Buir – zwischen Braunkohle und Bundesautobahn

Peter Lustig hatte sämtlichen Löwenzahn
mitgehen lassen

Mit Kais sportlichem Hybrid-Automobil fahren wir Richtung Tagebau Hambach. Unser Ziel ist der Kerpener Stadtteil Buir, den wir das letzte gemeinsam vor 25 Jahren besucht haben. Dort wohnte damals unser Mitschüler Sven, der uns und schätzungsweise 40 weitere Leute zu einer Party (wie nennt man das heute eigentlich?) eingeladen hatte. Ich erinnere mich nicht mehr an viel von diesem Abend. Wie so einige Treffen in dieser Zeit, liegt alles unter einer großen Nebelwolke verborgen, an deren Entstehen weder Kai noch ich beteiligt waren.

Tibet in Buir

Woran ich mich noch erinnern kann, ist allerdings die elterliche Bibliothek. Svens Mutter war anscheinend damals eine große Freund von Anthroposophie , Yoga, alternativen Heilmethoden und tibetanischer Tanzrituale. Ich habe mir über den Abend verteilt bestimmt fünf Bücher ausgiebigst angeschaut und war erstaunt, was es noch alles zu entdecken gab. Am meisten in Erinnerung geblieben ist mir das Buch über Atemtechniken zur Heilung verschiedener Krankheiten und Gebrechen. Bei Sodbrennen sollten man zum Beispiel seine Zunge rollen, und die Atemluft langsam über das so entstandene Rohr einsaugen. Der dadurch eintretende Kühlungseffekt sollte die Speiseröhre beruhigen. Ich bin kein Mediziner, aber noch heute denke ich, dass doch normalerweise die Atemluft es gar nicht bis in die Speiseröhre schaffen sollte, oder täusche ich mich da?

Wie auch immer. Buir. Was gibt es groß über einen Ort zu erzählen, dessen Wikipedia Eintrag mit den folgenden Worten des Lobpreises beginnt: „Buir liegt ganz im Westen des Stadtgebiets von Kerpen und direkt an der Bahnstrecke Köln-Aachen sowie der Bundesautobahn 4, die beide unmittelbar im Norden am Ort vorbeiführen“ ? Nicht viel, sollte man meinen. Aber wir wären nicht die zwei neugierigen, forschenden Recken, die wir sind, wenn wir nicht auch noch die letzten Geheimnisse dieses scheinbar harmlosen Ortes zu Tage befördern würde. 

So können wir also die folgenden wichtigen Informationen teilen:

  • Die Büsch-Bäckerei , die in der lokalen Edeka-Filiale untergebracht ist, schließt sonntags bereits um 11:00 Uhr. Selbst um 11:02 Uhr hat man keine Chance mehr, an Backwaren zu gelangen, weil die sehr abgekämpft wirkende Bäckereifachverkäuferin die Kasse bereits runtergefahren hat und nun wirklich nicht mehr, also, selbst, wenn sie wollte, also, das geht nun wirklich nicht.
  • Dafür hat die Niederlassung der Bäckerei Schneider bis 17:00 Uhr geöffnet. Die Auslage ist übersichtlich aber auch ansprechend. Man kann sogar etwas kaufen und erst später abholen. Die Menschen, die dort arbeiten sind sehr freundlich, bemüht und der örtliche Dialekt ist nicht so stark ausgeprägt.

Zum ersten, zum zweiten, zum letzten

Christian Grey fehlten 27 Cent

Es gibt eine sehr aktive Mai-Gesellschaft, die sich vor allem in der Bewerbung der jährlichen Frauenversteigerung durch Dezenz, Stil und geschmackvolle Subtilität auszeichnet. Hier bleiben wenig Fragen offen.

BH für Amazonen

In Buir wohnen Tierfreunde. Auch wenn man das ganze Grundstück schusssicher einzäunt, kann man doch ein kleines Guckloch für Struppi lassen. So bekommt der geliebte Vierbeiner noch genügend mit von der Welt dort draußen und neugierige Nachbarn haben wenigstens die Möglichkeit, sich zu knien und durch das Guckloch einen kleinen Blick auf Garten und Terrasse zu erhaschen.

