
Für den heutigen Tag fällt unsere Wahl auf gleich mehrere Orte, die nah beieinander liegen und einiges miteinander teilen. Ohne, dass wir hier weiter recherchiert hätten, glauben wir doch fest, dass die Suizidraten in Oberaußem, Niederaußem und Auenheim kreisweit die höchsten sein könnten.
Oberaußem hat dabei noch Glück: Hier gibt es noch verzweifelte Versuche, sich gegen den industriell-romantischen Anblick des Kraftwerks, den damit verbundenen immer wolkenverhangenen Himmel und die überall präsente Lethargie zu stemmen. Aber der Reihe nach.
Grasse Kastanie
Wir fahren mit dem Auto nach Oberaußem, von dem Dan weiß, dass es sich dabei um einen der wenigen Orte des Rhein-Erft-Kreises handelt, die Eingang in die Weltliteratur gefunden haben. Hier steht nämlich die sagenumwobene „Grass-Kastanie“. Dan glaubt sich zu erinnern, dass diese auf dem Friedhof in Oberaußem zu finden ist und so steuert er diesen zielsicher an. Nach dreißigminütiger Suche und unter Zuhilfenahme von Google (was bei einem Netzempfang von Edge-Qualität viel von einem Glücksspiel hat) stellen wir fest, dass Oberaußem zwei Friedhöfe hat. Wir stehen auf dem sogenannten „Waldfriedhof“, was wir beide für einen Euphemismus halten. Die Grass-Kastanie befindet sich hingegen auf dem alten Friedhof, den wir sofort ansteuern. Auf dem Weg dorthin stellen wir fest, dass der Name „Oberaußem“ wahrscheinlich abgeleitet ist von der fast schon alpinen Lage des Ortes. Hier kann man ein paar Höhenmeter machen und nur Dank unserer mittlerweile hervorragenden Kondition schaffen wir es ohne längere Pause zum Friedhof.
Kaum haben wir das Tor zum Gottesacker durschritten, erblicken wir die Kastanie. Nun ja, wir erblicken das, was von ihr übriggeblieben ist. Die Kastanien-Miniermotte hat sich in den letzten Jahren schwer daran zu schaffen gemacht, und was von ihr verschont wurde, hat man durch einen entschlossenen Kahlschlag vernichtet. Trotzdem bleibt es ein majestätischer Anblick, der mit Sicherheit zum Schönsten gehört, was die Wanderung des heutigen Tages zu bieten hat. Hier hat als Günter Grass gesessen und die folgenden Zeilen geschrieben:

„Welch eine Aussicht!
Zu unsren Füßen das Braunkohlenrevier des Erftlandes. Die acht gegen den Himmel dampfenden Kamine des Kraftwerkes Fortuna. Das neue, zischende, immer explodierende wollende Kraftwerk Fortuna Nord. Die Mittelgebirge der Schlackenhalden mit Drahtseilbahnen und Kipploren darüber.“
Man muss schon über einen sehr bodenständigen Geschmack verfügen, um das alles schön zu finden, aber sei’s drum. Neben Günter Grass hat hier auch der ehemalige Box-Weltmeister Max Schmeling gesessen, als er noch im Kraftwerksbau Fortuna gearbeitet hat. Dass er 100 Jahre alt geworden ist, schreiben wir der konservierenden Wirkung der Kraftwerkswolken zu.
Was uns sehr verwundert ist die Tatsache, dass trotz schönstem Wetter keine Menschen zu sehen sind. Natürlich kann das verschiedene Gründe haben:
- Die Zombieapokalypse hat in Oberaußem begonnen und niemand hat darüber berichtet. Die einzigen Zeugen der ehemals menschlichen Bewohner sind die grausigen Fensterdekorationen. Woher kommt eigentlich die Sitte, Orchideen in all ihrer Hässlichkeit der Öffentlichkeit zu zeigen?
- Die Bewohner Oberaußems sind nachtaktiv und scheuen das Tageslicht. Wahrscheinlich hat der jahrelange Blick auf Niederaußem für eine nachhaltige Schädigung des Sehnervs gesorgt.
- Man hat uns als „frisches Blut“ identifiziert als wir dem Auto entstiegen sind und bereitet nun unser Ableben vor.
- Es ist Mittagszeit und wie es sich gehört, sitzen alle im Esszimmer, das durch die stilvolle Kombination von Bauernmöbel, Häkeldecken und Neonbeleuchtung besticht. Die mannigfaltigen Gerüche, die uns von den einzelnen Häusern entgegenströmen lassen erahnen, dass hier so etwas ähnliches wie Essen zubereitet wird, Andernfalls kehren wir zurück zu Alternative 3.
Den Friedhof verlassen wir über die lange Treppe, die uns zur Kirche und von dort aus weiter aus dem Ort heraus führt. Ein kurzer Halt am Kreisverkehr, der dem Radsportverein „Freie-Bahn e.V.“ gewidmet ist. Kurz erwägen wir eine neue Serie ins Leben zu rufen, die wir „Kunst am Kreisel“ nennen, aber die zu erbringenden Opfer wären zu groß. Vom Kreisverkehr aus gehen wir ein Stück in Richtung Niederaußem, biegen dann aber erst nochmal Richtung „Zentrum Oberaußem“ ab.
Lehnen statt Sitzen
An der dortigen Bushaltestelle entdecken wir Vorrichtungen, die wir in unseren Jugendjahren gut hätten brauchen können. Man hat dort Stehhilfen installiert, die besonders den leicht angesäuselten Mitbürger*innen helfen sollen, ihren Standpunkt zu bewahren. Wie oft lag unsereins neben der Bank, weil er nicht mehr richtig zielen konnte?! Allgemein spricht einiges für solche Vorrichtungen. Wo ist die Petition, die wir unterzeichnen können?

