Mit unserer Wanderung durch Niederbolheim am vergangenen Sonntag haben wir die Kerpen-Reihe zum Abschluss gebracht. Inspiriert von dem Chanson der deutschen Band „Insterburg und Co.“ singen wir also „Doch dann wurde es uns in Kerpen zu klein, so zogen wir nach Gymnich ein.“
Wir parken den Wagen am Erftmuseum, dessen Areal wir direkt erkunden. Ein Besuch sei allen ans Herz gelegt, die etwas mehr über diesen Fluss mit seinen vielen Armen, Nebenflüssen und Flutkanälen wissen wollen. Neben dem Museum ist ein Wasserspielplatz, der unter Nicht-Pandemie-Bedingungen dazu einlädt, die Brut in Wasser, Schlamm und Morast spielen zu lassen während man selber damit beschäftigt ist, sich gegenseitig im Zehnminutentakt Autan aufzutragen.

Vom Museum und Spielplatz führt uns unser Weg zunächst über die A61 und wir denken unweigerlich an unsere letzten Holland-Besuc. Mit Tränen in den Augen winken wir Richtung Venlo und gehen dann weiter. Ziemlich schnell gelangen wir an ein Bauwerk, das von einem Makler wahrscheinlich mit den Worten „Rohdiamant mit Potential“ beschrieben werden würde. Hier können sich engagierte Heimwerker*innen mal richtig austoben.

Ehemalige Familienunterkunft wird Hotel
Wir biegen links ab auf die Balkhausener Straße und erblicken die unverwechselbare Skyline von Gymnich. Besonders der Zwiebelturm der katholischen St. Kunibert-Kirche sticht direkt ins Auge. Am Ende des Weges angelangt, biegen wir rechts ab und kommen damit zur ehemaligen Unterkunft einer irisch-spanischen Gastarbeiterfamilie, die sich durch Sangeskunst, Haarpracht und fragwürdige Kleidung ein Denkmal in den Herzen vieler deutschen Frauen der Jahrgänge 1960 bis 1990 gesetzt hat. Hier, auf Schloss Gymnich, hat die Kelly-Family vier Jahre lang gehaust und scharenweise – meist weibliche – Fans aus der gesamten Bundesrepublik angezogen. Das Schloss befindet sich derzeit im Umbau und soll bald als Hotel wiedereröffnet werden.

Nach dem Schloss kommen wir zum Rittplatz, der mitsamt dem Rittaltar für den bekannten „Gymnicher Ritt“ eine entscheidende Rolle spielt. Wer Pferde mag, wird Gymnich lieben.
Wir gehen weiter und kommen zur Sankt Kunibert-Kirche, die mit ihrem Schild am Treppenaufgang für viele Fragen bei uns sorgt. Trotzdem gehen wir unbeirrt weiter und wenden uns dem Friedhof zu, der für einen Ort dieser Größe erstaunlich viel zu bieten hat. Hier kann man Gymnichs ritterliche und erzbischöfliche Vergangenheit noch sehr gut erkennen. Über Haagstraße und Schützenstraße gelangen wir wieder auf die Gymnicher Hauptstraße, wo uns die Filiale der Bäckerei Schneider zum Eintreten einlädt. Kai schleppt nämlich seit ungefähr einer Stunde sein Kakao-Trinkpäckchen mit und braucht dringend eine geeignete Backware dazu. Die Auswahl ist nicht groß, aber dank der Mischung aus Hunger und Verzweiflung findet sich etwas. Wir verlassen die Backwarenaufbereitungsstelle und unsere Blicke fallen auf ein Werbeschild, das uns neugierig macht.

Was mag dieses „mehr“ sein, das Natalie zu bieten hat. Neugierig folgen wir dem Wegweiser, nur um bald zu erkennen, dass das Angebot längst nicht so vielversprechend ist, wie wir uns das vorgestellt haben. Im Wesentlich gibt es bei Natalie wohl Ballons. Sei’s drum.
Über die Kohlstraße kommen wir zu „Am Fußfall“ und sehen hier, dass Geschmack nicht naturgegeben ist. Hier erblickt man einige architektonische Monstrositäten und denkt bei jeder optischen Beleidigung, dass es nun ja eigentlich nicht mehr schlimmer kommen kann. Die Krönung der bauwerklichen Ohrfeigen erwartet uns aber erst am Straßenende. Wir haben wieder viele Frage, von denen wir an dieser Stelle nur zwei Stellen möchten: 1. Warum? Und 2. Was verbirgt sich in diesem Gebäude? In beiden Fällen haben wir Angst vor der Antwort.