St. Anton im Sommer

Die angrenzende Bahnstrecke und Autobahn laden zu einem vergnüglichen Spaziergang ein. Natürlich nicht auf ihnen, sondern zwischen ihnen. Ein kleiner Pfad, der von einer unsagbar langen Solarzellenstrecke gesäumt wird, verstärkt den Eindruck der Trostlosigkeit um ein Vielfaches und erscheint uns vor allem für Menschen, die nicht zu viel Natur in ihr Leben lassen wollen, interessant. In der nicht allzu weiten Ferne fällt der Blick auf den Tagebau Hambach, der vor allem mit seinen unterschiedlichen Braun- und Grautönen eine Beleidigung für das Auge ist. Die Bank, die an dieser Stelle zum Verweilen einlädt, erscheint wie das Machwerk eines menschenverachtenden Zynikers.

Leider war alle Landschaft schon mitgenommen

Darüber hinaus kann man aber feststellen, dass es in Buir durchaus einige schöne Ecken und Gebäude gibt. Besonders die Gründerzeitvillen, der alte Bahnhof und das ehemalige Rathaus sind sehr ansehnlich und lohnen den Spaziergang. In Richtung Merzenich laden die Feldwege zum Flanieren ein. Keckerweise hat man diese mit Tiernamen versehen, so dass wir entlang des Hasenweges bis zur Kreuzung Schmetterlingsweg gelaufen sind. Dort steht auch ein Insektenhotel von einer Größe, die manchen Eigenheimbesitzer in neuzeitlichen Neubaugebieten neidisch werden lässt.

Fazit: Buir ist bestens geeignet für Menschen, die es eher still mögen und gleichzeitig die Vorteile einer regen Vereinslandschaft zu schätzen wissen. Hier werden Traditionen noch gepflegt. Das Schönste ist wahrscheinlich die Anbindung an die S-Bahn Linie zwischen Köln und Aachen. Ein kurzer Besuch am Sonntag ist aber allemal zu empfehlen und wenn man es vor 11:00 Uhr schafft, kann man sich bei der Bäckerei Büsch auch noch etwas holen.

Die Themen der Woche


Worüber wir sprachen:

  • Den viel zu frühen und tragischen Tod von Willy Herren. Dementsprechend auch über TV-Formate, die an Menschenverachtung nicht zu übertreffen sind und über ehemalige Lindenstraßenbewohner, die nun endlich nochmal ihr Gesicht in die Kamera halten können, um solch weise Worte wie:“ Der Willy wollte immer höher hinaus. Jetzt hat er es in den Himmel geschafft.“ zu sagen.
  • Die Aktion #allesdichtmachen , die von größtenteils bekannten Schauspieler*innen ins Leben gerufen wurde. Wie kann man allen Ernstes behaupten, dass die Medien unkritisch berichten würden und keiner mehr irgendetwas kritisch hinterfragen würde? Alleine Markus Lanz fragt so viel kritisch nach, dass für Studiogäste, die nicht zur Regierung gehören eigentlich nur noch aus Dekorationszwecken dort sitzen. Es wird alles hinterfragt und das ist auch in Ordnung so. Die Aktion dieser Schauspieler*innen ist an Dämlichkeit und Stümperhaftigkeit nicht zu überbieten. Das macht die handelnden Personen aber nicht zu Nazis oder Corona Leugnern, sondern einfach nur zu geistigen Blindschleichen.
  • Wegen Willy Herren auch über diverse Drogen. In unserer Jugendclique wurde viel gekifft und mitunter auch andere Dinge genommen. Ein paar der damaligen Freunde sind klebengeblieben. Wir beide konnten nie etwas mit dem Zeug anfangen und sind da mittlerweile sehr dankbar für.
  • Die Bundes-Notbremse und die Unfähigkeit der nordrheinwestfälischen Landesregierung, diese zu übernehmen. Das wirklich Tragische an der Sache ist, dass anscheinend bei den Entscheidungsträgern niemand mehr weiß, was nun gilt. Die Aussage der Ordnungsamt-Mitarbeiterin „Ich sollte vielleicht mal die 27 Seiten Verordnungstext lesen“ muss an dieser Stelle nicht weiter kommentiert werden.

Die Lieder der Woche

Wir sangen:

Die Flippers mit „Lotusblume

Auf „Absolut Bella“ lief „Japanese boy“ von Aneka und wir sind in Stimmung gekommen. Mit viel Effet sangen wir also während der ganzen Wanderung ungefähr alle fünf Minuten: „WohoWoho Woho Woho Woho“ . Ein tragisches Schicksal.

Veröffentlicht von kaiwimmer

Gern unterwegs

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