Wir haben es solange wie möglich herausgezögert, aber nun müssen wir den Übertritt wirklich wagen. Wir gehen nach Niederaußem. Über die Straße „Zum Bohnenbach“ (sonderbare Vorstellung) kommen wir in die „Brieystraße“. Von dieser geht die „Nancystraße“ ab und wir fragen uns, wie viele ihrer Bewohner den Namen englisch aussprechen. Das wäre vielleicht die Idee für künftige Neubaugebiete. „Kevinweg“, „Jaquelinegasse“, „Chantallallee“ macht schon was her.
Weiter geht es. Auf der Oberaußemer Straße angekommen fällt unser Blick auf den vielleicht hässlichsten Kirchturm, den wir jemals gesehen haben. Irgendwie erweckt das gesamte Kirchengebäude den Eindruck, als wolle man das nahe Kraftwerk in allem übertrumpfen. Architektonisch erinnert uns das alles mehr an eine Lagerhalle. Wie ein Mahnmal der Trostlosigkeit ragt dieser Beton-Prügel in den Himmel und verdeckt die Sonne. Naja, Hauptsache den Leuten hier gefällt es.

Wir trauen uns und gehen geradewegs auf das Kraftwerk zu, haben aber das Gefühl, dass sich unsere Körper mit jedem Schritt weiter elektrisch aufladen und unser Puls ein bedrohliches Tempo annimmt.
Leben im Kraftwerk! Willkommen in Auenheim
So biegen wir ab in Richtung Auenheim, einem Ort, den man wirklich finden wollen muss. Zahlreiche Zäune machen ein simples Eintreten unmöglich. Wenn man heute Menschen unter 30 Jahren erklären will, was „Die Zone“ war, sollte man einen Ausflug hierhin machen.
Uns fällt auf, dass die wenigen Menschen, denen wir hier begegnen, Fremden gegenüber eher skeptisch sind. Wären wir vielleicht auch, wenn das einzige Geräusch, das uns umgibt das monotone Surren der Strommasten ist. Kai fällt die nette Anekdote von der Familie ein, die nur den Kühlschrank öffnen musste, um Radio zu hören.
Ein paar Straßen weiter begegnen uns spielende Kinder, die uns eine Zeitlang hinterherlaufen. Schließlich traut sich das Mädchen die entscheidende Frage zu stellen: „Was macht ihr hier?“ Noch bevor wir antworten können, stellt sie die Anschlussfrage und zeigt dabei auf Kais Schuhwerk „Und warum trägst Du Mädchenstiefel?“ Einer von uns beiden lacht. Wir entschließen uns, wieder zurück in Richtung Auto zu gehen. Besser kann es ja nicht mehr werden. Auf dem Rückweg passieren wir die eine der letzten beiden Videotheken des Rhein-Erft-Kreises und schwelgen in Erinnerungen. Wie heldenhaft haben wir uns damals gefühlt, als wir „Gesichter des Todes“ ausgeliehen und dann an einem späten Samstagabend geschaut haben. Über die anderen Filme sprechen wir an dieser Stelle nicht.
Fazit: Ein Besuch in Oberaußem, Niederaußem und Auenheim verändert Dich. Es macht Dich härter und weicher zugleich. Dich und Deine Gesichtshaut.
Die Themen der Woche
Worüber wir sprachen:
- Die besten Bäckereien der Umgebung. Kai fährt jeden Morgen nach Habbelrath um bei der dortigen Bäckerei einzukaufen. Dan backt gerade selber Brot. Die Idee mit dem Spargelbrot war nur halb gut.
- Fremdsprachen. Wir erinnern uns an eine unser Touren mit dem Wohnmobil. Damals sind wir zu fünft nach Dänemark gefahren. In einem kleinen Ort suchte wir nach dem Bahnhof und unser Silberrücken Viktor nahm all seine Englischkenntnisse zusammen, um eine hübsche, junge Frau anzusprechen. Was er fragen wollte, wussten wir, was er fragte, verstanden wir nicht, aber die Antwort der Dame lautete:“ Yes. Half past two.“
- Die Hüfte. Wir spüren sie zunehmend. Ist das normal? Müssen wir etwas unternehmen? Früher konnten wir nicht lange genug schlafen. Heute werden wir beide nach sechs Stunden wach, weil unser Körper schmerzt. Wobei das auch gelogen ist. Dan muss mindestens einmal in der Nacht raus, um die Blase zu leeren. Da hilft auch kein Granufink.
Die Lieder der Woche
Wir sangen:
- Dan wachte auf mit „He’s my destiny“ im Kopf. Wo kommen diese Lieder eigentlich her? Auf unserer Wanderung singen wir also die größten Hits von Jennifer Rush. Dazu gehören in unserem Wertesystem neben dem genannten „Tears in the rain“, „Farbenspiel des Winds“ aus Pocahontas (Unser Playback dazu ist allererste Sahne.) , „Ring of ice“ und die Daewoo-Reklame.
Ooooh Jennifer Rush💗💗💗 klingt natürlich viel besser als ‚Heidi Stern’… die habe ich geliebt💗💗💗 bis ich zum ersten Mal ihre Sprechstimme gehört habe- ohwatschlimm…
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Sie hat aber auch unvergessene Klassiker geschaffen
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