst Du nur, das hilft….“
- Lange nicht gehörte Wörter wie bspw. „Soot“! Kölsche wissen sofort, was damit gemeint ist und durch Teile Raths führt auch eine solche. Passt zum Ort! (Bevor wer nun nachgoogelt: Die Übersetzung lautet: Gosse)
Die Lieder der Woche
Wir sangen:
- „Kornblumenblau“ von Willy Schneider
- „Kornblumen“ von Altbarde Jürgen Drews. Genauer gesagt, sang nur Kai den Song, das Oeuvre ist bislang an Dan vorübergegangen. Unverständlich! Das Video sei hier sehr ans Herz gelegt. Es lässt einen verwundert zurück…
- Unser favorisierter Powersender „Absolut Bella“ entdeckt mehr und mehr kölsches Liedgut und überraschte uns auf der Hinfahrt nach Rath mit einem Klassiker der „Räuber“: „Kölsche Junge bütze jot“
- Ebenfalls in der Playlist der unerschrockenen Musikredakteure von „Absolut Bella“ stand dann auch einmal mehr „Michelle“. Eines muss man der ehemaligen Hundefriseurin aus Frechen lassen: Ihr Timbre ist so speziell, das es unverwechselbar ist und sich unangenehm im Trommelfell festsetzt. „Wer Liebe lebt“ (wäre besser Hundecoiffeurin geblieben – die hören diese Töne vielleicht auch gar nicht…)