
Kerpen-Manheim befindet sich (noch) in der Jülich-Zülpicher Börde. Bis vor wenigen Jahren verlief die A4 Aachen-Köln noch nah am Ort. Wie so viele Straßen hier, ist auch die Autobahn hier längst Geschichte. Eigentlich wollten wir Manheim an einem regnerischen und kalten Tag besuchen – passend zur Stimmungslage in diesem fast schon gänzlich verstorbenen Ort. Politik und RWE haben das Ende des Kerpener Stadtteils längst beschlossen, Meter für Meter fressen sich die riesigen Schaufelradbagger des Tagebaus Hambach in Richtung eines Ortes, der einst 1761 Einwohner hatte (1974). Heute leben dort nur noch knapp zwei Dutzend Menschen. Die Bushaltestellen sind zerstört, selbst Briefkästen haben wir nicht mehr erblickt. Die Infrastruktur scheint dort langsam zum Erliegen zu kommen, mehr noch als in Bautzen 1990. Ein Jahr haben die letzten verbliebenen Einwohner noch Zeit nach Manheim (neu) oder wohin auch immer umzuziehen (Bautzen?), dann soll der Ort endgültig abgerissen werden. Die Diskussion, ob das wirklich noch nötig ist, ob der Tagebau Manheim überhaupt noch erreichen wird, die lassen wir hier mal sein. Es ist auf jeden Fall traurig einen Ort so zu sehen, den wir noch anders kannten.
Lasst Bäume in den Himmel wachsen

Kai beispielsweise erinnerte sich an einen Pressetermin, der Ende der 1990er Jahre gewesen sein muss. Die damalige Ortsvorsteherin (par la grâce de Dieu) lud einst zur Baumpflanzaktion in „ihren“ Ort. Kai, damals Reporter bei der „WerbePost“ war immer schon ein harter Hund, ganz auf Konfro und harte Nachfragen gebürstet und stellte die (damals schon berechtigte Frage), ob es sich denn noch lohne hier neue Bäume zu pflanzen. Das mag vielleicht ein wenig unsensibel gewesen sein, doch nun schlägt auch für diese Bäume das letzte Stündlein. Die Reaktion der Ortsvorsteherin könnte man übrigens auch als unsensibel bezeichnen, aber das ist lange her.

Merkwürdigerweise war am Tag unseres Besuches relativ viel los, es gab kaum noch einen freien Parkplatz. Was war los? Bereiteten alle ihre Flucht vor? Drohte die Zombie-Apokalypse? Gab es noch mal einen heiteren Garagenflohmarkt? Mitnichten. Viele Menschen nutzten den Aufruf zu einer „Anti-Braunkohle-Demo“ zu erscheinen. Barg dies doch die Möglichkeit aus der Lethargie des monatelangen Lockdowns auszubrechen und endlich noch mal die roten Blüschen überzustreifen. Rot scheint die Farbe der Braunkohlegegner zu sein. Wir trugen leider wieder nur rote Unterwäsche und darüber warme Brauntöne (sanftes Ocker), hatte uns doch die typspezifische Farbberaterung im heimischen Schönheitssalon attestiert Erdfarbentyen zu sein.

Die Kirche ist bereits vernagelt, damit kennen sich Katholiken ja aus. Aber zumindest steht sie noch – was man von vielen Häusern nicht mehr sagen kann. Vieles ist bereits abgerissen und verwahrlost, Bilder die man sonst nur vom Aschermittwoch aus der Kölner Südstadt kennt. Forsthausstraße und Sonnenblumenweg klingen idyllisch – die Realität dort schaut weniger idyllisch aus. Wir fragen uns, ob nicht längst Location-Scouts großer Hollywoodstudios vor Ort waren. Als Endzeitkulisse für Filme mit Vin Diesel, Tom Cruise, Linda Hamilton oder Chevy Chase wäre es hier perfekt. Zur Not kann aber auch Erdogan Atalay mit seinem „Cobra11“-Team hier den Rest erledigen.
Was vom Orte übrig blieb

Unweit des Ortes befindet sich die Steinheide, Heimat des „Erftlandrings“. Auf dieser Kart-Strecke haben die Schumacher-Brüder den Grundstein ihrer Karriere gelegt. Im Manheimer Gemeindehaus (außer Betrieb) fand dann ja auch 1995 die Trauung von Michael Schumacher und seiner Corinna statt. Daran können sich aber hier nicht mehr viele erinnern – einfach weil es nicht mehr viele gibt.

Wir folgten den aufrechten Recken der Antikohlebewegung und wollten einfach mal sehen, wohin es die Demonstranten so trieb. Was uns dabei umtrieb war derweil eine semi-professionelle soziologische Schnellstudie, die uns zu folgenden Ergebnissen brachte:
- Antikohlekraftdemonstranten fahren mit ihrem Verbrennermotor gerne so nah wie möglich an den Demo-Startpunkt
- Antikohlekraftdemonstranten sind anscheinend Zielgruppe der Linkspartei (zumindest war der Ortsverband sehr präsent
- Antikohlekraftdemonstranten haben als Typus-Vorbilder entweder Willi Tanner oder Hans Beimer
Wie dem auch sei: Als einige Nachwuchsprotestler vom Typ „Kaukasische Knochenbrecher“ plötzlich die schwarzen Masken aufzogen, war es Zeit für uns zu gehen.

Die Lieder der Woche
Wir sangen:
– Abschied ist ein scharfes Schwert – Roger Whitaker
– Burning down the house – The Cardigans feat. Tom Jones
– Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei – Stephan Remmler