Bauwerke für die Ewigkeit
Hin und wieder begegnen uns auf unserem Weg Schilder, die an diversen Häuserwänden angebracht wurden. Wir wissen nun, wo Schützenkönig*in, Kinderprinzessin und weitere Honoratioren der örtlichen Schießgesellschaft wohnen. Mitunter wissen wir nicht, ob es sich bei manchen der gezeigten Paare um Lebenspartner oder Geschwister handelt, aber das spielt ja vielleicht gar nicht mal so eine große Rolle.
Unser Weg zurück führt uns noch an der evangelischen Emmaus-Kirche vorbei, die, wie die meisten ihrer Schwestern nicht durch Schönheit besticht. Kai äußert hier die Vermutung, dass, wer dreimal durch die Architekturprüfung fällt, fortan evangelische Kirchen entwerfen muss. Der Fassade würde ein kleiner Spiderman auf jeden Fall guttun.

Gegen das Vergessen.
Entlang der Erftaue gehen wir zurück und entdecken hier noch viele sonderbare Dinge. Dazu gehört der sogenannte „Wald der Erinnerung“, der nicht größer als ein Esstisch ist. Vielleicht hat man einfach vergessen, ihn weiter zugänglich zu machen.
Außerdem wundern wir uns über die gelegentlich aus den Wiesen ragenden Pfähle. Welche Bewandtnis mögen Sie haben? Finden hier rituelle Feiern statt? Werden abtrünnige Bürger*innen hier mit Sitzfolter zur Raison gebracht? Liegen darunter Hünen begraben, bei denen die Leichenstarre nicht aufgehört hat? Gymnich, wir haben Fragen.

Wir biegen links ab, kommen an der wirklich sehenswerten Falknerei von Piere Schmidt vorbei und gelangen dann wieder zum Auto.
Fazit: Gymnich hat auf jeden Fall mehr Schönes als Hässliches. Architektonisch gibt es hier einige Experimente, die nicht unbedingt gelungen sind. Das Volk ist freundlich und zutraulich.
Die Themen der Woche
- Die unterschiedlichen Formen des Niesens. Kai niest extrem laut und droht dabei, fast einen Salto zu schlagen. Dan muss mindestens dreimal niesen, kommt aber meistens eher auf fünf bis sechs Schübe. Dies sorgt vor allem bei Fahrten auf der Autobahn bei 150 km/h für Nervenkitzel
- Büttenreden und Karnevalslieder. Als wir an einer Kuhherde vorbeikommen, ist sich Kai nicht zu blöd dafür, den großen Karnevalisten „Et Botterblömche“ mit seinem legendären Satz „Eine Kuh macht Muh, viele Kühe machen Mühe“ zu zitieren. Dann fällt uns die Blaue Partei, der Weltenbummler und viele andere Größen ein.
- Die neuen „Lockerungsmaßnahmen“ der nordrheinwestfälischen Landesregierung. Es fielen viele Schimpfwörter.
- Das Hochzeitsfoto von Beatrix von Storch. Es sieht aus wie eine Werbeanzeige für Empfängnisverhütung.
- Die grandiose Serie „Schitt’s Creek.“ Ein großer Spaß!
- Restfeuchte bei Waschmaschinen. Heikles Thema.
- Diese unsägliche Jacobs Krönung Reklame aus den 90ern, die von Oliver Kalkofe treffend parodiert wurde. Überhaupt Jacobs Krönung. Wer hat sich denn diese Clips einfallen lassen?
Die Lieder der Woche
Kai singt immer mal wieder „Un et Arnöldche fleut“. Als wir einem Fahrradfahrer mit weißem Haupthaar und Schnäuzer begegnen, ruft dieser bei uns die gleiche Assoziation hervor und wir singen zeitgleich „An der Nordseeküste“ . Auf dem Rückweg hören wir bei absolut bella Frank Duval mit „Give me your love“ und Peter Petrel mit „Oh man, ich bin viel zu bescheiden.“ Wir beschließen, für den Rest des Tages kein Radio mehr zu hören.