Stommeln – Steile Straßen und sexy Superstars

Stommelner Windmühle (Abb. ähnlich)

Der Ort mit den sieben Hügeln

Den heutigen Ort hat Dan ausgesucht. Wir fahren nach Stommeln. Die frühen Jahre seiner Kindheit hat Dan hier verbracht und weiß so einiges zu berichten. Zum Beispiel, dass die neben Henning Krautmacher bekannteste Persönlichkeit des Ortes die selige Christina ist, die im 13. Jahrhundert hier gelebt hat. Die älteren Bewohner des Ortes können sich noch lebhaft an sie erinnern und beschreiben sie als besonderes Kind. Besonders auffällig waren wohl Ihre Anfälle, der ausgemergelte Körper und die Momente, in denen sie in fremden Zungen sprach. Heute wäre das ein Fall für einen Therapeuten, damals reichte das für eine Heiligsprechung.

Weltstars zu Gast in Stommeln

In Stommeln gingen aber vor allem in den 70er bis 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts viele Weltstars ein und aus, und zwar durch die Türen des Tonstudios „Dierks“. Wenn man sich in dieser Zeit auf die Lauer legte, konnte man mit etwas Glück, Berühmtheiten wie Harry Belafonte, Ella Fitzgerald, Lou Reed, Nana Mouskouri, Santana, Tina Turner und Michael Jackson begegnen.

Alle Dreiradplätze sind noch frei

Bevor wir den Wagen auf dem nahegelegenen Josef-Gladbach-Platz abstellen, spielt unser beider Lieblings-Radiosender „Absolut Bella“ einen Welthit des beliebten Gesangsdarsteller-Duos „Die Amigos“. „Weißt Du, was Du für mich bist?“ wird über den Äther geschickt. Wir fragen uns, ob diese „Band“ ihre „Musik“ auch hier in Stommeln aufgenommen hat, können aber trotz intensiver Recherche keine Informationen finden. Dafür erfahren wir, dass „Die Amigos“ einst eine mengenmäßig größere Kombo war, aber bereits einige tapfere Recken nun im Fegefeuer für ihr Werk büßen müssen.

Blick hinter die Fassade

Vom Parkplatz brechen wir auf und gehen von der Nettegasse auf den Kattenberg, der uns besonders durch seine Kargheit imponiert. Hier wurde nicht viel Platz für Grünendes vergeudet. Ein Haus schmiegt sich an das nächste und die wenigen Vorgärten wurden mit Basalt und Granit stilvoll zur vollendeten Tristesse gebracht. Da bekommt selbst der Klapperstorch suizidale Tendenzen und hängt sich gleich mitsamt der Babykleidung an die Leine.

Adebar mag nicht mehr

Windmühle – kastriert

Vom Kattenberg biegen wir zuerst auf die Straße „Zur Windmühle“ und dann auf den „Mühlenweg“, an dessen Ende uns -Überraschung- die Windmühle erwartet.

Zumindest das, was von ihr übrig ist. Anscheinend gibt es im Kreis die Tendenz, sämtliche Mühlen ihrer Flügel zu berauben. Was dann übrigbleibt, könnte genauso gut ein Getreidesilo sein. Edit: Die ersten wütenden Leser*innen-Briefe haben uns darauf hingewiesen, dass die Flügel in regelmäßigen Abständen zur Instandsetzung in die Niederlande geschickt werden. So sehr lieben die Menschen hier ihre Mühle. Wir freuen uns auf den Tag, an dem sie wieder ihre Runden drehen.

Wir gehen durch die Nagelschmiedstraße und passieren den alten jüdischen Friedhof, auf dem definitiv kein Platzmangel herrscht.

Stommelner Phallus

Stommeln ist ja auch bekannt für seine Synagoge, die das dritte Reich unbeschadet überstanden hat, weil ein findiger Bauer sie als seine Scheune getarnt hatte. Leider kann man sie (zumindest momentan) nicht besichtigen. Wir gehen die Weidtstraße hinauf und Kai fällt auf, dass Stommeln doch sehr viel hügeliger ist, als er gedacht hatte. Wir vermuten, dass der Ort wahrscheinlich auf insgesamt sieben Hügeln erbaut wurde und damit mit Fug und Recht als das Rom des Rheinlands gelten könnte. Über die Brunostraße gelangen wir zur weit über die Grenzen des Ortes hinaus bekannten „Hollandsiedlung“.

Tulpen aus Amsterdam

Auf insgesamt sechs Straßen hat sich hier damals ein fanatischer niederländischer Architekt ausgetobt und eine Gedenkstätte der Oranier errichtet. Jedes Haus erinnert an einen holländischen Ferienhaus-Park und in den Vorgärten blühen die Tulpen. Natürlich singen wir beim Wandern zweisprachig „Tulpen aus Amsterdam“.

Lädt zum Verweilen ein

Dann biegen wir in die Straße „Am Hagelkreuz“ ein und Kai muss zweimal auf das Straßenschild schauen, um sicherzugehen, was dort steht. Hier entdecken wir ein Relikt aus scheinbar vergangenen Zeiten: Einen Kaugummiautomaten. Da heute Sonntag ist und Dan Taschengeld bekommen hat, zieht er sich kurzerhand für 20 Cent etwas, das sich „Boulder“ nennt und am ehesten an die farbwechselnden Lutschbälle der 80er Jahre erinnert. Die nächsten 30 Minuten kann Dan nicht mehr viel sagen, weil er mit der Vernichtung des Boulders beschäftigt ist.

Mittagessen: 20 Cent

Über die Venloer Straße gehen wir zurück zur Nettegasse und gehen von dort Richtung Bahnhof. Wir freuen uns, dass die KIrchengemeinde St. Martin die Regenbogenflagge gehisst hat und reden kurz über unsere Zeit als Messdiener (Kai) und Kirchenchorsänger (Dan). Wir haben es beide unbeschadet überstanden. Wir lassen den Bahnhof hinter uns, und gehen an der PAPST-JOHANNES XXIII.-SCHULE vorbei, die der italienischen Gemeinde eher als SCUOLA PAPA GIOVANNI XXIII bekannt ist. Danach biegen wir wieder links Richtung Hauptstraße ab uns gehen langsam wieder zurück zum Auto.

Die Themen der Woche

Worüber wir sprachen:

  • Verflossene und ihren Wert für unsere seelische Reifung. Eines Tages werden wir das vielleicht auch ausführlicher auf dieser Plattform beschreiben.
  • Den Nachwuchs und seinen plötzlichen Unwillen, Mittagsschlaf zu halten.
  • Den Versuch mancher Orte, sich einen urbanen Anstrich zu verleihen. Die meisten scheitern kläglich.
  • Die lustigsten, skurrilsten und abstrusesten Trauerfeiern, die wir erlebt haben.
  • Ehemaliges Lehrpersonal, das sich an uns die Zähne ausgebissen hat.

Die Highlights der Woche

  • Der Kaugummiautomat
  • Die Heilpraktikerin, die anscheinend mit Perlwein arbeitet.
  • Der ansprechend gepflegte Parkbereich der Hollandsiedlung.

Die Lieder der Woche

Wir sangen:

Veröffentlicht von kaiwimmer

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